Gerade als Hermine bewusst wurde, wie Snapes Bartstoppeln über ihre Haut kratzten, lockerte er seine Umarmung und schließlich lösten sich seine Lippen von ihren. Sie behielt ihre Augen noch kurz verschlossen und lächelte selig. Ein Glücksgefühl, hervorgerufen durch diesen erlösenden Kuss, durchströmte ihren Körper. Sie schlug die Augen auf und erkannte nur wenige Zentimeter vor sich, dass auch Snape zu lächeln schien.
„Nicht ganz das, was du verdienst, aber ich hatte das Gefühl, ein einfaches ‚Danke' hätte nicht zum Ausdruck bringen können, was ich dir schuldig bin…", seine Stimme war von einer ganz neuen Wärme. Daran und an den innigen Blick seiner dunklen Augen gewöhnte Hermine sich sehr schnell. „Wenn das der Lohn ist, nehme ich die Mühen jederzeit wieder auf mich…", sagte sie berauscht vor Freude.
Severus rappelte sich auf, blieb aber noch kurz hocken und sah ihr weiterhin in die Augen. Er suchte nach Worten, fand jedoch keine passenden. Erneut nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände und gab ihr dann einen zarten Kuss auf die Stirn. Sodann stand er auf und meinte: „Wenn du mich entschuldigst…ich muss mich dringend frisch machen…". Dann verschwand er in der Nasszelle.
Während Hermine ein karges Frühstück aus Zweiback und Trockenobst mit Tee an seinem Küchentisch bereitete, stand Snape unter der Dusche. Es tat gut, wie das heiße Wasser die Schicht aus Elend und Verzweiflung der letzten Tage - oder eher Jahre - von ihm wusch. Anschließend rasierte er sich, das Handtuch um die Hüfte gebunden und betrachtete eingehend sein Spiegelbild.
Er hatte sich selbst stets für abstoßend gehalten, besonders nach der nun hoffentlich überstanden Krankheit und mit den noch immer dunkel verfärbten Bissspuren an seinem Hals, doch jetzt bemerkte er einen neuen Ausdruck in seinen müden Augen. Etwas in ihm war bereit, Glück zu empfinden und sogar zu schenken, so er es vermochte und auch wenn er nicht danach aussah, fühlte er sich wie neu geboren. Nur ganz leise meldete sich sein gewohnter Pessimismus mit einem missmutigen ‚Aber…' zu Wort, jedoch fiel es Snape diesmal ganz leicht, ihn zu ignorieren.
Er rief seine Tasche zu sich und holte frische Kleider daraus hervor. Dann zog er überflüssiger Weise den Scheitel seines nassen Haares über dem linken Auge beginnend nach (die Haare kannten ihren Platz inzwischen) und verließ endlich das Bad.
„Du hast also offenbar meinen Hinweis verstanden?", sagte er, als er sich zu Hermine an den Tisch setzte.
„Ja, obwohl es schon etwas gedauert hat, bis ich den Sinn in dem wirren Gerede erkannte…gut, dass genau das richtige Buch hier lag…", sie vermied es noch so gut es ging, Snape direkt anzusprechen. Er war nach dem Kuss nahtlos zum Duzen übergegangen, doch Hermine ahnte, dass es ihr nach all den Jahren nicht so leicht fallen würde, es ihm gleich zu tun. Sie griff in ihre Umhangtasche und holte das Röhrchen mit dem Kezy hervor. „Das war er…oder eher sie…sie ist gestern Abend gestorben…so ohne Nahrung…und offenbar ohne ihre Mission erfüllt zu haben…"
Snape nahm das Glas entgegen und musterte den toten Schmarotzer eingehend. „Und wo saß sie?", er löste die Augen vom Kezy, nur um sie sogleich auf Hermines Gesicht zu legen, als sähe er sie das erste Mal richtig.
„Zwischen den Schulterblättern…", sie schmunzelte verlegen unter seinem durchdringenden Blick.
„Ah.", er zog die Augenbrauen hoch. „Verstehe…hat es dir Spaß gemacht, den alten, wehrlosen Mann auszuziehen?" Sein Lächeln war bekanntermaßen süffisant, doch konnte es seine Unsicherheit nicht ganz verbergen.
„Ich habe keinen alten Mann gesehen…höchstens einen, der viel zu wenig isst!", konterte Hermine betont kühl und nahm sich Zwieback. „Und keine Sorge, ich musste nicht lange nach dem Vieh suchen…", lautstark biss sie von dem Zwieback ab. Snapes lange Finger klaubten sich eine Rosine aus der Schale mit dem Trockenobst, dann lehnte er sich im Stuhl zurück und lutschte mehr auf der Sultanine herum, als dass er gekaut hätte. „Ich habe meist keinen großen Appetit…", ihm war nicht mehr danach, ein Geheimnis um seine Person zu machen, jedenfalls nicht vor ihr. Er war bereit, für sie auch seine letzte Mauer einzureißen.
Hermine räusperte sich unentschlossen. „Tee?", fragte sie schließlich, um das Gespräch am Laufen zu halten und hielt den Krug bereit zum Gießen über seine Tasse.
„Wohl kaum. Ich dürfte in den letzten Tagen meinen gesamten Flüssigkeitshaushalt einmal komplett ausgetauscht haben. Nun ziehe ich es vor, zu meinen alten Gewohnheiten zurückzukehren. Jedenfalls zu einigen…"
Wieder drohte das Gespräch im Sande zu verlaufen. Hermine wusste einfach nicht zu antworten. Es war zu umständlich, eine Ansprache ihres Gegenübers ständig zu umgehen. Und so blieb ihr nur ein Themenwechsel: „Wir sind, glaube ich, nicht weit von der Küste. In einem Tag könnten wir Australien erreichen…"
„Ich bin bereit! Aber…hast du nicht diesen Monat Geburtstag?", eben war ihm ein Gespräch eingefallen, dass sie vor einer scheinbaren Ewigkeit über Hermines Erfahrungen mit Männern geführt hatten.
Ein erstauntes Lachen huschte über ihre Lippen. „Ja, S…-! Um genau zu sein: heute."
Snapes Haltung straffte sich. „Ich habe überhaupt kein Geschenk!", das war ein Vorwurf. Als ob Hermine absichtlich ihren Geburtstag auf den ersten Tag, an dem er wieder klar denken konnte, gelegt hatte. Er machte sich normalerweise nichts aus diesen Jubiläen. Sein eigenes pflegte er gewissenhaft zu vergessen und alljährlich war es Dumbledore gewesen, der ihn daran erinnern musste. Sei es mit einer Flasche Feuerwhiskey oder – der Klassiker bei Albus: einem Paar Wollsocken. Hermine aber war so jung, sicher würde sie ihren Ehrentag feiern wollen.
„Die Begrüßung vorhin war ein schönes Geschenk…", sagte Hermine vorsichtig. „Jetzt zu sehen, dass Si-...das d-…Jetzt zu sehen, wie Snape zu seiner bekannten Form zurückfindet, ist besser als jede Torte…"
„Hermine. Wie lange willst du das noch durchhalten? Ich habe dich ganz sicher nicht versehentlich geküsst. Und wenn du erlaubst, kann es unter Umständen wieder passieren. Für Förmlichkeiten ist es zu spät, denn wenn ich mich nicht getäuscht habe, hast du mitgemacht.", er hatte sich wieder vorgebeugt und seine Hand lag kurz vor ihrer auf dem Tisch. Dabei musterte er sie ernst und abwartend. „Du kennst meinen Namen…"
Hermine sah auf seine Hand, die es nicht wagte, sie zu berühren, weil er offenbar noch immer unsicher war, was in seinem Gegenüber vorging. „Severus…", entschlossen legte sie ihre Hand auf seine und schaute in seine bangen Augen. „Das beste Geschenk…bist du…"
Zaghaft glitten seine Mundwinkel nach oben und er senkte gerührt den Blick. Er drehte seine Hand so, dass sie nun einander hielten. Keiner sagte noch etwas. Zu kostbar erschien der Moment dieser zärtlichen Geste.
„Na dann!", bellte Snape plötzlich entschlossen. „Wir sollten aufbrechen…Heute Nacht sollst du unter australischem Himmel schlafen!", er ließ ihre Hand los und stand eilends vom Tisch auf.
„Aber du hast doch überhaupt nichts gegessen!", versuchte Hermine noch zu protestieren.
„Nicht nötig…Wenn wir es heute nach Australien schaffen, koche ich am Abend etwas für uns!" und schon ließ er aus allen Richtungen Utensilien wie Bücher, Handtücher und Geschirr in seine Ledertasche fliegen. Dabei hängte er sie sich bereits um und schlenderte aus dem Zelt. Kein Zweifel, seine magischen Fähigkeiten waren wieder wie sie sein sollten. Hermine konnte nur noch den Kopf schütteln, stand aber auf und folgte ihm.
Sobald ihrer beiden Zelte verstaut waren, ließ Snape ein auffällig kurzes Seil aus seinem Zauberstab schnellen, das sich um jeweils ein Handgelenk von jedem knotete. „Nur für alle Fälle…aber dich nehm' ich lieber so.", und damit schloss er seine Hand um Hermines und lächelte auf sie herab. Dann desillusionierten sie sich und verließen nach Aufheben aller Zauber und Verwischen sämtlicher Spuren ihren Lagerplatz.
Gegen Mittag apparierten sie auf die Insel Saibai und begaben sich von dort auf den mehrstündigen Flug über die Meerenge nach Australien. Snape war von einem unermüdlichen Tatendrang erfüllt, der Hermine fast vergessen ließ, wie schlecht es noch vor wenigen Tagen um ihn gestanden hatte. Er flog direkt neben ihr und ab und zu spürte sie, dass er sie ansah. Wenn Hermine jedoch zu ihm blickte, war sein Gesicht entspannt, aber konzentriert nach vorn gerichtet. Hier über offenem Wasser konnte man leicht die Orientierung verlieren, weswegen er alle halbe Stunde seinen Zauberstab ausrichtete, um den Kurs halten zu können. Sie sprachen wenig, denn durch den Fahrtwind hätte man sich anschreien müssen. Ohnehin tobten die Gedanken in Hermine wild umher.
Sie staunte zum einen über Snapes rasche Genesung. Er sah zwar noch mitgenommen aus, doch von Innen heraus schien er regelrecht zu strahlen. Noch mehr jedoch war sie über seine plötzliche Bereitschaft, sich ihr zuzuwenden, überrascht. Er schien ein ganz neuer Mensch zu sein und die Idee, dass sie selbst daran einen nicht unerheblichen Anteil hatte, stimmte sie mehr als begeistert. Immer wieder rief sie sich den Kuss vom Morgen in Erinnerung, der so viel zarter gewesen war, als man es von Snape erwartet hätte. Und wie jede glücklich Verliebte sehnte Hermine sich nach weiteren Gelegenheiten, diese neue und überwältigende Seite an ihm kennen zu lernen.
Nach etwa zweieinhalb Stunden tauchte endlich das Festland am Horizont vor ihnen auf und noch eine halbe Stunde später setzten sie in der Nähe von Cape York auf australischem Boden auf. Hier war Frühling und das Wetter bei Sonnenschein und milden zweiundzwanzig Grad sehr einladend.
Hermine steuerte direkt auf ein paar Büsche zu, doch Snape hielt sie an der Hand zurück. „Denk dran: nirgendwo gibt es mehr giftige Tiere als auf diesem Kontinent. Sei wachsam…"
„Jaah…stimmt. Aber ich pass schon auf…", schon wollte sie weitergehen, doch Snape hielt sie noch immer.
„Ich werde einige Besorgungen machen…Wirst du hier warten?", er hatte Angst, sie gleich wieder zu verlieren, jetzt da er endlich wusste, wie viel sie ihm bedeutete. Hermine nickte mit großen Augen, ob seiner offensichtlichen Besorgnis. „Aber so kannst du nicht gehen! Die werden denken, du bist ein Freak.", sie grinste breit und Snape wurde bewusst, dass sie auf sein Zaubereroutfit anspielte.
Er atmete tief durch und zog die Augenbrauen hoch. Er hatte sich seit er die Wahl hatte, nie als Muggel verkleidet. Er war immer stolz gewesen, Teil der Magischen Gemeinschaft zu sein und hatte es genossen, wenn man ihm schon seines Auftretens wegen fürchtete. Doch musste er sich eingestehen, dass die junge Frau mal wieder Recht hatte. Ihr gelang es mühelos, sich in magischer und Muggelwelt zurechtzufinden ohne aufzufallen.
„Was wäre denn angemessen?", sagte er schließlich, ein wenig von sich selbst überrascht.
Hermine zückte ihren Zauberstab und verdrängte ihr Toilettenbedürfnis wieder. „Darf ich?", fragte sie, die Erlaubnis, an Snape herumhexen zu dürfen freudig erwartend.
Mit so viel Selbstachtung, wie er noch aufbringen konnte, gab er klein bei: „Meinetwegen…Aber sei vorsichtig, was du tust." Er grinste verschlagen und Hermine begann, diesen Vertrauensbeweis sehr schätzend, mit einigen kleinen Verwandlungen. Wenig später stand Snape im Anzug vor ihr, statt mit einer Ledertasche über der Schulter, einen schicken Aktenkoffer in der Hand haltend und eine verspiegelte Sonnenbrille auf der Nase. Seine Augenbrauen waren überaus skeptisch zusammengezogen und Hermine betrachtete ihn kritisch. „Deine Haare…", machte sie und schüttelte unglücklich den Kopf.
„Was ist damit?", Snape fühlte sich einigermaßen unwohl, versuchte aber mitzuspielen.
„Sie sind zu lang…Du siehst ein bisschen wie ein Mafioso aus…", sie lachte verspielt und Snape hob, wie um den Eindruck des Mafiapaten noch zu unterstreichen, kühl eine Augenbraue. „Dann kürze sie!" Und so zauberte sie ihm fast dreißig Zentimeter kürzere Haare. Nun rahmten sie sein Gesicht nicht mehr unvorteilhaft ein und der Küstenwind spielte neckisch in ihnen. Hermine traute ihren Augen kaum, wie sehr diese Kleinigkeit den Gesamteindruck verändert hatte. Sie stand da mit leicht offenem Mund und bewunderte den schlanken, immer noch blassen aber gepflegt und seriös erscheinenden Mann vor sich. Auch wenn er nun muggelkonformer aussah, würde er doch immer aufgrund seines erhabenen Auftretens hervorstechen. Snape nahm die Sonnenbrille ab und trat an Hermine heran. „Ich gehe dann mal lieber, ehe du noch mehr findest, dass du verändern musst.", er grinste schief und ehe Hermine noch etwas sagen konnte, lehnte er sich vor, gab ihr einen Kuss auf Wange und war im nächsten Augenblick ganz ohne das theatralische Schwenken seines Umhangs verschwunden. Sie blieb zurück mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen und berührte in Gedanken versunken die Stelle ihres Gesichts, an der sie eben seinen warmen Mund gespürt hatte.
Snape hatte zunächst eine Bank angesteuert, um sein englisches Geld zu tauschen. Für jemanden, der sich für gewöhnlich nicht unter Muggel begab, bewegte er sich mit einer beinahe beängstigenden Sicherheit durch diese ihm fremd gewordene Welt. Hermine hatte dafür gesorgt, dass er für die Nichtmagier nicht wie ein Spinner aussah, sondern wie einer, der sich sein Gebaren leisten konnte. Tatsächlich brachte man ihm ein hohes Maß an Respekt entgegen und seltsamer Weise waren die Blicke einiger Frauen mehr als wohlwollend.
Snape fiel es leicht, die passenden Dinge zu sagen, denn es stand den Muggeln meistens fett ins Gesicht geschrieben, was sie hören wollten. Und wenn nicht, so war es für den geübten Legilimentiker geradezu lachhaft einfach, ihre Erwartungen in den simpel strukturierten Köpfen zu finden. Nach kurzer Zeit hatte er alles beisammen, was er für das Dinner benötigen würde. Nur eine Kleinigkeit fehlte noch. Er wollte noch ein Geschenk besorgen. Etwas, das auf ewig an ihn erinnern würde. Er ließ sich reichlich Zeit bei der Suche und so dämmerte es schon fast, als er endlich zu Hermine zurückkehrte.
Sie hatte sich auf ihren Umhang gesetzt und gelesen, sprang aber kaum dass sie Snape erblickte auf. „Ich dachte schon, du versetzt mich!", entfuhr es ihr vorwurfsvoll aber erleichtert, denn sie hatte sich in der Tat schon Sorgen gemacht. Snape war kurz irritiert, er war es nicht gewohnt, jemandem Rechenschaft abzulegen und bisher war er immer ganz nach seinem Belieben gekommen und gegangen. Doch er besann sich schließlich und holte aus seinem Aktenkoffer einen Schokomuffin hervor. Er hielt ihn einer Trophäe gleich und sagte kühl: „Das ist bestimmt nicht die Art von Begrüßung, mit der du dir den hier verdienst…" Er setzte den Aktenkoffer ab, der sich sogleich wieder in seine schlabberige Ledertasche verwandelte und mit einem Wisch seines Zauberstabs verschwand die Sonnenbrille aus seinem Gesicht. Hermine machte kugelrunde Augen und schluckte das in ihrem Mund zusammenlaufende Wasser herunter. „Ehrlich gesagt, weiß ich gerade nicht, wen ich appetitlicher finde…", sagte sie und ihre Augen glitzerten verheißungsvoll. Snape erschrak über ihre neuerdings recht forsche Art und sah ratlos auf den Muffin in seiner Hand. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass das Ganze komplizierter zu werden drohte, als er gedacht hatte. „Nun…ähm…den kannst du jedenfalls gleich verspeisen…das Abendessen wird noch etwas dauern…", hastig gab er ihr den Muffin und machte sich dann rasch daran, Schutzzauber aufzusagen und seine übliche Garderobe wiederherzustellen. Nur die Haare ließ er, wie sie waren, er mochte die angenehme Kühle im Nacken irgendwie.
Hermine schaute etwas ratlos hinterher. „Was kann ich derweil tun?", fragte sie schließlich, wobei ihr der kräftig schokoladige Geruch des Muffins in die Nase drang.
„Nichts!", antwortete Snape schlicht und sah sie mit hochgezogenen Brauen an, während sich sein Zelt aufstellte. „Iss deinen Muffin, nimm ein Bad…oder mach sonstwas. Heute ist dein Geburtstag…also schlage ich vor, du genießt ihn.", und damit verschwand er ins Zeltinnere.
