Hermine tat wie geheißen und konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass heute Nacht noch etwas Großes passieren würde. Severus Snape hatte offenbar vor, sie zu verwöhnen und so war sie ganz hibbelig zu erfahren, wie weit er gehen würde. Jetzt hätte sie gern Ginny hier gehabt. Sie wäre die Einzige, die Hermine dabei helfen würde, sich auf ein Date mit einem doppelt so alten Mann vorzubereiten. Denn das schien es ja zu werden. Natürlich wäre Ginny alles andere als begeistert, wenn sie wüsste, um wen es sich bei Hermines Verabredung handelte. Aber das war auch egal, denn Hermine war hier allein. Und sie war nervös. So viel stand fest. Sie widmete der Körperpflege besonders viel Aufmerksamkeit und überlegte hin und her, was sie anziehen könnte. Snape kannte bereits ihre gesamte Reisegarderobe und so wirklich etwas zum Anlass passendes war nicht darunter. Also hexte sie schließlich ein wenig an einem malvefarbenen Tanktop herum, so dass es sich in ein Shirtkleid verwandelte und fummelte dann minutenlang an ihrem Haar herum, von dem sie sich wenigstens heute Abend mal etwas Kooperation erhofft hatte.
Das Haupthaar bei Hexen und Zauberern kann bisweilen recht eigensinnig sein. So bereitwillig sich Snapes Strähnen hatten kürzen lassen, so unwillig war Hermines gewelltes Haar, einfach mal nicht nach allen Richtungen von ihrem Kopf abzustehen und ihr das Aussehen eines Löwen zu geben. Sie wusch sie schließlich ein zweites Mal und flocht sie noch nass französisch um den Kopf. Dann lief sie unruhig in ihrem Zelt auf und ab, denn Snape hatte entgegen jeder Gewohnheit keine Uhrzeit für sein Abendessen genannt.
Snape bereitete derweil ein Drei-Gänge-Menü vor und schaffte es dabei dennoch, sich Gedanken über den Verlauf des Tages zu machen. Hätte ihm jemand zu Beginn dieser Reise mit Hermine gesagt, dass er sie schon nach wenigen Wochen gar nicht mehr so scheußlich neunmalklug und aufdringlich finden und nach drei Monaten sogar küssen würde, hätte er wissen wollen, welche Art Pilz dieser jemand genascht hatte.
Da fiel ihm plötzlich Dumbledore ein. Was würde wohl der ständige Strippenzieher sagen, wenn er wüsste, wie gut Snape wirklich dabei war, sich zu resozialisieren. Er grinste still vor sich hin. Ja, was würde er nicht dafür geben, Arm in Arm mit Hermine vor Albus zu erscheinen. Dem alten Mann würde wahrscheinlich sein dämliches Muggelbonbon im Halse stecken bleiben, wenn er als Gemälde nur eines hätte lutschen können.
Der Gedanke erheiterte Snape und lenkte ihn davon ab, dass er sich eigentlich keine Zukunft mit Hermine vorstellen konnte. Denn was konnte ein junges, kluges und hübsches Mädchen wie sie schon ernsthaft von ihm wollen. Er war sich sicher, dass es sich bei ihr lediglich um eine vorübergehende Faszination handelte, aber auch entschlossen, es so lange auszukosten, wie sie dazu bereit war. Immerhin hatte er endlich verstanden, was Dumbledore gemeint hatte: es tat tatsächlich mal ganz gut, von den Verheißungen am Wegesrand zu probieren.
Besonders, wenn sie so einnehmend im Wesen waren wie Hermine. Für seine Verhältnisse dachte er schon fast schwärmerisch an die Weichheit und Wärme ihrer Lippen und allein die Tatsache, dass sie nicht vor ihm zurückgewichen war, verschaffte ihm ein berauschendes Glücksgefühl.
Endlich war alles zubereitet und ein Lagerfeuer wärmte die Couch, die Snape aus seinem Stuhl gezaubert hatte, denn der Abend war kühl, seit die Sonne untergegangen war. Hermine trat, angelockt von dem Knacken und Knistern des Feuers aus ihrem Zelt. Ihr Herz tat einen kleinen Hüpfer, als sie sah, dass die Couch die einzige Sitzgelegenheit war. „Ah…hallo…", machte Snape, als er sie bemerkte. Er wandte sich zu ihr um und schluckte. Er verstand nicht, wie sie so wenig anhaben konnte – so warm war es nun wirklich nicht. Jedoch hatte er das Gefühl, dass er ihr lieber etwas Positives sagen sollte und es war überhaupt nicht schwer, da etwas zu finden: „Du siehst…bezaubernd aus.", er lächelte ob der Anspielung auf ihre magischen Fähigkeiten und auch sie schien sich zu freuen.
„Danke…", etwas seltsam war es ja schon, ein Kompliment von Severus Snape zu bekommen, aber es reichte schon aus, dass Hermine von der Kühle des Abends zunächst nichts spürte, weil Hitze in ihr aufstieg. Sie ging zu dem Sofa und setzte sich an das eine Ende. Snape folgte wenig später mit zwei Weingläsern und setzte sich nahe der Mitte auf die andere Hälfte. Er gab Hermine ein Glas und hob seines zum Anstoßen: „Alles Gute zum Geburtstag, Miss Granger!", sagte er und lachte schief. „Danke, Professor!", konterte sie. Snape nickte anerkennend, die Gläser schlugen sachte aneinander und dann nippten beide am Weißwein.
Auf einen Meeresfrüchtesalat folgte eine kräftige Fischsuppe und als Dessert gab es Armen Ritter mit Macadamiacreme. Snape war erstaunt über die Menge belanglosen Smalltalks, den sie nebenbei zustande brachten und irgendwann fiel ihm auf, dass Hermine ziemlich verkrampft dasaß und immer wieder leicht über ihre nur halb vom Kleid bedeckten Oberschenkel und die nackten Arme rieb. „Dir ist kalt!", wieder einmal war es mehr ein Vorwurf, als eine Frage, aber Snape machte ihn sich selbst und nicht ihr. „Ach nein…es geht schon…", Hermine wollte nicht zugeben, dass sie sich etwas verschätzt hatte, was ihr Temperaturempfinden anging. Doch Severus zögerte nicht lang, er löste den Knoten, der seinen Umhang vor der Brust verschloss, stand auf und zog sein charakteristischstes Kleidungsstück aus. Dann legte er es behutsam um Hermines Schultern und setzte sich wieder hin.
Er sah viel bodenständiger aus, in seinem kragenlosen Hemd, der Hose mit den Hosenträgern und mit den kürzeren Haaren. Hermine sog den Duft ein, der sich mit dem Umhang um sie zu legen schien und der ihr inzwischen so vertraut wie lieb war, obwohl sie ihn nicht recht bestimmen konnte. Unauffällig schlüpfte sie in die, noch von Snape angewärmten Ärmel und wickelte sich immer mehr in den behaglichen Stoff.
„Aber nicht, dass du jetzt frierst!", gab sie schließlich zu bedenken.
„Wie soll mir denn hier, neben dir kalt werden?", antwortete er und sah sie dabei von der Seite her an, dass es ein Kribbeln durch Hermines Körper jagte. Ihre Blicke wurden immer intensiver und Hermine dachte, für den Fall, dass er ihre Gedanken versuchte zu lesen, an den Kuss vom Morgen.
Endlich rutschte er näher zu ihr, legte seine Arme um sie und küsste sie so zärtlich, dass es ihr beinahe den Verstand raubte. Sie schlang ihre Arme um ihn und schmiegte sich eng an seinen schlanken Leib.
Der Kuss war weniger kratzig und nicht von der Verzweiflung geprägt, wie der vom Tagesanbruch. Snape fühlte sich etwas sicherer und ließ sich ganz von seinem Instinkt leiten. Er konnte sich nicht erinnern, je etwas so Wundervolles gespürt zu haben, wie das Gefühl ihrer beiden Münder in vollkommener Harmonie. Er wurde neugierig und ließ seine Zunge an dem Spiel ihrer Lippen teilhaben. Sogleich wurde sie von der ihren weiter gelockt und Severus spürte, wie das Blut durch seine Adern rauschte und auch Hermines Puls sich beschleunigte. Doch die gedämpfte Stimme der Vernunft ließ Snape sich nach einigen Atemzügen des hingebungsvollen Küssens wieder zurücknehmen und schließlich löste er sich von Hermine, die das mit einem leisen Seufzer der Enttäuschung quittierte.
„Bevor es zu spät ist, möchte ich dir noch etwas schenken, Hermine.", eröffnete er ihr und griff dann zielstrebig unter ihrem Arm in seinen Umhang. Er holte ein flaches Schächtelchen hervor und gab es ihr. Hermine nahm sachte den Deckel ab und entdeckte darin eine zarte silberne Kette mit einem filigranen Anhänger von einem steigenden geflügelten Pferd. In seiner Schlichtheit war es das vielleicht geschmackvollste Geschenk, das man ihr als Frau je gemacht hatte. Überwältigt blinzelte sie ein paar Tränen fort, während sie behutsam mit den Fingern über das Silber glitt.
„Weinst du?", fragte Snape überrascht, der sie sehr genau beobachtete, um zu sehen, ob ihr sein Geschenk gefiel.
„Nein - nein!", sagte sie rasch, wobei sie das unverkennbare Schluchzen Lügen strafte. „Es ist nur so wunderschön! Ich weiß nicht, ob ich das verdiene!"
Snape runzelte die Stirn. Er hatte sie ganz sicher nicht zum Weinen bringen wollen und verstand nun auch den Zusammenhang nicht recht. „Richtig schön wird es erst an deinem Hals aussehen!", sagte er um einen verständnisvollen Ton bemüht. Hermine war zum Glück so gerührt, dass sie seine leichte Ungeduld nicht bemerkte. Behutsam nahm sie die Kette aus der Schachtel und legte sie sich um, wobei sie den Umhang von den Schultern rutschen ließ. Dann drehte sie Snape den Rücken zu und bat: „Wärst du so lieb?" Er sah auf die beiden winzigen Verschlussenden und fragte sich, wofür es eigentlich Zauberei gab. Um nicht grob zu wirken, schloss er die Kette per Hand und registrierte interessiert, wie sich die kleinen Härchen in ihrem Nacken, als Reaktion auf seine Berührung aufstellten. Seine langen Finger folgten gedankenverloren der Kurve ihres Halses zu den Schultern, wo sie versucht waren, die Träger ihres Kleides wegzuschieben. Da erschrak er vor sich selbst und zog seine Hände zurück, als habe er sich verbrannt. Hermine drehte sich leicht irritiert um, lächelte aber. Mit einer Hand hielt sie das geflügelte Pferd, das nun über ihrem Brustbein lag.
„Vielen herzlichen Dank!", sagte sie leise und legte die freie Hand an seine Wange. „Für alles!". Sie ließ den Anhänger los, legte nun beide Hände in Snapes Nacken und zog ihn zu sich, um ihn zu küssen. Er ließ es geschehen und fand seine Hand plötzlich auf ihrem Knie, denn sie hatte ein Bein zum Wärmen untergeschlagen und nun ragte ihm der Oberschenkel entgegen. Ihre Haut war weich und er streichelte sie sanft, während ihre Münder längst taten, was ihre Körper so gern wollten: miteinander verschmelzen. Als Hermine begann, leise unter den Küssen zu stöhnen, war es wieder Snape, der abbrach. Aufgewühlt sah er sie an und wusste instinktiv, was ihr Blick sagen sollte. „Was hast du?", fragte sie leicht nervös. Seine Augenbrauen schoben sich wie von Schmerz zusammen und er versuchte, ihrem Blick auszuweichen. „Wir müssen damit aufhören, Hermine!", sagte er, um Sachlichkeit bemüht.
„Was?! Warum denn auf einmal?", Hermine verstand die Welt nicht mehr.
„Weil wir uns sonst vergessen. Darum.", wie zur Besänftigung nahm er ihre Hand in seine.
„Was wäre daran so schlimm?", sie versuchte nun ihrerseits Verständnis für etwas aufzubringen, für das sie offensichtlich keines hatte.
„Alles, Hermine…alles. So willst du Es nicht haben, glaube mir. Ich könnte dir einfach nicht gerecht werden…Du bist noch so jung…lass dir Zeit damit. Mal ganz davon abgesehen, dass allein die Tatsache, dass du es so sehr mit einem beinahe Fremden willst, dich zur Vorsicht mahnen sollte. Du bist in deinen fruchtbaren Tagen, Hermine…", er sah sie eindringlich an und sie verstand, worauf er hinauswollte. Sie selbst hatte ihm gesagt, dass sie keinerlei nennenswerte Erfahrungen auf diesem Gebiet hatte und augenscheinlich wollte er sie schützen.
„Erstens: Ich kann selbst meinen Zyklus berechnen. Der geht dich gar nichts an. Zweitens: So fremd bist du mir schon lange nicht mehr! Drittens: Denkst du nicht, dass ich mit neunzehn Jahren alt genug bin, selbst zu entscheiden, mit wem ich was und wann tue? Und Viertens: genau weil du es jetzt nicht mit mir tust, will ich, dass du irgendwann der Erste bist!", sie lächelte ihn überaus erleichtert an.
Ihr war bewusst geworden, wie billig sie wirken musste, wenn sie sich ihm so anbiederte. So berauschend waren seine Küsse gewesen, dass sie – Hermine Granger – für ihn alle ihre Prinzipien über Bord werfen wollte. Ob sie dabei noch an Verhütung gedacht hätte, konnte sie nicht einmal mit Gewissheit sagen.
Snape schnaufte gequält. „Hermine, ich…", er wusste nicht, was und wie er es sagen sollte, um seine Bestürzung auszudrücken. Aber sie deutete es völlig falsch. „Ja, Severus…du hast recht. Lassen wir es langsam angehen. Eins nach dem anderen. Das ist mir eh viel lieber. Keine Angst. Ich werde dich nicht mehr bedrängen, aber bitte: du darfst mir deine Zärtlichkeit nicht vorenthalten, nun da ich sie kennen lernen durfte!", sie sah ihn so flehend an, dass er seine Vorbehalte vergaß. Schließlich flüsterte sogar die Stimme seiner Ratio, dass er doch bei diesem Handel nichts zu verlieren hätte. Sie wollte seine Nähe und er brauchte ihre und keiner konnte mit Sicherheit sagen, ob es überhaupt irgendwann dazu kommen würde, dass er ihr offenbaren müsste, dass er – wenn überhaupt - genauso viel praktische Erfahrung hatte, wie sie.
„Ich kann dir nichts versprechen…", flüsterte Snape, bevor er sie heiß und voller Leidenschaft küsste.
