Als Hermine am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie das Gefühl, eine Blase aus Glücksgefühlen würde sie ausfüllen. Sie hatte einen wirklich rundherum gelungenen Abend mit Severus Snape verbracht. Ihre Gespräche waren tiefgründiger und persönlicher geworden und sie waren einander beinahe ununterbrochen sehr nahe gewesen. Beim ersten unterdrückten Gähnen von ihr, hatte Snape darauf bestanden, dass sie zu Bett ginge und sie bis zu ihrem Zelteingang begleitet, wo er seinen Umhang von ihren Schultern genommen und sie noch einmal leidenschaftlich geküsst hatte. Dann hatte er sich ans Aufräumen gemacht und Hermine war, seinen Duft vom ganzen Abend noch mit sich tragend, schlafen gegangen.

Jetzt lag sie zwar allein in ihrem schmalen Bett, doch ihr Herz schien überzulaufen vor Hochstimmung. Sie hatten Australien erreicht. Das war ihr ziemlich spät erst richtig bewusst geworden. Ihre aufkeimenden Gefühle für Snape hatten ihr weiteres Denken vernebelt. Sie war ihren Eltern hier ein gutes Stück näher. Obwohl Australien immer noch riesengroß war, meinte sie ihre Nähe bereits zu erahnen.

Beschwingt stand sie auf. Nach der Morgentoilette und einem kleinen Snack machte sie sich nach draußen. Snape stand wie erwartet abreisebereit da und Hermine fiel auf, wie erfrischt er aussah. Auch so kurz nach seiner Genesung von dem Kezy-Biss, schienen ihn die lange Reise und das Abendessen mit Hermine am Tag zuvor in keiner Weise geschwächt zu haben. Im Gegenteil: Eine neue Kraft war in ihn gefahren, so positiv, dass er schon am frühen Morgen ein Lächeln für Hermine übrig hatte.

Motiviert machten sich die beiden auf ihren Weg und Snape erzählte ihr von einem Aufspürzauber, der ihnen bei der Suche nach Hermines Eltern von Nutzem sein könnte. „Ich kenne deine Eltern nicht, deswegen kann ich sie nur in sehr kleinem Radius und ziemlich ungenau orten. Du aber trägst sie im Herzen. Wenn du dich genug konzentrierst und etwas Übung hast, müsstest du sie auf einige Hundert Kilometer Entfernung finden können.", erklärte er ihr während des Laufens.

„Das wäre fantastisch! Sie sind zwar bis Melbourne geflogen, aber inzwischen könnten sie überall sein…Ich hatte schon Angst, dass wir direkt an ihnen vorbeiziehen, ohne es zu wissen…Du musst mir unbedingt zeigen, wie das geht!", Hermine war sofort Feuer und Flamme, doch Snape musste sie etwas bremsen. „Das werde ich, aber erwarte nicht zu viel…Das ist Magie, wie sie nicht in Hogwarts gelehrt wird…Das ist weit jenseits von UTZ-Level…Ich zweifle nicht, dass du das schaffen kannst, aber hab Geduld, ja?", er blieb stehen und enttarnte sich. Hermine tat es ihm gleich und sah ihn aufmerksam an.

„Der Zauber heißt Balasaijanana. Dabei denkst du fest an deine Eltern. Denke nicht nur…fühle sie besser. Den Zauberstab legst du flach auf deine Hand…halte sie etwas von dir weg – der Zauberstab muss sich frei bewegen können…ja…so ist gut. Balasaijanana…ja?", er stand dicht bei ihr und wartete ab. Hermine schloss die Augen und rief sich das Bild ihrer Eltern ins Gedächtnis, als sie sie verhext hatte. Sie dachte an alles, was sie ihnen verdankte. Und wie sehr sie sie vermisste. Als sie alles andere aus ihrem Kopf verdrängt hatte, sagte sie mit fester Stimme die seltsame Beschwörungsformel. Dann öffnete sie gespannt die Augen. Doch nichts passierte. Ihr Zauberstab lag noch genauso unbeweglich auf ihrer Hand wie zuvor. Sie konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen, schließlich war sie nicht gewohnt, dass ihr ein neuer Zauber nicht auf Anhieb gelang.

„Probieren wir es anders! Suche nach mir!", sagte Snape entschlossen und disapparierte vom Fleck weg. Hermine spürte leichte Panik in sich aufsteigen. Wie ging der Zauber noch? Wie weit war Snape weg?

Sie zwang sich zur Ruhe und griff nach dem silbernen Pegasus, das um ihren Hals hing. Dann schloss sie wieder die Augen und sah Snape, wie nur sie ihn kannte vor ihrem geistigen Auge auftauchen: hager, doch nicht schwach; bisweilen garstig, aber nicht mehr bösartig; unsicher, jedoch von großem Gefühlsreichtum.

Sie flüsterte eindringlich „Balasaijanana…", und tatsächlich spürte sie, wie der Zauberstab zu rotieren begann und schließlich nach links hinter ihr deutete. Hermine drehte sich um und lief los. Nach etwa fünfzig Metern stand sie vor einer kleinen Wildhecke und meinte Snapes Präsenz zu spüren. „Homenum revelio.", flüsterte sie und sah sich in ihrer Annahme bestätigt.

Nur wenige Meter vor sich, zwischen zwei Gebüschen stehend, erkannte sie schließlich die undeutlichen Umrisse Snapes und griff beherzt nach ihm. Er enttarnte sich, grinste beifällig und klatschte ironisch in die Hände. „Ich hab's geschafft! Es hat funktioniert!", jubelte Hermine und Snape meinte nur „Das sehe ich! Mit deinen Eltern ist es natürlich schwieriger…".

Ohne ein weiteres Wort, legte er seinen Zauberstab auf seine feingliedrige Hand und schien plötzlich als wolle er meditieren. Leicht kniff er die Augen zusammen und sein Zauberstab fing an, sich zunächst langsam, dann immer schneller zu drehen, bis Snape ihn entschlossen stoppte und sachlich „Sie sind zu weit weg." hervorbrachte. „Lass uns weiter gehen!", und schon nahm er Hermines Hand und tarnte sie und sich selbst wieder, ehe sie ihren Weg fortsetzten.

Da Hermine sich nicht nur auf den Aufspürzauber verlassen wollte - wenn sie ehrlich war, aber auch einfach, weil sie es mochte, unter Leute zu kommen - suchte sie in jeder größeren Stadt, in deren Nähe sie kamen, nach einem Telefonbuch und durchforstete es nach den neuen Namen ihrer Eltern. Bisher ohne Erfolg. Doch das konnte ihren Optimismus nicht trüben und von jedem ihrer Ausflüge brachte sie eine Kleinigkeit zu essen mit, was Snape mit gemischten Gefühlen beobachtete. Er gönnte ihr die Abwechslung, der reichere Speiseplan wirkte sich auch durchaus positiv auf ihre doch ziemlich abgemagerte Figur aus, dennoch konnte er den Vorfall mit den russischen Möchtegern-Todessern nicht vergessen und war jedes Mal ungewohnt unkonzentriert, bis sie wieder wohlbehalten in ihrem Camp erschien.

Anfang Oktober erreichten sie New Southwales bei immer noch überaus angenehmen Temperaturen um die zwanzig Grad. Mehrmals täglich versuchten beide mittels Aufspürzauber Hermines Eltern beizukommen – bislang zwar erfolglos, doch Hermines Laune war dennoch ungetrübt. Gedanken an ihre Zukunft nach dem Auffinden ihrer Eltern rückten für sie in immer größere Ferne. An Harry und Ron dachte sie nur noch sporadisch. Sie war in dieser Zeit so unbeschwert und zufrieden wie lange nicht mehr. Severus war unaufdringlich fürsorglich, versorgte sie während ihrer Tage mit seinem Spezialgetränk, dem noch immer ein passender Name fehlte und brachte sie immer wieder unverhofft zum Lachen. Er war in dieser Zeit alles, was sie brauchte.

Eines Abends, als sie wieder vor den Zelten saßen, überkam Snape jedoch wieder einmal die Vernunft. Er musste sich eingestehen, dass auch er die Zeit mit Hermine mehr genoss, als er je gedacht hätte. Sie hatten so viel miteinander erlebt und ihre Nähe wirkte auf ihn wie ein Jungbrunnen. Ja – sogar die Schlangenbissspuren waren immer blasser geworden und schmerzten überhaupt nicht mehr. Er ging inzwischen davon aus, dass er den Giftexperten gar nicht aufzusuchen brauchte. Tatsächlich fühlte er sich so gut wie selten. Doch in ihm wuchs das schlechte Gewissen, denn er hatte nicht das Gefühl, dass Hermine und er gleiche Vorstellungen davon hatten, wie es nach dem Finden ihrer Eltern mit ihnen weitergehen sollte.

„Was willst du eigentlich nach Hogwarts machen, Hermine?", fragte er wie zufällig. Sie hatte es sich zur allabendlichen Gewohnheit gemacht, sich auf dem verhexten Sofa an Snapes Schulter zu schmiegen und ins Feuer zu starren. „Ach…keine Ahnung! Ich dachte irgendwie ans Ministerium, oder so…Aber ich bin mir da grad nicht mehr sicher…Wieso? Was machst du denn, wenn dieses Abenteuer hier vorbei ist?", sie war jetzt ganz Ohr, das spürte Severus und ließ ihn hart schlucken, denn das hatte er befürchtet. „Vielleicht bereise ich die Welt und schreibe dann unter falschem Namen ein Buch über ‚Zigtausende magische Pflanzen und Pilze', das dann das neue Lehrwerk in Hogwarts wird; oder ich verbarrikadiere mich in der Hütte meiner Eltern, verlerne das Sprechen und sortiere getrocknete Gewächse…oder nein! Vielleicht schreibe ich einfach eine Biografie über Harry Potter! Quasi als Insiderbericht!", er kam nicht ganz an seine alte Häme heran, doch es reichte, um Hermine zu verdeutlichen, dass er sie nicht als Teil seines weiteren Lebens sah.

„Mich versteckst du dann wohl im Keller, oder was?", sagte sie gespielt empört, um ihre Enttäuschung zu vertuschen. „Potter und dein Freund Weasley werden dich schon davor bewahren…Sie werden nicht zulassen, dass du mit ihrem alten Lieblingsfeind gemeinsame Sache machst…Jaah…im Ministerium kann ich mir dich gut vorstellen…wahrscheinlich als Gründerin der neuen Elfenrechtskommission.", er grinste halbherzig und Hermine wandte ihr Gesicht nun doch zu ihm hoch. „Du machst dich lustig, über mich! Und übrigens ist mir egal, was Harry und Ron sagen werden! Das ändert nichts an meinen Gefühlen!", sprach sie entschlossen. Doch Snape lenkte ein: „Hermine, sie sollten es besser gar nicht erfahren. Das mit uns…es mag hier in dieser Zwischenwelt funktionieren, wo es nur dich und mich gibt…aber ich sehe nicht, wie es das vernünftig in England soll. Ich werde nicht nach Hogwarts zurückkehren…-"

„Das ist doch egal! Ich vielleicht auch nicht! Es ist ohnehin nicht mehr das gleiche! Und Ron und Harry sollen sich um ihren eigenen Kram kümmern!", sie war von einer Furcht gepackt, die sie schier verzweifeln ließ. Sie wollte Severus auf keinen Fall verlieren.

„Das glaubst du doch selbst nicht! Und was ist mit deinen Eltern? Meinst du, sie sind erfreut, wenn du mit mir bei ihnen aufkreuzt? Hermine, ich bin der Typ Mann, vor dem dich deine Mutter sicher gewarnt hätte!"

„Warum sagst du auf einmal so etwas? Willst du Schluss machen? Willst du leugnen, was du fühlst?", sie saß nun aufrecht neben ihm und schaute ihn fassungs- und hilflos an. Snape runzelte kaum merklich die Stirn, sah ihr in die Augen und legte seine Hand an ihre Wange. „Das kann ich nicht mehr…", brachte er resigniert hervor. „Ich kann aber auch nicht verdrängen, was ich dir damit antue…Hermine, ich bin was ich bin. Das kann ich nicht einfach vergessen und du solltest das auch nicht tun…" Er sah, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten und spürte, wie ihm der Anblick die Kehle zuzuschnüren drohte.

„Meinst du, weil du einen Fehler gemacht hast, musst du den Rest deines Lebens alleine bleiben? Denkst du, dass ich dich jetzt noch aufgeben kann?", ihre Stimme brach und Severus sah beschämt weg. „Du darfst dir keine falschen Hoffnungen machen, Hermine…Niemand der so rein ist wie du, könnte mit einem Todesser leben, ohne selbst Schaden zu nehmen…"

„Du bist schon lange kein Todesser mehr! Nicht für mich! Und der Rest der Welt wird es inzwischen auch erkannt haben!", aus den Augenwinkeln sah Snape, wie sie sich die beständig kullernden Tränen energisch von den Wangen wischte. „Das ändert nichts daran, was ich getan habe, Hermine…Außerdem bin ich doppelt so alt wie du!", er wusste selbst, dass dies das schwächste Argument war, aber es würde sie vielleicht vom eigentlichen Problem ablenken, denn darüber wollte er nicht sprechen. Er wollte ihr nicht sagen, wie viel sie ihm inzwischen bedeutete; dass er sich Dinge mit ihr wünschte, die er mit Lily nie gekannt hatte und dass er manchmal kaum glauben konnte, dass sie sich auf ihn eingelassen hatte. Er schämte sich so sehr, weil er das Gefühl nicht loswurde, Hermines Empfinden auszunutzen und sie mit seiner makelbehafteten Vergangenheit zu beschmutzen.

„Was soll das nur?!", Hermine schluchzte nun doch ungehemmt und Snape verabscheute sich nur noch mehr. „Wieso sagst du all diese Dinge? Ich dachte, wir wären glücklich! Wieso hast du mich überhaupt geküsst, wenn ich dir viel zu jung bin?! Wieso scherst du dich plötzlich um die Anderen? Ich verstehe überhaupt nichts mehr!"

Snape drückte sie wieder fest an sich und sprach durch ihr Weinen auf sie ein: „Die Anderen sind mir egal, Hermine…Nur du bist es nicht! Ich kann nicht zulassen, dass du dich meinetwegen isolierst! Warum habe ich dich geküsst? Es war egoistisch…ich war so froh, wieder Herr über meine Sinne zu sein…ich wollte dich - will dich noch…aber es steht mir nicht zu, dir länger etwas vorzumachen. Ich darf mich nicht in dein Leben drängen…du bist viel zu talentiert, um dich mit mir zu verkriechen…Ich könnte dir nie geben, was du verdienst, Hermine…bitte versuch, es zu begreifen…", er wusste nicht, was er noch sagen konnte oder sollte. Etwas in ihm bereute sogar, überhaupt davon angefangen zu haben. Doch er glaubte, das Richtige getan zu haben. Es war ihr gegenüber nur fair, wenn Hermine sicher wusste, woran sie mit ihm war. Er hatte ihre Reaktion erahnt, nicht jedoch, dass es ihn genauso schmerzen würde. Offenbar hatte auch er bereits angefangen, mehr darin zu sehen, als es werden durfte.

„Bereust du, was zwischen uns passiert ist?", fragte Hermine schließlich leise. „Nicht eine Sekunde, wenn du es nicht tust…", sagte er aufrichtig.

„Dann kann es so falsch nicht gewesen sein!", beharrte sie. Sie löste sich aus seinen Armen und putze ihre Nase, während Snape stumm nach Worten suchte. „Severus Snape, ich bin nicht gewillt, das zwischen uns abzutun! Wir sind beide erwachsene Leute und ich habe gesehen, dass Menschen – auch du – sich ändern können! Dein ganzes Wesen ist eine einzige Überraschung! Wenn du mich berührst, sehe ich dich allein als Mann und nicht als ehemaligen Todesser, der für sein Vergehen fast zwanzig Jahre gebüßt hat! Wenn du gedacht hast, dass du mich so ohne weiteres abschütteln kannst, muss ich dich enttäuschen! Ich gebe nicht so schnell auf! Du hast Angst, dass du mir zu wenig bieten kannst? Aber du irrst dich! Jeder deiner Küsse gibt mir mehr als es die restliche Welt je könnte – und wenn ich hundert Jahre auf den nächsten warten müsste! Du bist, was ich will! Und wenn ich dich nicht ganz haben kann, so will ich jeden Moment mit dir vollends auskosten, so lange es geht!"

Sie sah ihm geradewegs in die schwarzen Augen und als er nichts darauf sagen konnte, lehnte sie sich zu ihm und küsste ihn. Küsste ihn mit einer Bestimmtheit, die ihre Jugend nicht vermuten ließ. Ihre Worte hallten in Snape nach und seine eigene Entschlossenheit, sie nicht noch weiter an sich heran zu lassen, schrumpfte mit jedem seiner aufgewühlten Herzschläge. In seinem Kopf schien sich alles zu drehen, er konnte den Sinn in seinen eigenen Gedanken nicht mehr erkennen, die ihn davor warnten, sich gehen zu lassen. Schon schien ihm, was er gesagt hatte, hart und ungerechtfertigt. Hatte nicht sogar Dumbledore ihn ermutigt, einigen Verlockungen des Lebens nachzugehen? Und was gab es verlockenderes als Hermines warme Lippen? Was zählte noch in diesem Augenblick, in dem Severus sich zum ersten Mal wirklich gewollt – vielleicht sogar geliebt – fühlte? Außer, dass er vom Fluche der Emotionslosigkeit befreit, nichts mehr wollte, als Hermine glücklich zu machen. Dieser Wunsch besiegte schließlich seinen logischen und stets zur Vorsicht mahnenden Verstand, als sich die Küssenden von einander lösten und Snape behände aufstand.

Hermine sah unsicher zu ihm hoch. Doch er streckte seine Hand nach ihrer aus und sie ließ sich erleichtert hochziehen. Dann sah er sie mit einem kryptischen Lächeln an, während er sie sanft und ohne Eile in sein Zelt führte.