Dass Potter und ich nicht verschont blieben, als wir zurück zur Pension kehrten (ER hatte natürlich einen Stadtplan!), muss ich hier nicht weiter ausführen. McGonagall sah aus, als hätte man sie gezwungen in eine (besonders saure) Zitrone zu beißen, doch überraschenderweise war das Einzige, was sie uns vorhielt, dass Potter ihr nicht mitgeteilt hatte, dass er mich gefunden hatte und dadurch im Prinzip auch noch vermisst wurde - was einen regelrechten Aufstand bei den Rumtreibern ausgelöst hatte. Außer bei Black, bei dem ich mir ziemlich gut den neidischen Gesichtsausdruck vorstellen konnte, wenn er daran dachte, dass Potter am nächtlichen Pariser Treiben live Anteil nahm.
"Gehen Sie jetzt nach oben - und zwar sofort, verstanden?", beendete McGonagall ihre Rede und seufzte vernehmbar auf, als wir beide uns zum Aufzug trollten.
Ach ja: Hatte ich es erwähnt? Die Spannung zwischen Potter und mir war nicht nur greifbar, ich sah fast schon vor meinen Augen die Luft knistern, wie ein elektrisch geladenes Wasserbecken. Er schien nicht recht zu wissen, ob er mich ansprechen konnte, ohne daraufhin der Jagd der Kopflosen beitreten zu müssen. Ich hingegen zählte jede einzelne Sekunde mit klopfendem Herzen, bis wir im zweiten Stock angekommen waren, wo unsere Zimmer lagen.
Kaum hatte der Aufzug also zu der Melodie von Rudolph the red nose reindeer gestoppt, stürzte ich mich in den Flur, wo ich mich geradezu zu meinem Zimmer beamte. "Ähm, Evans?", fragte hinter mir Potter - Mist.
"Ähm, weißt du, ich bin echt müde und morgen reisen wir immerhin wieder mit einem Portschlüssel, da werde ich immer total reisekrank, also schlage ich vor, wir reden morgen darüber, was auch immer du mit mir besprechen willst", platzte es sofort aus mir heraus.
"Darum ging es gar nicht", meinte er und ich sah mich verwirrt nach ihm um. "Ich wollte nur anmerken, dass du gerade in mein Zimmer gehen wolltest. Deins ist fünf Türen weiter."
Verwirrt blinzelte ich und lief schon wieder, im Halbdunkeln hoffentlich aber nicht sichtbar, knallrot an, als ich die Zimmernummer über der Tür sah. "Oh", machte ich verwundert. "Aber vorhin war mein Zimmer doch direkt gegenüber dem Aufzug ..."
"Es gibt zwei Aufzüge."
"Ach so ...", nuschelte ich und wandte mich ab, innerlich die schlimmsten Verwünschungen aussprechend, um zu meinem Zimmer zu gehen. Doch da packte er mich am Handgelenk und wirbelte mich herum.
"Warte, Lily", sagte er und blickte unwohl zu Boden. "Ich möchte wirklich nicht, dass du das missverstehst oder mich wirklich für einen Stalker hältst. Es ist nur ... nach den letzten Jahren hat es mich einfach ziemlich glücklich gemacht, dass du mich offenbar doch nicht zu hassen scheinst. Lily, du musst wissen, dass ich es ehrl-"
Weiter ließ ich ihn allerdings nicht kommen. Eine instinktive Stimme meiner Selbst schrie geradezu: "STOOOOOOOOOP! Lass ihn nicht weiterreden! Halt ihm den Mund zu, fall in Ohnmacht, stell ihm ein Bein, aber halt ihn auf!" Und das tat ich dann auch, allerdings etwas ... weniger dramatisch. "Schon gut, Potter", quietschte ich und entriss ihm meine Hand. "Du musst nicht weiterreden, das weiß ich doch schon alles! Ich geh jetzt einfach schlafen und wünsche dir Gute Nacht, ja?" Hastig stieß ich die Tür meines Zimmers auf.
"Du weißt es schon?" Potter sah aus, als hätte ich ihn gestoßen.
"Ja klar." Dass ich dabei nervös kicherte ließ sich in dem Moment auch nicht aufhalten. "Gute Nacht!" Damit knallte ich die Tür direkt vor seiner Nase zu und lehnte mich dagegen, wobei mein Puls so hoch schlug, als hätte ich einen Iron-Man und einen Marathon nacheinander hinter mir.
Minutenspäter kam ich, immer noch ziemlich aufgewühlt, aus dem Bad und wollte mich schon in mein Bett legen, da fragte jemand in die Stille hinein: "Evans?" Lucinda Talkalot hatte sich auf die andere Seite gedreht und funkelte mich von der gegenüberliegenden Seite des Raumes her aus erstaunlich wachen Augen an.
"Talkalot, du schläfst noch nicht?" Überrascht blinzelte ich, um sie in der Dunkelheit besser erkennen zu können.
"Sehr intelligente Frage. Sag mal, war das Potter da eben mit dir im Flur?"
"Ähm, jaaaaa, könnte man so sagen", murmelte ich und schlüpfte leise, um Alice und Jill nicht zu wecken, unter meine Decke.
Lucindas Bettzeug raschelte und im nächsten Moment landete ein kleiner Gegenstand direkt auf meinem Bauch. "Den habe ich dir offenbar abgerissen, als ich dich bei den Treppen zurückgezogen habe", erklärte sie gelangweilt. Ich identifizierte den Gegenstand als einen karminroten Knopf, der definitiv mal Teil meines Mantels gewesen war.
"Ähm, danke. Auch wegen vorhin nochmal."
"Weißt du, ich verabscheue euch Gryffindors und insbesondere die Rumtreiber wirklich", murmelte sie nachdenklich, ohne darauf einzugehen, "aber Menschen, die sich von der Angst aufhalten lassen, finde ich zum Kotzen." Damit zog sie sich die Decke über den Kopf und ließ mich sprachlos zurück.
ooooo
Der nächste Morgen begann fast genau, wie der vorige - um sechs Uhr morgens. Aber das war immerhin eine Stunde mehr, man darf ja wirklich bei solchen Dingen nicht allzu anspruchsvoll sein.
Allerdings war das ansteckende Gähnen, mit dem uns die gesamte Mannschaft der Rumtreiber begrüßte (vielleicht ausgenommen das von Peter), zu viel für einige. Während ich mich bei dem Anblick des halb zerkauten Essens am liebsten in meine Haferbreischüssel übergeben hätte, schmolzen die Mädchen um mich herum nur so weg, wie die Butter auf Blacks Toast.
"Sirius!", flötete da auch schon Jill und winkte wie eine Bekloppte, während sie auf und ab hüpfte. Alice, die mich zum Frühstück nach unten begleitet hatte, lächelte peinlich berührt, während ich die Augen verdrehte und sie in die entgegengesetzte Richtung zog.
Nachdem ich auch das Frühstück, in einer eher zwiegespaltenen Atmosphäre (Alice hatte nämlich nur Augen für Frank), hinter mich gebracht hatte, folgten wir McGongall durch den schon zu kleinen Pfützen geschmolzenen Schnee zum Portschlüssel. Dieser brachte uns, nach einigen Komplikationen mit dem Ausfindigmachen, zu der Skipiste, die man für unsere Abschlussfahrt ausgewählt hatte. Sie lag irgendwo in Wales und nach den vielen Leuten, die snowboardend oder auf Skiern vorbeibretterten oder auf den Skilifts über uns wieder nach oben gebracht wurden, war es auch nicht die schlechteste.
Die ersten Jungen rangelten schon lärmend um den Platz vorne in der Schlange, um zur Spitze des Berges zu kommen, und McGonagall und Remus hatten alle Mühe und Not den armen Peter davon zu überzeugen aus dem Männer-WC des Ski-Shops zu kommen, wo er sich geräuschvoll übergab. Ich wandte mich angeekelt ab und war froh, als ich endlich auch an einen Lift kam.
Oben war die Luft sehr viel dünner und der kalte, frische Wind, der mir um die Nase wehte, war so angenehm, dass ich mich zuerst nicht von dem Berg-Klima-Gefühl und dem Phanoramablick des unten daliegenden Tals losreißen konnte. Doch als Bellatrix Black und einige andere Slytherins feixend an mir vorbeigingen, schnappte auch ich mir mein paar Skier, die ich mir unten an der Ausleihe geholt hatte, und bestieg zum ersten Mal in meinem Leben die unsicheren Bretter.
Ich hatte zwar schon einmal Urlaub mit meiner Familie in einem Skiresort gemacht, aber da hatte ich mir (Petunia und ihrer hysterischen, ungeschickten Art sei dank) das Bein gebrochen und hatte die Wochen über nur zusehen können. Alice, die sich ausnahmsweise von Frank gelöst hatte, sah allerdings auch nicht sicherer aus und so stapfte ich zu ihr, in der Hoffnung auf eine gleich unsichere Mitleidende.
"Oh, hallo Lily", begrüßte sie mich mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln, während sie ihre Skier musterte. "Glaubst du, dass die richtig sitzen?"
"Denke schon ...", meinte ich. "Das ist wohl auch dein erstes Mal auf diesen Monstern?"
"Ja. Aber dass McGonagall uns hier auch einfach aussetzt und dann selbst in dem Café beim Shop verschwindet - das ist doch das Letzte. Jedenfalls finde ich es sowieso etwas unüberlegt uns nur für einen Tag hierher zu schleppen, obwohl sie nicht einmal weiß, ob alle überhaupt Skifahren können ..."
"Du hast wahrscheinlich Recht."
Ein Kichern einige Meter weiter ließ uns beide aufsehen. Lucinda stand da, in voller Ski-Ausrüstung, das typisch herablassende, abfällige Slytherin-Grinsen im Gesicht. "Was ist so lustig?", fragte Alice genervt.
"Nun ja, offenbar habt ihr das Lesen verlernt."
Genervt stemmte ich die Hände in die Hüften. "Was willst du damit sagen?"
"Habt ihr die Plakate unten nicht gesehen?" Die verkniff sich offenbar ein weiteres Lachen. "Heute Abend steigt ein riesiges Feuerwerk und es gibt ein Lagerfeuer - das ist der eigentliche Höhepunkt des Tages."
"Wirklich?" Begeistert wechselten Alice und ich einen Blick.
"Klar. Aber sagt mal: Könnt ihr wirklich nicht Skifahren?" Als wäre ihr der Gedanke völlig fremd legte sie den Kopf schief - ich hatte einmal gehört ihre Eltern seien Hochleistungssportler im Skifahren.
"Nicht wirklich", sagte Alice, während ich hastig beteuerte: "Doch, natürlich!"
Lucinda grinste überlegen, während ihre Stimme vor Sarkasmus nur so überschwappte. "Na, dann muss ich es ja nur dir beibringen, Knightley, wenn Lily das alles schon kann."
"Das würdest du tun?!" Alice sah aus, als hätte Frank ihr gerade seine unendliche Liebe gestanden, während ich kleinlaut zu Boden sah.
"Bilde dir nichts ein, Knightley, aber ich habe mir bei meinem letzten Quidditchspiel den Fuß verstaucht und kann nicht selbst fahren. Das ist besser, als den stinkenden Mist im Café in mich reinzustopfen, den die da Kuchen nennen ..."
"Toll!", sagte Alice und warf mir einen durchdringenden Blick zu.
"Ähm ...", räusperte ich mich, wobei ich mir am liebsten die Zunge abgebissen hatte. "Würde es dir was ausmachen, mir ... doch noch etwas unter die Arme zu greifen ...?"
Sie zuckte die Achseln. "Komm mit oder lass es bleiben."
ooooo
Lucinda stöhnte und ließ sich erschöpft in einen Stuhl fallen. "Ihr seid hoffnungslos - beide."
Ziemlich verlegen senkten Alice und ich die Köpfe, wobei wir unsere Mühe hatten die schmerzenden Glieder und blauen Flecke zu ignorieren. "Stimmt wohl", nuschelte ich.
"Na ja, jedenfalls seid ihr zur Unterhaltung gut", grinste die Slytherin und winkte einen Kellner heran, bei dem sie ganz gelassen drei Kakaos bestellte. Als sie meinen verwunderten Blick sah meinte sie: "Ich trinke keinen Kaffee."
Das brachte meine Gedanken auf den Tag zuvor zurück - es war zum Haareraufen. Den Morgen über hatte ich wunderbar alles verdrängt, was in Paris geschehen war und sogar Potter vollkommen übersehen, der fast schon zu elegant mit Black jede gefährlichste Piste nahm (war ja klar). Und was tat ich jetzt? Jetzt brachte mich auch nur die Erwähnung von Kaffee zurück.
"He, Erde an Lily!", rief mich Alice ins Hier und Jetzt zurück. Sie hielt zwei dampfende Tassen Kakao in der Hand, die sie zusammen mit Lucinda holen gegangen war, die ihre allerdings selbst genommen hatte.
Ich beeilte mich ihr meine Tasse abzunehmen und lächelte dankbar. "Entschuldige", sagte ich verlegen und nahm einen Schluck.
Alice setzte sich wieder neben mich und begann mit Lucinda ein Gespräch über - wie sollte es anders sein? - Frank, der gerade ebenfalls das Café betreten hatte und sich den Schweiß von der Stirn wischte. Obwohl ich mich nicht richtig konzentrieren konnte und mein Blick immer wieder aus dem Fenster zu der in einen roten Skianzug gekleideten Person wanderte, die man problemlos an seinen unordentlichen Haaren ausfindig machen konnte, machte es mir wirklich Spaß mit Alice und Lucinda zusammen zu sitzen und zu plaudern.
Das machten wir dann auch den restlichen Nachmittag über, bis McGonagall zu uns kam und uns sagte, dass man das Lagerfeuer anzünden würde. Begeistert stürmte Alice nach draußen und Lucinda und ich folgten ihr in einem harmonischen Gleichschritt, nachdem wir die dutzenden Kakaos beglichen hatten.
"Sag mal, Lucinda", meinte ich schließlich, während wir hinter Alice durch den Schnee stapften, "wieso hast du uns heute geholfen?"
Sie zuckte die Achseln. "Du bist interessant zu Beobachten", erwiderte sie knapp.
"Oh", machte ich, nicht ganz wissend, was ich daraufhin sagen sollte. Doch als wir eine kleine Anhöhe überwunden hatten, kam das riesige Lagerfeuer in Sicht. Okay, Lagerfeuer war eigentlich zu untertrieben - es ähnelte der Größe her einem riesigen Scheiterhaufen und die Flammen, die schon langsam an dem Holz hochzüngelten, taten ihr übriges.
Es standen noch nicht viele Schaulustige um das Feuer herum und so konnte Alice uns einen Platz etwas entfernt sichern. Dankbar ob der Wärme ließen wir uns auf der Bank nieder, die nur eine von vielen war, die um die Feuerstelle herum standen. "Das ist einfach toll!", freute sich Alice, die in der Dämmerung von den flackernden Flammen beschienen wurde. Ihre Wangen glühten dabei und wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich sie fast für Jahre jünger halten können. Sie sah so sorglos aus, so fröhlich.
In der nächsten Stunde versammelten sich immer mehr Leute um das Feuer, die von der Dunkelheit von dem Pisten vertrieben worden waren. Leider bedeutete das auch, dass die Rumtreiber sich dazu gesellten, die mit Frank und ein paar Mädchen ganz vorne standen.
Was dann dazu führte, dass ich nicht aufhören konnte zu ihnen - oder eher zu Potter - zu starren, da sie praktisch direkt vor dem Feuer Stellung bezogen hatten - als wollte mich das Schicksal absichtlich ärgern. Dabei merkte ich, wie ich immer abwesender wurde. Was war nur mit mir los? Hatte mich der gestrige Abend wirklich so sehr durcheinander gebracht?
Nein, ich war mir sicher, dass es mehr daran lag, was Lucinda danach zu mir gesagt hatte. "Weißt du, ich verabscheue euch Gryffindors und insbesondere die Rumtreiber wirklich, aber Menschen, die sich von der Angst aufhalten lassen, finde ich zum Kotzen." Ich schielte zu ihr hinüber. Was meinte sie eigentlich bitteschön damit? Sie konnte wohl kaum mich meinen, ich war immerhin eine Gryffindor - pff.
Aber ... so ganz Unrecht hatte sie damit nun auch wieder nicht … Potter war ja …
"Ich hole uns etwas Punsch!", sagte ich schnell und sprang enthusiastisch auf. Wie kommt ihr denn darauf, dass ich hier etwas zu verdrängen versuchte? Ich? Nie.
"Super - aber nimm Servietten mit, diese Pappbecher sind immer so heiß", bat mich Alice und mit hochgestrecktem Daumen in ihre Richtung wanderte ich zum Glühwein&Punsch-Stand (und ja, das stand wirklich auf den T-Shirts der Mitarbeiter).
Als ich drei bis zum Rand volle Becher bekommen und mit einigen Muggel-Münzen bezahlt hatte, die ich extra für solche Anlässe in allen meinen Taschen verstaute, setzte ich vorsichtig einen Schritt vor den anderen, um nichts zu verschütten. Wobei ich nicht mehr auf meine Umgebung achtete und schon - wie sollte es anders kommen - stieß ich mit jemandem zusammen.
"Oh, 'tschuldigung", nuschelte ich und versuchte keinen der Becher fallen zulassen, aus denen etwas ihres wirklich heißen Inhalts auf meine Finger geschwappt war, die jetzt fürchterlich wehtaten.
"Kein Problem", antwortete der andere und verblüfft sah ich auf.
Potter stand direkt vor mir, ebenfalls mit schmerzverzerrtem Gesicht und einigen Punschbechern in den Händen. Als er mich erkannte - seine Brille war bei der Gegelenheit nämlich ganz schön verrutscht - sah er aus, als wäre er sich am liebsten mal wieder durch die Haare gefahren, so nervös schien er. Allerdings, anders als sonst, wirkte er dabei etwas verkrampft und um seine Kinnpartie glaubte ich einen angespannten Zug zu erkennen. "Alles in Ordnung mit deinen Fingern?", fragte er schließlich, nach einigen Sekunden des Schweigens und deutete auf meine schmerzenden Hände.
"Geht schon", murmelte ich. Als er genervt den Kopf schüttelte und seine Becher vorsichtig auf der nächsten Bank abstellte, ahnte ich nicht, was er vorhatte. Erst, als er das Gleiche mit meinen tat, die er mir einfach aus den Händen stibitzte, seinen Zauberstab zückte und mit eisiger Stimme befahl "Setzen", dämmerte es mir.
"Ich sagte doch, das-"
Er seufzte. "Evans, hast du dir deine Finger mal angesehen? Du bekommst Brandblasen, wenn du mich die nicht kurz heilen lässt."
Jetzt war ich die, die ein Seufzen ausstieß. "Schön", murmelte ich und reichte ihm meine Hände.
Ich sah zur Seite, als er, Beschwörungen murmelnd, mit dem Zauberstab meine Haut entlang strich - wobei ich, glaube ich, nicht erwähnen muss, dass er dabei meine Hände in seinen hielt. "So", meinte er zufrieden, "das dürfte es-" Er hob den Blick und wie durch Zufall trafen sich unsere.
Aber statt, dass er sonst wie erstarrt stehen blieb, schaute er wieder zu Boden und ließ meine Hände los. "Pass das nächste Mal besser auf", sagte er, mit einer Stimme, die auch nur im Entferntesten nach seiner eigenen klang.
Verwirrt folgte ich seinen steifen Bewegungen, als er sich bückte und die Becher wieder an sich nahm. "Ähm, Potter? Geht es dir gut?", fragte ich irritiert (ach, verflucht sei ich!). Er benahm sich gerade nicht nur seltsam, nein, er schien ziemlich neben sich zu stehen.
"Klar, wie kommst du denn darauf, dass es mir nicht gut ginge?" Sein Lachen klang falsch. Er vermied Blickkontakt. Hatte ich die Welt missverstanden? Er tat genau das, was ich vorher noch getan hatte - er wich mir aus. Aber wieso mir? "Wir sehen uns, Evans."
Überrumpelt nickte ich nur und sah ihm nach, wie er zurück zu seinen Freunden ging. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Was zur Hölle sollte das? Ich hatte gedacht, dass ich die sein würde, die ihm krampfhaft auswich und jetzt war ER der, der MICH mied. Seht ihr den Fehler?!
"He, Evans, wieso guckst du so komisch?"
Immer noch ganz benebelt sah ich mich um. Sirius Black stand hinter mir, die Hände in den Hosentaschen, einen warmen, dunkelblauen Schal locker um den Hals gewickelt. Das riss mich dann doch zurück in die Realität. "Äh, nichts, gar nichts", nuschelte ich und schnappte mir meine Becher. "Ich werde dann mal-"
"Nee, warte kurz. Ich würde jetzt gerne erstmal wissen, was du mit Krone gemacht hast."
Was ICH mit IHM gemacht hatte?! "Wie meinst du das denn jetzt?", wollte ich wissen, die Augen weit aufgerissen.
Black sah sich nervös um und zog mich schließlich einige Meter hinter sich her, bis wir im Schatten eines Baumes standen, von den Blicken der anderen abgeschirmt. Hatte ich erwähnt, dass es einfach nur EISIG war? "Du warst es doch, die gestern Abend noch mit ihm zusammen war - seitdem verhält er sich total seltsam."
"Ich habe nichts gemacht", beteuerte ich. "Er war der, der ..."
"Der?" Black runzelte genervt die Stirn.
Der mich aus der Fassung gebracht hatte und mich an den letzten Jahren wirklich beruhigender Feindschaft zweifeln lässt? Das konnte ich ja wohl kaum seinem besten Freund, der zudem niemand anderes als König-der-Arroganz-Black war, erzählen! Und so hielt ich meinen Mund, bis Black die Arme wütend vor der Brust verschränkte.
"Soll euch beide einer verstehen! Ich will jedenfalls, dass du mit ihm redest - der Kerl sieht seit gestern aus wie eine wandelnde Leiche."
"Also ich fand, dass er sich heute königlich amüsiert hat." Abwehrend (gut so, Lily!) rümpfte ich die Nase.
Black rollte die Augen gen Himmel. "Ich bin halt der Einzige, der ihn in solchen Situationen versteht." Er starrte mich eindringlich an und packte mich an den Schultern, sodass ich erschrocken zurückzuckte. "Hör zu: Ich mag dich nicht-", zischte er.
"Ja, das beruht auf Gegenseitigkeit", frotzelte ich, in dem Versuch, mein altes Ich wenigstens ein bisschen länger bei Verstand zu halten.
Allerdings ignorierte er meine Darbietung von einwandfreier Ironie. „- und ich weiß nicht, wie ich das Gejammere aushalten soll, wenn er am Ende dieses Jahres feststellen sollte, dass er dich immer noch nicht von seiner ewiglichen Liebe überzeugt hat, aber tu mir den Gefallen Evans und red mit ihm! Mach einfach etwas dagegen, damit er wieder normal wird!"
"Was könnte ich denn tun, he? Für wen hältst du mich: So eine Art Potter-Flüsterin?"
"EVANS!", knurrte Black - und ja, jetzt hatte ich wirklich etwas Angst vor ihm. Aber nur etwas! "Mach. Es. Einfach!"
"Ist ja gut", murmelte ich, ziemlich erleichtert, als er davonstolzierte. Ich klopfte mir den Mantel ab. Also wirklich: Und die Rumtreiber wunderten sich, wieso ich sie schon in der ersten Klasse verabscheut hatte? Oder zumindest Potter und Black.
Aber da genau dieser mich sicher umbringen würde, wenn ich hier noch länger herumstehen und nichts tun würde, sah ich auf die Uhr. Noch fünfzehn Minuten bis Mitternacht, bis sie das Feuerwerk zünden würden. Ich sah mich nach Potter um und erst, nachdem ich etwas herumgelaufen war, fand ich ihn auf einer Schaukel sitzend wieder, deren Metallglieder Spuren von Frost zeigten.
Ich räusperte mich, obwohl ich nichts lieber getan hätte, als zu verschwinden. Doch als er reagierte und den Kopf hob, musste ich feststellen, dass ich mich bei seinem Blick nicht von der Stelle rühren konnte. Seine Augen schienen an mir vorbeizusehen, ähnlich den Augen eines Blinden. Jetzt war keine Spur mehr von dem Potter von eben zu sehen, als hätte er alle Energie verloren. "Oh, Evans", sagte er emotionslos.
"Ähm", stammelte ich - wieso hatte ich mich hierauf eigentlich eingelassen? Ich war es doch, die ihm aus dem Weg gehen wollte, weil er mich so durcheinander brachte (argh!)! "Black meinte, dass ich dich suchen soll. Er ... macht sich offenbar Sorgen um dich oder so."
"Und du?", fragte er.
Verwirrt blinzelte ich. "Nun ja ..." Zögernd ließ ich mich auf die zweite Schaukel neben seiner sinken. "Ich ... auch, ein bisschen ..."
"Ach, wirklich?", flüsterte er, sodass ich ihn kaum verstand.
Das machte mich sauer. "Potter!", zischte ich und umklammerte die eine Kette seiner Schaukel. "Was ist nur los mit dir? Bist du auf den Kopf gefallen oder was?!"
"Sag mir, Evans", sagte er langsam und sah zu mir auf. Zu meiner Überraschung schien er ebenfalls wütend. "Bin ich so ein Vollidiot? Bin ich ein zu großer Trottel, dass es wirklich keine Chance für mich gibt? Gar keine?" Er sprang urplötzlich auf und packte nun seinerseits die Ketten meiner Schaukel, sodass ich zwischen seinen Armen eingekeilt wurde. "Sag mir, ob die letzten Jahre wirklich rein gar nichts für dich bedeutet haben!"
"Ähm, Jam- Potter", sagte ich und wurde noch röter, als ich ihn fast mit seinem Vornamen ansprach. "Was genau meinst du?"
"Du hast gesagt, dass du weißt, was ich für dich empfinde, aber trotzdem hast du nie ...", man sah ihm an, wie schwer ihm das fiel auszusprechen, "hast du nie etwas gesagt. Bedeutet das, dass du ... gar nichts für mich empfindest?"
Ich erstarrte. So direkt war er noch nie geworden und ... außerdem hatte er mir hier praktisch gerade ein Liebesgeständnis gemacht, ich meine ... STOPP. 'Stopp, Lily, denk nach!', ermahnte mich sofort eine klägliche Stimme meiner Selbst. 'Er meint das doch alles gar nicht ernst!' Doch irgendetwas an dieser Situation ließ mich dabei bedächtig ins Schwanken geraten.
"Äh, was? Aber ich-", stotterte ich, "ich habe doch nie gesagt, dass ich nichts für dich empfinde!" Was? Hatte ... hatte ICH das gerade gesagt?
Er richtete sich verwirrt ein Stück auf. "Aber gestern hast du mich unterbrochen und gesagt, dass du das schon weißt, also dachte ich, du … dass du …" Seine Stimme versiegte in einem jämmerlichen Krächzen.
Ich zuckte nur hilflos die Schultern. "Eigentlich habe ich dir gestern gar nicht so richtig zugehört, weißt du", verhaspelte ich mich nervös, "ich war ziemlich verwirrt und so, du hast mich ganz schön aus der Fas-"
Potters Augen weiteten sich. "Lily", stoppte er meinen Redefluss und beugte sich ein Stück weit vor - er hatte mich wieder beim Vornamen genannt, wie mir auffiel. Dass sich unsere Nasenspitzen dabei praktisch berührten schien er überhaupt nicht wahrzunehmen, ich dafür sehr wohl. "Was ... was genau empfindest du für mich?"
Diese Worte rissen mich aus meiner Starre und ich machte einen Satz zurück - nur, dass ich dabei im Mangel an rationalem Nachdenken, nicht beachtet hatte, dass ich auf einer Schaukel saß, wobei in meinem Rücken nichts weiter als eiskalter Schnee lag. In dem wäre ich auch fast gelandet, wenn Potter mich nicht an meinem Mantelkragen zurück und hochgezogen hätte. Bloß, dass ich dadurch so nah bei ihm stand, dass ich meinen Kopf nach hinten neigen musste, um in sein Gesicht sehen zu können.
Und ja: Ich war sprachlos. Ich. War. Sprachlos.
Hier stand ich, mit dem Menschen, dessen Existenz ich mir seit unser Bekanntschaft zu verschwinden gewünscht hatte und atmete seinen Geruch ein, während ein Lagerfeuer im Hintergrund flackerte und tanzende Schatten auf den weißen Pulverschnee warf - was war das hier: Eine Soap? Verdammt, was taten wir hier eigentlich? Das war doch nicht logisch, nichts daran war auch nur im entferntesten Sinne logisch! Rein ... gar nichts.
"Verarsch mich nicht", flüsterte ich, sodass er es fast nicht gehört hätte.
"Wie meinst du das?", fragte Potter, genauso leise.
Ich war nicht in der Lage meinen Blick von seinen dunkelbraunen Augen zu lösen (diese verfluchten Dinger!), während ich den Kopf schüttelte. "Du lügst. Schon immer. Ständig sagst du mir, dass du mit mir ausgehen willst und jetzt hast du im Prinzip behauptet, dass du mich ... liebst, aber das ist gelogen. Warum sagst du mir so etwas also?", brachte ich heraus und merkte, wie schon wieder im Laufe zweier Tage meine Augen feucht wurden.
Potter sah ziemlich überrumpelt aus. "Warum ... ich dir das sage?" Er sah zur Seite und fluchte, seine Miene dabei alles andere als gelassen. Dann sah er wieder mich an. "Weil. Das. Keine. Lügen. Sind!", schrie er mich an und packte mich, als wollte er mich am liebsten schütteln, bis ich ihm glaubte. "Ich habe nie gelogen! Wieso geht das nicht in deinen Kopf, Lily Evans?!" Atemlos hielt er inne und ließ mit einem Seufzen seine Stirn kraftlos gegen meine Schulter sinken. "Ich ... liebe dich, Evans. Das ist keine Lüge."
Mein Herz hielt an. Ja, wirklich. In dem Moment glaubte ich, an einem Herzinfarkt sterben zu müssen oder zumindest in Ohnmacht zu fallen, was nicht ganz so jämmerlich ist, wie es klingt. Oder hat euch schon einmal James Potter mit einer so emotionalen Stimme gesagt, dass er euch liebt, die sich in euer Bewusstsein gräbt, wie ein Pfeil direkt ins Schwarze? Nein? Dann verurteilt mich nicht, wenn ich euch sage, dass ich am Rand eines Nervenzusammenbruchs stand.
Aber ich brach nicht zusammen. Oder starb auf der Stelle.
Weil mein Herz nämlich nach einem Moment der Stille plötzlich schneller schlug, als ich es bisher jemals erlebt hatte. "Ich-", stammelte ich und merkte, wie meine Finger sich zusammenkrampften. "Aber du hast es doch nie ernst gemeint. Du wolltest doch immer nur dein Ego erweitern, indem du mich ... auch rumkriegst." Es klang selbst in meinen Ohren lächerlich, wenn ich daran dachte, wie er eben zu mir gewesen war. Konnte so jemand, der so redete, überhaupt lügen? Klar, ich wusste, dass er es konnte - und wie -, aber ... irgendwie ...
"Wie kommst du darauf?", fragte er irritiert und richtete sich wieder auf.
Ich zog, trotz meiner vollkommen durcheinandergebrachten Gefühle, eine sarkastische Miene. "Das ist jetzt, glaub ich, nicht so schwer. Du bist es doch, der ständig eine neue Freundin hat, egal, ob du mich nach einem Date fragst oder nicht! Du brichst reihenweise Mädchen das Herz! Wieso sollte ich glauben, dass es bei mir anders ist?"
Potter ballte die Hände zu Fäusten. "Weil ich immer wieder versucht habe mich davon zu überzeugen, dass ich mich auch in jemand anders ...", er schluckte, "verlieben könnte, aber wenn ich dann dein Gesicht gesehen habe, dann wusste ich jedes Mal aufs neue, dass du ... anders bist. Ich konnte mich nie von dir lösen."
Meine Augen weiteten sich. "Du- das glaub ich jetzt nicht."
"Lily...", sagte er wieder, doch ich schüttelte nur zweifelnd den Kopf. Das war zwar keine Entschuldigung für die vielen Mädchen, die sich wegen ihm nachts die Augen ausheulten, aber …
"Das kann doch nicht wahr sein! Ich dachte immer, du- Wieso hast du mich denn nie mal ernst versucht zu fragen, ob ich mit dir ausgehe?"
Verlegen senkte er den Kopf. "Ich habe mich nicht richtig getraut, weil ich dachte ... also, so abwegig war der Gedanke nie, dass du mich hasst, weißt du? Und dann wurde das irgendwie zur Gewohnheit dich täglich anzusprechen. Da ... konnte ich dann wenigstens mit dir reden."
"Das bedeutet- JAMES POTTER!" Wütend schlug ich ihm mit der Faust gegen die Brust. "Du bist manchmal ein solcher- Ach, was sage ich hier überhaupt?! Du IDIOT!" Ich senkte den Kopf und erkannte erst jetzt, dass mir Tränen die Wangen hinunter tropften. "Ich ... ich bin eine Idiotin."
"Lily", sagte er, wenn ich mich richtig erinnere mit ziemlich rauer Stimme, aber das ist schwer, da ich in diesem Moment nicht mehr viele Einzelheiten mitbekam. Denn plötzlich nahm er mein Gesicht in seine Hände, sodass er mich geradezu zwang ihn anzusehen. "Ich liebe dich. Jetzt bist du dran mir zu sagen, was du empfindest."
Ich biss mir auf die Lippe. Was passierte hier, verdammt?! "Ich- ich- ich-" Ich schloss die Augen, schon bereit ihn von mir zu stoßen und irgendwo hin abzuhauen - weg von ihm. Doch dann ... "Ich liebe dich." Ich sagte es eigentlich gar nicht, sondern bewegte nur meine Lippen, aber offenbar reichte ihm das.
Denn bevor ich meine Augen wieder öffnen konnte ... na ja, es ist kitschig, aber er küsste mich. Einfach so.
Und damit startete das Feuerwerk, das die Weihnachtsferien einläutete.
ENDE
