Als er früh am nächsten Morgen erwachte, brauchte Snape einige Minuten, um sich darüber klar zu werden, weshalb er sich so miserabel fühlte. Sein Schädel dröhnte und jeder Muskel schien zu schmerzen – er kam sich alt und elend vor. Sein Blick fiel auf die junge Frau neben sich, die noch fest schlief. Obwohl sie nach allgemeiner Meinung eher unscheinbar war, erschien sie ihm jetzt wunderschön, denn er betrachtete sie inzwischen mit dem Herzen. Er hatte sich letzte Nacht so unendlich geborgen gefühlt in ihren Armen, wie selten in seiner lieblosen Existenz. Seltsam gut hatte es getan, die Kontrolle einfach mal abzugeben und er fürchtete sich nicht einmal davor, sie könnte ihn für schwach halten. Schwermütig wandte er seine intensivdunklen Augen von ihr und stand leise auf, um in der Nasszelle zu verschwinden.
Beim Frühstück schwiegen sie verlegen, auch wenn sich ihre durchdringenden Blicke immer wieder kreuzten.
„Möchtest du darüber reden?", fragte Hermine schließlich vorsichtig beim Aufbruch, während er das Zelt verstaute. Er hielt in der Bewegung inne und sah sie an. Dann seufzte er schwer und schloss seine Tasche. „Vielleicht sollte ich das wirklich tun…aber es würde nichts ändern…nicht zum Guten jedenfalls…also wäre es reine Zeitverschwendung", meinte er aufgebend und dann machten sie sich auf den Weg, ohne dass Hermine ihn hätte vom Gegenteil überzeugen können.
Die Tage flogen dahin und die Landschaft, durch die sie reisten, veränderte sich kaum. Nur Snape hatte sich verändert. Er war still. Stiller noch als sonst. Hermine vermutete, dass ihm der sinnlose Tod des Jungen ziemlich zusetzte und er um seine Zukunft fürchtete. Das war allerdings nur die halbe Wahrheit. Selbstverständlich hatte es ihn schwer getroffen, Mortifas Sohn das Leben genommen zu haben, aber das war nur der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Schließlich hatte er den Tod in nahezu allen Formen gesehen, auch wenn er ihn nur selten wirklich selbst verschuldet hatte.
Außerdem bangte er weniger um seine, denn um Hermines Zukunft. Ihr selbstloses Verhalten am Abend seines Zusammenbruchs hatte ihm deutlich gemacht, dass sie ihm nicht von der Seite weichen und für ihn da sein wollte, auch wenn es für sie selbst nichts Gutes verhieß. So verschloss er sich zusehends und auch wenn er es geschehen ließ, dass sie die Nächte mit ihm in seinem Bett verbrachte, kamen sie einander nicht mehr wirklich nahe.
Eines Abends beim gewohnheitsmäßigen Versuch ihre Eltern per Magie zu lokalisieren, blieb Hermine die Luft weg: ihr Zauberstab hatte sich langsam auf ihrer Handfläche gedreht und war dann mit der Spitze ziemlich genau nach Osten zeigend stehen geblieben. „Severus! Sieh dir das an! Wir haben eine Richtung!", rief sie aufgeregt. Snape trat an sie heran und seit langem ließ er ein Lächeln in seinen Mundwinkeln aufblitzen. „Wirklich gut, Hermine! Dann brechen wir morgen nach Osten auf."
In der Tat zeigte gegen Mittag des nächsten Tages auch Snapes Zauberstab nach Osten und Hermine wurde immer hibbeliger, wähnte sie ihre Eltern praktisch hinter jedem Busch, den sie passierten. Am zeitigen Abend erreichten sie Griffith und weil es noch so früh war, beschlossen sie, gemeinsam in die Stadt zu gehen, um herauszufinden, ob Hermines Eltern hier lebten. Snape war beinahe sicher, dass sie hier zu finden sein müssten und Hermine behauptete, ihre Präsenz bereits zu spüren, obwohl sie ganz bestimmt nicht an einen sechsten oder gar siebten Sinn glaubte.
Um nicht wieder Magiern aufzufallen, nahmen sie einige Veränderungen an ihrem Äußeren vor und wagten sich dann ins Zentrum der Stadt. Es war ein milder Freitagabend und entsprechend voll waren die Fußgängerzonen, was Severus mit gemischten Gefühlen registrierte. Als Einzelgänger, der er Zeit Lebens immer gewesen war, fühlte er sich unwohl in Menschenmengen. Doch er wusste auch, dass man in der Masse seine eigene Anonymität besser wahren konnte. Wie so oft rasten die Gedanken in seinem Kopf: der analytische Teil war mit der Einschätzung der Leute um ihn her beschäftigt, ständig auf der Hut vor irgendwelchen Gefahren. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er zudem immer wieder die jetzt glatthaarige und etwas dicklichere Hermine – ihre Aufregung vor dem vielleicht unmittelbar bevorstehendem Wiedersehen mit ihren Eltern war beinahe ansteckend. Auch er spürte eine gewisse Nervosität. Was ihm bevorstand, würde alles für immer verändern.
Hermine steuerte zielstrebig auf eine Telefonzelle zu, um das dort liegende Nummernbuch zu durchsuchen. Severus, wieder im schwarzen Anzug, blieb diskret davor stehen und schon bald hörte er einen unterdrückten Schrei von Hermine. Sie kam förmlich aus dem kleinen Häuschen gesprungen und warf sich an Snapes Hals. „Ich hab sie gefunden! Sieh mal!", sie zeigte ihm die dünne ausgerissene Seite mit der langen Liste von Walter bis Wright. Und mittendrin tatsächlich: Wilkins, DDS Wendell & Monica, Downtown Alley 22….314159
„Bist du bereit, deine Schwiegereltern kennen zu lernen?", wollte Hermine kühn wissen, denn sie vergaß vor lauter Euphorie, wie angespannt Severus die letzten Tage gewesen war. Er hielt den Atem an, entschied sich dann aber, diese Bemerkung zu übergehen und sie stattdessen mit der berüchtigten erhobenen Augenbraue abzufertigen. „Wie ist dein Plan?", fragte er und sah sie entlang seiner langen gebogenen Nase an.
„Ähm…na ja…wir suchen die Downtown Alley 22…und dann geben wir ihnen ihre Erinnerungen zurück…", stammelte Hermine vollkommen Hermine untypisch und erkannte sogleich, wie dusselig sie sich anhörte. Snape nötigte sie damit immerhin ein hämisches Grinsen ab. „Das ist dein Plan? Der erscheint mir – mit Verlaub – etwas überarbeitungswürdig, findest du nicht? Zunächst mal: nicht wir geben ihnen ihre Erinnerungen zurück, sondern du. Nur du kannst ihnen wiedergeben, was du ihnen genommen hast, sonst wäre der ganze Zauber ja sinnfrei, oder nicht?", er sah von oben herab auf Hermine, die die Augen verdrehte ob seines Oberlehrergetues. Natürlich hatte er Recht und wenn sie ehrlich war, hätte sie wahrscheinlich Harry und Ron ähnlich arrogant belehrt.
„Ich schlage folgende Vorgehensweise vor:", schnarrte Severus unbeirrt. „Wir suchen uns einen Ort, von wo aus wir Downtown Alley gut im Blick haben und warten bis deine Eltern augenscheinlich schlafen. Dann verschaffen wir uns Zugang und du hext ihnen ihre Tochter zurück ins Gedächtnis während sie schlafen. Und morgen dann findet die große Familienzusammenführung statt."
Hermine überlegte nur kurz. „Du bist gut im Pläneschmieden…", dann streckte sie sich etwas und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf seinen immer noch selbstgefällig grinsenden Mund.
Und so machten sie sich auf den Weg zur Downtown Alley, was nicht schwer war, denn in dem Telefonbuch war auch ein Stadtplan gewesen, den Hermine ohne Skrupel auch noch herausgerissen hatte. Hermines Eltern hatten eine Wohnung gleich über ihrer neu eingerichteten Zahnarztpraxis bezogen. Es dämmerte zwar langsam, aber die Fenster in der Wohnung der Wilkinsens blieben zunächst unbeleuchtet. Severus und Hermine setzten sich in ein Restaurant zwei Häuser weiter, gleich an die große Scheibe, die zur Straße zeigte und verbrachten die Wartezeit mit jeweils einer Riesenportion Spaghetti Bolognese. Hermine schaute mindestens dreißig Mal pro Stunde nach draußen und gegen zwanzig Uhr leuchteten endlich zwei Fenster in der observierten Wohnung warmweiß.
„Mein Dad guckt bestimmt die Nachrichten im Fernsehen…das haben wir früher immer gemeinsam getan…Richtig zelebriert wird das bei ihm: Immer nach dem Duschen mit einem halben Glas Rotwein in der Hand und einem Hocker unter den Füße. Mum räumt in der Zeit die Küche auf und macht noch etwas Wäsche. Dann legt sie sich in die Wanne. Um Neun schaltet Dad den Fernseher ab und die beiden putzen minutiös ihre Zähne. Dann gehen sie zu Bett. Mum liest meist noch eine halbe Stunde ein Buch oder sie…ähm…vollziehen die Ehe.", Hermine lachte verlegen, Snape hob die Augenbrauen. „Beängstigend, was du alles weißt…"
„Ach, na ja, meine Eltern sind halt Gewohnheitstiere und da sie morgens immer zeitig in die Praxis müssen, gehen sie auch beizeiten ins Bett…"
„Das leuchtet mir ja ein…Ich frage mich nur, woher du wissen willst, wann sie was mit oder ohne einander tun…"
„Ganz einfach: der Schlitz unter der Tür! Wenn ich auf dem Weg vom Bad in mein Zimmer an ihrem Schlafzimmer vorbeikam, sah ich wenn noch Licht brannte – dann hat Mum noch gelesen…andernfalls bin ich besonders schnell in mein Zimmer verschwunden.", ein verschlagenes Lachen entwich Hermines Kehle und Snape nickte anerkennend, ehe er sich dem Dessert – Tiramisu - zuwandte.
Nach zweiundzwanzig Uhr – das Licht in der 22 war schon seit geraumer Zeit erloschen -zahlte Snape und begleitete dann Hermine zum Wohnhaus ihrer Eltern. Die Straße war jetzt leer – die Partygänger würden sich erst in ein paar Stunden auf den Heimweg machen.
„Alohomora…", flüsterte Hermine und ein leises Klicken des Schlosses zeugte vom Erfolg ihres Zaubers. Wie zwei Schatten schlichen sie durch das dunkle Treppenhaus bis zur Wohnungstür der Noch-Wilkinsens, wo Hermine ihren Spruch wiederholte. Drinnen war alles mucksmäuschenstill, wie Snape überaus erleichtert feststellte. Die Wohnung war groß und, so man das in der Finsternis erkennen konnte, zweckmäßig und geschmackvoll eingerichtet.
Der Dielenboden, auf dem sie stand, knarrte leise, als Hermine vorsichtig die erste Tür öffnete und gleich wieder schloss, weil sie zum Badezimmer führte. Hinter der nächsten Tür erkannten beide die Umrisse eines metallenen Doppelbettes und lauschten einen Moment dem gleichmäßig ruhigen Atmen der schlafenden Eheleute.
Hermine verzog das Gesicht und zögerte einen Moment. Sie war nervös und wollte am liebsten sofort ihre Eltern wecken und ihnen alles erklären – sie vor allem in die Arme nehmen und damit endgültig den Zaubererkrieg hinter sich lassen. Doch sie hatte auch Angst, dass etwas schief ging. Was wenn sie den Zauber nicht korrekt ausführte? Oder er aus irgendwelchen anderen Gründen nicht funktionierte? Was wenn sie morgen keinen Funken des Wiedererkennens in den Augen ihrer Eltern sehen würde?
Da spürte sie, wie der nahezu unsichtbare Mann hinter ihr seine Hände auf ihre Schultern legte. Gleich darauf sträubten sich ihr die Nackenhaare, als seine tiefe Stimme direkt neben ihrem Ohr hauchte: „Konzentrier dich, Hermine. Du kannst das…ich weiß es." Severus schob sie sanft weiter in das Zimmer hinein und endlich hob Hermine ihre Zauberstabhand und richtete sie auf ihre Eltern. „Memento!", begann sie mit leiser doch fester Stimme.
Während sie sich nicht rührte, sondern fokussiert den komplexen Zauber ausführte, trat Snape an ihr vorbei an das Bett. Die Hände hinter dem Rücken gelegt, betrachtete er Mr. und Mrs. Granger. Sie waren keine zehn Jahre älter als er und einen winzigen Moment gab er sich der Vorstellung hin, sie könnten ihn als Schwiegersohn akzeptieren. Seine Mundwinkel kräuselten sich unliebsam, ob der Lächerlichkeit dieser ganzen Situation. Dann trat er Gedanken versunken an das geöffnete Fenster und sah in die Nacht hinaus. Es machte ihn stolz, dass Hermine den Erinnerungszauber offenbar ohne Probleme bewerkstelligte und er zweifelte nicht daran, dass er auch genauso tadellos funktionieren würde wie der ursprüngliche Löschungszauber.
Als Hermine fertig war, kniete sie sich neben das Bett und betrachtete ihre Mutter. Sie hatte sich in dem ganzen Jahr nicht merklich verändert und das beruhigte sie irgendwie ungemein. Ihr Vater drehte sich plötzlich von einem leichten Grunzgeräusch begleitet auf die andere Seite, was Hermine und Snape erschrocken zusammenfahren ließ. Mit wenigen Schritten, war Severus, der jetzt wieder aussah wie immer (konzentriert und ihn seinem an eine übergroße Fledermaus erinnernden Umhang), bei Hermine und sie richtete sich auf. „Wir sollten besser verschwinden, Hermine…Du siehst sie in wenigen Stunden wieder.", raunte er ihr zu und sie nickte. „Bis morgen…", flüsterte sie und griff nach Snapes Hand. Das Ploppen als sie disapparierten, wurde zu einem unbedeutenden Geräusch in der Träumen der Grangers.
