Professor McGonagall wartete schon ungeduldig und hatte ihren strengsten aller ungeduldigen Adler-Lehrerinnen-Blicke aufgesetzt, als auch die Letzten wieder auf dem Platz vor dem Hotel - pardon, der Pension - eintrudelten. Und ja, ich gestehe ja schon: Ich war nicht nur eine von ihnen, ich hätte sie fast gar nicht erreicht. Oder zumindest nur den Bus von hinten gesehen, wie er davonfuhr.

Doch ich schaffte es noch und sprang keuchend die Stufen in das kuschelig warme Innere des Busses hinauf.

Zu meinem Pech war der einzige freie Platz neben Peter Pettigrew und da mich McGonagall so ansah, als wollte sie mir direkt ins Gesicht sagen "Wag es ja nicht, stehen zu bleiben!", pflanzte ich mich direkt neben ihn. "Hi", grüßte ich, mit einem aufgesetzten Lächeln. Was wohl zu viel war: Peter sah aus, als könnte er vor Nervosität gleich aus dem Fenster springen.

"Und, freust du dich auf den Louvre?", erkundigte ich mich halbherzig, obwohl ich mich so gar nicht freute. Ich meine: Leute, wir hatten an diesem Morgen um fünf Uhr aufstehen müssen, damit wir noch frühstücken und den Portschlüssel um Sieben erwischen konnten, wieso also jetzt etwas, auf das ich mich schon immer gefreut hatte? Der Louvre war soetwas wie eines meiner großen Ziele – neben London (abgehakt), Pisa (noch nicht abgehakt) und New York (abgehakt – hah!).

Peter wandte hastig das Gesicht ab und nuschelte: "G-Geht."

Damit war das Gespräch offenbar beendet und ich versank wieder in schweifende Gedankengänge, als der Bus plötzlich stoppte, um weitere Fahrgäste einsteigen zu lassen. Bei denen handelte es sich, nur ein kurzer Blick genügte, definitiv allesamt um Touristen-Pärchen. Allerdings fiel ein altes Ehepaar auf, das sich unter die Jüngeren gemischt hatte.

Remus und (ja ...) auch Potter, die in einem Dreiersitzer mit Black nicht weit von Peter und mir gesessen hatten, standen hastig auf und boten ihnen ihre Plätze an - das war das Einzige, was ich neben seinem zum Teil wirklich amüsanten Humor an ihm mochte: Seine Manieren. Aber da er das nicht selbst, sondern seine Eltern zu verschulden hatten, war ich nicht sonderlich beeindruckt.

"Oh, danke", flötete die ältere Dame, in einem ganz natürlichen Englisch, deren schlohweiße Haare zu einem kunstvollen Kranz auf ihrem Haupt hoch gesteckt waren. Ihr Ehemann lächelte höflich und ließ sich neben seiner Frau nieder, die ihn, da sie Händchen hielten, mit sich gezogen hatte. "Seid ihr auf einem Klassenausflug?", erkundigte sie sich jetzt und funkelte die drei Jungen aus fröhlichen, himmelblauen Augen heraus an.

"Ja, Ma'am. Wir sind auf dem Weg zum Louvre", meinte Potter freundlich.

"Wie schön. Und das Mädchen dort, das zu uns schaut, ist sie deine Freundin?" Erst als der Gryffindor verwirrt einen Blick über die Schulter zu mir (MIR!) warf, verstand ich, dass sie mich gemeint hatte.

Ein Lächeln huschte über Potters Gesicht. "Leider nicht, aber ich hoffe, dass sich das noch ändert." Okay, dass ich das hier noch einmal klarstelle, damit es auch jeder Idiot begreift: Ich MAG IHN NICHT, das hieß aber nicht, dass ich bei seinen Worten nicht die Augen aufriss und filmreif errötete. Ja, ich weiß, ziemlich erbärmlich, wo ich doch eigentlich eine angeekelte Grimasse hätte ziehen sollen, aber hey: Ich war auch nur ein Mädchen, ja?

"Mann, Krone, du solltest Shojo-Mangas zeichnen ...", seufzte Sirius mit seinem üblichen Zähneblecken und spielte mit einem Tennisball (den Schnatz hatte McGonagall ihm erfolgreich entwendet), indem er ihn immer wieder in die Luft warf und in olympiareifen, dramatischen Verrenkungen fing, die sämtliche Mädchen im Bus (inklusive der jungen Touristinnen) zum Seufzen brachten (bäh!).

Remus grinste. "Und du solltest dir abgewöhnen die Mu-", er räusperte sich, "Manga-Abteilung aufzusuchen, wenn du eigentlich für deine Prüfungen lernen solltest, sonst glaubst du irgendwann noch wirklich, dass jeder Mensch auf dieser Welt Begriffe wie Otaku und, dein Liebling, Etchi kennt."

Sirius schnaubte. "Gar nicht wahr", schmollte er. "Wenn ihr ständig lernt, muss ich halt irgendwo was zum Lesen finden und die Muggel-Abteilung ist ziemlich vielfältig."

"Vielfältig im Sinne von viele Bilder, wenig Text?", murmelte ich, was die alte Dame zum Lachen und sogar den schweigsamen Mann zum Schmunzeln brachte, die sich beide nicht an den Begriffen wie Muggel zu stören schienen - wahrscheinlich vermuteten sie dahinter irgendein anderes Manga-Genre.

Auch Potter lächelte mich an und fragte: "Magst du Mangas, Lily?"

"Definiere mögen", sagte ich, wobei wahrscheinlich keiner der Jungs das Zitat aus "Beautiful Creatures" erkannte, den mich meine Schwester gezwungen hatte mitanzusehen. Der Gedanke an Petunia ließ meine Stimmung allerdings auf einen absoluten Nullpunkt zurück sinken (Moment mal, zurück? Ich befand mich hier immerhin im Gespräch mit den RUMTREIBERN).

Die alte Dame sah, geradezu beneidenswert verliebt, zu ihrem Ehemann auf. "Ach Georg, weißt du noch? Unsere erste Reise nach Paris?"

"Natürlich, Laura", antwortete Georg und ich sah das erste Mal einen ähnlich immer-noch-verliebten Funken in seinen braunen Augen aufblitzen.

"Dann wohnen Sie gar nicht hier?", wollte Remus wissen.

"Aber nein, mein Lieber. Wir sind hier in den Flitterwochen."

"Flitterwochen? Gratuliere!", rief Sirius aus.

"Hm ...", machte Potter verwundert. "Sie scheinen sich schon länger zu kennen, wieso haben sie erst jetzt geheiratet? Sie wirken so glücklich."

Laura schien keinesfalls beleidigt ob der Frage, wie es Professor McGonagall ihrer Haltung nach gewesen wäre, die sich mit einem missbilligenden Naserümpfen abwandte. Vermutlich hätte sie am liebsten eingegriffen und den Jungen zur Ordnung gerufen, sich nicht in die "privaten Belange" anderer einzumischen. "Nun, wir kennen uns zwar schon ziemlich lange, aber sind erst seit etwa zehn Jahren zusammen. Wir wollten alles so traumhaft wie möglich gestalten, also haben wir gewartet, bis wir genug Geld zusammen hatten, um herkommen zu können. Manchmal", dabei sah sie seltsamerweise zu mir, "dauert es halt etwas länger, bis man sich findet."

"Ach ja?" Potter beugte sich interessiert zu ihr und flüstere ihr etwas ins Ohr, woraufhin ihr überglückliches Lächeln sich in ein fast unanständiges Grinsen verwandelte - unheimlich.

"Aber sicher", antwortete sie. "Oh, Georg", als wäre nichts passiert erhob sie sich, mit einem Blick auf die Anzeigetafel, "das ist unsere Haltestelle, komm schnell!" Sie wandte sich noch einmal an uns. "Ich hoffe, wir sehen uns mal wieder. Noch einen schönen Aufenthalt in Paris, ihr Lieben!"

"Ihnen auch!", riefen die Rumtreiber, sogar Peter neben mir, in einem scheinbar einstudierten (es musste einfach so sein!), synchronen Chor hinter den beiden her, als die beiden an der Haltestelle Pont Neuf ausstiegen. Auch ich winkte ihnen vom Busfenster zu, doch hielt ich inne, als ich sah, wie Laura mir fröhlich zuzwinkerte.

ooooo

Als wir auf die Rue de Rivoli in das winterliche Sonnenlicht traten - jaha, trotz der Kälte Sonne ... wie blöd ist das denn? -, hielt McGonagall ihren Zauberstab in die Luft, von dem die Muggel um sie herum wahrscheinlich annahmen, sie wolle damit ihre Schüler zusammenrufen, ähnlich der Schilder mit Sonnenblümchen und Vögeln drauf, die Erzieher bei Exkursionen dabeihatten. Allerdings bezweckte sie damit eigentlich, dass die Rumtreiber endlich die Klappe hielten, damit sie den Satz loswerden konnte, den sie schon die ganze Zeit loswerden wollte: "Folgen Sie mir bitte geordnet und in einer Reihe - Mr Black, versuchen Sie wenigstens heute keine Passantinnen anzusprechen, eine weitere Klage wegen sexueller Belästigung kann ich wirklich nicht gebrauchen."

"Ich habe sie NIE sexuell belästigt!", beteuerte Black, doch es war klar, dass ihm niemand zuhörte. Selbst Potter tätschelte nur kopfschüttelnd seine Schulter und meinte: "Lass es lieber, Mann."

Damit setzte sich unser Trupp aus etwa fünfzig Schülern und der Stellvertretenden Schulleiterin in Bewegung, wobei natürlich niemand geordnet und in einer Reihe lief. Ich schlenderte ganz am Ende der Gruppe und ließ mich soweit zurückfallen, dass ich problemlos immer wieder anhalten konnte, um mir die Schaufenster der zahlreichen Läden ansehen zu können. Ich wusste gar nicht, wie lange ich schon nicht mehr auf einer normalen Muggelstraße gewesen war. Meine Eltern lebten in einer Kleinstadt mit nur einer großen Einkaufsstraße, ähnlich der Winkelgasse, doch da ich in den letzten Jahren nie neue Kleidung hatte kaufen gehen müssen, außer vielleicht neue Unterwäsche ab und zu oder ein T-Shirt im Sonderangebot, war Shoppen auch nie nötig gewesen. Und würde es wahrscheinlich auch nicht so schnell, da Professor McGonagall offenbar der Meinung war, einen neuen Rekord im Laufen aufstellen zu müssen.

"He, Evans, trödel nicht so", zischte da plötzlich Lucinda Talkalot neben mir, die offenbar das Gleiche vorgehabt hatte, wie ich.

Ich seufzte. "Wir könnten uns auch einfach harmonisch den letzten Platz teilen, meinst du nicht?"

"Kaum!", fauchte sie.

"Und was willst du jetzt tun?"

"Ganz einfach: Zieh Leine, Evans!"

Ich musste einfach losprusten, obwohl mir klar war, dass das nicht sonderlich diplomatisch war in dieser Situation. "Wirklich? Und du glaubst, daraufhin und weil du ja immer so freundlich zu mir bist, werde ich jetzt verängstigt abzischen?"

"Halt einfach dein Maul", brummte sie eingeschnappt, hielt aber ihre Stellung neben mir.

Ich verkniff mir einen weiteren Lachanfall und guckte mir weiter die Schaufenster an. Als wir an dem eines Dessousgeschäfts vorbeikamen, hielten wir beide verblüfft an. "Das kann ganz einfach nicht", begann ich und merkte erst hier, dass Lucinda dasselbe sagte: "... nach einem natürlich Vorbild gemacht worden sein ..." Wir tauschten einen gleich überraschten Blick und bevor ich es verhindern konnte, musste ich grinsen.

Auch auf ihrem Gesicht erschien ein zögerliches Grinsen. "Jedenfalls glaube ich kaum, dass eine Frau einen so riesigen Vorderbau haben kann", spann sie den Faden weiter und blickte noch einmal verächtlich zu dem Schaufenster zurück.

"Nein, eher nicht", stimmte ich ihr zu. Danach schwiegen wir, beide etwas verunsichert von der Entdeckung, dass die Meinungen einer Slytherin und einer Gryffindor gar nicht so weit auseinander zu gehen schienen.

Als wir schließlich auf den großen Platz vor dem Louvre traten und an der riesigen, gläsernen Pyramide stehen blieben, standen wir immer noch nebeneinander. "Sag mal", setzte ich zum Sprechen an, doch Lucinda trat schnell einen Schritt zur Seite.

"Ich geh mal zu Macclaren", sagte sie, wobei mir erst im Nachhinein klar wurde, dass sie Jill Macclarens ältere Schwester meinte, eine breitschultrige, langnasige Slytherin mit fast krankhaft perfekt sitzenden brünetten Haaren.

Ich sah Lucinda enttäuscht hinterher. Da hatte ich mal jemanden gefunden - und das, obwohl sie eine SLYTHERIN war! - und sie floh, kaum dass ich ein Wort herausbrachte. Ich seufzte. Es war ja nicht so, dass ich keine Freundinnen in Hogwarts hätte, nein, tatsächlich gab es sogar sehr viele Mädchen, die mich mochten (sogar obwohl Potter mich ... ja, anhimmelte), aber dann nicht als beste Freundin, sondern als Mitschülerin, Schulsprecherin oder Vertraute. So gab es viele Gruppen, zu denen ich mich einfach hätte stellen können, aber ehrlichgesagt fühlte ich mich bei jeder immer etwas ... abseits. Okay, ausgeschlossen, zufrieden?

Ich war es einfach auch nie gewohnt gewesen eine beste Freundin zu haben, da ich vor Hogwarts immer meine Schwester, beziehungsweise auch eine Zeit lang Severus (es heißt Snape, Lily, S-N-A-P-E!) gehabt hatte. Mein Blick wanderte dabei ganz automatisch zu dem großen jungen Mann mit dem schwarzen, fettigen Haar und der Hakennase, der neben einigen anderen Slytherins stand, die ihre Köpfe zusammensteckten.

"Wahrscheinlich nehmen sie gerade Kontakt zur Hölle auf", flüsterte jemand an meinem Ohr. Ich erkannte nicht nur sofort die Stimme, sondern allein durch seine Art sich (ganz nah!) von hinten an mich heran zu schleichen verriet mir, wer das war.

"POTTER!", keifte ich, sofort auf hundertachzig.

So unschuldig wie möglich sagte er, die Arme, als ich zu ihm herumwirbelte und mit meinem Zeigefinger gegen seine Brust piekte, beschwichtigend gehoben: "Nur die Ruhe, Evans, ich ergebe mich ja schon!"

Ich ließ meinen Finger sinken und ballte stattdessen beide Hände zu Fäusten. Doch da registrierte ich erst, dass wir so nah beieinander standen, sodass wahrscheinlich nicht einmal eine Handbreit zwischen uns gepasst hätte. Dabei musste ich allerdings ebenfalls erkennen, dass seine Augen, besonders durch die unordentlich sitzende Brille, aus der Nähe nur noch größer und tiefer wirkten, als sonst.

Ich merkte, wie ich zur Salzsäule erstarrte. Hatte ich schon einmal erwähnt, dass er echt, echt, echt super schöne, dunkelbraune Augen hatte? Nicht dieses Welpenbraun, auch kein Dackelblickbraun, nein, ein einfach umwerfendes Potter-Braun, das so tief schien, dass ich mir gewünscht hätte, darin versinken zu- äh, was?

Plötzlich wieder in der Realität angekommen (was ungefähr so angenehm war wie einen Stromschlag zu kriegen) stolperte ich einen Schritt zurück und wäre fast in eines der Wasserbecken hinter mir gepurzelt, wenn nicht ... ja, wenn ER mich nicht an den Handgelenken gepackt hätte (oh Mann ...). "Alles klar?", fragte er - bildete ich mir das ein, oder zog sich da ein Hauch von Röte über sein Gesicht? Und war seine Stimme gerade etwa heiser gewesen? Wegen mir?

"J-Ja, geht schon", nuschelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart, wobei ich etwas herumdrucksen musste, bevor mir das nächste Wort, das mit dem großen D, über die Lippen kam. "Danke."

Er sah ziemlich überrascht aus und natürlich - jupp, ihr habt es erraten - fuhr seine Hand schon wieder zu seinen Haaren, während er nebenbei auch endlich bemerkte, dass die andere noch meinen Unterarm festgehalten hatte. "Schon gut." Damit löste er den Griff.

Wir standen etwas betröppelt nebeneinander, doch (Merlin, ich beschwere mich nie wieder über das Übermaß an Verwandlungen-Hausaufgaben!) Professor McGonagall erlöste uns aus dem ... peinlichen Schweigen. "Kommen Sie, wir wollen in den nächsten drei Stunden noch den Louvre besichtigen!"