Sie schreckte hoch.
„Was?", fragte sie verwirrt, als sie hörte, wie Hermine erneut ihren Namen sagte.
Die Ältere sah sie verwundert um und runzelte die Stirn. „Ich habe dich gefragt, ob du mir beim Verteilen der Flyer helfen willst, Ginny. Die sind wichtig für die anderen." Sie betonte das 'anderen', als wollte sie sich selbst damit ausgrenzen. Das Funkeln in ihren Augen aber, das alle Mädchen seit der Verkündung von Professor Dumbledore zur Schau trugen, konnte sie dabei nicht verdecken.
Ginny seufzte und wandte sich bedauernd von ihrem Mittagessen ab, um ihre Aufmerksamkeit ihrer Freundin zu schenken. „Was sind das für Flyer?", hakte sie nach.
Hermine grinste und rollte bedeutungsvoll mit den Augen. „Aufforderungen um beim Komitee mitzuhelfen, natürlich. Die Professoren rechnen wohl damit, dass es zu viel für uns Vertrauensschüler sein könnte ein bisschen Musik zur richtigen Zeit zu spielen."
„Ich dachte McGonagall hätte eine Band angefordert?" Desinteressiert zog Ginny die Augenbrauen hoch und spießte mit der Gabel eine Kartoffel auf, die sie sich sofort in den Mund schob. Köstlich.
Hermine brummte etwas unverständliches vor sich hin und drückte ihr einen Stapel Flyer in die Hand. „Budget ist alle", sagte sie dann deutlicher und fügte knapp hinzu: „Verteil die einfach."
Als die Vertrauensschülern aus der Großen Halle rauschte, um sich wieder an die 'Arbeit' zu machen, stöhnte Ginny. Das waren ganz schön viele von den kleinen Papiertickets, die sie da verteilen sollte. Besonders kreativ hatte man das Hogwartswappen in den Hintergrund geprägt und darüber einfach 'WINTERBALL – DER BALL DEINES LEBENS' gedruckt – oder gezaubert. Oder sonst was.
Ihr war das ziemlich egal.
Mit einem hörbaren Atemzug, der wohl ein Murren unterdrücken sollte, stand sie auf und ließ ihren erst halbleeren Teller stehen. Die Tasche, in die sie vorhin die Bücher für die letzten beiden Stunden verstaut hatte, verfrachtete sie auf ihre Schulter, sodass sie an ihrer Seite hing.
Ginny warf noch einen Blick auf das andere Ende des Gryffindortisches, dort, wo normalerweise ihre Freunde saßen. Jetzt behielt nur Ron ihre Plätze noch im Auge, währenddessen Hermine eben ja gegangen und Harry … weit und breit nicht zu sehen war. Wieso konnte man sich wohl denken – der Grund war eine schwarzhaarige, sehr anhängliche Ravenclaw.
Für einen Moment beflügelte Ginny wieder das süße Gefühl des Selbstmitleids, doch dann beobachtete sie, wie Ron abwesend in seiner Suppe herumrührte. Für ihn war das ganze wahrscheinlich schwerer, als für Harry oder Hermine: Er hatte zwar die Vertrauensschülerin zur festen Freundin, aber die steckte momentan so in dem Eifer, der Aufgabe ihres Amtes während des Winterballs perfekt gerecht zu werden, dass sie ihrem Freund wahrscheinlich nicht besonders viel Zeit schenkte. Und Harry verfolgte seine eigenen Interessen …
Düster schritt Ginny eilig aus der Halle, vorbei an einer Gruppe wütend dreinschauender Gryffindormädchen, die sich noch darüber ärgerten, dass ihr Held vorhin einfach so mit 'einer anderen' in einen finsteren Flur abgezogen war. Es war aber auch zu klischeehaft für Hogwarts. Während in der wirklichen Welt ein Krieg langsam seinen Auftakt fand, fanden die Schüler in Hogwarts schon wieder Gründe sich das Maul zu zerreißen.
Ginny war nur froh, dass sie nicht dazu gehörte.
Nein, sie schwieg und versuchte, bloß nicht darüber nachzudenken, was der große Harry Potter in dem Augenblick machte, in dem sie Fünft- bis Siebtklässlern Flyer für einen Ball entgegenschleuderte, zu dem sie selbst nicht einmal hingehen wollte. Oh ja, sie konnte es sich eher vorstellen einen Abend voller Trübsalblasen in ihrem Schlafsaal zu verbringen und für Prüfungen zu lernen, die erst in einem halben Jahr stattfanden.
Trotzdem wusste sie jetzt schon, dass sie genau das nicht tun würde. Es passte nicht zu ihr sich den Verlockungen der Melancholie hinzugeben – wirklich nicht. Stärke, Mut, Hoffnung. Die Prinzipien der Gryffindors.
Und sie sollte verdammt sein, wenn sie ihnen nicht folgte.
Ach, wenn sie schon bei Prinzipien war: Ginny ging gerade einen leeren Korridor tief unten in den Kerkern des Schlosses entlang, da bog jemand um die Ecke. Das Paradebeispiel für die Befolgung von Prinzipien: Draco Malfoy. Obwohl er ihr vor ein paar Wochen noch etwas vollkommen anderes gesagt hatte – dass er kein Todesser war.
Und würde er sich nicht immer noch wie ein Arsch benehmen – okay, sie zumindest ignorierte er inzwischen (nein, seitdem!) geflissentlich – hätte sie ihm wahrscheinlich sogar geglaubt. Obwohl … ignorieren konnte man es nicht nennen. Da gab es ein Synonym, das trotzdem eine andere Bedeutung verfolgte …
Ach ja! Ausweichen.
Ja, Draco Malfoy wich ihr, Ginny Weasley, aus.
Auch jetzt, kaum, dass seine grauen Augen sie fixierten, wandte er sich schnell ab und sah aus, als wolle er schon auf dem Absatz kehrt machen. Sie verzog grimmig das Gesicht – oh nein, sie hatte es ihm lange genug durchgehen lassen.
„Malfoy!", rief sie, von einer plötzlichen Welle der Wut ergriffen. Vorher, bevor er ihr im Verbotenen Wald mitgeteilt hatte, dass er nicht so war, wie alle glaubten, war er wenigstens noch nützlich gewesen. Nützlich im Sinne von als Sündenbock fungierend. Und mal ehrlich: Er hatte nie etwas dagegen gehabt ihre Beleidigungen zu erwidern oder – noch besser! - selbst zu beginnen ihr welche an den Kopf zu werfen.
Sie lief eilig auf ihn zu, damit er bloß nicht die Gelegenheit hatte sich seiner … 'Aufgabe' zu entziehen und zu ihrer Überraschung blieb er ausnahmsweise, wo er war.
„Malfoy", wiederholte sie und stoppte, kurz, bevor sie ihn erreicht hatte, um würdevoll langsam einen Meter vor ihm zum Stehen zu kommen.
Als er ihr widerwillig sein Gesicht zuwandte, merkte sie, dass er noch ein Stück blasser geworden war. Wäre er ein Freund von ihr gewesen, hätte sie die Frage, ob er überhaupt in letzter Zeit etwas gegessen hatte, nicht zurückgehalten. Seine weißblonden Haare kräuselten sich leicht – sie waren noch leicht nass, als hätte er gerade noch unter der Dusche gestanden.
„Was willst du?", erkundigte er sich unwirsch.
„Hier", meinte sie, plötzlich verlegen, und reichte ihm einen Flyer. Statt ihn zu nehmen starrte er nur auf ihn hinab, um dann wieder aufzusehen. Spöttisch hob er eine Augenbraue.
Fast sanft, als würde er mit einer Geistesgestörten reden, fragte er: „Und wieso sollte mich das interessieren?"
Ginny zuckte, bemüht um eine neutrale Miene, die Achseln. „Frag Hermine. Sie scheint der Ansicht zu sein, dass jeder in diesem Schloss so einen nötig hätte. Meinetwegen kannst du sie auch nehmen und aus dem Fenster schmeißen – dann sage ich halt, dass du es warst", versuchte sie sich an einem Scherz, doch er runzelte nur die Stirn. Gereizt zog sie ihr Angebot wieder zurück und brummte: „Dann eben nicht, Eure Hoheit."
Sie zuckte zusammen, als er ein heiseres Lachen ausstieß. Es klang gespielt und war zu kurz, um wirklich ernst gemeint zu sein, aber es war immerhin eine Reaktion. „Mit als letztes, als was du mich bezeichnen kannst, ist 'Eure Hoheit'", meinte er und schüttelte den Kopf. „Gib schon so ein Ding her. Ich werde es Pansy geben."
Wie in Trance, mit weit aufgerissenen Augen, hielt sie ihm einen Flyer hin.
Er nahm ihn ihr grinsend ab und ging mit langen Schritten an ihr vorbei, um seinen Weg fortzusetzen.
ooooo
Ginny starrte ihr Spiegelbild an. „Meinst du, dass das wirklich das Richtige ist, um auf einen Ball zu gehen, der wohlgemerkt eine Schulveranstaltung ist?"
„Das ist ja auch nicht für den Ball selbst, sondern für die Partys danach", korrigierte sie Arianna Bones, die in einem dunkelgrünen Kleid mit Spitzensaum im Türrahmen erschien. Ginny drehte sich skeptisch zu ihr um. „Hast du meinen Kamm gesehen? Er muss noch irgendwo sein …" Mit einem Blick auf die Uhr schnappte sie nach Luft. „Oh je – schon SO spät?!"
Panisch verschwand sie wieder in dem Badezimmer, das sich der Schlafsaal der Fünftklässlerinnen teilte. Ginny rief ihr nachdenklich hinterher: „Ich glaube kaum, dass das wirklich passt – ich ziehe einfach das von letztem Jahr an. Übrigens, der Kamm ist noch in deinen Haaren!"
Arianna rief ein erleichtertes „Danke" zu ihr hinüber, was wohl hieß, dass sie den Kamm gefunden hatte. Die beiden Mädchen waren die letzten im Schlafsaal, was kein Wunder war: Arianna hatte Ginny geradezu in ihr eigenes Kleid zwingen müssen, das Ginny, nur um schnell aus dem Laden wegzukommen, wahllos aus der Auswahl gegriffen hatte. Jetzt büßte sie dafür, indem sie selbst Zeit verloren hatte, was der Rothaarigen ehrlich leidtat, aber nun nicht mehr zu ändern war.
Nach der Begegnung mit Malfoy hatte sie beschlossen den Ball ausfallen zu lassen – sie wollte lieber nicht hingehen, wenn das bedeutete, dass sie womöglich ihn antreffen würde. Nicht, weil sie Angst vor ihm hatte, oder so, nein, es lag eher daran, dass das bedeutete, dass er sie als leichtes Opfer ansehen würde. Immerhin ging sie allein auf diese verdammte, idiotische Veranstaltung, die Professor Dumbledore seit dem Trimagischen Turnier jedes Jahr abzog – leider.
Eigentlich war der Winterball ja ganz nett, besonders, seit auch jüngere Schüler teilnehmen durften, und die Partys im Nachhinein waren auch nicht schlecht, geschweige denn, wenn man von der unbegrenzten Nachtruhe sprach, aber ohne Begleitung … Ohne Begleitung war das, wie eine verhungernde Maus ohne Käse: Man war dazu gezwungen keinen oder etwas Unappetitliches zu essen.
Sie schälte sich genervt aus dem beigefarbenen Kleid und zerknüllte es in ihrem Koffer. Es sah einfach zu sehr nach Hallo-will-mich-jemand-auffressen-ich-bin-so-wehrlos aus. Dann suchte Ginny so lange, bis sie das fand, dass sie letztes Jahr getragen hatte. Es wäre ihr sicher inzwischen etwas zu klein, aber wenn man bedachte, dass es bei ihrem ersten Gebrauch noch etwas zu groß gewesen war, müsste es jetzt sogar passen.
Plötzlich ganz glücklich mit ihrer Entscheidung, hielt sie es sich an den Körper und betrachtete sich. Ja, das war passabel. Wenn sie schon in einer Ecke hocken, Däumchen drehen und dabei zusehen musste, wie ihre Freunde sich amüsierten, ihr eigener Bruder, mit eingeschlossen, dann konnte sie sich wenigstens in dem wohlfühlen, was sie trug.
Das Kleid war lang und dunkel, ein seltsam rußiges grau, das nicht wirklich schwarz war, aber auch nicht hell. Es besaß einen einfachen Schnitt mit einer umwickelten Taille und nur einem breiten Band, das sich über ihre rechte Schulter über ihre Schulterblätter zog, um es zu halten und sich mit dem weichen Stoff an ihrem Rücken zu verknüpfen. Nach ihrem Geschmack war es perfekt.
Ginny ließ ihre Haare einfach offen, also so, wie sie waren – für mehr war keine Zeit – und dann drängte sie Arianna auch schon in den Gemeinschaftsraum, wo sie sich mit Seamus traf. Die Rothaarige sah ihnen abwesend nach und dachte glücklich, wie gut sie es hatte, dass sie keine Begleitung gewählt hatte, um einfach eine zu haben. Arianne amüsierte sich gerne, mehr nicht, aber Seamus war einfach langweilig. Das einzige, worüber er reden konnte, war Quidditch, seinen besten Freund Dean und seine geheimnisumwobene Ex-Freundin in Frankreich.
Arianna tat Ginny ehrlich leid.
Doch sie folgte ihrer Freundin bedächtig in die Eingangshalle, von wo sie darauf wartete, dass man die Schüler, die schon ungeduldig warteten, in die Große Halle ließ. Kaum, dass die Tür geöffnet wurde, verschwanden die Schüler in einer stetig ungeduldigen, sich auf die Füße tretenden Flut nach drinnen und Ginny hatte keine andere Wahl, als sich von ihr mit tragen zu lassen, bis sie sich an einen der Tische retten konnte.
Wenigstens das Essen würde gut schmecken.
Die Halle konnte man sich allerdings nur vorstellen, wie die letzten Jahre auch – gleich. Man hatte einfach die Deko genommen, die es das vorige und das vorvorige Mal schon gegeben hatte: Alles vereist, wie in einem endlos öden, kitschigen Winterland mit zu viel Wert auf Kristall, damit auch alles schön zerbrechlich aussah. Ginny hatte bei jedem Klimpern und Scheppern von Geschirr Angst, dass etwas kaputt gehen würde oder die Teller einfach das Gewicht der Steaks nicht aushalten könnten, die viele sich aufluden.
Ginny beschränkte sich auf einen köstlichen Spätzel-Auflauf mit einer schinkenreichen Füllung, die fast den Nudelanteil übertraf. Sicher nichts für Vegetarier.
Und dann begann das Tanzvergnügen – jippijjayjay.
ooooo
Sie saß schon seit einer langen, endlosen Zeit am Rand der Tanzfläche und beobachtete das Geschehen, hin und wieder an einem Kristallglas nippend, mit einer speziellen durchsichtigen Flüssigkeit darin, die nach Apfelsaft schmeckte. Nach einer Weile schien sogar das zu einschläfernd und sie begann den Himmel zu mustern.
Es war eine Schande, dass die Deko-Gruppe, die eh schon sehr unkreative Arbeit geleistet hatte, auch noch das einzig Interessante (außer vielleicht dem Essen …) - nämlich die wahrhaftige Himmel-Decke – durch einen eisigen Sturm hatte ersetzen lassen, sodass die sternklare Nacht draußen durch den Versuch eines etwas wilden Themas erstickt wurde. Wirklich tragisch.
Ginny stöhnte gelangweilt auf und stellte das Glas genervt auf dem Tisch in der Sitzecke ab. Sie erhob sich, betrachtete noch einmal die Tanzenden, und schob sich dann an der Wand entlang Richtung Ausgang. Im Vorbeigehen entdeckte sie einen mit Cho Chang fest umschlungen tanzenden Harry, eine herumtorkelnde, ganz offensichtlich betrunkende Pansy Parkinson und Arianna, die offenbar gerade die Flucht antrat, um vor Seamus' Anekdoten zu fliehen.
Ginny trat in die Ruhe der Eingangshalle und ließ endlich den Abend hinter sich. Die Gänge im Schloss würden leer sein, nur einzelne Pärchen oder der ein oder andere verirrte Erstklässler, was bedeutete, dass sie vollkommen entspannt, ohne Aufsehen zu erregen, verschwinden konnte. Aber wohin? Sie hatte nun wirklich keine große Lust darauf im Gemeinschaftsraum zu sitzen, wie ein sich selbst bemitleidender Jammerlappen – nein, ganz bestimmt nicht.
Also raffte die Rothaarige ihr Kleid und erklomm mit etwas Mühe die Treppe, die in den dritten Stock führte. Dort musste sie auf eine andere Umsteigen, die sich nach kurzem Warten dann so in Bewegung setzte, dass sie an einem Gang im vierten Stock anschloss. Sie beeilte sich noch rechtzeitig, bevor die Treppe weiterwanderte, das Ende zu erlangen und eilte dann ungeduldig durch den Korridor. Dass sie ohne dieses Kleid sicher schneller gewesen wäre, stellte sie dabei auch missmutig fest.
Als Ginny endlich vor einer großen, imposanten Tür Halt machte, war sie leicht außer Atem, aber wie allgemein bekannt ist, ist die Geduld nun wirklich keine Stärke ihrer Familie – und da war sie keine Ausnahme.
Mit gelasseneren Schritten betrat sie den Raum, den sie so dringend hatte erreichen wollen.
Die Bibliothek von Hogwarts.
Hohe, bis teilweise zur Decke reichende Regale, die öfters nur von einer Galerie gestoppt werden konnten, die sich mit noch mehr Regalen einen Stock höher an der Wand entlangzog. Der breite, elegante Ausleihtresen von Madame Pince war ausnahmsweise unbesetzt und nur wenige Kerzenleuchter spendeten Licht, das gerade weit genug reichte, damit Ginny wusste, wo sie hinlief. Es war schon ein Wunder, dass die Bibliothek während der Abwesenheit der Bibliothekarin überhaupt geöffnet hatte.
Ginny war erleichtert, als sie mitten in dem großen Raum zwischen den Regalen endlich zur Ruhe kam. Sie atmete einmal befreit ein, um die Luft dann ruhiger wieder auszustoßen.
Obwohl Hermine immer der Bücherwurm gewesen war und Ginny nie öfters hierherkam, als für das Lernen, fühlte sie sich wohl zwischen den vielen tausend Seiten alten Pergaments und den ledernen, geheimnisvollen Buchrücken. Es war wie ein ganz eigener Rückzugsort – zu riesig, als dass überall Menschen waren, die sie stören konnten. Zu verworren, als dass es auffiel, wenn sie für eine Weile in den Reihen verschwand oder sich schnell in eine andere flüchtete, wenn ein Lehrer ihr entgegenkam.
Sie summte leise vor sich hin, während sie hin und her streifte, manchmal ein Exemplar herauszog und es zu der Sammlung in ihren Armen legte, wenn es sie interessierte. Irgendwann war der Stapel so schwer, dass Ginny ihn auf einen der Studiertische irgendwo in der Geschichtsabteilung abstellte und sich erschöpft, aber trotzdem vollkommen wach, einen Stuhl heranzog.
Etwa eine Viertelstunde passierte nichts – das Einzige, was zu hören war, war das Blättern von Seiten, die sie in einem stetigen Zeitabstand umschlug, sonst nichts. Doch dann bemerkte sie etwas. Ein Schatten, der eigentlich nicht dorthingehörte, wo er war.
Sie sah verwirrt auf. Tatsächlich. Der Schatten eines Bücherregals war so lang, das er fast bis zu ihrem Tisch reichte, was wirklich nichts ungewöhnliches war, aber daneben war ein weiterer, kleinerer, den sie zu nichts zuordnen konnte. Und dann bemerkte sie es: Der Schatten war menschlich. Sie konnte sogar sehen, wie die Brust dieses Jemands sich lautlos hob und senkte, während er oder sie da hinter dem Regal stand.
Ginny stand langsam auf und ging zaghaft darauf zu. Sie verdrängte alle vorsichtigen, angstvollen Gedanken und spähte um die Ecke. Sie hatte Recht gehabt: Jemand stand nur im Profil zu ihr an ein Regal gelehnt. Den Kopf hatte er – es musste ein er sein – leicht in den Nacken gelegt, sodass sie seine Gesichtszüge im Licht erkannte.
Sie richtete sich auf und fragte ihn: „Was tust du hier?" Ginny blieb, wo sie war, doch etwas in seinen Augen, als er sich zu ihr wandte, machte sie nervös. So nervös, dass sie einen Schritt zurücktrat.
„'Was tust du hier?' - ist das das Einzige, was dir in solchen Situationen immer einfällt?", antwortete Draco Malfoy. Er sah mal wieder so aus, als müsse er sich wohl oder übel seinem Schicksal fügen, als er seinen Blick wieder von ihr abwandte und desinteressiert an die gegenüberliegende Wand starrte.
Eingeschnappt verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Nein, aber das einzige, was nicht beleidigend klingen würde. Und weißt du, Malfoy, manche Menschen besitzen so etwas wie Manieren und Anstand. Nicht jeder kann so …", spöttisch verzog sie das Gesicht, „offenherzig sein, wie du."
Er schnaubte. „Das Letzte, was ich wohl bin, ist offenherzig."
„Hatten wir dieses Gespräch nicht schon vorgestern – nur mit einer anderen Bezeichnung?", erkundigte sie sich neckend.
Draco wandte ihr seine unergründliche Miene zu. „Ja", erklärte er knapp. „Und was tust du hier?"
„Ich hatte keine Lust mehr auf Feiern", meinte sie genauso verschlossen. Ihr fiel auf, dass er keine festliche Robe trug. Um genau zu sein trug er seine gewöhnlichen Sachen – die Schuluniform, nur, dass er sich statt dem weißen Hemd einen dunklen Pullover übergezogen hatte. „Jetzt du!"
Er wiegte abschätzend den Kopf hin und her, als könne er sich nicht ganz entscheiden, ob er es ihr sagen sollte oder nicht. Ungeduldig tippte sie mit dem Fuß auf dem Boden und beobachtete ihn dann dabei, wie er sich schließlich von dem Regal abstieß und an ihr vorbei ging. Verwirrt folgte sie ihm.
„Ich hatte überhaupt keine Lust auf Feiern", verkündete er ihr sachlich und blieb vor dem Tisch stehen, um sich anzusehen, was sie für Bücher las. „Du liest 'Ein Sommernachtstraum'?" Überrascht blinzelte er.
Sie zuckte die Schultern und sammelte schnell ihre Notitzen ein, damit er nicht las, was sie geschrieben hatte. „Irgendjemand muss es ja tun. Im Moment passt es außerdem ganz gut."
Er fragte nicht nach, sondern schwieg – und das rechnete sie ihm hoch an. An seiner Mimik konnte sie erkennen, dass er genau wusste, von was – oder eher wem – sie sprach. „Findest du es gut?"
„Ich mag die Verwicklungen, obwohl sie mir unfair erscheinen. Aber wahrscheinlich wollte Shakespeare nur damit zeigen, dass das Leben uns nicht in die Hände spielt. Zumindest nicht jedem."
Draco ließ sich gelassen auf einem Stuhl am anderen Ende des Tisches nieder und Ginny setzte sich nach kurzem Zögern ebenfalls. Sachlich beugte sich der Slytherin vor und meinte interessiert: „Was hältst du von Oberon?"
„Wieso ausgerechnet von ihm?"
„Weil er ein König ist, was sonst, Weasley?"
Ginny grinste. Was hatte sie anderes erwartet?
„Er und Titania bräuchten eine Eheberatung – königlicher Art, versteht sich", beantwortete sie ihm seine Frage. Die Andeutung eines Grinsen huschte über seine Züge. „Oh, und er bildet sich ein, das Recht zu haben über die Menschen zu bestimmen – das ist nicht nur unfair, weil er die Macht dazu hat, sondern auch falsch. Er kann nicht entscheiden, wen wir lieben sollen und wen nicht. Egal, wie sehr wir andere damit verletzen." Finster runzelte sie die Stirn.
„Du hast eine ausgeprägte Meinung, Weasley. Das ist ungewöhnlich für eine Gryffindor."
„Ich weiß nicht, ob ich mich beleidigt oder erfreut fühlen soll", sagte sie misstrauisch und musterte Draco. „War das jetzt ein guter oder ein negativer Kommentar?"
Draco lachte. „Find es raus", lud er sie ein und erhob sich wieder. Ginny stellte fest, dass sie fast enttäuscht war.
Auch sie stand auf. „Wohin gehst du?"
„Nur vor Mrs Norris fliehen. Ich glaube sie hat Dumbledores Rede über die aufgehobene Nachtruhe verpennt." Mit einem spöttischen Kopfnicken deutete er zu einer kleinen Gestalt, die offenbar versuchte nicht aufzufallen und sie aus den Schatten heraus grimmig anstarrte. Ginny streckte ihr genervt die Zunge raus, begann aber die Bücher, die über den Tisch verteilt waren, wieder einzusammeln.
Sie hatte es nicht erwartet, doch Draco wartete, bis sie fertig war. War er krank?
„Bist du jeden Abend hier?", erkundigte er sich neugierig.
„Manchmal, normalerweise nicht so spät. Da lernt es sich nicht besonders, weißt du?", erwiderte sie, leicht aus dem Konzept gebracht und versuchte genau das sich nicht anmerken zu lassen, als er ihr geduldig durch die Regalreihen folgte, während sie die Bücher zurückstellte. Ausleihen konnte sie sie ja nur schwer ohne Madame Pince. Als sie fertig war, drehte sie sich zu ihm um und erklärte: „Ich bin oft ab 20.00 Uhr hier."
Draco nickte und sah sie vollkommen entspannt an. „Mal sehen, vielleicht werde ich ja auch da sein", sagte er so leise, dass es an ein Flüstern grenzte. Sie starrte ihn gebannt an. WAS?
„Ähm …", begann sie verwirrt, doch er ließ sie gar nicht zu Wort kommen und verabschiedete sich, indem er ihr mit einem Nicken wünschte: „Gute Nacht, Weasley."
Sprachlos sah sie ihm nach, als er sich gelassen auf den Weg hinaus machte. Doch dann, kurz bevor er draußen war, platzte es aus ihr heraus: „Äh, gute Nacht … Malfoy."
Sie sah ihm nach und der einzige Gedanke, der ihr durch den Kopf ging, war: Habe ich mich gerade ernsthaft mit Draco Malfoy UNTERHALTEN?
