Bis sie praktisch vor den Toren von Griffith Snapes Zelt aufgestellt und alle Zauber gegen unerwünschte Eindringlinge errichtet hatten, war es Mitternacht. Hermine schnatterte sich unablässig ihre Nervosität von der Seele. Sie überlegte sich Argumente, mit denen sie ihre Entscheidung vor ihren Eltern rechtfertigen könnte und warf sie wenig später alle wieder über den Haufen. So sehr sie es auch versuchte, sie konnte sich einfach nicht vorstellen, welches die wahrscheinlichste Reaktion sein würde. Ihrer Mutter traute sie von Weinkrampf bis Ohnmacht alles zu und ihr Vater war schon immer schwer einzuschätzen gewesen, da er für gewöhnlich nicht so mitteilsam wie seine Frau war. Er könnte einfach erleichtert sein, etwas wieder zu haben, von dem er gar nicht gewusst hatte, dass er es vermisste – nämlich seine einzige Tochter. Genauso gut könnte er aber auch wütend werden, denn mit der Erinnerung an Hermine würden auch jene an seine alte, sehr gut laufende Praxis und all die Freunde, die sie mit ihrem akuten Auswanderungswunsch und dem Identitätswechsel aufgegeben hatten, zurückkehren. Und dann bliebe auch immer noch die Frage, wie es weitergehen sollte. Erneut alles zurücklassen und mit Hermine wieder nach Großbritannien gehen? Oder das Neugeschaffene ausbauen, dafür jedoch ihre Tochter weiter sich selbst überlassen?
Sie bekam allmählich Kopfschmerzen von all den Gedankenexperimenten, an denen sich Snape zu ihrem Verdruss nicht beteiligen wollte. Er meinte, sie solle es einfach auf sich zukommen lassen und lieber noch versuchen, etwas zu schlafen. Doch auch als sie sich in seinen Arm unter die Bettdecke gekuschelt hatte, gelang es ihr nicht, die Grübelei abzuschalten.
Snape lag auf dem Rücken und betrachtete nachdenklich das Zeltdach. Er spürte Hermines Unruhe nur zu deutlich, doch die war nichts verglichen mit seinem inneren Chaos. Schließlich drehte er sich auf die Seite und sah im schwachen Licht der letzten noch brennenden Kerze in Hermines Gesicht, das ihm Hilfe suchend zugewandt war. Gerade als sie den Mund öffnen wollte, um erneut einen ihrer Zweifel anzusprechen, küsste Severus sie innig. Dieser Kuss enthielt so viel Leidenschaft, dass sowohl seine als auch Hermines Sorgen binnen Sekunden verpufften. Was zählte, war nur noch wie sehr sie einander wollten.
„Was ist mit Verhütung?", fragte Snape nur Minuten später atemlos, auf die Hände gestützt und mit allen Sinnen ganz bei dem sich unter ihm in schierem Verlangen windenden jugendlich-weiblichen Leib.
„Mach mir morgen früh wieder so einen Trank, wenn es sein muss, aber hör jetzt bloß nicht auf!", kam es von Hermine und wie zur Unterstreichung schlang sie ihre Beine um seine Hüften. Er besaß nicht mehr die Stärke, sich ihr zu verwehren und nahm sie energischer als bei ihrer beiden ersten Mal. Nach einigen beherzten Stößen kam er mit einer so überwältigenden Wucht, dass es ihn selbst beinahe erschreckte und Hermine vor Entzücken aufschreien ließ. Er bewegte sich weiter in ihr, bis ihm ihr erleichtertes Stöhnen verriet, dass auch sie am Ziel war. Dann ließ er sich auf die Unterarme nieder und gönnte ihr und sich selbst die intensive Nähe ihrer schwer atmenden Körper.
Später glitt er von ihr und zog sie wieder in seine Arme, wo sie kurz darauf mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen einschlief. Severus blieb wie so oft der Frieden des Schlafes verwehrt. Er fühlte sich hin und her gerissen, weil er entgegen seiner persönlichen Vorsätze erneut mit Hermine geschlafen hatte und es wieder aufrichtig genossen hatte. Er war sich klar darüber, dass das sein Vorhaben keinesfalls erleichtern würde, doch sein Entschluss stand schon seit Tagen fest. Es war das Sicherste und Logischste, auch wenn diese Gewissheit nur wenig tröstlich war. Aber er konnte nicht mit Hermine zusammenbleiben.
Als es zu dämmern begann, stand Severus Snape wie immer pflichtbewusst auf und ging ins Bad. Nachdem er geduscht, rasiert und in seine üblichen schwarzen Sachen gehüllt war, machte er sich an das Brauen des „Trankes-danach" für Hermine. Das Schuldbewusstsein, was ihn dabei überkam, ignorierte er beflissentlich. Tatsächlich machte er, als Hermine erwachte, einen nahezu abgeklärten Eindruck. Einzig wie er beginnen sollte, wusste er nicht.
Gut gelaunt und motiviert kam sie nackt auf ihn zu gehüpft, küsste ihn auf die Wange und trank in einem Zug das von ihm präparierte Getränk. Einen winzigen Moment wollte seine Männlichkeit auf die Nackte reagieren, doch er verbot sich jeden erotischen Gedanken und hielt seinen Blick oberhalb der Halskette, die er ihr geschenkt hatte.
Nachdem auch sie sich in der Nasszelle frisch gemacht hatte, bot er ihr etwas Müsli zum Frühstück an, doch sie schüttelte den Kopf: „Nein Danke, Severus. Ich kann im Moment nichts essen. Ich will es einfach nur noch hinter mich bringen…Seit Monaten warte ich darauf, aber jetzt kann ich nicht länger…Meine Eltern sind Frühaufsteher. Lass uns gleich losmachen!"
Snape schluckte schwer, aber Hermine sah es nicht, weil sie sich umdrehte und ihre Tasche schnappte. „Ich räume noch auf…", brachte er schließlich tonlos hervor und Hermine ging nach draußen. Wenig später folgte er ihr und ließ das Zelt zusammenfallen, sich falten und dann in seiner Tasche verschwinden.
„Können wir?", fragte Hermine mit einem Anflug von Ungeduld und Severus wusste, dass es keinen Zweck hatte, es noch weiter aufzuschieben. Er straffte seine Haltung, trat an sie heran und sprach: „Ich werde nicht mitkommen, Hermine."
Sie sah ihn irritiert an, noch nicht die Tragweite dieser Aussage erfassend. „Nun hab dich nicht so! Schlimmer als ein Treffen mit Du-Weißt-Schon-Wem wird es schon nicht werden!", stichelte sie, aber Snape schüttelte den Kopf. „Darum geht es nicht…", er suchte nach Worten. Alles was er sich noch heute Morgen so nett zurechtgelegt hatte, erschien ihm nun so grausam und kalt. „Unsere Wege trennen sich hier…", er schaffte es, ihr weiter in die Augen zu sehen und Hermine kamen die seinen überraschender Weise überhaupt nicht gefühllos vor. Im Gegenteil: diese Augen – finstere Fenster zu seiner gebeutelten Seele, vor deren Blick sie sich jahrelang gefürchtet, die sie verachtet hatte, waren jetzt in ihrer tiefen Schwärze so klar und deutlich von Trauer getragen, dass Hermine ihre Wut als erste Reaktion so gut es ging hinunter schluckte und versuchte gefasst zu klingen, als sie fragte: „Warum?"
„Es gibt viele Gründe…Allen voran, deine Sicherheit.", sagte er sachlich.
„M-Meine Sicherheit? Redest du wieder von den Schwarzmagiern?", Hermine konnte nicht verhindern, dass sich ihre Stimme ungesund hoch anhörte.
„Jaah...Sieh mal, wir haben schon darüber gesprochen…mehrmals. Ich werde untertauchen, um verdeckt möglichst viele von ihnen dran zu kriegen. Aber wenn sie auch nur die Spur einer Ahnung hätten, was du mir bedeutest, würdest du zur Zielscheibe…Aber selbst wenn die Bedrohung durch diese Trittbrettfahrer nicht so real wäre, könnte ich dir nie das Leben bieten, das du verdienst. Hermine, sieh mich doch an! Ich bin ein Mann jenseits der besten Jahre, so ich je welche hatte. Ich habe keinen Besitz außer einem verwahrlosten Haus in einer Gegend, in der kein vernünftiger Mensch leben will. Ich habe keinen Beruf, der für geregelten Zustrom finanzieller Mittel sorgt. Und ich habe einen Ruf als Verräter."
„Du bist ein Held! Kein Verräter! Du hast so viel für die Zauberergemeinschaft getan! So viel für Harry!", warf Hermin ein. Sie wollte nicht zulassen, dass er sich schlechter machte, als er war.
„Nein. Ich habe getan, was Dumbledore von mir verlangt hat, weil er mir das Versprechen darüber abgerungen hatte. Alles was ich tat, geschah nicht, weil mir irgendjemand da draußen etwas bedeutet hätte, sondern einzig um meine Schuld an Lily Potters Tod abzutragen! Diese Schuld trage ich bis heute, aber ich habe gelernt, damit zu leben. Der Gedanke, alles getan zu haben, um ihrem Sohn zu helfen, macht es erträglich. Und da wir gerade von Harry reden-", es war das erste Mal, das er ihn beim Vornamen nannte und das allein zeigte schon, wie aufgeräumt er gedanklich war. „Er wäre wohl kaum von deiner Wahl begeistert…womöglich würden er und Mr. Weasley mir unterstellen, dich verhext zu haben…Er und ich…wir werden keine Freunde. Er würde dich meiden…alle würden das tun…so wie man mich meidet…"
„Das ist mir doch egal! Auf solch oberflächliche Freunde kann ich verzichten! Nicht verzichten kann ich auf dich, Severus! Ich gehe mit dir! Wenn du untertauchst, dann nimm mich mit!", flehte sie und es wurde für Snape nun schwieriger, ihrem verzweifelten Blick stand zu halten.
„Hermine, du sprichst wie ein Kind! Tief in dir weißt du genau, dass du die beiden brauchst. Und sie brauchen dich! Eine Freundschaft wie die eure wirft man nicht so einfach weg. Glaube mir, du würdest es ewig bereuen…", seine Stimme war fest, doch Hermine platzte jetzt los: „Und das mit uns? Das wirfst du einfach weg, ja?! Hab ich dir je wirklich etwas bedeutet?!", sie konnte nicht verhindern, dass ihr jetzt heiße Tränen die Wangen hinab liefen. Snape runzelte die Stirn und kam einen Schritt auf Hermine zu. Warum musste das alles nur so schwer sein? Er hob eine Hand und wischte zärtlich eine Träne weg. „Du kennst die Antwort…", flüsterte er tröstend.
„Ich will es hören!", beharrte sie und trat von ihm zurück. „Sag doch wenigstens ein Mal, was du fühlst!"
Snape senkte den Blick auf seine andere Hand, die Hermines ergriffen hatte. Er schluckte ehe er leise sagte: „Ich liebe dich.", dann sah er ihr wieder in die tränennassen Augen und auch seine hatten einen seltsam feuchten Schimmer angenommen. „Ich liebe dich so sehr, Hermine.", dann versagte ihm die Stimme und Hermine warf sich in seine Arme. Ein paar Herzschläge lang schien es, als könnten sie alles vergessen, was gegen sie sprach, doch dann zwang Severus sich zur Vernunft und er brachte sie wieder auf Abstand. „Gerade weil ich dich liebe, will ich, dass du glücklich wirst. Irgendwann wirst du es verstehen…", sagte er.
„Ich bin mit dir glücklich, Severus!", protestierte sie schluchzend.
„Das wäre nicht von Dauer…spätestens in ein paar Jahren wirst du deine biologische Uhr ticken hören und dir Kinder wünschen. Ich aber hatte nie vor, meine Gene weiterzugeben – so toll sind sie nun wirklich nicht! Ganz abgesehen davon, dass ich der Großvater deiner Kinder sein könnte…Wir hätten nie welche zusammen, Hermine. Nach weiteren Jahren hätten wir uns zudem nichts mehr zu sagen und ich dir auch körperlich nichts mehr zu geben, denn während du in der Blüte der Jahre stehst, hat bei mir doch schon der Abbau begonnen. Alle deine Freunde hätten sich von dir abgewandt, weil du einem Mann den Vorzug gabst, dem niemand über den Weg traute. Du würdest morgens neben einem unattraktiven, alten und armen Mann erwachen, deinen Tag mit Hausarbeit totschlagen, weil du, um bei ihm sein zu können, deine ganze Ausbildung fahren ließt und nie einer bezahlten Arbeit nachgingst. Abends würdest du neben einem Mann einschlafen, der sich selbst dafür hasst, was er dir angetan hat, als er dich nicht fortgeschickt hat und der nie gelernt hat, wie eine freudvolle Beziehung funktioniert und in Folge dessen, sie auch mit dir nicht leben konnte…", er seufzte, ehe er fortfuhr: „Du bist das mit Abstand Wundervollste, was mir je passiert ist und du hast mir gezeigt, was es heißt, wirklich um meiner Selbst Willen geschätzt zu werden. Dafür bin ich dir so unendlich dankbar. Ich will nicht vergessen, was zwischen uns war. Es wird immer meine kostbarste Erinnerung bleiben…"
„Dann lass nicht zu, dass es vorbei ist! Wieso willst du beenden, was wir beide noch wollen?", Hermine starrte inzwischen geradeaus auf seinen Adamsapfel. Den Anblick seines von Emotionen, die er sich nicht erlauben wollte, gezeichneten Gesichts ertrug sie nicht länger. Sie fühlte, dass sie bereits verloren hatte, aber verstehen konnte sie es nicht.
„Weil man Chancen so leicht verpasst, Hermine. Du musst nach vorn sehen. Dir stehen jetzt alle Türen offen! Lass sie nicht zufallen, weil du glaubst, du bräuchtest mich oder irgendeinen anderen Mann."
Hermine wusste nicht mehr, was sie noch sagen oder tun konnte, um ihn umzustimmen. Was für eine Chance hatte sie denn gegen seinen viel Lebens erfahreneren und sachlichen Verstand? So vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen und weinte. Dabei hoffte ein Teil von ihr, er würde die Zeit nutzen und verschwinden – sie mit ihrem Kummer allein lassen und die ohnehin schmerzvolle Abschiedsszene nicht weiter verlängern.
Als sie nach einigen Minuten den Kopf hob, der bereits weh tat vom Weinen, war sie irgendwie trotzdem froh, Severus' vertraute schwarze Silhouette noch durch den Tränenvorhang zu erkennen. Sie blinzelte bis sie wieder klar sehen konnte und bemerkte, dass er nicht mehr „ihr" Severus war, sondern wieder ganz der mysteriöse und unnahbare Professor Snape. Er stand aufrecht und stolz vor ihr. Seine Hände die er eben noch unentschlossen geknetet hatte, verschränkte er nun hinter dem Rücken. Fasst sah er aus, als wollte er sie für ihr weibisches Verhalten verspotten.
Severus hatte sich wieder hinter seine abweisende Fassade zurückgezogen, nur so war es für ihn zu ertragen, mit ansehen zu müssen, wie er Hermine das Herz brach. Verlegen räusperte er sich. „Hermine. Ich-…Ich wünsche dir nur das Beste und viel Kraft, für das, was vor dir liegt."
„Werde ich dich wieder sehen? Irgendwann?", brachte Hermine nach einigen Augenblicken hervor.
„Nicht, wenn ich es verhindern kann…Es wäre…zu kompliziert…Ich wäre gern dein Freund geblieben, aber unter den gegeben Umständen verstehst du sicher, dass das nicht umsetzbar ist. Wenn du es wünschst, könnte ich dir einen Teil deiner Erinnerungen nehmen…es wäre dann vielleicht leichter für dich…?", er schnarrte schon beinahe wieder wie in alten Hogwartszeiten. Hermine musste nicht über sein Angebot nachdenken: „Niemals! Du wirst immer ein Teil von mir bleiben! Und ich will dich auch gar nicht vergessen!", sie wollte einen Schritt auf ihn zugehen, doch er wich zurück. „Was? Darf ich dir nicht wenigstens noch einen Abschiedskuss geben?", enttäuscht sah sie in Snapes beinahe ausdrucksloses Gesicht. Er senkte den Blick für einige Sekunden und beinahe wirkte es, als habe er kurz auf seine Unterlippe gebissen, ehe er seine Mimik wieder unter Kontrolle hatte und distanziert sagte: „Auch wenn ich es für kontraproduktiv halte…gewähre ich dir deinen Wunsch. Sei dir aber gewahr darüber, dass ich direkt im Anschluss verschwinden werde…"
Hermine schluckte die erneut aufsteigenden Tränen runter und nickte kurz. Dann trat sie an Severus heran, sog noch ein letztes Mal seinen charakteristischen Apothekergeruch ein und nahm sein Gesicht in ihre Hände. Schließlich fanden ihre Lippen seinen nur minimal geöffneten Mund. Er schloss die Augen, blieb aber ansonsten vollkommen regungslos. Nach einigen Sekunden ließ Hermine von ihm ab und als er seine Augen wieder öffnete, meinte sie etwas Glitzerndes hinge an seinen dichten, dunklen Wimpern. Genau konnte sie es aber nicht sagen, denn er hielt sich an seine Abmachung. Ein allerletzter intensiver Blick seiner schwarzen Augen – und dann war er verschwunden. Er war wirklich weg. Hermine sank laut schluchzend auf die Knie und es wurde später Vormittag, ehe sie zu ihren Eltern aufbrach.
Severus apparierte irgendwo ins australische Outback. Zornig auf sich selbst und die Ungerechtigkeit des Seins peitschte er mit seinem Zauberstab durch die Luft und ein großer Felsbrocken in seiner Nähe zerbarst in tausend Stücke. Dann ein weiterer und nach ihm noch einer. Snape wütete so lange, bis er vor lauter Staub nichts mehr sehen konnte und seine Lunge sich mit einem Hustenanfall revanchierte. Er stolperte noch einige Schritte weiter, ehe er mit der Schulter gegen einen alten Eukalyptusbaum stieß. Er glitt an ihm hinunter und blieb einfach sitzen, während unzählige Tränen helle Bahnen über seine verstaubten Wangen zogen.
