Ich wartete jetzt seit drei Stunden. DREI STUNDEN.
Aber ich blieb ruhig - okay, nicht wirklich. Ich fröstelte schon etwas mehr als seit einer Stunde, mein Hintern war schon vor zwei Stunden zu einer Frostbeule geworden und egal, wie oft ich aufstand und ein paar Schritte herumlief, um mich aufzuwärmen, meine Füße fühlten sich an wie Eisblöcke.
Und als es dann auch noch dunkel wurde - und Leute, das ist echt nicht cool - war es mit meiner inneren Fassung, ganz offengesagt, VORBEI.
Doch da kam mir eine brillante Idee. Ich meine, ich war zwar eine Hexe und die Pension, in der wir abgestiegen waren, war ebenfalls nur für Zauberer und Hexen, doch vielleicht wusste die Polizei ja weiter. Ich hoffte nur, dass es da einen Dolmetscher gab, denn in Französisch war ich nie besonders ... äh, wortgewandt gewesen. Also stand ich, mit einem neuen Hoffnungsschimmer, auf und suchte den Platz nach jemanden ab, den ich nach der nächsten Polizeistation fragen konnte.
Allerdings waren meine Gedanken daran so ziemlich wie weggeblasen, als ich SIE sah. Und jetzt sind wir am Beginn dieser Geschichte angekommen, nämlich bei genau der Person, die ich euch schon einmal beschrieben habe: Langes, blondes Haar, das sie meist zu niedlichen Löckchen drehte, ein langes Gesicht, von einzelnen Sommersprossen gesprenkelt, eine hagere Figur und ein etwas zu langer Hals. Petunia. Meine Schwester.
Sie stand in inniger Umarmung, in ein am Rücken tief ausgeschnittenes (fröstel), dunkelrotes Kleid gehüllt mit einer ebenso roten Handtasche in der Hand, in einer perfekten Szenerie vor dem Eiffelturm, nicht mal hundert Meter von mir entfernt, mit einem dicken, jungen Mann.
Ich muss zugeben: Geschockt war ich nicht unbedingt. Petunia war der Typ Mädchen, das sich nichts romantischeres vorstellte, als die ekelhaft kitschigsten Klischees aller Klischees selbst auszuleben, aber warum sie in Paris war konnte ich mir trotzdem nicht erklären. Oder zumindest nicht, wieso sie hier war, wobei sie doch wusste, dass ich auch hier war - solange unsere Eltern ihr nicht verschwiegen hatten, dass ich es sein würde. Denn normalerweise meidete mich meine ältere Schwester wie der Teufel das Weihwasser (haha).
Mit zittrigen Beinen (was aber nicht mehr ganz an dem stundenlangen Frieren lag) stakste ich auf sie zu, kam immer näher, bis ich genau neben ihr stand. Am Anfang schien sie mich gar nicht zu bemerken, so vertieft war sie in das ... ähm, Geknutsche mit dem Kerl, doch als ich mich räusperte, lösten sich die beiden voneinander.
Als meine Schwester mich sah, wurde sie noch bleicher, als sonst schon. "Was zum - Lily!" Erschrocken machte sie geradezu einen Satz nach hinten. "Was tust DU hier?!"
"Ähm, hallo Petunia. Ich, äh, mache eine Art Klassenfahrt. Und, na ja, und du?" Mein Blick wanderte zu dem Mann, der mich aus schweinsartigen, giftigen Augen heraus anstarrte. Mir fiel sofort der Arm auf, den er besitzergreifend, nein, BESCHÜTZERISCH um Petunia gelegt hatte, kaum, dass er meinen Namen hörte.
Petunia reckte das Kinn in die Höhe und näselte, mit kaum möglich weniger Stolz in der Stimme: "Ich bin in den Flitterwochen."
Zu sagen, ich wäre jetzt NICHT fast umgekippt, wäre gelogen. Doch da ich heute vollkommen flache Winterstiefel trug war mein Stand fest und ich konnte mich vor dem Bodenkontakt bewahren, doch ... na ja, verblüfft war ich schon. Und entsetzt. Und SAUER! Wenn ich mich gerade nicht verhört hatte, dann hatte mir meine Schwester offenbar nicht nur verschwiegen, dass sie heiraten wollte, nein, sie hatte mir nicht mal von der Hochzeit erzählt geschweige denn mich eingeladen! "Flitterwochen?", krächzte ich. Ich musste mich einfach verhört haben - oder?
"Ganz recht. Ich und Vernon hier", sie tätschelte liebevoll seine Schulter, "haben vor zwei Wochen geheiratet. Du hast davon vielleicht nichts mitbekommen, aber seit du im Sommer wieder zurückgegangen bist auf deine ...", sie schnaubte, unüberhörbar, wie unpassend sie den Begriff fand, "Schule lebe ich schon bei Vernon. Da war es natürlich selbstverständlich, dass wir bald heiraten wollten."
"Du bist jetzt also ...?"
"Ganz recht! Petunia Dursley - klingt das nicht himmlisch?" Sie klang nicht danach, als wollte sie wirklich eine Antwort.
"Ist das deine ... Verwandte?", grunzte Vernon neben ihr, wobei er mich keine Sekunde aus den Augen ließ. Petunia nickte nur abfällig.
Ganz instinktiv nahm ich sie am Handgelenk. "Tuny, können wir uns mal ganz kurz, ähm, unterhalten?"
Petunia verzog wütend das Gesicht und entzog mir ihren Arm. "Wenn es sein muss", schnarrte sie. "Ich bin gleich zurück, mein Schatz. Geh doch schon einmal in das Hotel zurück, ja?"
Wir entfernten uns etwas von Vernon, der uns misstrauisch dreinblickend hinterherstarrte, die Nase gerümpft - und ich hatte gedacht, die Existenz von jemanden, der noch abstoßender war als die beiden Volltrottel Crabbe und Goyle aus dem dritten Jahr, wäre unmöglich.
"In Ordnung, Tuny, was genau soll das?", zischte ich sie an, sobald wir außer Hörweite waren. "Verwandte? Ich bin deine kleine Schwester, meine Güte! Wieso hast du mir nicht mal wenigstens erzählt, dass du vorhast zu heiraten?!" "Reg dich ab, Lily, ich habe dir geschrieben, aber offenbar hat dich nie ein Brief erreicht." Dass das eine Lüge war musste sie nicht einmal verstecken.
"Du- Mann, was habe ich getan, dass du mich so ausschließt?" Wütend stampfte ich, zugegeben, etwas kindisch, mit dem Fuß auf.
Nun schien auch Petunia wütend zu werden. "Ich schließe DICH aus? Oh bitte, Lily! Als hättest du mich nicht die letzten Jahre immer ausgeschlossen!"
"Wie meinst du das?" Verwirrt runzelte ich die Stirn.
"Tu nicht so, als wüsstest du nicht, was du immer gemacht hast, Lily!" Sie stemmte ihre Hände in die Hüfte, wobei sie unserer Mutter nicht unähnlich sah - allerdings sehr viel angriffslustiger. "DU bist doch die, die mich immer außen vor gelassen hat, die immer Mum und Dads Aufmerksamkeit beansprucht hat, kaum, dass sie für ein paar Wochen wieder auf der Bildfläche erschien! Und dann, wenn du weg warst, hatte ich immer meine Mühe damit, ein anderes Gesprächsthema zu finden, als dich, klein Super-Lily und wieder dich! Und du fragst dich ernsthaft, wieso ich dich nicht eingeladen habe? Komm schon, so eine Idiotin kannst du gar nicht sein."
Ich starrte sie aus großen Augen an, die sich bei jedem Satz mehr geweitet hatten. "Ich-", flüsterte ich. "Das habe ich doch nie absichtlich gemacht. Mum und Dad haben sich nur immer so wahnsinnig gefreut, wenn ich wieder da war ... und ... ich ... also ..." Ich war sprachlos - das hatte bisher nicht einmal Potter geschafft.
"Hör einfach auf, Lily." Petunias Haltung lockerte sich etwas und für einen kurzen Moment sah ich soetwas wie Traurigkeit in ihren Augen aufblitzen, doch im nächsten Moment war es schon wieder verschwunden. "Ich wünsche dir noch eine schöne Fahrt. Wir sehen uns dann ja nächsten Sommer."
"Warte, Tuny!", rief ich verzweifelt und hielt sie am Arm auf. "Wir sind doch eine Familie! Hau jetzt nicht einfach so ab!"
"Nenn mich nicht so!", fauchte sie und riss sich los. "Und dass das klar ist: Ich habe eine Familie, und dazu gehörst du ganz besimmt nicht!"
Und als sie dann davon stolzierte, wusste ich, dass ich sie für immer, wenn nicht sogar für viel längere Zeit, verloren hatte.
Das war das erste Mal seit Jahren, dass mir unaufhaltsame Tränen in die Augen stiegen und mir stumm über die Wangen kullerten, von denen ich wusste, dass ich sie nicht einfach wegwischen konnte. Sie vermischten sich mit den weißen Flocken, die ausgerechnet jetzt vom Himmel kamen. Doch ich konnte mich darüber nicht freuen, wie ich es sonst getan hätte. Ich konnte nur still dastehen und meiner Schwester hinterher sehen.
Nur, dass ich für sie nie wieder ihre Schwester sein würde.
ooooo
Und jetzt?
Jetzt rannte ich. Meine Füße trugen mich irgendwie an jeglichen Hindernissen vorbei - Laternenpfosten, Parkbänken, herumstreunenden Katzen oder Passanten. Ich lief einfach, weg von Petunia, weg von ihrem ... igitt, Mann und weg von dem, was sie mir eben ins Gesicht gesagt hatte.
Ich wollte es nicht hören, mich nicht daran erinnern.
Und so wusste ich nicht, wo ich war, als ich irgendwann atemlos und keuchend stoppte und mich erschöpft gegen einen Laternenpfosten lehnte, während ich mir immer noch die Ohren zuhielt. Als könnte das etwas daran ändern, dass sich unser Streit immer wieder vor meinen Augen abspielte, als könnte das etwas daran ändern, was passiert war. Als könnte das etwas an den letzten Jahren meines Lebens ändern.
"Du bist so dämlich", flüsterte ich und wiederholte es immer wieder, bis ... "So dämlich, so dämlich, so däm-"
"Evans!" Die Stimme drang nun allmählich an mein Bewusstsein, wie aus weiter Ferne, doch sie kam immer näher. Schniefend sah ich auf. Bildete ich mir das ein? Oder kam da tatsächlich eine verschwommene Gestalt auf mich zu? Versteht das nicht falsch: Für mich sah sie verschwommen aus, natürlich war sie das eigentlich aber nicht. Eigentlich verhinderten nur der verfluchte Schnee und so - okay, es waren Tränen - meine Sicht ...
"Evans!", rief er wieder - es war definitiv ein er. Und mir war auch klar, wer ER war.
Ich senkte den Blick. Wieso musste ich ausgerechnet jetzt das Gefühl haben, keinen Schritt mehr gehen zu können? Es wäre so praktisch jetzt einfach zu verduften und IHN hier stehen zu lassen. Aber tja, c'est la vie, Pustekuchen, nichts da ...
Ebenfalls außer Atem hielt er vor mir und stützte sich mit den Händen auf die Knie. "Bei Merlins Unterhose, Evans, ich wusste nicht, dass du so schnell laufen kannst!", keuchte Potter, in einer Mischung aus Bewunderung, Erstaunen und Verärgerung. Doch dann sah er auf und erkannte offenbar erst jetzt die feuchten Spuren auf meinem Gesicht und die verquollenen Augen. "E-Evans?" Etwas vor den Kopf gestoßen wischte er sich den Schweiß von der Stirn und richtete sich auf. "Alles klar?"
"Sehe ich aus, als wäre bei mir alles klar?", sagte ich, wobei ich hoffte, dass ich zumindest etwas nach der normalen Lily klang und nicht nach der eigentlichen Heulsuse-Lily, die gerade mein gesamtes Ich erfolgreich verdrängt und seinen Platz eingenommen hatte.
"Ähm, nein?", stotterte Potter und trat hilflos etwas näher, wobei er offenbar nicht wusste, wohin mit sich. "Aber, was ist denn los? Hat dich jemand belästigt? Wenn Snape dich zuerst gefunden hat, ich mach ihn kalt, wenn du möchtest!"
"Es w-war nicht Snape", schniefte ich und merkte, wie erneute Tränen meine Augen füllten. "Es ist nur", doch jedes Wort danach, was ich vor mich hin stammelte, verstand er vermutlich überhaupt nicht, da mich ein heftiges Schluchzen schüttelte und alles weitere in einem ganzen Ozean an salzig schmeckendem Wasser unterging. "... und dann hat sie mich nicht einmal eingeladen!", jammerte ich schließlich und zuckte verzweifelt die Schultern.
Potter stand konfus daneben und sah aus, als wäre er lieber an einem anderen Ort - tja, Potter, Mädchen zum Heulen bringen kannst du, sie trösten aber offenbar nicht! 1:0 für Team Ev-
Und dann waren plötzlich alle Gedanken weg, denn James Potter drückte mich, Lily Evans, an sich, als wäre ich der Kuschel-Löwe, den er definitiv als Kind seinen nächtlichen Begleiter genannt hatte (ehrlich, das wusste ich aus einer verlässlichen Quelle namens Sirius Black!). Es war nicht so, als wäre ich in seinen Armen dahin geschmolzen, aber in meiner derzeitigen Verfassung konnte ich nicht anders, als das zu machen, was jedes Mädchen gemacht hätte: Mich an ihn zu kuscheln und dabei unaufhörlich weiterzuschluchzen. Nicht, dass ich das genossen hätte und es wäre auch ziemlich erniedrigend, wenn das jemand jemals herausfinden sollte, aber soweit ging ich gar nicht mit meinen Gedanken.
Ich war einfach froh (was ich am wenigstens ihm sagen würde), dass da jemand war, dem ich mein ganzes Leid klagen konnte, ohne, dass er mich auslachte. Und da ich eh vollkommen unverständliches Zeugs vor mich hin brabbelte nahm er wahrscheinlich gar nicht auf, was ich ihm da alles so erzählte – größtenteils, dass ich überhaupt nicht verstand, wieso Petunia mich so hasste, obwohl wir uns sogar unsere Puppen miteinander geteilt hatten (ich weiß, nicht besonders überzeugendes Argument ...).
"Deine Jacke ist nass", beendete ich meine Schimpf-Heul-Schnief-Tirade und verzog das Gesicht.
Potter grinste. "Du siehst aus, als ginge es dabei um das Ende der Welt - es ist nur eine Jacke, Lily, ganz ruhig."
"Okay", sagte ich, wobei mir schon wieder ein fetter Kloß im Hals zu sitzen schien, so erschöpft wie meine Stimme klang.
"Was hältst du davon, wenn du jetzt erstmal mitkommst und ich dir einen Kaffee spendiere?"
"Ich mag keinen Kaffee", brummelte ich, ließ mich von ihm aber, wenn auch widerwillig, mitziehen (ich musste immerhin mein Gesicht von seiner weichen, kuscheligen, ... äh, Jacke lösen).
"Dann halt Kakao."
Als wir nur minutenspäter an einem Tisch in der hintersten Ecke eines Cafés saßen war ich nicht mehr so entspannt, dass ich nur darüber klagen konnte, dass ich kein Koffein vertrug. Nervös setzte ich die Kakaotasse schon zum dritten Mal ab, ohne überhaupt etwas getrunken zu haben, nur um sie dann wieder hochzunehmen und erneut auf den Tisch zu stellen.
"Gut, das ist echt schwer mitanzusehen", seufzte Potter, der bisher erstaunlich still gewesen war. Doch bevor er weitersprechen konnte unterbrach ich ihn hastig: "Warte! Du willst jetzt sicher eine Erklärung und die verdienst du auch, nachdem ich dir deine Jacke vollgesüfft habe und du dich ja heute prinzipiell nur um mich gekümmert hast, obwohl ich hinzufügen muss, dass ich dich eigentlich gar nicht darum gebeten habe, aber ich schätzte es wäre höflich von mir dir das alles jetzt zu erklären, aber trotzdem finde ich-"
"Lily!", stöhnte er und packte meine Hand, die meine Worte mit wilden Gesten unterstrichen hatte. Er legte sie behutsam auf dem Tisch ab, ließ seine eigene Hand aber darüber - die übrigens sehr warm war und sich ... eigentlich überhaupt nicht fehl am Platz anfühlte. "Halt einfach die Klappe! Du musst gar nicht reden, wenn du nicht willst. Ich habe dich nur hierher gebracht, damit du dich beruhigen kannst, nicht, um von dir eine Erklärung zu bekommen."
"Was?", sagte ich überrumpelt.
"Ich sagte, du-"
"Ich weiß was du gesagt hast, es ist nur ... ich hatte nicht erwartet dass du so ... ähm, na ja, so gar nicht neugierig bist."
"Evans, ich kenne dich schon lange genug, um zu wissen, dass ich nicht das kriege, was ich mir", eine verlegen Röte zog sich über seine Wangen, sodass er den Kopf senkte, "wünsche. Du solltest außerdem nicht über etwas sprechen müssen, über das du nicht sprechen willst."
"Aber du willst es wissen, oder?", fragte ich leise.
Seine Mundwinkel zuckten. "Ich werde nicht lügen."
Ich hatte es ihm natürlich nicht erzählt. Eine Lily Evans tat so etwas nun einmal nicht - ich meine: Hey, wie dumm wäre ich, wenn ich James Potter tatsächlich mein Herz über meine Schwester ausschütten würde?
Okay, ja, offenbar war ich genau so dumm. Denn ich tat es doch.
Nachdem ich mein wirres Gequassel beendet hatte, lehnte der schwarzhaarige Gryffindor in seinem Stuhl und starrte an die Decke. Er hatte mich kein einziges Mal unterbrochen, hatte sich nur stumm das angehört, was ich ihm dargeboten hatte und gewartet, bis ich ihm alle Informationen gegeben hatte, die ich bereit war, zu erzählen. "Also ist deine Schwester hier in Paris?", wollte er nochmal bestätigt wissen, nachdem er einen großen Schluck seines Getränks genommen hatte - offenbar mochte er Kaffee auch nicht besonders, denn den hatte er größtenteils in einen Blumenkübel geschüttet und bestimmt eine Tonne Milch mit dem kümmerlichen Rest vermischt.
"Ja", murmelte ich und bemühte mich, dass meine roten Haare möglichst viel von meinem Gesicht verbargen. „Ich meine: Petunia und ich waren früher eigentlich sehr eng miteinander, aber nachdem ich meinen Brief bekommen habe ging das … auseinander. Und ich weiß einfach nicht, was ich hätte tun können, um das alles zu verhindern!" Erschöpft massierte ich mir meine Schläfen, wie meine Mutter es früher immer gemacht hatte.
"Du solltest dir nicht zu viele Vorwürfe machen, ich bin mir sicher, dass es nichts gab, was du hättest tun können. Es war die Entscheidung deiner Schwester sich von dir abzuwenden - immerhin hätte sie die Eifersucht auch runter schlucken können und-"
Verärgert unterbrach ich ihn: „Aber ich habe sie doch offensichtlich dazu getrieben und habe es nicht einmal gemerkt!"
Potter schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass daran irgendetwas deine Schuld war. Manchmal läuft es einfach nicht so, wie man will, egal, was man tut oder getan hätte. Und wie ich ihren Charakter einschätze … es tut mir leid, aber sie hätte in keinem Fall anders gehandelt."
Er hatte Recht. Trotzdem vergrub ich das Gesicht in meinen Händen und murmelte: „Woher willst du das wissen?"
„Weil ich dich kenne, Evans. Du hättest etwas getan, wenn du es gekonnt hättest - egal, für was eine Idiotin ich deine Schwester halte", meinte er kopfschüttelnd und sah mich unter seinen, für einen Jungen, echt langen Wimpern heraus an. "Sie ist deine Schwester und hätte die Chance Zeit mit dir zu verbringen und weiß ihr Glück dabei gar nicht zu schätzen."
Ich sah hastig in eine andere Richtung. "Na ja, es kann ja nicht jeder darauf stehen Zeit mit mir zu verbringen."
"Oh, du nennst mein Stalking also so? Mann, ich weiß gerade nicht ob ich mich beleidigt oder geehrt fühlen soll." Gespielt nachdenklich kräuselte er die Oberlippe.
Kurz konnte ich ihn nur verblüfft ansehen, doch dann musste ich lachen. "Potter, du solltest dir nicht so viel herausnehmen - die Maulende Myrte wird immer die beste Stalkerin des Schlosses bleiben", kicherte ich, als ich mich halbwegs beruhigt hatte.
Potter starrte mich an, als wäre ich das achte Weltwunder. "Du hast gelacht", sagte er fassungslos.
Verwirrt blinzelte ich. "Äh ja?"
"Du lachst normalerweise nie über das, was ich sage", half er mir auf die Sprünge, wobei etwas in seinen Augen auftauchte, dass ich als nichts anderes beschreiben konnte, als ... Hoffnung. Ja, James Potter blickte mich an, als würde er auf ein Wunder hoffen.
"Oh", sagte ich nur, immer noch von diesem Blick gefangen. Und dann fiel es mir selbst auf - er hatte mich zum Lachen gebracht. Und ich hatte keinen Gedanken daran verschwendet, dass er mich nicht zum Lachen bringen SOLLTE.
Ich schob abrupt meinen Stuhl zurück. Was tat ich hier eigentlich? "Ich glaube, wir sollten jetzt gehen."
"Evans!", rief er mir hinterher, doch da war ich schon aus dem Café raus, wo ich desorientiert mitten auf dem Gehweg stehen blieb. Doch dieses Mal fiel mir nichts ein, mit dem ich das eben hätte erklären können. Oder anders gesagt: Ich hätte schon etwas gefunden, doch mein vernebeltes, verwirrtes Hirn brachte gerade nicht mehr zustande, als mir zu sagen, dass ich hier warten sollte, bis Potter bezahlt hatte.
Mehr konnte ich in dem Augenblick einfach nicht tun.
