Hermine und Severus apparierten auf einen kleinen Hügel ungefähr einen Kilometer entfernt und blickten zurück. In der dunklen Nacht waren die Lichter der Zauberstäbe noch gut zu erkennen, doch sie verschwanden wenig später – wurden entweder gelöscht oder versanken wieder in ihrem unterirdischen Labyrinth.
Snape war sich Hermines Hand in seiner sehr bewusst und wandte ihr sein Gesicht zu. Einen Moment lang sahen sie sich innig an, ehe Severus sie entschlossen an sich zog und leidenschaftlich küsste. Die Anspannungen des Tages machte sich Luft und auch als sich ihrer beider Münder von einander trennten, hielt er sie noch einige Minuten fest an sich gedrückt.
Schließlich löste er sich von ihr und kramte sein Zelt aus der Tasche. Hermine begann damit, die Schutzzauber aufzusagen und Snape stimmte mit ein. Dann gingen sie Hand in Hand in Snapes Zelt, wo er sogleich einen Kessel Wasser ins neu entflammte Feuer stellte und hastig einige Zutaten hineinwarf.
„Wie geht es dir, Hermine?", fragte er und nichts von der Mortifa gegenüber gezeigten Unantastbarkeit lag mehr in seiner Stimme.
„Ganz gut, denke ich. Wir waren ja nicht lange bei denen. Erklärst du mir jetzt, wer die waren?"
Er schnaufte leicht spöttisch. „Sympathisanten Voldemorts! Sie haben irgendeine verklärte Vorstellung von ihm ohne ihm je selbst begegnet zu sein. Er hätte sie kaum eines Blickes gewürdigt. Vielleicht hätte er sie für irgendeine widerliche Muggelquälerei benutzt! Aber Todesser wären sie niemals geworden… Dennoch sind sie gefährlich, weil sie so gar keine Ahnung haben, was sie da eigentlich tun! Dass wir da so schnell raus gekommen sind, liegt vor allem an ihren Schwächen, weniger an unseren Fähigkeiten. Hermine, wir müssen viel vorsichtiger sein!
Sie wollen mich. Das hätte mir schon nach Deutschland – spätestens aber nach den Russen bewusster sein müssen! Es wird immer jene geben, die mir nicht trauen, sowohl auf deiner als auch auf deren Seite. Heute habe ich schon wieder gelogen. Und diesmal wirklich um meinen Hintern und vor allem dich da raus zubekommen! Ich hab das so satt, Hermine!
Und der Gedanke, dass sie dich hätten benutzen können, um etwas von mir zu erfahren, macht mich krank! Es tut mir leid, Hermine, aber solange du mit mir reist, darf es keine ungetarnten Ausflüge mehr geben!", seine Rede war immer hitziger geworden. Er schritt aufgewühlt vor Hermine auf und ab und gestikulierte wild. Endlich blieb er stehen und sah sie forsch an.
„Jah…okay…", meinte Hermine, irritiert von der Heftigkeit seines Ausbruchs. „Aber wir sind doch ganz gut weggekommen…bis auf diesen Kratzer in deinem Gesicht, haben wir nichts abgekriegt. Die hatten doch gar keine Chance gegen dich!"
„Hermine, ich habe einen von ihnen getötet! Ich fühle mich überhaupt nicht ‚gut weggekommen'! Weißt du wie es ist, ein Mörder zu sein?!", er schrie sie jetzt beinahe an und heftige Gefühle verzerrten sein rot gewordenes Gesicht. Hermine schluckte und biss sich ängstlich auf die Innenseite ihrer Wange. Auch sie war erschüttert über den Tod des Jungen, doch sah sie Severus nicht als dessen Mörder. „Das war ein Unfall, Severus! Du hast in Notwehr gehandelt!"
„Notwehr?!", es blickte sie ungläubig an und wandte sich dann von ihr ab. Er schritt zu seinem Kessel und rührte unnötig darin herum. „Aufgeschlitzt habe ich ihn...Ich hätte ihn schocken können oder sonst etwas, aber nein, ich habe ihm diesen widerwärtigen, bösen Zauber auf den Hals gejagt, dessen Gegenfluch außer mir fast keiner kennt, weil ich selbst ihn erfunden habe!"
„Aber du konntest doch nicht wissen, dass er Bluter war! Die haben uns überfallen! Mortifa ist an seinem Tod mindestens genauso schuldig, denn sie wusste doch um die Gefahren und schickte ihn trotzdem los, Voldemorts Ex-Vertrauten zu fangen!"
Der Rührstab landete scheppernd am Kesselrand, als Snape ihn fallen ließ und sich resigniert zu Hermine umdrehte. „Ich bin das alles so leid! ‚Ex-Todesser'! ‚Ex-Lehrer'! ‚Ex-Vertrauter'! Was bin ich eigentlich heute noch? Ich werde stets nur auf meine Vergangenheit reduziert! Mit Recht offenbar! Heute habe ich wieder schwarze Magie angewandt, von der ich weiß, dass sie riskant ist und habe einen jungen Mann getötet, den ich nicht einmal kannte!
Sie werden mich weiter suchen. Wenn nicht Mortifa, dann andere! Sie wollen noch möglichst viele Informationen aus mir rausholen, ehe sie mich hinrichten für den Verrat, den ich an Voldemort beging. Und ich habe keine Lust mehr, mich mit Lügen zu retten oder ewig vor ihnen davon zu laufen! Jetzt gibt es dich in meinem Leben und ich kann dir rein gar nichts bieten! Im Gegenteil: du bist nur in Gefahr in meiner Nähe!", er war auf Hermine zugekommen, die am Küchentisch saß und hockte sich wie ein Häufchen Elend vor sie. Er hasste sich so sehr, wie damals, als ihm klar geworden war, was der Dunkle Lord aus der ihm von Snape zugetragenen halben Prophezeiung gefolgert hatte.
Er fühlte sich unter der Last der Schuld, die er im Laufe der Jahre in Voldemorts Diensten auf sich geladen hatte, brechen. Die ganze Zeit hatte er sich eingeredet, dass es eines Tages vorbei sein würde. Dass er den bevorstehenden Krieg ohnehin nicht überleben würde und bis dahin so nützlich wie möglich sein musste. Bis auf die Genugtuung, die es ihm verschafft hatte Potter und die seinen zu schikanieren, hatte er sich keine Freuden in seinem Dasein erlaubt. Dann war plötzlich der letzte Kampf gekämpft und wider Erwarten weilte er noch immer unter den Lebenden.
Hermine war zu ihm durchgedrungen, ihre Zuneigung und seine aufkeimenden Gefühle für sie hatten das Schlangengift in ihm neutralisiert, denn wie so oft hatte Tom Riddle die heilsamen Eigenschaften von wirklich aufrichtiger Liebe nicht einkalkuliert. Jetzt, da er sich trotz allem bereit gefühlt hatte, ihr sein geschundenes Herz zu öffnen, hatte das Schicksal ihm all seine Schlechtigkeit erneut vor Augen führen müssen. Gerade als er begann ihm einen Sinn zu geben, musste er erkennen, dass er auch dieses ‚zweite' Leben nicht verdiente. Er konnte es nicht ertragen, Hermine der Gefahr auszusetzen, mit ihm in Verbindung gebracht zu werden.
Alles, was ihm geschah, schien ihm finsterschwarz wie sein Umhang und gab es doch mal einen Lichtblick, dann offenbar nur, um ihn ihm sogleich wieder zu entreißen und ihn in noch größere Finsternis zu stoßen. Er war dessen so müde und überzeugt, dass er diesen Kreislauf nie durchbrechen konnte, dass er verzweifelt in Tränen ausbrach.
Hermine glitt vom Stuhl und zog den unbändig schluchzenden Severus in ihre Arme. Sie wusste nicht recht was sie tun sollte, spürte aber, dass ihr Freund am Ende war. Mit einem Schwenk ihres Zauberstabs löschte sie deshalb das Feuer unter dem Kessel und rief Snapes Bettzeug herbei. Als sie es magisch vervielfacht hatte, baute sie mit einer Hand ein weiches Lager aus Decken und Kissen, auf dass sie Snape vorsichtig schob. Der hatte sein Gesicht an ihrer Schulter vergraben und weinte nach wie vor heftig. Hermine lehnte sich ans Tischbein und umfing ihn nun wieder mit beiden Armen. Sanft streichelte sie ihm über den Rücken und sprach leise zu ihm: „Ich weiß…es ist alles so unfair…Du bist ein wundervoller Mann, Severus und ich bin für dich da…", sie dachte daran, wie sich die Dinge zwischen ihnen entwickelt hatten, während der nasse Fleck an ihrem Shirt von Snapes Tränen stetig wuchs.
„Weißt du noch, wie du mir gut zugeredet hast…im Zug…in Russland?", begann sie nach einigen Minuten, in denen sie Snape einfach nur schweigend gehalten hatte. Sein lautes Schluchzen hatte aufgehört, doch sein Körper bebte weiter und es dauerte noch bis seine Atmung wieder zu einem normalen Rhythmus fand. „Ich war deprimiert, weil ich keinen Freund hatte und du hast gesagt, dass eines Tages ein großer, geheimnisvoller und gut aussehender Junggeselle in mein Leben käme. Du hast ihn als klug beschrieben und als jemanden, der sich und anderen nichts zu beweisen hätte und deshalb mit einer so gescheiten Frau glücklich wäre. Er würde mich lieben und ehren, egal ob ich in meiner Teenagerzeit einen Freund hatte oder nicht…", langsam richtete Severus sich auf und zog umständlich ein Taschentuch aus seiner Hosentasche. Nachdem er sich Nase und Gesicht geputzt hatte, nickte er, vermied aber den Blick in Hermines Augen. „Ist dir klar, dass du dich selbst beschrieben hast?", sie legte ihre Hand sanft an seine Wange und brachte ihn so behutsam dazu, sie anzusehen. Sein Gesicht war fleckig und die Augen rot umrandet; etwas Flehendes lag in seinem Blick und seine Augenbrauen standen leicht schräg von seiner inneren Qual. „Du hattest Recht damit, dass ich in meiner Altersklasse niemanden finden würde…du warst es, den ich gebraucht habe! Und nun werde ich für dich da sein…mir ist deine Vergangenheit egal…du bist heute ein ganz anderer Mensch als damals und du hast alles getan, um deinen Fehler wieder gut zu machen. Wenn ich dir verzeihen kann, werden das auch die anderen irgendwann können!", dann lehnte sie sich vor und gab Severus einen zarten Kuss, ehe sie sich hinlegte und ihn mit sich zog. Er war so ausgebrannt, dass er es stumm geschehen ließ und bald darauf die Augen schloss. Hermine sah gebannt zu, wie sich sein Gesicht unter ihrem liebevollen Streicheln mehr und mehr entspannte und die Luft schließlich wieder stetig und ruhig in seine Lungen strömte. Als er ganz offensichtlich eingeschlafen war, losch sie die Kerzen im Zelt und schmiegte sich eng an ihn. „Ich liebe dich, Severus…", sagte sie ganz leise und da sie keine Antwort erwartete, schlief sie wenig später ein.
