Die Grangers waren schlicht überwältigt gewesen, als ihre Tochter abgezehrt und mit verquollenen Augen vor ihrer Wohnungstür gestanden hatte. Sie hatten aufrichtig versucht, alles zu verstehen, was Hermine ihnen über die Gefahren, die für sie in Großbritannien bestanden hätten, erzählt hatte. Aber es war nicht so einfach zu begreifen, wie sie ein Jahr lang in dem Glauben gelebt hatten, kein Kind zu haben und der Gedanke, dass sie ihre etablierte Praxis Hals über Kopf aufgegeben hatten, um nach Australien auszuwandern, war für beide nicht nachvollziehbar gewesen.

Während ihr Vater sich zusehends in Rage gesprochen hatte, war ihrer Mutter aufgefallen, dass ihre Tochter, die ihr seltsam fremd und doch vertraut vorgekommen war, einen überaus unglücklichen Eindruck machte. Aber erst nach einigen Tagen war diese mit der ganzen Wahrheit über ihren Trip nach Australien und was es mit dem Lehrer auf sich hatte, der sie begleitet hatte, jetzt aber seltsamer Weise nicht anwesend war, herausgerückt.

Mr. und Mrs. Granger verziehen ihrer einzigen Tochter, baten aber um Verständnis, dass sie nicht schon wieder alle Zelte abbrechen wollten und blieben schließlich in Griffith, wo Hermine sie meist einmal jährlich besuchte.

Hermine meinte einige Wochen lang, ihr Herz würde nie mehr heilen. Sie vermisste Severus jede Minute jeden Tages jeder Woche- immerhin war sie vier Monate mit ihm allein unterwegs gewesen und die letzte Woche davon waren sie praktisch rund um die Uhr zusammen gewesen. Ihr fehlte sein Geruch, seine Selbstdisziplin, der feine Sinn für Humor – einfach alles.

Harry und Ron traf sie zu Weihnachten im Fuchsbau. Nach ihrem anfänglichen Zorn auf Hermine, weil sie allein und ohne sich zu verabschieden losgezogen war und dem ungläubigen Staunen darüber, wen sie sich an ihrer statt als Begleiter gesucht hatte, konnte sie ihnen nichts mehr vormachen und gestand ihnen schließlich ihre Affäre mit Snape. Nicht besonders überraschend war deren fehlende Begeisterung bei der bloßen Vorstellung ihr verhasster Exlehrer könnte etwas mit ihrer besten Freundin haben. Doch immerhin sahen sie am Ende ein, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach zwar grausam, mit Sicherheit aber selbstlos gehandelt hatte, als er mit Hermine, quasi zu ihrem Besten, Schluss gemacht hatte – auch wenn sie davon nichts hören wollte.

Sie stieg nach den Weihnachtsferien in ihr Abschlussjahr in Hogwarts ein, wo sie mit Hilfe von Ginny Weasleys Mitschriften das Verpasste unverzüglich aufholte.

Manchmal aber lag sie nachts in ihrem Bett und betrachtete das geflügelte Silberpferdchen, das sie noch immer um ihren Hals trug. Dann sehnte sich beinahe danach, zu vergessen. Hätte sie Snape doch nur ihr Gedächtnis manipulieren lassen. Anderntags fühlte sie sich besonders, weil nur sie diesen liebevollen Severus hatte kennen lernen dürfen und dann wusste sie, dass sie etwas aus ihrem Leben machen musste, damit sein Verzicht nicht umsonst gewesen war. So beschloss sie, Verwandlungen tiefer zu studieren, um eines Tages wieder nach Hogwarts zurückkehren zu können – als Professorin. Immer in der unterschwelligen Hoffnung, auch Severus Snape würde seinen Lehrerposten wieder aufnehmen und sie ihn so wieder sehen.

Niemand war überrascht, als Hermine Hogwarts im nächsten Sommer mit Bestnoten und Auszeichnung verließ und auch ihr Vorhaben, Lehrerin zu werden, stieß auf breite Zustimmung. Während ihrer Recherchen lernte sie einen acht Jahre älteren muggelstämmigen Magier namens Jonathan White kennen, der im Zaubereriministerium in der Abteilung für Magische Unfälle und Katastrophen arbeitete, wo er unter anderem für muggelgerechte Entschuldigungen zuständig war. Jonathan war ein sehr empfindsamer und überaus kluger junger Mann und die beiden entwickelten auch wegen der gemeinsamen Herkunft ziemlich schnell eine herzliche Freundschaft und trafen sich auch außerhalb der Arbeit immer öfter. Wenig später begann er, diskret aber deutlich um Hermine zu werben. Hermine fühlte sich ihm sehr zugetan und weil absolut alle – selbst Harry und Ron – der Meinung waren, sie und Jonathan würden hervorragend zusammenpassen, gab sie seinen Mühen schließlich nach. Auch wenn es in erster Linie eine Entscheidung des Verstandes gewesen war, erwuchs aus der Partnerschaft bald eine vorbildliche und innige Liebesbeziehung. Denn Jonathan machte es Hermine leicht, ihn zu lieben: war stets fürsorglich, aufmerksam und ein hervorragender Gesprächspartner. Ein Jahr nach ihrer Hochzeit bekam Hermine ihr erstes Kind: ein Mädchen namens Serena. Sie hätte kaum glücklicher sein können. An Severus Snape dachte sie nur noch sporadisch, doch wenn, dann waren es warme Gedanken voll Dankbarkeit, dafür, dass er ihr dies alles ermöglicht hatte und sie hoffte, dass, wo immer er war, er fühlen konnte, dass er immer noch einen Teil ihres Herzens besetzt hielt.

Nach zwei weiteren Jahren folgte noch ein Knabe mit Namen Gabriel. Jonathan war ihnen ein liebevoller Vater und tat, was er konnte, um Hermine auf ihrem Weg ins Berufsleben zu unterstützen. Sieben Jahre nach ihrem Abschluss kehrte sie tatsächlich nach Hogwarts zurück und unterrichtete Verwandlungen, denn Minerva McGonagall hatte sich wohl verdient zur Ruhe gesetzt. Aus der anfänglichen Schnapsidee, an Hogwarts zu lehren, um vielleicht Snape wieder zu sehen, war eine wahre Berufung geworden. Hermine wurde zu einer kompetenten und beliebten Kraft in den ehrwürdigen Mauern, die ihr zweites Zuhause wurden. Nur von den Kerkern hielt sie sich fern.

Harry heiratete noch vor Hermine seine Ginny, aber die beiden ließen sich mit Kindern noch Zeit. Er war als Auror viel unterwegs und Ginny war dabei, sich eine viel versprechende Quidditchkarriere aufzubauen.

Ron hingegen schmiss allzu bald die Aurorenausbildung und stieg stattdessen in Weasleys Zauberhafte Zauberscherze mit ein. Je nachdem, ob er gerade eine Freundin hatte oder nicht, schwankte er zwischen „Das ist die Eine…wir werden bald heiraten!" und „Nichts ist schöner als das Singledasein!"

Mehrmals im Jahr trafen sich Harry, Ron und Hermine, mal mit – mal ohne ihre Familien und hielten einander stets auf dem Laufenden über ihre unterschiedlichen Lebensläufe. Ihre Freundschaft war über so viele Jahre gewachsen, dass ihr auch die getrennten Wege, die sie nun gingen, nichts anhaben konnten.

Und Severus Snape?

Der hatte gleich nach seiner Heimkehr nach Großbritannien ein stundenlanges, tiefschürfendes Gespräch mit dem Gemälde von Albus Dumbledore:

„Du siehst verändert aus, Severus"

„War das nicht Ihr Plan?", konterte er gleichmütig.

„Nun…vielleicht nicht in diesem Umfange…Was ist passiert? Ich habe noch nichts von Miss Granger gehört.", der zweidimensionale Albus konnte einen beinahe genauso durchdringend ansehen, wie der echte einst.

„Ich habe sie an ihr Ziel gebracht…sie gab ihren Eltern erfolgreich ihr sie betreffendes Erinnerungsvermögen wieder. Unsere gemeinsame Mission war beendet und so habe ich sie ganz ihren Eltern überlassen. Sie wird womöglich noch etwas länger in Australien geblieben sein, als ich.", Snape war es gewohnt, Dumbledore Bericht zu erstatten und dieser schien mit seiner Erklärung vorerst zufrieden. „Und du? Offenbar hast du jemanden gefunden, der dir bezüglich der Schlangenbisse kompetente Hilfe war?", fragte Dumbledore, denn natürlich war ihm neben den vielen anderen augenscheinlichen Veränderungen an seinem ehemaligen Spion auch der fehlende Halsverband aufgefallen.

„So könnte man es vielleicht ausdrücken…", antwortete Severus ausweichend. Er saß in Minervas Schulleiterinnenstuhl, den er sich zu Dumbledores Porträt umgedreht hatte und mied den Blick hinauf zu seinem langjährigen Mentor. Stattdessen betrachtete er seine dünnen und nach wie vor bleichen Finger.

„Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, Severus! Du hast um dieses Treffen gebeten, also was möchtest du mir mitteilen?", drängte Albus.

„Ich…habe nachgedacht…wie Sie gesagt haben, war das Ganze auch irgendwie ein Selbstfindungstrip. Meine Arbeit ist noch nicht getan…Es gibt immer noch unzählige Schwarzmagier da draußen. Ich bin deshalb bereit, mich und meine Kenntnisse dem Ministerium zur Verfügung zu stellen, um die Gefahr weiter einzudämmen, allerdings möchte ich dabei jedwede Publizität vermeiden."

Dumbledore wollte alle Vorkommnisse genau beschrieben haben und gemeinsam machten sie sich Gedanken darüber, wie Snape dem Ministerium am besten helfen konnte. Dumbledore hatte inzwischen auch ein Porträt in Kingsley Shacklebolts Büro, das er zwischendurch mehrmals aufsuchte, um sich mit dem Zaubereiminister auszutauschen. Schließlich kamen sie überein, dass Snape künftig als Freier Berater für Shacklebolt arbeiten würde und zu diesem Zwecke ein eigenes Porträt Dumbledores erhalten würde, was ihm die gewünschte Distanz zur Öffentlichkeit gewähren würde.

„So, Severus, nachdem das geklärt wäre, kannst du mir jetzt erzählen, was dir eigentlich auf der Seele liegt.", der alte Mann war auch als Gemälde nicht hinters Licht zu führen. Es stimmte – Severus war auch hergekommen, um mit Albus über Hermine zu reden. Aber was er sich davon erhoffte, war ihm unklar. Absolution? Aufmunterung? Oder gar Ermutigung?

„Es hat mit den von Ihnen angepriesenen ‚Verzückungen des Lebens' zu tun…", brummte er undeutlich. Dumbledores Miene erhellte sich sogleich. „Ah! Du hast etwas gefunden, das dich mehr verzückt als ein brodelnder Kessel? Ja…Ja! Das erklärt die neue Frisur!", das selbstgefällige Grinsen des ehemaligen Schulleiters ließ Übelkeit in Snape aufsteigen. Er hatte es schon immer gehasst, wenn der Alte Recht behielt.

„Sie wissen: ich habe nicht mehr danach gesucht, seit…seit Lily…Und ich hätte mit Sicherheit auch niemals etwas in diese Richtung unternommen, wenn es von anderer Seite nicht gewünscht worden wäre…Ich habe tatsächlich nur einmal etwas gegen ihren Willen getan…und das war, sie auf zu geben." Severus hielt es nicht mehr in dem Stuhl. Er stand schwungvoll auf und stellte sich ans Fenster. Dumbledore hatte so eine Ahnung, nun aber musste er sich erstmal an den linken Bildrand quetschen, um möglichst weit nach rechts gucken zu können, wohin sein Schützling gegangen war. Gerade noch sah er die düstere Silhouette von Snapes schlankem Leib in einem der fast bodentiefen Fenster.

„Was haben Sie sich nur dabei gedacht, mich mit ihr loszuschicken?!", Snape drehte sich um und funkelte das Gemälde an. Dann kam er langen Schrittes darauf zu und warf sich mutlos in den Sessel. Noch ehe Dumbledore seine Schlussfolgerungen ziehen konnte, sprach Severus weiter: „Nein, nein… ‚Jeder ist seines eigen Glückes Schmied', richtig? Nun, ich war noch nie ein guter Faber…", gequält blickte er nun auf und sah direkt in die wasserblauen Augen Dumbledores, in denen tatsächlich so etwas wie Verständnis lag. „Miss Granger? Du-du hast dich in Hermine Granger verliebt?"

„Verliebt?! Ach je, wenn es nur das wäre! Sie war auf dieser Reise so herzlich und gut zu mir, wie kaum jemand in meinem ganzen Leben. Sie hat mir zu liebe alles vergessen, was ich ihr als Lehrer angetan habe. Wir waren für einander da, wie richtige Freunde. Sie ist so viel reifer, als ihre Kumpane und dennoch so rein geblieben. Was ist, wenn ich ihre Unschuld nicht nur körperlich genommen habe?! (Er ignorierte Dumbledores erstaunt aufgerissene Augen an dieser Stelle.)

Albus, das mit ihr hätte vielleicht niemals geschehen dürfen…und trotzdem kann ich es einfach nicht bereuen…würde ich ihr heute über den Weg laufen, ich zöge wahrscheinlich alles zurück, was ich ihr zum Abschied sagte. Ich wollte dieses Leben mit ihr! Ich war so überaus bereit, alles hinter mir zu lassen und mit ihr tatsächlich von vorn anzufangen…

Ich musste es beenden, denn in Wahrheit habe ich kein zweites Leben erhalten…mein altes wurde lediglich verlängert…zu viele trachten nach Rache an mir – auf beiden Seiten. Zu viele wollen die Dunklen Künste wieder an der Macht sehen…mein Kampf gegen sie und damit meine Vergangenheit wird nie enden! Das ist nichts, was man ihr wünscht…Sie soll glücklich werden und unbeschwert…und sie braucht ihre Freunde…deshalb riss ich alle Brücken zu ihr ein…deswegen liebe ich sie doch aber nicht weniger!", seine Stirn war wie in großer Pein gerunzelt. Dumbledore bedauerte, dass er als Gemälde nicht einmal jemandem freundschaftlich die Hand auf die Schulter legen konnte, der es so dringend brauchte, wie der am Boden zerstörte Severus Snape.

„Du bist ein Spieler, Severus…die haben bekanntlich kein Glück in der Liebe…" Snapes Blick kühlte rasch ab. Auf Dumbledores altkluge Sprüche hatte er weiß Gott keine Lust.

„Ihre ach so tolle Liebe hat einfach kein Glück bei mir, Albus. Aber immerhin hat es gereicht, um die Spuren von Voldemorts Mordversuch zu beseitigen, nicht wahr?!"

Dumbledore nickte gedankenversunken: „Ja…das muss es gewesen sein…es lag ein Fluch darauf, den nur selbstlose Liebe brechen konnte…Ach Severus…ich ziehe meinen Hut vor dir – wenn auch nur im übertragenen Sinne. Du hast das Richtige, das Vernünftigste getan…Und ich glaube nicht, dass Miss Granger durch dich oder das, was ihr mit einander gehabt haben mögt, irgendeinen Schaden erlitten hat. Sie ist stärker als die meisten ihres Alters und noch so jung. Sie wird dich nicht vergessen, aber sie wird erkennen, dass es noch andere Männer gibt…irgendwann." Er ah mit einer derart penetranten Güte auf Snape hinab, dass dieser bei seinen Worten die Kiefer aufeinander presste und schnaubte.

„Sicher wird sie das! Und es wird mir erneut eine Ehre sein, alles für die Frau, die ich liebe, zu tun, ohne sie je wieder zu sehen…", damit stand er auf, drehte Minervas Stuhl wieder zum Tisch und verschwand mit dem Wehen seines nachtschwarzen Umhangs durch die Tür, ehe Dumbledore noch etwas erwidern konnte.

Tatsächlich verfolgte Snape die kommenden Jahre zwar Hermines Werdegang, doch hielt er Wort und widerstand der Versuchung, sich ihr erneut zu zeigen. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass wenigstens sie glücklich geworden war.

Er lieferte dem Ministerium wertvolle Hinweise und handfeste Informationen und wurde dafür gut bezahlt dafür, sodass er sich sein freudloses Leben im Schatten der Gesellschaft zumindest leisten konnte.

Die Malfoys nahmen nach einiger Zeit Kontakt zu ihm auf und da ihn mit der Familie viel verband, wurde er zum regelmäßigen Gast in deren Anwesen. Sie waren neben Dumbledores Gemälde im Flur seines Hauses die einzigen, deren private Gesellschaft er noch schätzte und zuließ. Schließlich konnte er sogar überredet werden, die Patenschaft für Dracos Erstgeborenen Scorpius zu übernehmen.

Die Erinnerungen an Hermine hatte er wie einen Schatz tief in seinem Innersten verborgen. Nur dann und wann gönnte er sich den Blick zurück auf die wahrscheinlich freudigsten Momente seines Lebens. Jene mit ihr.

Ende

So, ihr Lieben,

das war es also! Ich danke euch, die ihr meine Geschichte gelesen habt und habe abschließend nur eine Bitte: ich würde mich wirklich freuen, wenn ich noch einige Reviews bekommen könnte, nun da die Geschichte komplett ist. Vielen Dank!

Wenn ihr euch wundert, weshalb ich den Titel geändert habe: Hereafter war stets nur als Arbeitstitel gedacht.

Ich wünsche euch alles Gute,

euer Nösi