Ich war mir undeutlich bewusst, das Jacob mich in unser Zimmer gebracht und aufs Bett gelegt hatte. Ich sank tiefer in den Schlaf aber alles was ich dort fand war ein Alptraum. Ich sah Adam wie er mit ausgebreiteten Armen in einem kreisrunden marmornen Raum stand. Er war umringt von so vielen Vampiren dass er kaum noch zu sehen war. Alle tranken sein Blut. Da waren Aro, Marcus und Caius, Jane und Alec, Felix, Demitri, Dann erkannte ich die anderen Edward und Bella, Jasper und Alice, Rosalie und Emmett, Carlisle und Esme. In meinem Traum rannte ich auf Adam zu aber sein lebloser Körper fiel schlaff zu Boden.
„Neeeiiiiin!"
Ich schreckte hoch mein Atem ging flach und schnell, meine Hände waren kalt und feucht.
„Schh" hörte ich Jacob neben mir „Es war nur ein Traum. Alles ist gut! Du bist bei mir! Nichts davon ist geschehen!" Jacobs Stimme half die restlichen Bilder des Traums zu verscheuchen.
Langsam beruhigt ich mich.
„Geht es wieder?" Jacobs Stimme war beruhigend aber ich konnte den nervösen Unterton trotz allem hören. Ich legte meine Hand auf seine Wange. Ich beschwor die Bilder meines Traums hervor. Wieder spürte ich wie die Kälte durch meine Adern kroch.
„Hmm... Du machst dir um ihn Sorgen." Jacobs Stimme war warm und voller Verständnis.
„Was meinst du wie viele Vampire es braucht um ihn zu töten?" flüsterte ich.
Jacob überlegt kurz „Keine Ahnung, aber er ist uralt. Er wird sein Leben nicht leichtfertig aufs Spiel setzten. Hör auf dir Sorgen zu machen. Er weiß sicher was er tut."
Ich war nicht überzeugt „Wir sind seine einzige Chance. Wäre ich an seiner Stelle und der Plan würde fehl schlagen. Ich könnte sein Schicksal nicht bis in alle Ewigkeit ertragen..."
„Dann werden wir dafür sorgen das der Plan funktioniert."
Durch das Fenster kroch blass rosa Licht. War es schon Morgen?
Ich sprang aus dem Bett und zog mich in Windeseile an.
„Was ist denn los?" brummte Jacob „Komm zurück ins Bett. Es ist noch viel zu früh."
Ich schaute Jacob empört an „Ich muss wissen was gestern beschlossen wurde. Was wir nun tun werden. Ich kann nicht fassen, dass ich so einfach eingeschlafen bin."
Jacob setzte sich auf „Nessy du warst völlig fertig, es war ne ganze Menge gestern Abend."
„Das ist keine Entschuldigung, los raus aus den Federn!" rief ich ihn zu, ich war schon halb aus der Tür.
Ich machte für mich und Jacob ein schnelles Frühstück. Wo waren denn bloß alle?
„Mom? Dad?"
Bella kam in die Küche und begrüßte mich mit einer Umarmung „Guten Morgen mein Schatz, geht es dir besser?"
„Ja Mom, mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut." murmelte ich in ihr Haar. „Wo sind denn alle?"
„Auf dem Weg zum Flugplatz..." sagte sie leise.
„Was? So schnell? Und wir? Wir müssen doch mit! Du musst sie doch alle schützten!" Ich stolperte fast über meine Worte. Verwirrung benebelte meinen Kopf und machte das Denken schwer.
Nun nahm sie mein Gesicht in ihr Hände und blickte mir direkt in die Augen. Ihr Blick war so voller Traurigkeit dass es mir die Kehle zuschnürte.
„Ich werde auch gleich fahren ich wollte mich nur noch von euch verabschieden. Wir alle lieben dich Renesmee. Und wir werden bald wieder da sein."
„Wa..?" es war nur ein erstickter Laut. Das machte alles keinen Sinn. Wenn sie alle bald wieder da sind warum ist sie dann so unendlich traurig? Die Erkenntnis kroch an mir hoch wie ein kalter zäher Nebel. Sie log mich an. Sie konnte nicht wissen dass wir uns alle bald wieder sehen. Sie bezweifelte es sogar. Nun sah ich es ganz deutlich in ihren Augen. Und die Wut packte mich.
„Nein! Wir kommen mit!" presst ich durch meine Lippen.
„Nein! Das werdet ihr nicht!" Die Traurigkeit verließ Bellas Augen nicht als ihr Gesicht zu einer steinernen Maske wurde.
„Oh! Doch!"
„Oh! Nein!" nun begann Bella mit flehendem Blick auf mich einzureden „Bitte sei vernünftig Renesmee. Sieh doch ein, dass du nur dein und Jacobs Leben aufs Spiel setzt, wenn du mit kommst. Du wirst hier bleiben, in Sicherheit! Du wirst heute ganz normal zum College gehen."
Ich konnte sie nur anstarren. Ich würde meine Familie nicht mehr wieder sehen. Sie gingen zu den Volturi damit Rosalie ihre Chance bekam wieder ein Mensch zu werden. Keiner konnte garantieren dass sie das überleben würden und ich hatte nicht einmal die Chance gehabt mich von ihnen zu verabschieden.
„Mom, vergiss das blöde College. Wir kommen mit! Ihr seid viel zu wenige und ihr braucht jede nur erdenklich Unterstützung." stur verschränkte ich die Arme vor der Brust.
Jacob trat leise in die Küche. Ich war mir sicher, dass er die Unterhaltung mit angehört hatte.
„Wir kommen mit!" sagte er mit seiner heiseren Stimme die keinen Widerspruch zuließ. „Und ich werde dafür sorgen, dass Nessy nichts passiert."
Ich atmete erleichtert aus. Natürlich würde er mir jeden meiner Wünsche erfüllen. Doch im gleichen Moment kroch wieder die Angst durch meine Adern. Welchen Preis würde mein Wunsch fordern?
Balla sah nun wütend von Jacob zu mir. In ihrem Blick war deutlich ein 'Bist du nun zufrieden?' zu lesen. Es war so deutlich als hätte ich die Gabe meines Vaters.
„Also gut! Beeilt euch, ich warte im Wagen" knurrte sie, die Zähnen zusammen gebissen.
Im Gehen hörte ich sie vor sich hin knurren „Bescheuerte Wölfe! Bescheuertes prägen!"
Jacob und ich packten nur ein paar Sachen zusammen. Und stiegen nur wenige Minuten später in den Wagen. Sobald wir saßen rauschte Bella los. Sie sprach kein Wort ich war mir sicher sie kochte noch immer vor Wut. Aber ich sah auch die Sorge in ihrem Gesicht. Und mein schlechtes Gewissen meldete sich. Hätte ich doch auf sie hören sollen?
Ich war noch ganz in Gedanken versunken als wir beim Flugplatz ankamen. Bella fuhr zum Bereich der Privathangaas.
„Wir fliegen mit dem Familienjet?" Ich machte große Augen. Wann war das schon mal vorgekommen?
Bella sprach sehr leise. „Wir sind zu viele. So ist es unauffälliger."
Als ich zum Flugzeug blickte sah ich warum wir so viele waren. Unsere Verwandten der Denalizirkel war auch da. Eleazar und Carmen, Tanya und Kate und auch Garrett der nun schon seit 8 Jahren bei ihnen lebte.
„Wie sind sie so schnell..." aber ich kam nicht dazu meine Frage zu stellen. Kaum stand das Auto da war Edward schon an meiner Tür und riss sie auf. „Nein! Ihr kommt nicht mit!"
Bella schaute mich an und ich konnte ihre Gedanken fast hören 'Hab ich doch gesagt' war laut und deutlich in ihrem Gesicht zu lesen.
Entwickelte ich nun schon die Gabe meines Vaters? Aber Bellas Gedanken waren die einzigen die er nie hatte lesen können. Ich verwarf den Gedanken. Bellas Gedanken waren schon immer leicht in ihrem Gesicht abzulesen.
„Und warum nicht?" fragt ich und schob mich an ihm vorbei aus dem Auto.
„Ihr werdet euch nicht unnötig in Gefahr begeben. Ihr bleibt hier! Hier ist es sicher!" seine Miene war wie aus Stein.
'Dad bitte!' in Gedanken flehte ich ihn an. Ich beschwor erneut die Bilder meines Albtraums hervor und hörte wie er einen erstickten Laut von sich gab. Ich spürte wie mir die Tränen über die Wangen kullerten 'Bitte! Lasst mich nicht allein.' Ich schluchzte.
Edwards Miene wurde sofort sanfter und er umarmte mich fest.
„Es war nur ein Traum. Uns wird nichts passieren. Alles wird gut werden." versprach er mit samtener Stimme.
Jacob kam an meine Seite und griff nach meiner Hand. „Ich werde nicht zulassen dass ihr etwas zustößt."
Resignierend seufzte Edward „Steigt ein, in 10 Minuten heben wir ab."
Ich sah wie Jasper und Emmett im Cockpit diskutierten.
Alice rollte nur mit den Augen. „Sie sind sich noch nicht einig wer der Pilot ist." klärte sie mich auf, nachdem sie meinen fragenden Blick gesehen hatte.
„Wer wird es sein?" fragte ich sie neugierig.
„Edward natürlich." sagte sie als wäre alles andere völlig absurd.
Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.
Im Flugzeug fand ich Adam. Er saß in einem der Sitze und schlief tief und fest.
„Er war die ganze Nacht auf und wir haben geredet. Er war völlig erschöpft" Esme hatte meinen Blick bemerkt und kam zu mir.
Adam sah so friedlich aus. Wie ein Engel schien er mir. Er konnte den Fluch der Verdammnis von meiner Familie nehmen. Er gab ihnen ihre Seele zurück. Er musste ein Engel sein. Wieder drängten sich die Bilder meines Traumes in mein Gedächtnis. Wird unser Engel sterben? Konnte ich irgendetwas tun um seinen Tod zu verhindern?
Er schlief fast den ganzen Flug über. Manchmal lächelte er im Schlaf ich konnte ihn die ganze Zeit nur anschauen. Ich hätte ihn gern so vieles gefragt aber wollte ihn doch nicht wecken. Also schaute ich ihn nur weiter an. Ich hätte so gern sein Gesicht berührt. Ich wollte ihm so vieles zeigen.
Aber warum? Meine Gefühle verwirrten mich. War es nur aus Dankbarkeit für das was er für meine Familie tun wollte. Musste ich nicht eigentlich sauer auf ihn sein, dass er uns durch seine Bitte alle in Gefahr brachte? Nein, ich konnte ihm nicht böse sein.
Mit einem Mal verstand ich Bella. Wie sie damals Edward und Jacob lieben konnte. Ich und Jacob gehörten zusammen. Unzertrennlich durch das Schicksal zusammen geschweißt. Ich konnte ohne ihn nicht sein und er nicht ohne mich. Es war völlig klar. Es gab keine Wahl. Und doch liebte ich auch Adam. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag und raubte mir den Atem.
Jacob merkte sofort dass etwas nicht stimmte. Er nahm mich in den Arm und wog mich sanft. Er küsste mir die Tränen vom Gesicht. „Sch! Nessy alles wird gut!" murmelte er leise.
Seine Worte und Berührungen taten so gut. Ich kuschelte mich an seine Brust und beruhigt mich langsam.
„Was hat sie? Geht es ihr nicht gut?" Adams tiefe melodische Stimme klang besorgt.
„Sie macht sich Sorgen." erklärte Jacob mit einem Flüstern.
Ich richtete mich auf „Es geht schon!" sagt ich, meine Stimme belegt.
Jacob stand auf „Ich hole dir was zu trinken."
„Adam?" flüsterte ich
„Ja?"
„Wie viele Vampire können dich beißen ohne dass du... dass du..." ich schluckte
„Stirbst?" half er mir
„Ja."
„Hmmm... ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Ich lebe ja noch." er zwinkerte mir zu. „Den größten Zirkel den ich mit einem Mal zerstört habe bestand aus 4 Vampiren. Das ist schon ungewöhnlich groß für Vampirzirkel. Aber das weißt du sicher."
„Und wie ging es dir danach?" Ich konnte meine Sorgen nicht aus meiner Stimme fern halten.
Er zögerte. Ich schaute in seine eisblauen Augen. Die bleichen weißen Fäden in seiner Iris schimmerten.
„Nicht … besonders … gut. Vampirgift tötet mich nicht aber es … schwächt mich. Du brauchst dir wirklich keine Sorgen machen. Ich bin sicher, dass sobald Aro, Caius und Marcus zerstört sind die anderen Vampire fliehen werden. Sie haben dann keinen Grund mehr weiter zu kämpfen. Deine Familie ist zu groß mir wird nichts passieren." Er klang sich seiner selbst so sicher. Es war mir unbegreiflich wie er sich so sicher sein konnte.
Dann wurde er sehr ernst. Er nahm meine Hände. Sie verschwanden in seinen großen Händen. Selbst diese Berührung erinnerte mich an kühles Mondlicht und ein Schauer lief mir über den Rücken. Es war ein wohliger Schauer und ich spürte ein Kribbeln in meinen Händen.
„Es tut mir sehr Leid, dass ich deine Familie in Gefahr bringe." Seine Augen waren so klar, so tief und so rein. Mir war es könne ich seine Seele sehen. „Hätte ich dich vorher kennen gelernt. So hätte ich sie nicht um Hilfe gebeten. Es tut mir unendlich Leid, dass ich dir Kummer bereite."
Dann ließ er meine Hände los, lehnt sich wieder an schaute zu Jacob. Jacob reichte mir kleine Flasche Wasser.
