Snape merkte sofort, dass man ihm die Hände auf dem Rücken gefesselt hatte. Seine Umhängetasche war verschwunden, genauso wie sein Zauberstab. Er saß auf einem harten Stuhl und blickte jetzt langsam auf. Der Raum, in dem er saß, wirkte wie ein Bunker: keine Fenster und kühl, als läge er unterirdisch. Ein brennender Kerzenleuchter stand auf einem Tisch etwa drei Meter vor ihm und an diesem saß eine sehr schlanke, platinblonde Frau und musterte ihn neugierig.
Als sie bemerkte, dass er wieder bei Bewusstsein war, verzog sie ihren violett geschminkten Mund und begann mit überraschend tiefer, rauchiger Stimme zu sprechen: „Das ist also der Mann, der den Dunklen Lord jahrelang zum Narren gehalten hat. Keine schlechte Leistung…aber ich muss zugeben, ich hatte mir dich irgendwie… beeindruckender vorgestellt."
Sie erhob sich und kam bedächtig zu Snape geschritten und begann, lauernd um ihn herum zu laufen. Sie war an sich schon groß, Snape schätzte sie auf mindestens einen Meter neunzig, doch ihre hohen pflaumefarbenen Pfennigabsatzschuhe ließen sie beinahe grotesk gestreckt erscheinen. Verstärkt wurde der Eindruck noch durch ihren schmalen Kopf, der umgeben war von einer in ausladenden Wellen bis zu ihren Ellenbogen fallenden Haarmenge, die wohl für drei Frauen gereicht hätte. Irgendwo in dieser weißen Mähne war ein Haargesteck von violetten Anemonen und zwei kleinen, buschigen Federn befestigt. Gekleidet war sie in ein Gewand, das von vorn an ein sehr fest geschnürtes Korsett und einen unanständig hoch ausgeschnittenen Rock erinnerte, von hinten aber wie ein Frack ohne Ärmel wirkte.
Snapes Augen folgten ihr, so gut es ging, doch er vermied es noch, ihr zu antworten. Erst wollte er wissen, wer sie war und was, neben der offensichtlichen sexuellen Dominanz, ihre Absicht war. Daran würde sich seine Reaktion orientieren müssen.
„Nun…mich wirst du nicht täuschen. Denn im Gegensatz zu ihm, weiß ich um die Macht der menschlichen Gefühle…", sie blieb vor Snape stehen, der immer noch stur geradeaus blickte. So sah er nun ihre samtenen Strumpfhalter aufblitzen, ehe sie sich nach vorn beugte und sich zunächst ihre Oberweite und dann ihr spitzes Gesicht in sein Blickfeld schoben. Jetzt sahen sie sich abschätzig direkt in die Augen. Ihre waren katzenartig, leicht schräg und von blassem Grünblau. Ihren Zauberstab trug sie als fordere Strebe ihres Korsetts, doch was sie vorhatte, bedurfte einer anderen Sorte von Magie: mit ihrer Nähe suchte sie, ihn einzuschüchtern – ganz ähnlich wie es Severus selbst oft bei anderen getan hatte. „Severus Snape…", zischelte sie flüsternd und er gab sich einen Ruck. „Mit wem habe ich die Ehre?", fragte er, wobei ihm mühelos ein mäßig interessierter Ton gelang, der gerade genug Respekt vermittelte, ohne gleich von Untergebenheit zu zeugen.
„Oh!", überrascht vom sonoren Klang seiner Stimme richtete sich die Dame wieder auf und stemmte eine Hand in die Hüfte. „Man nennt mich Mortifa…"
Er bemühte sich um einen höflichen Tonfall, als er antwortete: „Ich würde ja meine Aufwartung machen, doch ‚jemand' hielt es wohl für angemessen, mich zu fesseln…"
„Ah…ja, leider eine notwendige Sicherheitsvorkehrung…Wie ich hörte, wolltest du nicht wirklich freiwillig mitkommen.", sie grinste listig und ging zu ihrem Tisch zurück, auf dessen Kante sie sich setzte.
„Ich habe keine Einladung erhalten…", sagte er betont entschuldigend. „Ich wüsste nur zu gern, woher ihr wusstet, wo ich zu finden bin?" Er konzentrierte sich einzig auf Mortifas Gesicht, besonders die ungewöhnlichen Augen. Ihr gesamtes aufreizendes Gehabe konnte ihn nicht ablenken.
„Langstrecken-Spickoskope, lieber Severus…wir hatten Informationen erhalten, dass du in Russland für Ärger gesorgt hast und wollten daher vorbeugen…Vor Wochen schon haben sie deine Ankunft verkündet…Du bist ziemlich gründlich…wir brauchten Zeit, dich zu lokalisieren, denn du scheinst nie lange an einem Fleck zu bleiben, was? Dann häuften sich die Sichtungen deiner kleinen Schlammblutfreundin und wir wussten: wo sie ist, kannst du nicht weit sein…Nun…es kristallisierte sich heraus, dass ihr nach Süden unterwegs seid...So konnten wir euch quasi erwarten…"
Snapes Kiefer hatten sich aufeinander gepresst bei der unflätigen Erwähnung Hermines, doch er verdrängte den Gedanken an sie gleich wieder, um sich nicht zu verraten. „Meinen Glückwunsch! Und nun? Ich bin hier. Wozu?"
„Tse tse, Severus…So viele Fragen! Das steht dir bei weitem nicht zu…Du bist hier, um Antworten zu geben…so sieht's aus.", Mortifa sah jetzt fast ein wenig beleidigt aus und auch wenn sie bemüht war, einen gefährlichen Eindruck zu vermitteln, meinte Severus, ihre Schwächen bereits nach diesen wenigen Minuten erkannt zu haben.
„Fangen wir damit an: Was willst du in Australien, Snape? Und wieso bist du in Begleitung von Potters bester Freundin?", ihre Stimme war nun kühl und ungeduldig. Severus hatte eine neutrale Miene aufgesetzt, die verbarg, wie es in ihm arbeitete und antwortete nach wenigen Sekunden: „Ich wüsste nicht, warum ich mit dir darüber reden sollte…Wir kennen uns überhaupt nicht und ich kann keinen Vorteil darin sehen, dich als Mitwisserin zu haben."
Mortifas Augen weiteten sich minimal und beinahe war es Snape, als konnte er hören, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Er vermutete in erster Linie Aufregung dahinter. Auch wenn Mortifa etwa Snapes Alter zu haben schien, sie hatte nicht seine Lebenserfahrung und den ureigenen Instinkt dafür, was im Gegenüber vorging.
„Du bist unverschämt, Severus! Und du bist ein Verräter! Hast du eine Ahnung, wie viel in bestimmten Kreisen für deinen Kopf geboten wird? Es gibt wahrlich genug, die nur danach lechzen, in des Dunklen Lords Fußstapfen zu treten!", sie hatte sich wieder vom Tisch abgestoßen und vor ihm aufgebaut.
„Hochspannend! Wenn ich mich nicht sehr täusche, bist auch du eine Bewerberin um diesen Posten. Ich habe eine Neuigkeit für dich und deine Mitstreiter: Euer Ansinnen ist lachhaft! Keiner von euch kommt auch nur annähernd an Lord Voldemort heran. Ihr habt keine Vorstellung von der Komplexität seines Wesens und keinen Plan von der Struktur seines Machtgebildes! Bei dir und deinesgleichen, erkenne ich nicht einmal eine Spur jenes verschrobenen Charmes, der mühelos seine Getreuen zusammenhielt!", es war der selbstsichere, arrogante Ton des Professor Snape, der eine minderbegabte Schülerin demütigte. Er lehnte sich so weit aus dem Fenster, einerseits weil er der Meinung war, mit Mortifa schon fertig zu werden und andererseits aus purer Sorge um Hermine.
Mortifa aber war alles andere als begeistert. Ihre Augen wurden zu Schlitzen und mit einer flinken Bewegung hatte sie sich ihren Zauberstab geschnappt. Drohend schloss sie die letzte Lücke zwischen sich und Snapes Stuhl. „Mutig mutig! Severus, was willst du mir damit sagen? Entweder bist du sehr dumm…oder du bist noch viel hinterlistiger als wir alle dachten! Nun, du bist jedenfalls mein Gefangener und ich kann dir versichern, das wird meine ‚Mitbewerber' sehr alt aussehen lassen! Du wirst mir alles mitteilen, was ich wissen will, kleiner Snapie! – Imperio!", ihr Gesicht war zu einer hässlichen Fratze verzerrt, als sie den Fluch auf Snape jagte. Der aber zog nur einen Mundwinkel leicht nach oben und sah von unten zu Mortifa auf: „DAS wird kaum funktionieren, meine Gute! Da haben sich schon weitaus größere Zauberer die Zähne dran ausgebissen! Glaubst du allen Ernstes, ich wäre im engsten Kreis von Voldemorts Vertrauten gewesen, wenn mich jeder dahergelaufene Zauberlehrling verfluchen könnte? Mädchen, wirklich, das ist genau das was ich meine! Ich bin vielleicht ein Verräter - wobei noch zu klären wäre, an wem - aber selbst ohne Zauberstab beherrsche ich Magie, von der du und dein Club der schwanzgesteuerten Anhänger kaum zu träumen wagt!"
Mortifa sah nun wirklich aus, wie eine viel zu alte Schülerin, die durch ihre ZAGs gefallen ist. Es überstieg tatsächlich ihre Vorstellungskraft, wieso es nur so kompliziert war, von diesem einen Mann zu bekommen, was sie wollte. Bisher hatte sie noch jeden weich bekommen. Hinzukam, dass sie in seiner Nähe allmählich nervös wurde. Das lief ganz und gar nicht nach ihren Wünschen mit ihm und sie konnte es sich nicht leisten, noch eine Schlappe gegen ihn einzufahren. Sie holte mit ihrem Zauberstab aus und ließ ihn rasend schnell in Richtung Snapes Gesicht sausen. Ein feiner Riss prangte nun in seiner blassen Haut und schon merkte er, wie ihm das Blut die Wange hinunterlief.
„Du solltest wirklich etwas mehr Respekt zeigen, Severus Snape! Ich werde mir dein großkotziges Getue nicht länger antun! –Leslie!", sie rief und augenblicklich öffnete sich die Tür hinter Snape. „Leslie, sei so gut und schaffe diesen Verräter in ein Verlies! Dann bring mir das kleine Schlammblut…Vielleicht ist sie etwas kooperativer als du, Savvy!", sie grinste höhnisch über ihren Wortwitz und beglückwünschte sich innerlich zu der Idee mit dem Schlammblut.
Snape wurde unsanft von dem Stuhl getrennt und auf die Füße gezerrt. Er wollte um jeden Preis vermeiden, dass diese Geistesgestörte ihre ganzen Unsicherheiten an Hermine ausließ, aber genauso sehr musste er verhindern, dass jemand hier mitbekam, was er wirklich für sie empfand, denn dann wäre sie mit Sicherheit in noch größerer Gefahr. „Sie kann dir gar nichts sagen! Es sei denn, du interessierst dich für die Rechte von Hauselfen! Sie weiß nichts über Voldemort, was nicht in allen Zeitungen gestanden hätte! Hast du schon mal in Erwägung gezogen, dass ich in Wahrheit vielleicht niemals die Seiten gewechselt habe? Wer sagt, dass ich mich nicht genauso wie du und dieser ganze wertlose Haufen von Möchtegern-Schwarzmagiern nach den alten Werten sehne? Potter hat alles ruiniert, mehr als einmal…der Dunkle Lord, hat stets lieber selbst gehandelt und die schmutzigsten Arbeiten hat er doch meistens allein erledigt. Sein Blutdurst war verstörend und inspirierend zugleich. Leider hat er mich meine strategisch günstige Stelle in Hogwarts nicht besser nutzen lassen und so konnte keiner sein Ende verhindern…", selbst im Stehen musste er noch zu Mortifa aufsehen, doch er sah ihr eiskalt in die Augen und nichts an ihm verriet seine innere Zerrissenheit. Mortifa schüttelte jetzt ihre beinah weiße Mähne: „Nein nein nein, Savvy! Der Dunkle Lord wollte dich töten, weil du ihn verraten hast! Erzähl mir keine Lügenmärchen!"
„Lord Voldemort musste mich zu seinem eigenen Bedauern umbringen, um die Herrschaft über den Elderstab zu erlangen! Mortifa, rede nicht von Dingen, von denen du keine Ahnung hast! Ich habe seit meiner Jugend bis zum heutigen Tage nur dem einen Herrn wirklich gedient und das war der Dunkle Lord. Ich habe mir über die Jahre lediglich ein Sicherheitsnetz gesponnen, denn von welchem Nutzen wäre ich in Askaban gewesen? Dass ich mit der Granger reise, ist nur ein weiterer Schritt auf dem langen, verworrenen Weg zur Rache an Potter. Du musst noch so viel lernen, wenn du einmal mächtig sein willst! Vor allem aber eines: glaube nicht dem Offensichtlichen und plane voraus! Und damit meine ich nicht die nächsten Tage oder Wochen! Ich rede von Jahren oder besser Jahrzehnten, denn wenn du nicht frühzeitig umgebracht wirst, stehen dir davon noch einige bevor! Ich bereise seit Monaten die Welt auf der unauffälligen Suche nach einem würdigen Nachfolger Voldemorts, doch bisher ist mir keiner begegnet! Ihr alle seid zu unorganisiert. Eure Ziele sind zu unterschiedlich und viel zu viele wollen das Sagen haben! Das entzweit euch nur noch mehr! Die Russen waren nichts weiter als eine Horde Kleinkrimineller. Zusammen waren sie kaum schlauer als diese Granger in ihrem zweiten Schuljahr! Und du! Du umgibst dich mit Freiern statt mit Schwarzmagiern! Die Hälfte davon hat wahrscheinlich schon dein Bett geteilt, die andere Hälfte hofft darauf und ist dir nur deshalb hörig.", sein Blick huschte abfällig zu dem Kerl namens Leslie, der so ‚kaltblütig' war, dass er rosa anlief.
Wie ein trotziges Kind prustete Mortifa nun mit dröhnender Stimme: „Halt den Rand, Snape! Meine Leute haben dich aufgegriffen! Wir haben dich entwaffnet! Du solltest dich wirklich langsam etwas demütiger zeigen!"
Snape spürte deutlich, dass Mortifa gleich ausrasten würde. Sie war viel zu unkontrolliert, um ihre angestrebte Macht zu erhalten. „Ohja! Das waren sicher deine Besten, was? Fünfzehn gegen zwei - wirklich mächtige Zauberer waren das! Ja, auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, das heißt aber noch lange nicht, dass es sich dann in einen Adler verwandelt! Ich habe wirklich keine Lust, meine Zeit noch länger in deiner nichtsnutzigen Gesellschaft zu verbringen! –Leslie? Wenn Sie so nett wären…", unbemerkt hatte Snape das Seil, dass seine Hände gefesselt hatte, gedanklich immer weiter aufgefasert, bis es nun tatsächlich unter wenig Zug wie dünner Zwirn riss. Blitzschnell entwand Snape Leslie seinen Zauberstab, packte den armen Handlanger und hielt ihn einem menschlichen Schutzschild gleich vor seinen Körper. Den fremden Zauberstab richtete er auf Mortifa und noch ehe sie begriffen hatte, wie das alles vor sich gegangen war, sackte sie bewusstlos auf den kalten Steinboden.
