Hallo Ihr Lieben,

Hier das hoffnungslos verspätete Update. Leider hat mich der vorweihnachtliche Streß voll im Griff. Hinzu kommt, dass die Hälfte meiner Familie vor Weihnachten Geburtstag hat und ich eigentlich permanent unterwegs bin. Daher ist dieses Chap auch das Letzte für dieses Jahr. Mitte Januar geht es weiter. Das war die schlechte Nachricht.

Die gute Nachricht ist, dass ich es als kleines Dankeschön für eure Geduld - dank einiger durchgemachter Nächte – geschafft habe, euch eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Das erste Update von „Ein Weihnachtswunsch" werde ich am 24. Dezember hochladen. Danach gibt es bis Silvester / Neujahr jeden Tag ein neues Chap. Ich hoffe, dass euch dies ein wenig für die lange Wartezeit entschädigen wird.

Mein Dank - und eine Ladung virtueller Weihnachtskekse - geht an:

Giftschnecke

---öhhh, ja, das mit dem schnell posten war dann wohl mal nix – hüstel – sorry.

Leni4888

Aaaaalso, eines kann ich definitiv schon sagen. Die Auflösung, was mit Lilith Dumbledore passiert ist kommt im nächsten Chapter, womit sich meine liebe Little Whisper gerade rumschlägt ---wink---. NEIN, Draco und Harry hatten noch keine Beziehung, die Visionen von Harry sind Visionen, Vorschauen! Insofern kann sich logischerweise keiner von beiden an irgendetwas erinnern, was sie noch nicht hatten. Dracos Erleichterung darüber, dass Harry sich erinnert beruht allein darauf, dass er nicht mehr allein mit der Bürde der schrecklichen Erinnerungen leben muss. Hoffe natürlich, dass auch dieses Chap dir ein paar mehr Antworten (und noch mehr Fragen – hehe) bringt.

Zissy

---na, da bin ich aber erleichtert--- und nein, ich hasse dich nicht, aber irgendwo muss ich ja einen Schnitt machen, sonst wird die ganze Story ein einziges Kapitel… ---gg---.

NightofShadows

So, das hast du jetzt von deiner Antreiberei. Wir Schreiberlinge sind empfindliche Seelchen und ich brauchte bis jetzt um mich von der Drängelei zu erholen ---heul – snief---!

Mirasol83

Es freut mich ja immer, wenn jemandem meine Stories gefallen. Leider kann ich dir deine Fragen noch nicht beantworten, weil ich dann zuviel vom weiteren Verlauf der Story verraten würde. Aber auf jeden Fall gibt es bald erste H/D-Aktion ---grins---

Nie-chan

Ich hoffe, die Story gefällt dir auch weiterhin, obwohl das mit dem schnellen Update leider nichts wurde.

Little Whisper

DANKE – für deine Geduld, ich weiß, dass dich die Chaps auch grad einiges an Nerven kosten (besonders das nächste), deswegen ‚widme' ich dir ja die Weihnachtsstory ---gg – lieben Gruß---

So, genug geredet, immerhin haben wir ja noch Arbeit – äh – ein Chap vor uns ---gg---.

Auf geht's:

Chapter 10 - Von Sündern und Opfern

What I've done

I'll face myself

To cross out

What I've become

Erase myself

And let go of

What I've done

(Linkin Park - What I've done)

Hogwarts, Raum der Wünsche

„Ich kann es einfach nicht glauben!" stieß Ron aufgebracht hervor. „Meine eigene Familie steckt mit in diesem Possenspiel!" Sein Gesicht nahm zusehends ein ungesundes Dunkelrot an. Fred und George dagegen hatten den Anstand irgendwie schuldig auszusehen.

Hermine entgleisten im wahrsten Sinne des Wortes die Gesichtszüge. Allein Harry war nicht überrascht, zu offensichtlich hatte das Gespräch der Zwillinge an seinem Krankenbett ihn schon die Tatsache ihrer Mitwisserschaft vermuten lassen.

„Ron, hör bitte zu, es ist nicht so, wie du denkst!" setzte Fred zu einer Erklärung an.

„Ach nein? Wie denn dann? Lasst mich raten, eine eurer Erfindungen war zufälligerweise das Gegenmittel zu dem Zauber hier, oder was?" Ron war außer sich, griff in der Erregung nach seinem Zauberstab und richtete ihn auf seine Brüder.

Hermine wurde blass. „Um Merlins Willen, Ron!" brachte sie atemlos heraus.

„Lass uns doch bitte erklären." setzte nun auch George an, hob in einer beschwichtigenden Geste die Hände nach oben. Rons Unterlippe zitterte in einer Mischung aus Enttäuschung und Wut.

„WAS ZUM HENKER WOLLT IHR DA ERKLÄREN! IHR HABT MICH BELOGEN, IHR…", schrie Ron nun endgültig am Ende jeglicher Selbstbeherrschung. Er schüttelte Hermine wie eine lästige Fliege ab, als sie nach ihm griff.

Harry trat schließlich zwischen Rons erhobenen Zauberstab und die Zwillinge. „Komm schon, Ron, ich will hören, was sie zu sagen haben."

Ron blinzelte überrascht, sein zorniger Blick huschte von Harry zu seinen Brüdern, wieder zurück zu Harry. Erst nach einigen Sekunden hatte er sich genug gefangen um den Zauberstab zögerlich zu senken. Nachdem die Wut endlich abebbte, stand ihm die Enttäuschung über den vermeintlichen Verrat seiner Brüder deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Setzen wir uns doch…", schlug Hermine vor und prompt erschien ein runder Tisch mit fünf bequem aussehenden Stühlen, dem Raum der Wünsche sei Dank. Irgendjemand der schlafenden DA-Mitglieder ließ ein lang gezogenes Schnarchen hören.

Harry folgte ihrem Beispiel und setzte sich. Obwohl er die Tatsache, dass ausgerechnet Fred und George ihn im Unklaren gelassen, nein, schlimmer noch, belogen hatten, nach außen hin scheinbar gelassen hinnahm, brodelte es in seinem Inneren. Einzig der Wunsch nach einigen Erklärungen hielt ihn davon ab, den Zwillingen einige unschöne Flüche aufzuhalsen.

Das Gespräch war schwierig. Was zum einen sicherlich daran lag, dass Hermine und Harry Ron abwechselnd davon abbringen mussten, sich über den Tisch zu werfen und seinen Brüdern an die Gurgel zu springen.

Zum anderen wussten die Zwillinge sehr zu Harrys Leidwesen nichts konkretes über den Zauber. Trotz der tausend Fragen, welche Hermine stellte, waren die Antworten der Zwillinge mager. Sie berichteten, dass es den Gerüchten zufolge Dumbledore selbst war, der den Zauber entwickelt und seine Durchführung initiiert hatte. Wie das aber geschehen konnte, nachdem Dumbledore bereits tot war, wussten auch die Zwillinge nicht.

Ron fragte nach dem Grund, warum sie mitgemacht hätten. Die Zwillinge wurden still, warfen einander stumme Blick zu. Schließlich war es George, der antwortete: „Weißt du, Ma… Ma hat uns darum gebeten. Sie wollte, dass du und Ginny für eine Weile zur Ruhe kommen konntet…"

Ron machte ein ungläubiges Gesicht. George fuhr fort: „Hör zu. Wir kennen den genauen Hintergrund wirklich nicht. Eines Tages kam Ma zu uns mit der Nachricht, dass der Orden einen neuen Auftrag für uns habe. Zuerst wurde uns nur gesagt, dass Hogwarts wieder offen sei und wir einige Schüler dorthin begleiten sollten."

„Ach und ihr seid so gar nicht misstrauisch geworden, als ihr erfahren habt, um welche Schüler es sich handelt?", hakte Harry nach, noch immer um eine möglichst neutrale Miene bemüht.

„Natürlich.", schaltete sich nun auch Fred ein. „Wir fragten auch, wozu es gut sein sollte, wenn ihr euch an nichts mehr erinnern könntet…"

Ein weiterer stummer Blickwechsel folgte, schließlich seufzte George. „Ma sagte uns, dass es Dumbledores Wunsch gewesen sei, dass die jungen Zauberer in Sicherheit gebracht werden sollten. So wie wir das verstanden haben, diente alles nur dazu um euch zu beschützen… und um ehrlich zu sein… Merlin, ihr erinnert euch doch jetzt wieder daran wie fürchterlich die Kämpfe mit den Todessern schon damals waren! Um ehrlich zu sein waren wir einfach froh, dem Ganzen für einige Zeit zu entkommen."

„Als ob die Todesser verschwinden würden, nur weil ihr den Kopf in den Sand steckt!", blaffte Ron erhitzt, wich jedoch sowohl Harrys, als auch den entschuldigenden Blicken seiner Brüder aus.

„Merlin, ja, es war ein Fehler! Das haben wir ja mittlerweile auch eingesehen!", gab Fred ebenso hitzig zurück, die hektischen roten Flecken auf seinen Wangen verrieten seine Scham.

„Und dazu musste man uns einen Vergessenzauber aufhalsen?", fragte Hermine leise und lenkte das Thema in eine andere Richtung. Sie verstand durchaus, was die Zwillinge dazu bewogen hatte mit nach Hogwarts zu gehen. Wie oft hatte sie sich selbst gewünscht, der grausamen Realität der dauernden Alarmbereitschaft und der immer neuen Hiobsbotschaften entkommen zu können? Wie gern hätte sie ab und zu die Augen vor der allgegenwärtigen Präsenz des Todes geschlossen? Leider aber hatte Ron den Nagel auf den Kopf getroffen. So sehr sie es sich auch jeder von ihnen wünschte, Voldemort und seine Anhänger würden nicht von einen Augenblick auf den nächsten in irgendeinem Loch ohne Wiederkehr verschwinden.

„Wärt ihr freiwillig zurückgegangen?" antwortete Fred mit einer Gegenfrage.

Schweigen senkte sich über sie und Harry musste den Zwillingen zugestehen, dass er in dieser Hinsicht nicht widersprechen konnte. Natürlich wäre er nicht freiwillig zurückgegangen, wie hätte er alle die Zauberer im Stich lassen können, die für ihn starben? Für den Moment, an welchem der große Harry Potter Voldemort endgültig vernichten würde. Nein, Harry wusste, dass Fred Recht hatte. Er wäre nicht freiwillig nach Hogwarts zurückgegangen. Er hätte weiter gekämpft...

„Wir dachten wirklich, es wäre das Beste… wir… konnten auch nicht ahnen, welche Ausmaße das Ganze annehmen würde. Tatsache ist, dass du, Harry, fertig warst. Du hast nicht mehr geschlafen, nicht mehr gegessen… selbst Moody meinte, dass du so unmöglich gegen Voldemort bestehen könntest. Dich hat die Suche nach den Horkruxen doch fertig gemacht… und als dann die Sache mit Dad passiert ist… und der Bruch mit Ginny…", George hob hilflos die Schultern.

„Wir haben auch unterschätzt, was sie hier abziehen wollen.", beendete Fred die dürftigen Erklärungsversuche.

„Wer sind denn nun die?", hakte Hermine nach, erntete ein weiteres Schulterzucken. „Wissen wir nicht genau, Ma hat uns ja immer alles gesagt. Auf jeden Fall wissen die Lehrer ja wohl Bescheid und Remus auch… und Moody…. Aber ob der ganze Orden davon wusste…", Fred hob erneut die Schultern.

Lange saßen sie schweigend voreinander. Hermine spielte gedankenverloren mit einer Haarsträhne, Ron hatte die Lippen zusammengekniffen und starrte noch immer aufgebracht die Tischplatte an.

Auch Harry vermied es die Zwillinge anzusehen. Er starrte blicklos an die Wand hinter Hermine und versuchte Ordnung in das Chaos seiner wirbelnden Gedanken zu bringen. Wirklich weiter hatte ihn dieses Gespräch auch nicht gebracht. Einzig seine Vermutungen waren soweit bestätigt worden, obgleich es ihm noch immer nicht recht in den Kopf wollte, was genau der Orden, Dumbledore oder wer auch immer, mit diesem Zauber hatte bezwecken wollen.

Er warf einen Blick auf seine Uhr und ignorierte das plötzliche flaue Gefühl in seiner Magengegend geflissentlich. Es würde ihm nicht hilfreich sein, jetzt an eine seiner Visionen mit Malfoy zu denken… oder den Kuss… den nicht wirklichen Kuss, der ihn dennoch in haltlose Verwirrung stürzte.

Harry seufzte.

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Hogwarts, Snapes Privatgemächer

„Merlin, Severus, es geht mir gut, wirklich!", wiederholte Draco mit schwer unterdrückter Gereiztheit in der Stimme. Snape lüpfte eine Augenbraue und enthielt sich eines weiteren Kommentars, da im gleichen Augenblick sein Kamin ein leises Röhren von sich gab, was verdächtig nach der rülpsenden Intern-Verbindung des Schlosses klang.

Seine Vermutung wurde bestätigt, als Minerva McGonagalls Kopf in den Flammen erschien. „Severus?", fragte sie durch die prasselnden Flammen.

„Ja?", antwortete Severus mürrisch.

„Ich brauche sie in meinem Büro. Sofort." Ohne auf eine Erwiderung zu warten, verschwand McGonagalls Kopf und die Flammen erloschen.

Severus Miene verdüsterte sich und Draco konnte sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen. „Geh ruhig, Severus. Du hättest mir aber auch sagen können, dass du noch ein Date hast…"

Severus' bösartig geknurrte Antwort verstand er nicht, allerdings war Draco sich ziemlich sicher, dass es sich um einige unflätige Schimpfworte gehandelt haben dürfte. Severus ging ohne ein weiteres Wort. Draco konnte sein Glück kaum fassen und stieg aus dem Bett, sobald sich die Tür hinter Severus' Umhang schloss.

Er gestand Severus sogar zu, dass er möglicherweise Recht hatte und er tatsächlich noch Ruhe gebrauchen konnte, solange er die Gelegenheit dazu hatte. Sollte Voldemort ihn so kurz nach der Initiation schon zu sich rufen, oder gar mit in die Kämpfe schicken, dürfte sein Schicksal besiegelt sein. Draco verdrängte diesen beängstigenden Gedanken mit erschreckender Leichtigkeit.

Sein Zorn über die Verlogenheit, mit welcher ihm sowohl seine Eltern als auch Severus begegneten, war größer als jede Vernunft. Und so wusste er, was er zu tun hatte. Ausruhen gehört nicht dazu.

Rasch kleidete Draco sich an, in Gedanken schon bei dem Treffen mit Potter. Er betete inständig, dass der Trank tatsächlich so wirkte, wie er es erhoffte, denn wenn dem nicht so wäre… daran wollte er jedoch ebenso wenig denken, wie an das dunkle Mal auf seinem Unterarm.

Draco machte sich nicht die Mühe die Schlafzimmertür zu schließen, als er in den benachbarten Raum trat. Sofern Severus vor ihm zurück war, würde er in dem Moment von seiner Abwesenheit wissen, in der sein Fuß die Schwelle berührte.

Vor Severus' privater Sammlung an Tränken blieb Draco dennoch stehen und betrachtete einen Augenblick versonnen die unzähligen Fläschchen, welche eng aneinandergereiht hinter dem Glas eines verwitterten Schrankes standen. Mit seiner etwas krakeligen, schmalen Schrift hatte Severus sorgfältig jedes noch so kleine Fläschchen, jede Phiole beschriftet. Draco kam nicht umhin beeindruckt zu sein. Severus hatte offenbar an alles gedacht. Von einfachem Veritaserum bis zu den komplexeren Tränken, wie dem Binsou-Trank, welcher die Seele eines Zauberers aus dem Körper riss und an ein beliebiges Gefäß fesselte, bewahrte Severus alles auf, was es an lagerbaren Zaubertränken gab.

Seit jener Nacht, in der es ihm gelungen war die Todesser ins Schloss zu schleusen, wusste Draco auch, dass diese Voraussicht mehr als nötig war. Nach ihrer Flucht war Severus mit ihm nicht, wie er erwartet hatte, zu Lord Voldemort geflohen. Nein, Draco hatte sich und Severus in der Heulenden Hütte wieder gefunden und Severus hatte mit wenigen Worten seine vertraute Welt zum Einstürzen gebracht. Niemals hätte Draco erwartet, dass ausgerechnet Severus als Spion für Dumbledore arbeitete, seine Eltern hinterging, mit welchen er doch angeblich so gut befreundet war… ihn hinterging, indem er heimlich Potter in die Hände arbeitete. Ausgerechnet Potter! Severus hatte ihn, Draco, all die Jahre in dem irrwegigen Glauben gelassen, dass er Dumbledores Goldjungen genauso hasste wie er… dass er noch immer ein Todesser war. Nun, genau genommen war Severus dies auch. Aber eben auch noch soviel mehr.

Draco wandte sich von den Regalreihen ab. Er hatte Severus vertraut, beinahe mehr als seinen Eltern, nur um nun herauszufinden, dass auch Severus ihn belogen hatte. Dieser Verrat schmerzte noch ein wenig mehr, als das distanzierte Verhalten seiner Eltern. Und eventuell war es auch der Grund, warum er nun unbedingt mit Potter reden wollte. Denn wie es schien, war ausgerechnet der Gryffindor der Einzige, der ihn über all die Jahre nicht angelogen hatte… nicht mit der Rückkehr Voldemorts, nicht mit den Folgen, welche eine weitere Herrschaft des dunklen Lords nach sich ziehen würde.

Noch immer in Gedanken schritt Draco zur Tür. Es traf ihn mehr als überraschend, dass er Selbige verschlossen fand. Er fluchte leise und versuchte es erneut.

Mit demselben Ergebnis. Draco trat wütend gegen das schwere Holz, als er erkennen musste, dass Severus ihn eingesperrt hatte.

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Hogwarts, Raum der Wünsche

„Nun, da du dich wieder erinnerst, was hast du jetzt vor?" Harry sah auf, als Fred ihn ansprach. Er zuckte die Schultern. „Wenn ich das so genau wüsste. Allerdings möchte ich, dass vorerst niemand erfährt, dass wir uns erinnern können. Ich denke, am wichtigsten ist es wohl, dass ich mir erstmal ein Bild darüber verschaffe, was in der Zeit passiert ist."

Fred runzelte die Stirn. „Und wie willst du das anstellen?"

„Frag mich was Leichteres."

„Immerhin kriege ich den Tagespropheten wieder.", stellte Hermine nachdenklich fest. „Habt ihr etwas damit zu tun?"

Fred und George schüttelten einträchtig die Köpfe.

„Tja, das wäre dann die nächste Frage. Wieso kriege ich den Tagespropheten und wer steckt dahinter und warum und… puuuhh…", seufzte Hermine und acciote sich Pergament und Schreibfeder. Bei dem Durcheinander an Informationen, Vermutungen und Halbwahrheiten schwirrte selbst ihr der Kopf. Eventuell würden ihr einige Notizen der Sachlage ja helfen die Dinge klarer zu sehen.

„Wie lange werden die schlafen?", meldete Ron sich nach einer halben Ewigkeit erneut zu Wort und deutete etwas gezwungen auf die selig schlummernden DA-Mitglieder.

„Keine Ahnung, das hängt wohl von der Stärke des Zaubers bei jedem Einzelnen ab und von den Dingen, an welche man sich erinnert.", antwortete George leise.

Hermine sah auf. „Sowas Ähnliches dachte ich mir fast. Harry hat immer so unterschiedlich lang geschlafen, mal nur ein paar Minuten und das eine Mal den ganzen Tag."

Harry blickte Hermine erstaunt an und fragte sich wie es kam, dass ihm nie solche Dinge auffielen. Hermine bemerkte seinen Blick und ein leichtes Rosa stahl sich auf ihre Wangen.

Die Turmuhr schlug zur vollen Stunde und Harrys Kopf schnippte nach oben. „Ich muss gehen.", sagte er und sprang so eilig auf, dass er beinahe seinen Stuhl umgeschmissen hätte. Fred und George sahen ihn verständnislos an. „Wohin…?"

„Das tut nichts zur Sache… bleibt solange hier, bis ich wiederkomme.", Harry wandte sich ab, wusste, dass wenn er auch nur noch eine Sekunde zögerte, die unweigerliche Aufforderung von Ron kommen würde nicht zu gehen. Oder wenigstens jemanden von ihnen mitzunehmen. Oder Hermines Warnung vorsichtig zu sein.

Harry wollte weder das Eine, noch das Andere hören. Er schlug die Tür zum Raum der Wünsche fester in die Angeln, als es nötig gewesen wäre. Fast, als wollte er seinen Freunden mit dieser Geste klarmachen, dass sie ihm unter gar keinen Umständen folgen sollte. Nun, so war es ja auch. Er wollte Malfoy alleine treffen…

Trotz des Aufruhrs in seinen Gedanken musste Harry grinsen. Wann war er eigentlich in einer Welt gelandet, in der er Malfoy unbedingt unter vier Augen sehen wollte? Harry verlangsamte unwillkürlich seine Schritte, die Tür zu besagtem Treffpunkt schon vor Augen. Sicher, er wollte Antworten und hoffte nun, da die Zwillinge auch nichts Brauchbares zu ihrer Situation hatten beitragen können, mehr denn je darauf, dass Malfoy ihm genau diese würde geben können. Doch… war das wirklich der einzige Grund für sein Herzklopfen als er nun vor der geschlossenen Tür stehen blieb?

Nein, beantwortete die fiese kleine Stimme in seinem Kopf unaufgefordert die Frage. Nein, ist es nicht. Der Grund für seine Nervosität lag in einem kleinen Wort, von ihm selbst ausgesprochen und doch so fremd:

„Draco."

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Hogwarts, Büro der Schulleiterin

Minerva wartete geduldig, bis Severus Snape eingetroffen war.

Filius Flitwick und Malfalda Hooch waren vor wenigen Minuten gegangen, mit besorgten Mienen und dem Versprechen die Verteidigungszauber von Hogwarts einer genauen Prüfung zu unterziehen. Minerva hatte sie darum gebeten, es im Stillen zu tun, sie wollte nicht, dass Lilith Dumbledore von ihrem Vorhaben erfuhr. Zumindest jetzt noch nicht.

Albus Dumbledore's Tochter war auch der Grund, weswegen sie nun mit Severus reden wollte. Auch wenn sie schon ahnte, dass die Unterhaltung sehr anstrengend werden würde. Als es klopfte unterdrückte Minerva ein Seufzen und forderte den Wartenden auf einzutreten. Zu ihrem tiefsten Erschrecken trat jedoch nicht, wie erwartet, die hagere Gestalt von Severus Snape durch die Tür, sondern Lilith Dumbledore.

Minerva's Augen verengten sich. Sie machte sich nicht die Mühe, den Misston aus ihrer Stimme zu verbannen. „Ms Dumbledore. Schon wieder. Was gibt es denn noch zu so später Stunde?"

Die junge Hexe überging den unfreundlichen Ton. „Guten Abend, Minerva. Ich wollte mich lediglich erkundigen, ob es Neuigkeiten von Harry Potter gibt?"

„Neuigkeiten?" Minerva warf ihr einen fragenden Blick über den Rand ihrer Brille hinweg zu.

Es klopfte erneut und diesmal rief Minerva mit fast bösartiger Freundlichkeit. „Herein, Severus!"

Ms Dumbledore versteifte sich und Minerva erlaubte sich einen Augenblick lang das Gefühl von Schadenfreude zu genießen. Severus trat ein, schloss die Tür lautlos hinter sich. Auch er wirkte wenig erfreut die junge Hexe vorzufinden. „Sie wollten mich sprechen…?", schnarrte er. Seine undurchdringlichen Augen verharrten noch einen Moment auf Lilith, bevor er sich zu McGonagall wandte.

Minerva rief sich zur Ordnung, auch wenn sie kurz davor stand einfach zu behaupten, dass Ms Dumbledore ein Problem mit einem ihrer Schüler hatte und Severus' Hilfe benötigte. Resolut straffte sie ihre Schultern, sie hatten wirklich keine Zeit für derartige Kindereien. „Ja, Severus, das wollte ich. Doch vorher, Ms Dumbledore, führen sie doch bitte aus, was genau sie von mir wissen wollen! Es ist spät und selbst ich möchte irgendwann ein wenig Schlaf bekommen."

„Ich…", Ms Dumbledore räusperte sich, „…wollte nur wissen, ob der Zauber bei Harry noch verstärkt wurde…"

„Verstärken, Ms Dumbledore?", schaltete Severus sich sehr zu Minervas Freude prompt ein. „Wollen sie das Hirn des Jungen in eine Masse nichtsnutzigen Brei verwandeln?" Severus trat näher und blieb dicht vor der jungen Professorin stehen, welche sich sichtlich unwohl in ihrer Haut fühlte.

„Nein… nein, natürlich nicht, aber… er schläft zu oft ein… und ich dachte…"

„Sie dachten?", wiederholte Severus abfällig und Minerva verspürte das erste Mal in ihrem Leben den unorthodoxen Wunsch Severus Snape für seine Übellaunigkeit zu küssen!

Ms Dumbledore machte einen kläglichen Versuch sich ihre Würde zu bewahren, richtete sich auf und zwang sich mit kaum zu übersehender Mühe Severus ins Gesicht zu blicken. „Ich will einfach nur, dass der Zauber so funktioniert, wie mein Vater es wollte.", sagte sie, doch das Zittern in ihrer Stimme war kaum zu überhören.

„Seien sie versichert, dass ich mein Möglichstes tue um mich genau an die Wünsche ihres Vaters zu halten, Ms.", antwortete Severus kalt.

„Natürlich…". murmelte Lilith und ihre Schultern sanken ein wenig nach unten.

„Nun, meine Liebe, wenn das alles wäre? Ich habe noch etwas mit Severus zu besprechen." schaltete Minerva sich ein, wollte den günstigen Moment ausnutzen um die unerwünschte Besucherin loszuwerden.

„Ich… ja… Gute Nacht." Ms Dumbledore wich Minervas Blick aus und fuhr herum, rauschte mit verdächtiger Eile aus dem Büro der Schulleiterin. Die Tür schlug vernehmlich hinter ihr zu.

„Severus, mir scheint, sie haben einen beneidenswerten Einfluss auf diese nette, junge Frau!", spottete Minerva in einem Anflug von Schadenfreude.

Severus' Miene war jedoch verkniffener denn je, als er sich der Schulleiterin zuwandte. „Das ist es ja, was mir Sorgen bereitet!", sagte er. Minerva blickte ihn verständnislos an.

„Haben sie Lilith Dumbledore so in Erinnerung, Minerva? So ängstlich? Zu ihrer Schulzeit hätte sie mir mit einer unverschämten Bemerkung Grund gegeben ihrem Haus Punkte abzuziehen. Sehr zu meinem Leidwesen, hat sie meine pure Anwesenheit früher nicht eingeschüchtert."

Minervas Mundwinkel sackten nach unten, als ihr der Wahrheitsgehalt dieser Worte bewusst wurde. „Aber ich dachte sie seien sicher, dass sie wirklich Albus' Tochter ist…", brachte sie erfüllt von dunkler Vorahnung heraus.

Severus kräuselte die Lippen.

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Hogwarts, verwunschenes Klassenzimmer

Harry hatte die Tür nur zögerlich geöffnet und schwankte zwischen Enttäuschung und Erleichterung, als er das Klassenzimmer leer vorfand. Er hatte auf einem der verstaubten Tische Platz genommen und gewartet.

Allmählich jedoch wurde er unruhig, sprang von seiner Sitzgelegenheit und strich unruhig durch die Bankreihen. Der Blutfleck an der Tafel zog seine Aufmerksamkeit auf sich und Harry ging näher heran. Obwohl das Blut schon seit Jahren an genau derselben Stelle sichtbar war, schien es frisch. Harry meinte sogar noch den leicht metallischen Geruch wahrzunehmen, als er dichter herantrat. Versonnen starrte er einen langen Moment auf den Fleck, verwundert darüber, dass das Blut weder gerann noch sich anderweitig veränderte.

Er erinnerte sich undeutlich an einen langatmigen Vortrag Hermines über die Entstehung des Flecks und musste sich eingestehen, dass er sich nicht an den Inhalt ihrer Worte erinnern konnte.

Harry wandte sich um, starrte die nur angelehnte Tür zum Klassenzimmer an und begann zu ahnen, dass Malfoy nicht auftauchen würde. Er fluchte ausgelassen und ziemlich unflätig.

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Hogwarts, Snapes Privatgemächer

Einen weiteren Entriegelungsfluch später und Dracos Laune sank von rachsüchtig nach mordlustig! Er konnte es noch immer kaum glauben, dass Severus ihn tatsächlich eingesperrt und die Tür offensichtlich mit einem Zauber verschlossen hatte, dessen Gegenpart er nicht kannte.

Draco rief sich selbst zur Ordnung. Gut, eigentlich hätte es ihn nicht mehr überraschen dürfen. War Severus doch in letzter Zeit noch misstrauischer ihm gegenüber als jemals zuvor. Schuld an diesem Argwohn war der Umstand, dass er in jener Nacht die Todesser ins Schloss gelotst hatte, das wusste er natürlich - doch was hätte er anderes tun sollen? Voldemort hatte ihm damals unmissverständlich klar gemacht, dass er Narzissa und Lucius töten würde, sollte Draco versagen. Heute wusste er, dass es trotz allem ein Fehler war. Er dachte an das Gespräch in der Heulenden Hütte zurück. In der Nacht ihrer Flucht hatte Severus ihm mehr als deutlich gemacht, dass der Kampf gegen Voldemort manchmal mehr Opfer forderte, als man bereit war zu geben. Und sollte es dem Orden nicht gelingen Voldemorts habhaft zu werden, bevor er einen weiteren Krieg anzetteln konnte, wäre ihrer aller Überlebenschance verschwindend gering.

Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen verstand Draco nicht, warum Severus ihn belogen hatte. Wozu dieses ganze Possenspiel? Die falsche Begründung, warum auch er nach Hogwarts zurückkommen sollte? Draco ließ von der malträtierten Eingangstür ab und zog sich ins Schlafzimmer zurück.

Noch hatte er einen Trumpf im Ärmel von dem selbst Severus nichts wusste. Und wie die Dinge nun lagen, würde Draco es ihm auch nicht erzählen. Obgleich er es gern verhindert hätte, kam Draco zu dem Schluss, dass er seinen eigenen Weg würde gehen müssen. Er war nicht bereit länger seinen Eltern oder Severus länger als Schachfigur zu dienen. Draco schloss die Schlafzimmertür sehr sorgfältig hinter sich.

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Hogwarts, Büro der Schulleiterin

„Und daran besteht gar kein Zweifel?" fragte Minerva erneut, obwohl sie die Antwort eigentlich schon kannte.

„Nein. Sie ist es. Albus selbst hatte sie bei einem Onkel untergebracht, dem Bruder ihrer Mutter, soweit ich weiß, denn Aberforth war ebenso überrascht wie ich, als er von ihrer Ankunft erfuhr… Tatsache ist, ich habe nicht den geringsten Anhaltspunkt gefunden, warum ihre Geschichte nicht stimmen sollte."

Minerva nickte. Nun, Lilith Dumbledore war eine Sache. Eine noch viel schwerwiegendere Sache brannte ihr auf dem Herzen und doch wagte sie kaum es auszusprechen. „Severus… es geht nicht nur um Albus' Tochter…", sie unterbrach sich, während Severus' Miene sich sichtlich verschloss, als ahne er, welche Frage sie ihm stellen würde. Minerva seufzte, schob sich die Brille den Nasenrücken wieder hinauf, bevor ihre Hände sich ineinander verschlungen. „Ich weiß nicht, wie ich ihnen diese Frage stellen soll. Dennoch, ich muss es tun… wie sonst… sollte ich… es würde erklären, warum…"

Severus tat nichts um ihr entgegenzukommen und so blieb Minerva nach einigen Augenblicken des vergeblichen Hoffens auf eine Reaktion nichts anderes übrig, als die Frage zu stellen. „Was ist der Grund für Albus' Vertrauen in sie, Severus? Ein Vertrauen selbst über den Tod hinaus, den sie verschuldet haben?"

Minerva ließ den Mann ihr gegenüber nicht aus den Augen und so entging ihr der harte Ausdruck auch nicht, welcher sich nun in seine ganze Haltung legte. „Es verwundert mich, dass sie mir noch keinen Unverzeihlichen angehängt haben, wenn sie noch immer diese Zweifel hegen.", antwortete Severus kalt, dann, ein wenig versöhnlicher: „Seien sie versichert, dass Albus' Vertrauen in mich gerechtfertigt war und auch bleiben wird. Der Grund dafür geht niemanden etwas an außer Albus Dumbledore und mich. Ich verstehe, dass sie zweifeln, doch ich kann es ihnen nicht sagen. Selbst wenn ich wollte…"

Die Schulleiterin glaubte zu verstehen. „Ein Geheimniszauber?", fragte sie und Severus nickte, dankbar dafür, dass sie ihm so eine wunderbar glaubhafte Lüge zurechtlegte.

„Nun gut." Minerva war nicht zufrieden. Doch was hätte sie unternehmen sollen? Albus hatte genug Vertrauen in Severus Snape, dass er ihm buchstäblich das Leben in die Hand gelegt hatte. Nicht nur das, das Vertrauen ging selbst über seinen eigenen Tod hinaus. Sie erinnerte sich an Albus' Worte in ihrem Brief. ‚Vertrauen sie Severus, Minerva. Er hat nur getan was er tun musste um ein unschuldiges Leben zu schützen. Das waren Albus' Worte und auch wenn Minerva sich fragte, ob Draco Malfoy tatsächlich so unschuldig war, wie Albus geglaubt hatte, kam sie nicht umhin zuzugeben, dass Albus sich in Menschen selten geirrt hatte.

„Warum mussten sie ihn töten?", fragte sie leise, nicht sicher, ob sie die Antwort auf diese Frage tatsächlich hören wollte.

„Ich war dazu gezwungen, aus zweierlei Gründen. Einer davon war Albus selbst. Er wusste, welche Wirkung der Trank haben würde, den Potter ihm einflößen musste, um an den Horkrux zu kommen.", antwortete Severus und die Erinnerung an jene Nacht kehrte schmerzlich in sein Gedächtnis zurück. Es war nicht einmal gelogen. Er hatte Albus nicht töten wollen, letztendlich aber keine Wahl gehabt. Zum Einen durch den unbrechbaren Schwur gegenüber Narzissa, die Draco beschützt sehen wollte… zum Anderen durch seinen Schwur gegenüber Albus Dumbledore, welchen er in jener Nacht abgelegt hatte… in jener Nacht, als…

„Der Trank war tödlich." Minervas Entgegnung war keine Frage, mehr eine Feststellung und so genügte ein Nicken von Severus, um ihre Vermutung zu bestätigen.

„Wusste Harry Potter, dass er Albus töten würde, wenn er ihm den Trank einflößt?"

„Nein, ich glaube kaum, dass Albus ihm das gesagt hat."

Minerva nickte und schloss für einen Moment die Augen. Hinter ihrer Stirn begann es zu hämmern. Es war ein langer Tag und sie musste nun innerhalb von Sekunden entscheiden, ob sie Albus' Menschenkenntnis in Bezug auf Severus Snape vertrauen sollte. Zu ihrer eigenen Verwunderung, fand Minerva die Antwort sehr schnell.

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Hogwarts, verwunschenes Klassenzimmer

Harry stieß einen weiteren Fluch aus und beschloss, dass es keinerlei Sinn mehr hatte auf Malfoy zu warten. Wütend stiefelte er zwischen den Bankreihen hindurch und beschloss zurück in den Raum der Wünsche zu gehen.

Er stieß einen erschrockenen Schrei aus, als urplötzlich jemand direkt vor ihm apparierte. Harry hatte den Zauberstab schon gezogen und auf Brusthöhe fixiert, bevor Draco überhaupt richtig angekommen war.

„Nimm das Ding runter.", sagte Draco unbeeindruckt und schüttelte sich. Er hasste das Apparieren in Hogwarts. Die eingebauten Schilde machten das Durchdringen der Barriere zwischen zwei Orten schwieriger und unangenehmer als sonst. Es war als würde man versuchen durch zähen Schleim zu rennen. Widerlich.

„Malfoy!", brachte Harry misstrauisch heraus. Der Zauberstab blieb wo er war. „Wieso kannst du in Hogwarts apparieren?"

Draco zog die Augenbrauen hoch und ging kommentarlos an Harry vorbei. Er ließ sich auf demselben Tisch nieder, auf welchem Harry bis vor wenigen Momenten gesessen hatte. „Eins nach dem Anderen, Potter.", sagte er und deutete Harry endlich den Zauberstab zu senken.

Harry blieb misstrauisch und rührte weder sich, noch seinen Zauberstab auch nur um einen Millimeter. „Du bist spät dran.", sagte er stattdessen.

Dracos Miene wurde grimmig. „Ich weiß. Es lag nicht an mir…"

„Sondern?"

„Das geht dich zwar nichts an, aber sagen wir einfach, ich bin unvorhergesehen aufgehalten worden. Ich bin hier, wie ich gesagt habe! Kommen wir zur Sache. An was erinnerst du dich?" Draco begutachtete mäßig interessiert die blutverschmierte Tafel.

„Wieso stehst du nicht unter dem Zauber?"

„Weil ich offenbar einen Trank kenne, der die Wirkung des Zaubers neutralisiert."

„Also standest du auch unter dem Zauber? Wie kommt es dann, dass du nicht eingeschlafen bist, sondern den Trank brauen konntest und…"

„Potter!", unterbrach Draco sein Gegenüber unwirsch. „Ich habe nicht den ganzen Abend Zeit, also hör auf meine Fragen mit einer Gegenfrage zu beantworten. Ich muss wissen, ob du dich wirklich an alles erinnerst. Immerhin hast du nicht die volle Dosis genommen."

„Glaub mir, ich erinnere mich an mehr, als mir lieb ist.", antwortete Harry ätzend. Den Unterton des Schmerzes konnte er nicht ganz aus seiner Stimme verbannen.

„Der Trank wirkt also.", stellte Malfoy sachlich fest.

Harry nickte bestätigend. „Ja, ich bin zwar noch immer müde, aber zumindest kann ich mich erinnern und schlafe nicht mehr ständig ein."

„Wenn du deinen beiden Schatten nicht die Hälfte des Trankes abgegeben hättest, wäre…"

„Darüber diskutiere ich nicht mit dir. Punkt." Harry verzog das Gesicht, als wolle er damit seine Aussage unterstreichen.

„Wie wirkt der Trank bei ihnen?", fragte Draco scheinbar tatsächlich interessiert.

„Sie sind noch müde und haben Kopfschmerzen, können sich aber ebenfalls an alles erinnern.", berichtete Harry, verkniff sich eine weitere Frage und ließ nach einigem Zögern tatsächlich den Zauberstab sinken. Dennoch blieb er in Alarmbereitschaft. Die Tatsache, dass Malfoy in Hogwarts apparieren konnte, verursachte ihm mehr als nur ein wenig Magengrummeln.

„Wie wäre es mit einem Beispiel… nur damit ich sicher sein kann, dass du dich tatsächlich erinnerst?" Malfoy bedachte ihn mit seinem typische arroganten Gesichtsausdruck und vielleicht war es gerade das, was Harry dazu veranlasste, sich ebenfalls auf einem der Tische niederzulassen. Malfoys Überheblichkeit war ihm vertraut, ein Stück der alten heilen Welt, in welche er sich mehr als alles andere zurückwünschte und in der er noch naiv genug war, sich über die Slytherins im Allgemeinen und Malfoy im Besonderen aufzuregen. Harry seufzte leise.

„Gut…", begann er und überlegte, was genau Draco würde hören wollen. Schließlich entschied er sich dazu, die gröbsten Eckdaten des aufkeimenden Krieges zusammenzufassen. Angefangen bei Dumbledores Tod bis hin zu der Suche nach den Horkruxen. Harry erinnerte sich sogar noch daran, dass er mit Remus in seinem Kaminzimmer im Grimmauldplatz gesessen hatte… und dann war er plötzlich in der Winkelgasse.

Draco hörte schweigend zu, einzig sein gelegentliches Stirnrunzeln zeigte, dass er Harry tatsächlich zuhörte. Harry's Bericht endete mit dem Moment im Krankensaal, als er Ron um die Phiole bat. Draco atmete hörbar durch. „Sieht aus, als wirke der Trank perfekt."

Harry verzichtete auf einen Kommentar.

„Du weißt also jetzt, wann der Zauber begonnen haben muss…", begann Draco zu sinnieren und ein weiteres Stirnrunzeln veranlasste Harry nun doch zu einer Erwiderung.

„Inwieweit bist du in den Zauber involviert, Malfoy? Wieso bist du nicht davon betroffen und trotzdem wieder in Hogwarts?"

Draco beschloss, dass er wohl oder übel einiges beantworten musste, wenn er ebenfalls weitere Informationen von dem Gryffindor haben wollte. „Involviert? Du meinst, ob ich weiß um was für einen Zauber es sich handelt? Tut mir leid, keine Ahnung. Das Einzige, was ich weiß ist, dass mal wieder alle Welt verzaubert worden ist. Außer mir. Und ich habe keinen Schimmer, warum sie das nicht auch bei mir gemacht haben. Ich hätte mich jedenfalls um die Realität nicht so sehr gerissen, wie du, Potter."

Harry wusste nicht, ob er mit dieser Antwort tatsächlich zufrieden sein sollte. „Du willst mir erzählen, du wusstest nicht, warum dieser Zauber verhängt worden ist oder um was für einen Zauber es sich handelt? Wie konntest du dann einen Trank beschaffen, der die Wirkung aufhebt?"

Draco zuckte die Schultern. „So ist das, wenn man in Zaubertränke keine Niete ist, Potter. Ich habe lediglich einen Trank gesucht, der die mir bekannten Symptome aufhebt. Müdigkeit, Bewusstlosigkeit, Amnesie."

„Aber warum bist du wieder in Hogwarts, wenn du nicht unter dem Zauber standest?" wechselte Harry das Thema, entschlossen, die Beleidigungen vorübergehend zu ignorieren.

Draco wich Harrys Blick aus, bevor er etwas verlegen antwortete. „Meine Mutter hat gehört, dass Hogwarts wieder offen ist und wollte, dass ich herkomme. Und da Severus ihr versicherte, dass auch er zurückginge…"

Es überraschte Harry zu hören, dass Draco Malfoy tatsächlich auf seine Mutter zu hören schien. Irgendwie hatte er das nicht erwartet. Obwohl er sich dunkel zu erinnern meinte, dass Narzissa Malfoy überhaupt die ausschlaggebende Person dafür gewesen war, dass Draco nach Hogwarts kam. Aber wollte Lucius nicht, dass sein Sohn nach Durmstrang ging? „Und dein Vater wollte das auch?", hakte er deshalb etwas verunsichert nach. Es war doch ziemlich schwer vorstellbar, dass Lucius Malfoys Frau irgendetwas gegen den Willen ihres Mannes unternahm. Draco nickte schlicht. Dass es tagelangen Streit um seine Rückkehr nach Hogwarts gegeben hatte, und Lucius gezwungenermaßen nachgeben musste, nachdem Narzissa drohte, ihm ihre Schwester Bellatrix mit haltlosen Verdächtigungen auf den Hals zu hetzen, verschwieg er. Harry brauchte dieses Detail nicht zu interessieren.

„Aber… ist dir nicht aufgefallen, dass hier was nicht stimmt?" Harry konnte kaum fassen, dass neben Fred und George auch Draco eine geradezu rekordverdächtige Gleichgültigkeit gegenüber den merkwürdigen Vorkommnissen in Hogwarts an den Tag legte.

„Doch, natürlich ist mir das aufgefallen.", antwortete Draco in einem Tonfall, als rede er mit einem besonders begriffsstutzigen Kleinkind. „Da sich die ganze Welt aber seit Dumbledores Tod irgendwie seltsam benimmt, kann ich nicht sagen, dass mir das von Anfang an aufgefallen wäre. Erst nach einiger Zeit habe ich mich gefragt, warum du oder das Wiesel mir nicht an die Kehle springt oder zumindest versucht Snape in die ewigen Zauberergründe zu hexen."

Harry bedachte ihn mit einem Blick, der Draco klar machte, dass er ihm nicht glaubte. Er seufzte. „Hör zu. Mein Vater sagte mir schlussendlich, dass es in Hogwarts sicher sei und er wolle, dass ich ein wenig untertauche und die Füße stillhalte. Naja… nachdem ich so offensichtlich versagt hatte und Dumbledore nicht umlegen konnte, war Voldemort nicht wirklich gut auf mich zu sprechen…" Draco beschloss, dass diese etwas weitläufige Auslegung der wahren Worte seines Vaters für den Gryffindor ausreichend sein musste.

„Und da suchst du ausgerechnet in Hogwarts Schutz?" Harry verschlug es bei soviel unverschämter Dreistigkeit beinahe die Sprache.

„Nicht alle Dinge sind so, wie sie auf den ersten Blick erscheinen, Potter.", belehrte Draco ihn hintergründig.

Harry wollte protestieren… und er hätte es sicherlich auch, wenn nicht just in diesem Augenblick zwei unerwünschte Stimmen in seinen Ohren geklungen hätten… die Erinnerung an eine seiner Visionen kehrte zurück.

Vertraust du mir?"

Ja!"

Eine Gänsehaut ließ Harry schaudern, er schüttelte den Kopf, als Draco ihm einen fragenden Blick zuwarf. „Warum hast du mir die Phiole gegeben?", fragte er, um sich von seiner plötzlich aufkeimenden Nervosität abzulenken. Er verstand die Hintergründe von Dracos Rückkehr noch immer nicht und war sich fast sicher, dass der Slytherin etwas vor ihm verbarg.

„Weil ich nicht wollte, dass man dich in diese scheißfreundliche-heile-Welt-Illusion steckt und ich jeden Tag in der Kriegsrealität leben muss…", schoss Draco giftig und der Neid war seiner Stimme deutlich anzuhören.

„Es hätte mich jetzt auch gewundert, wenn du mir einen weniger egoistischen Grund genannt hättest.", stellte Harry trocken fest.

Draco biss sich auf die Zunge und schluckte mit Mühe einen schnippischen Kommentar hinunter. „Ich dachte eigentlich, dass der Goldjunge in den Plan des Ordens eingeweiht ist.", sagte er stattdessen bemüht neutral.

„Der Orden steckt dahinter?", fragte Harry überrascht.

Draco zog die Nase kraus. „Das nehme ich doch an, oder nicht?"

Harry war kurz davor einen der Papierkörbe aus lauter Frust in die Luft zu jagen. „Keine Ahnung.", brachte er gepresst hervor, fügte dann doch noch deutlich genervt hinzu: „Ich dachte, das könntest du mir sagen."

„Nein.", Draco klang nachdenklich in Harrys Ohren und so war es auch. Draco konnte kaum glauben, dass nicht nur er hinters Licht geführt worden war, sondern dass es dem Helden der Nation nicht besser ergangen sei. Irgendwie war er bisher davon ausgegangen, dass Potter wissentlich nach Hogwarts zurückgekehrt war… dass er vor dem Krieg flüchten wollte… wie es aussah, stimmte auch diese Vermutung nicht.

„Dann weißt du auch nicht, warum der Zauber auf uns gelegt worden ist?", schlussfolgerte Harry. Er spürte einen schon vertrauten Anflug von Kopfschmerz und strich sich geistesabwesend über die Stirn.

„Nein." antwortete Draco, verschwieg aber, dass er mittlerweile die ein oder andere Vermutung hatte.

Harry seufzte.

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Hogwarts, Büro der Schulleiterin

„Kingsley Shacklebolt war hier…", sagte sie matt.

Severus sah überrascht aus: „Aber wie konnte er uns durch die Illusionszauber finden?"

Minerva unterbrach ihn mit einer Handbewegung. „Bitte, lassen sie mich erst berichten." In kurzen Worten fasste sie ihr Gespräch mit Kingsley zusammen. Severus' Miene verdüsterte sich zusehends und war bei grimmiger Verkniffenheit angelangt, als Minerva schließlich die Frage anschloss, die ihr seit Stunden unter den Nägeln brannte.

„Wieso haben sie nichts gesagt, Severus?"

„Hätte das etwas geändert?", fragte Severus schlicht, obgleich er die Antwort schon kannte.

„Ja!", widersprach Minerva wider besseren Wissens. Severus kräuselte die Lippen. „Und was?"

Minervas Mund öffnete sich und klappte nach einigen nutzlosen Sekunden wieder zu, ganz, als wäre sie spontan der Fähigkeit des Sprechens beraubt worden. Severus nickte nur. „Eben. Es hätte nichts genutzt. Nur Unruhe hereingebracht und vielleicht Erinnerungen ausgelöst, die wir so vehement verhindern wollen."

„Trotzdem möchte ich in nächster Zeit über die aktuellen Vorkommnisse unterrichtet werden. Was ist, wenn es zur heißen Phase des Krieges kommt und Hogwarts angegriffen wird? Wie sollen wir uns verteidigen können, wenn ich von nichts weiß?"

„Seien sie nicht albern, natürlich hätte ich sie vorgewarnt, genauso wie ich bisher den Orden immer wieder gewarnt habe.", schnappte Severus. Allmählich war er genervt von diesem Verhör und nicht gewillt es länger hinzunehmen. In seinen Augen hatte er nun lange genug Rede und Antwort gestanden. Er musste sich nicht für sein Tun rechtfertigen! Immerhin tat er nur das, was Albus Dumbledore von ihm verlangt hatte. Nicht weniger... Eher noch etwas mehr.

Minerva schwieg ein wenig betreten, denn in diesem Punkt konnte sie Severus nicht widersprechen. Der Orden hatte sich bisher immer auf ihn verlassen können. Eine skandalträchtige Erkenntnis dämmerte ihr und sie starrte Severus mit offenem Mund einen langen Augenblick an, bevor sie sagte: „Von ihnen waren die Informationen… die ganze Zeit, selbst als wir sie verschollen glaubten!"

Severus begnügte sich mit einem knappen Nicken.

„Meine Güte.", schloss Minerva und blickte ihr Gegenüber entschuldigend an. ‚Nun, dachte sie, ‚damit dürfte die Frage der Vertrauenswürdigkeit ja geklärt sein. Flüchtig kamen ihr die Todesserangriffe, welche sie hatten verhindern können, weil ein Informant sie vorwarnte in den Sinn. Niemand hatte ihr gesagt, dass diese Informationen von Snape stammten, dass ausgerechnet Severus Snape der Informant des Ordens war.

„War das alles?", fragte Severus und gab sich einen Augenblick der Hoffnung hin, dass… nun ja, die Hoffnung war vergeblich.

„Noch nicht ganz. Zwei Dinge noch, auch wenn wir heute Abend zu keinem Ergebnis mehr kommen werden. Was machen wir mit Albus' Tochter und wie sichern wir Hogwarts gegen einen möglichen Angriff?" Minerva tastete fahrig nach ihrem Zauberstab und ließ neuen, heißen Tee in die Kanne sprudeln. Sie nahm sich eine Tasse, bot Severus ebenso einen an, doch der schüttelte nur verneinend den Kopf. Anstatt des angebotenen Tees war Severus eher nach einem Glas ordentlichen Feuerwhiskey zumute.

„Die Schutzschilde des Schlosses sind in Kraft, das hat also durchaus Zeit bis morgen und was Lilith Dumbledore betrifft…", Severus seufzte und legte die Stirn in Falten. „Da werde ich mir wohl etwas überlegen müssen…"

„Zumindest sollten wir irgendwie herausfinden, was mit ihr los ist und wieso ich jedes Mal eine Gänsehaut kriege, wenn sie mich länger als 20 Sekunden anschaut." Ihre letzten Worte sagte Minerva so leise, dass sie nicht sicher war, ob Severus sie verstanden hatte.

Nun, er hatte, auch wenn er nicht wusste, wie er diese Äußerung werten sollte. Mit dem Entschluss Albus' Tochter einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, verabschiedete er sich von der Schulleiterin.

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Hogwarts, verzaubertes Klassenzimmer

Harry hatte allmählich das Gefühl in einer irrwitzigen Zeitschleife gefangen zu sein und ganz egal, welche Fragen er stellte, immer bekam er die gleiche Antwort. Allerdings zweifelte er doch stark daran, dass scheinbar niemand auch nur irgendetwas zu wissen schien. Die Zwillinge nicht, sie taten das, was ihre Mutter von ihnen erbat. Angesichts der Tatsache, dass Arthurs Unfall noch nicht allzu lange her war, konnte Harry die plötzliche Gehorsamkeit der Zwillinge sogar nachvollziehen. Ebenso Mollys Wunsch zumindest einige ihrer Kinder in Sicherheit zu wissen. Harry dachte an Bill und Fleur… ob sie Bescheid wussten? Er nahm es an.

Malfoy war angeblich auch hier, weil seine Mutter es wünschte. Dies zu glauben weigerte Harry sich jedoch standhaft. Was ihn auch zu einer weiteren Frage brache, die er Malfoy stellte: „Auf welcher Seite stehst du?"

Draco glaubte sich verhört zu haben und verzog die Mundwinkel zu einem abfälligen Grinsen. „Diese Frage ist so dermaßen typisch Gryffindor, dass sie selbst Godric peinlich wäre!", antwortete er gehässig.

Harry überging die Beleidigung und machte seinem Gegenüber mit einem auffordernden Blick klar, dass er darauf eine Antwort erwartete. Allerdings schwieg auch Draco beharrlich.

Schließlich war es doch Harry, der nach einiger Zeit frustriert seufzte. „So kommen wir nicht weiter, Malfoy. Woher soll ich wissen, dass ich dir vertrauen kann und du mir nicht bei der nächstbesten Gelegenheit ein Avada Kedavra aufhext?"

„Merlin, du bist wirklich dämlich, Potter! Wenn ich das tatsächlich vorgehabt hätte, wieso habe ich es dann noch nicht getan, als du wie eine keusche Jungfrau in meinen Armen ohnmächtig geworden bist? Eine bessere Gelegenheit wird sich wohl kaum jemals wieder bieten!" Draco schüttelte abfällig den Kopf und ein kleines gemeines Stimmchen in seinem Hinterkopf fragte ihn, wie Potter jemals den dunklen Lord besiegen wollte, wenn er so… so… hilflos war!

„Man merkt, dass du zuviel mit Snape zusammen bist, Malfoy! Nie kriegt man eine vernünftige Antwort, immer nur Ausflüchte! Versuchen wir es also anders: Du hast mir den Trank gegeben, was erwartest du von mir?"

Draco erhob sich, nun endgültig sicher, dass der große Harry Potter kaum in der Lage sein dürfte jemals die Prophezeiung zu erfüllen. „Was ich von dir erwarte? Nichts, Potter, gar nichts! Denn wie ich die Sache sehe, hast du ja noch nichts unternommen, seitdem du dich wieder erinnern kannst! NICHTS! Es sieht nicht so aus, als wäre der große Held der Nation tatsächlich bereit in einen Krieg zu ziehen! Oder eine weitere Begegnung mit Voldemort zu überleben."

Damit wandte Draco sich von einem sprachlosen Harry ab und schritt in Richtung Tür.

Doch er kam nie dort an.

Kaum hatte sich sein Gesicht der Tür zugewandt, schoss ihm Adrenalin durch die Adern und er fror mitten in der Bewegung ein. Schritte… waren das Schritte? Er hörte, dass Potter sich hinter ihm bewegte und war mit einer einzigen fließenden Bewegung herumgefahren. Draco brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde um auf Harry zuzustürzen, dem völlig überrumpelten Gryffindor eine Hand über den Mund zu pressen und leise einen Tarnzauber zu murmeln.

Keine Sekunde zu früh schienen ihre Körper mit der Umgebung zu verschmelzen, denn die Tür zum Klassenzimmer wurde heftig aufgestoßen und zwei Männer in schwarzen Umhängen stürzten herein.

Augenblicklich erstarrte auch Harry, hörte auf sich gegen Dracos festen Griff zu wehren und hielt ebenso die Luft an wie der Slytherin.

„Bist du völlig verrückt geworden hier aufzutauchen?", herrschte Severus mit unüberhörbarer Wut in der Stimme.

„Lass mich verdammt noch mal erst ausreden!", war die nicht minder gereizte Antwort und Lucius zog sich die Kapuze seines Todesserumhanges vom Kopf.

„Was um Merlin und Morganas Willen tust du hier? Willst du, dass wir auffliegen?", keifte Severus noch immer geladen.

Lucius strich sich mit einer energischen Geste über seinem Umhang. „Halt endlich den Mund, Severus, und lass mich ausreden!"

„Nein, Lucius, nein! Ich habe Kopf und Kragen riskiert um…"

„Severus, ich bin hier um dich zu warnen!", unterbrach Lucius ihn energisch. Endlich stockte der schwarzhaarige Zauberer und schaute alarmiert zu seinem Gegenüber. „Was ist passiert?"

„Voldemort beruft den Zirkel ein, wegen dir! Du weißt, was das heißt, nicht wahr?" Lucius Stimme war beherrschter und er legte Severus eine Hand auf den Arm. „Ich wusste nicht, wie ich dich anders warnen soll - wie es aussieht, hat das Ministerium einen Ortungszauber über meine Hauselfen gelegt und…", er unterbrach sich, drehte den Kopf gerade soweit, dass er über die Schulter sehen konnte. Harry konnte die misstrauische Kälte in Lucius' blassen Augen praktisch sehen.

Draco zog ihn langsam nach hinten, Harry brauchte nicht überzeugt zu werden und passte sich dessen vorsichtigen Bewegungen an. Soviel Abstand wie möglich zwischen Snape und ihm war generell immer eine gute Idee. Dennoch rasten seine Gedanken geradezu. Was machte Malfoy hier? Ein Todesser konnte einfach so nach Hogwarts eindringen und Snape unternahm nichts dagegen? Und Malfoy junior? Hatte der etwa wieder seine Hände im Spiel? Ein atemberaubendes Gefühl eines Déjà-vu rauschte über Harry hinweg, erinnerte ihn allzu deutlich an die Begebenheiten in der Nacht von Dumbledores Tod.

Geschah es erneut? Hatte Draco Malfoy erneut Todesser ins Schloss geschmuggelt? Doch warum sollte er sich dann vor seinem Vater und Snape verstecken? Und ihn gleich mit dazu?

„Wo ist mein Sohn?", unterbrach Lucius tiefe Stimme seine turbulenten Gedanken. Draco versteifte sich hinter ihm und der Griff um seinen Hals wurde allmählich beängstigend eng. Lautlos hob Harry die Hände, legte sie um Dracos Arme und versuchte diesem lautlos klarzumachen, dass er ihn erwürgen würde, wenn er noch fester zugriff.

„In meinen Gemächern.", antwortete Snape sofort, wenngleich auch plötzliche Irritation in seiner Stimme mitschwang.

„Bist du dir sicher?"

„Absolut. Ich habe ihn mit unserem Clasperus eingschlossen, den kann selbst er nicht aufheben."

Harry hörte wie Draco neben ihm tief durchatmete und dann geschah etwas, womit Harry niemals gerechnet hätte. Er brauchte sogar einige Augenblicke um die heftige Sogwirkung hinter seinem Nabel als den Strom des Apparierens zu erkennen. Dennoch war es anders. Schwieriger. Es war, als würde er versuchen durch etwas Lebendes… etwas schleimiges Lebendes zu apparieren. Ein leichter Anflug von Panik ließ ihn zittern und er begann erneut sich gegen Dracos Griff zu wehren. Wo um alles in der Welt wollte Malfoy mit ihm hin?

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Hogwarts, Hagrids Hütte

Es klopfte und Hagrid sah von Fangs mächtigem Kopf auf, den er soeben einer längst überfälligen Entzauberung unterziehen wollte. Es erstaunte ihn immer wieder, wie viele verloren gegangene Zauber Fang aufsammelte, wenn er mal wieder durch das Unterholz streunte.

„Herein, wenn's kein Ghul ist!", rief er fröhlich. Fang war sichtlich froh, der nervigen Prozedur entgangen zu sein und verzog sich, so schnell es seine beachtliche Masse zuließ, unter den Esstisch. Hagrid zog überrascht seine struppigen Augenbrauen zusammen, als nichts geschah. „Hallo?", rief er irritiert und richtete sich auf.

„Hagrid?", ertönte eine leise Stimme von draußen. „Hagrid? Machen sie die Tür bitte auf, ich kann nicht…"

Hagrid strich sich versonnen durch den Bart und ging eher gemächlich zur Tür, öffnete sie einen Spaltbreit und blickte in die Weiten des hogwartschen Schlossgeländes hinaus. „Hallo?", rief er zum dritten Mal.

„Hier unten.", kam eine nun deutlich verärgerte Stimme irgendwo unterhalb seines großen Wamses hervor. Hagrid beugte sich vor und sobald er seinen Besucher erkannte, verzog sich sein Bart zu einem Lächeln. „Professor Flitwick, sie sind das… ich dacht schon, mein Butterbier wäre schlecht gewesen oder so… sie verstehen, wegen Stimmen hören wo gar keiner is…"

„Wirklich witzig.", stellte Filius fest und reckte sich zu seiner vollen, nicht besonders beeindruckenden Größe empor. „Würden sie mich bitte einlassen, es ist wichtig."

„'türlich…", murmelte Hagrid und trat einen Schritt zur Seite um den kleinen Professor einzulassen.

„Ich komme gleich zur Sache.", sagte Flitwick, kaum, dass Hagrid die schwere Holztür wieder hinter ihnen geschlossen hatte. „McGonagall schickt mich…", begann er und berichtete in kurzen Worten was er von Hagrid wollte.

„Die Schutzbanne…", murmelte Hagrid mit Ehrfurcht in der Stimme. „Dann hat dieser ganze Zauber nichts genutzt? Es war alles umsonst?", fragte er traurig.

Flitwick wiegelte ab. „Ganz so ist es nicht, es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme, damit wir auf alles gefasst sind."

„Und was kann ich da tun, ich hab doch keine Ahnung von den Schutzbannen?"

„Ohh, nein, Hagrid, ich möchte von ihnen wissen, welche Bewohner des verbotenen Wald uns bei der Verteidigung von Hogwarts nützlich sein könnten. Und auf welcher Seite die Zentauren stehen werden, sollte Hogwarts tatsächlich angegriffen werden."

„Ach du je… da fragen sie mich jetzt aber was… lassen sie mich mal überlegen!"

„Es reicht, wenn sie mir morgen beim Frühstück Bescheid geben… ach und Hagrid. Ich kann mich doch darauf verlassen, dass niemand etwas von unserer Unterhaltung erfährt, oder? Ganz besonders Lilith Dumbledore nicht."

Hagrids gewaltige Augenbrauen trafen sich ein weiteres Mal auf seiner Stirn. „Was haben sie denn auf einmal gegen Dumbledores Tochter?"

„Nichts, Hagrid, nichts. Aber da es nur eine Vorsichtsmaßnahme ist, wollen wir einfach keine unschönen Gerüchte schüren, nicht wahr? Es wäre also schön, wenn sie entweder mir oder Prof. MccGonagall Bescheid geben könnten… ich möchte die anderen Kollegen ungern unnötig aufregen."

Hagrid nickte zögernd. Allein die ungewohnte Ernsthaftigkeit des sonst so gut gelaunten Hauslehrers der Ravenclaws ließ ihn weitere Fragen verschweigen. Gleichzeitig wurde ihm klar, dass die Situation nicht die reine Vorsichtsmaßnahme war, sondern einen sehr viel ernsteren Hintergrund hatte. Er schluckte seine Bedenken hinunter und nahm sich vor, die Zentauren noch in dieser Nacht aufzusuchen.

Sie standen sich einen Moment schweigend gegenüber. Flitwick den Kopf so weit in den Nacken gelegt, dass ein Beobachter Angst haben musste, dass er einfach nach hinten umkippte, und Hagrid leicht vornübergebeugt, um an seinem Bauch vorbeisehen zu können.

„Morgen früh sag ich ihnen alles… sonst noch etwas, Professor?", erwiderte Hagrid schließlich nach einem weiteren Moment des Schweigens.

Flitwick warf Fang unter dem Tisch einen misstrauischen Blick zu. Der Saurüde beäugte ihn schon eine ganze Weile und leckte sich verdächtig oft die Lefzen. „Sagen sie, Hagrid, wann haben sie den Hund zuletzt gefüttert?", rutschte es Flitwick nun doch heraus und Hagrids dröhnendes Gelächter erfüllte seine Hütte.

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Hogwarts, Snapes Privatgemächer

Harry strauchelte, als er plötzlich wieder Boden unter den Füßen hatte und allein die Tatsache, dass Draco noch immer beide Hände in seine Robe gekrallt hatte, hielt ihn aufrecht. Kaum hatte sich sein Blickfeld geklärt, schoss sein Blick herum um herauszufinden, wo sie waren.

Draco ließ ihn heftig atmend los und stieß einen Wutschrei aus, mit welchem Harry nicht rechnen konnte. „Verdammte Scheiße!", brüllte Draco, riss die Tür des Schlafzimmers auf und stürmte durch das angrenzende Zimmer zu einer weiteren Tür. Mit einer heftigen Bewegung zerrte er seinen Zauberstab aus dem Umhang, richtete ihn auf die Tür und fauchte ein wütenden Zauber, den Harry nicht kannte.

Die Tür sprang durch die Wucht des Zaubers fast aus den Angeln.

Harry war nicht sicher, was er von diesem Schauspiel zu halten hatte. Draco stand schwer atmend im angrenzenden Zimmer und starrte die nun offene Tür mit einem Blick an, der kleinere Tiere wahrscheinlich das Leben gekostet hätte.

„Was geht hier vor?", wollte Harry wissen, sah sich ein weiteres Mal verstohlen um, ohne Draco länger als eine Sekunde aus den Augen zu lassen. „Wo sind wir hier?"

„Snapes Gemächer.", brachte Draco gepresst heraus, griff nach der Tür und verschloss sie wieder. Allerdings blieb der von Harry erwartete Verschlusszauber aus.

„Snapes… Gemächer…?", wiederholte er stattdessen entgeistert. „Bei allen möglichen Orten in Hogwarts schleppst du mich ausgerechnet hierher?"

Draco brachte ein halbherziges Grinsen zustande. „Nun, es ist da, wo Severus mich erwartet und insofern leider dein Pech, dass du grad an mir hingst…"

„Warum kannst du hier apparieren?", fragte Harry erneut und mit unverhohlenem Misstrauen.

„Ich frage mich, warum bei allen schwarzen Hexen er ausgerechnet den clasperus genommen hat…", sinnierte Draco, überhörte Harrys Frage mit voller Absicht. Harry hatte jedoch nicht vor, sich damit abspeisen zu lassen.

„WARUM KANNST DU HIER APPARIEREN?", schrie er, überrascht von seiner eigenen Gereiztheit, zog er übertrieben tief die Luft ein, bis ihm fast schwindelig wurde.

„Ach, kannst du das etwa nicht?", höhnte Draco.

Harrys Zauberstab richtete sich auf Dracos Brust. „Ich warne dich, Malfoy! Du hast genau zwei Möglichkeiten, entweder du beantwortest mir jetzt meine Frage, oder…"

„Na, dann nehme ich doch glatt oder.", unterbrach Draco ihn, breitete beide Arme aus und deutete ihm mit hochgezogenen Augenbrauen, ihn doch endlich zu verhexen.

Harry beschloss spontan, dass eine klitzekleine Ganzkörperklammer genau das Richtige wäre und murmelte den entsprechenden Spruch leise vor sich hin. Eine weitere nach oben gezogene Augenbraue seitens Draco folgte, während der Fluch auf ihn zurauschte…

… und im Nichts verschwand. Draco ließ die Arme sinken, nur sein Grinsen wurde breiter. „Mies, Potter. Wirklich! Auf so eine Entfernung würde doch jeder Squib treffen."

Harry war völlig perplex. Er war sich sicher, dass sein Zauber Malfoy unmöglich verfehlt haben konnte. Die Begegnung mit Malfoy in der Winkelgasse kam Harry in Erinnerung. Damals hatte Ron den Slytherin verhexen wollen, mit demselben, nicht vorhandenen Ergebnis.

„Wie zum Henker?"

„Du solltest jetzt verschwinden, Potter. Severus dürfte jeden Augenblick wieder hier sein und ich denke, er wäre nicht erfreut dich hier zu sehen!", kanzelte Draco ihn ziemlich rasch ab.

Nach einem weiteren sinnlosen Wortwechsel, welcher Harry keinerlei Antworten brachte, floh er praktisch aus den Kerkern. Mit schnellen Schritten stürmte er die Treppen hinauf, welche ihn zum Gryffindor-Gemeinschaftsraum führen sollten. Er wusste, dass die anderen wahrscheinlich noch im Raum der Wünsche auf ihn warteten. Er allerdings brauchte ein wenig Zeit allein, um seinen rasenden Gedanken Herr zu werden. Wie es aussah, waren Hermine, Ron und er einmal mehr auf sich allein gestellt.

Doch, was Harry in diesem Moment noch nicht wissen konnte, sollte es anders kommen.

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Irgendwo zwischen den Zeiten

Plötzlich kam Leben in den Steinkauz und Aimsir gefror das Blut in den Adern. „Nein… sag mir nicht…", brachte er heiser hervor, sein kleines Herz schlug aufgeregt in seiner Brust.

„Schon gut… ich kann gehen. Wie es aussieht, hat Skuld entschieden, dass der Lebensfaden der Seherin noch nicht durchtrennt werden soll.", beruhigt der Steinkauz ihn und eine Welle der Erleichterung brachte Aimsir dazu, einige zittrige Atemzüge zu tun. Der große Rabe tat dem kleineren Vogel leid; er wusste, wie sehr Aimsir an seiner Gefährtin hing. „Pass gut auf sie auf, Aimsir, es war doch ziemlich knapp diesmal."

Aimsir nickte und schwor sich innerlich der Seherin zur Not jeden Finger einzeln abzuhacken, sofern sie in nächster Zeit noch einmal auf den Gedanken kommen sollte sich dermaßen zu übernehmen.

Die Wolkendecke brach auf und ein einzelner Mondstrahl strich über Aimsir's Gefieder, ließ es geheimnisvoll schimmern, ein stilles Leuchten in der ansonsten schwarzen Nacht.

„Kann ich dich trotzdem noch etwas fragen?", meldete sich der Steinkauz erneut zu Wort. Aimsir nickte, wenn auch etwas zögerlich. „Was ist geschehen? Skuld hat zwar irgendwas gemurmelt von verbrauchter Magie, aber ich bin daraus nicht richtig schlau geworden."

Aimsir überlegte, wie viel er dem Steinkauz anvertrauen konnte. Sicherlich nicht die volle Wahrheit, denn sollte Skuld erfahren, wie sehr die Seherin ihr ins Handwerk pfuschte, wäre sie mit ihrer Schere schneller am Lebensfaden der Seherin als er einen Wurm hinunterschlucken konnte. „Nun…", begann er langsam, „…ich kann dir nicht alles sagen…"

Der Steinkauz wirkte enttäuscht. „Schon gut, ich verstehe… obwohl Skuld von mir niemals etwas erfahren würde." Damit wandte sich der kleinere Vogel ab, hüpfte auf einen Stein und wollte schon in den Nachthimmel starten, als Aimsir's leise Stimme ihn mitten in der Bewegung innehalten ließ. Mit einigen Verrenkungen landete er wieder auf der Erde und starrte den Raben mit seinen großen gelben Augen an.

„Sie hat was?", brachte er heraus, sicher, sich verhört zu haben.

„Sie will den Zauber des Magiers aufhalten.", wiederholte Aimsir unglücklich.

„Aber!"

„Es ist falsch, verstehst du! Der Magier konnte nicht sehen, welch großes Unglück er mit diesem Zauber heraufbeschwören würde!", sprach Aimsir schnell, schwankte zwischen schlechtem Gewissen und Erleichterung, weil er die Worte der Seherin wiederholte.

„Aber… es wird sie all ihre Magie kosten, wenn sie Dumbledore aufhalten will!", rief der Steinkauz aufgeregt.

Der Rabe nickte ernst.

„Aimsir?", erklang eine brüchige Stimme aus der Hütte und die beiden Vögel blickten einander ein wenig erschrocken an.

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Voldemort

Nach seiner Rückkehr von Severus ging die Nacht ereignislos vorüber, auch wenn Lucius nicht gut geschlafen hatte. Er ahnte bereits, dass die Versammlung des heutigen Tages mit Schmerzen enden würde. Der dunkle Lord war zweifellos erzürnt darüber, dass Severus nicht zurückgekehrt war und noch hatte er niemanden dafür bestraft. Ein Umstand, der nicht unbedingt dazu beitrug, dass Lucius sich wohler fühlte. Allein das Wissen, dass Draco in Hogwarts war, erleichterte seinen Tag.

In aller Frühe war er aus dem warmen Bett gekrochen. Leise, um Narzissa nicht aufzuwecken, hatte er sich angekleidet und war gegangen. Dass Narzissa die Augen aufschlug, sobald sie das leise Klacken der sich schließenden Schlafzimmertür hörte, konnte Lucius nicht wissen. Ebensowenig wie er wissen konnte, dass Narzissa ihre schwerwiegende Entscheidung in dieser Nacht getroffen hatte.

Narzissa fröstelte, als sie ihre nackten Füße auf den kalten Steinboden setzte und lautlos ins angrenzende Badezimmer schlich. Lucius würde einige Stunden außer Haus sein. Genug Zeit um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Während Narzissa sich ebenfalls ankleidete, trat Lucius aus dem Apparationsraum von Voldemorts Versteck. Dolohow und McNair nickten im grüßend zu, als er durch die große Halle ging und schließlich in den Versammlungsraum trat. Dolohow mit einem wissenden Grinsen auf den Lippen. Lucius erinnerte sich an Dolohows Worte und wünschte sich Severus' dringender als jemals zuvor herbei. Es wäre Voldemorts Stimmung wenig zuträglich, wenn er einen seiner Feldherren schon vor Beginn des offenen Krieges niederstrecken würde. Alles, was Lucius blieb, war zu hoffen, dass Draco nicht tatsächlich unter Dolohows Kommando kam.

Nun, Lucius musterte die anderen Todesser des Inneren Zirkels, bald würde er Gewissheit haben. Es hatte sich herumgesprochen, dass Draco als einer der ersten Todesser-Nachkömmlinge ebenfalls in die Gefolgschaft des Lords eingetreten waren und Lucius ignorierte die unverhohlen neidischen Blicke von Crabbe und Goyle. Diese Schwachköpfe wussten anscheinend noch nichts davon, dass ihre Kinder sich längst in den weiträumigen Katakomben ihres Versteckes befanden. Einzig Nott nickte ihm kurz zu, Lucius ahnte, dass Nott seinen Jungen nicht gerne in ihren Reihen sehen würde. Lucius senkte den Blick.

Noch vor einigen Wochen hätte er Nott allein für diesen Verdacht gnadenlos ans Messer geliefert. Allerdings war das vor den Morden, vor dem sinnlosen Ausradieren ganzer Muggelsiedlungen, welche absolut nichts mit dem beginnenden Krieg zu tun hatten. Lucius war Stratege, schon immer gewesen, überflüssige Grausamkeit war nichts, womit er sich anfreunden konnte. Sicherlich tolerierte und akzeptierte er, dass es in ihrem Kampf Verluste gab. Auch, dass unschuldige Opfer darunter waren, was er jedoch nicht akzeptieren konnte, war dieses wahllose Töten von Muggeln, Männer, Frauen und Kinder, die noch nicht einmal ahnten, dass neben ihrer heilen Welt noch eine andere existierte. Muggel waren für Lucius nichts weiter als Vieh. Dumm, gelegentlich nützlich, wenn man sie für die eigene Sache manipulieren konnte, ansonsten eher nebensächlich. Er sah in den Muggeln keine Gefahr… warum also hätte er sie töten sollen? Es war in seinen Augen eine bloße Verschwendung ihrer Kampfkraft. Natürlich war Lucius klar, dass der dunkle Lord mit diesen brutalen Tötungsaktionen den Orden herausfordern wollte. Den Orden, das Zaubereiministerium und allen voran Harry Potter.

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als Nagini aus dem Nichts erschien, sie wand sich scheinbar direkt aus dem massiven Gestein hinter dem Thron. Mit trügerisch langsamen Bewegungen schlängelte sie sich vor, erklomm mit ihrem massigen Leib den Thron, um letztlich auf ihrem Platz auf der Kopflehne zur Ruhe zu kommen. Und dann kam er…

Lucius spürte die Anwesenheit des Lords als plötzliche Düsterkeit, welche sich über ihre Köpfe senkte. Der Raum schien zu schrumpfen und aller Augen richteten sich auf Lord Voldemort, der gemächlich auf dem schweren Thron Platz nahm. Seine langen Gewänder umflossen den mageren Körper, ließen ihn noch größer erscheinen, als er ohnehin war.

Lucius bemerkte, dass einer der Lestranges fehlte. Rodolphus… eine ungute Vorahnung bemächtigte sich seiner. Wenn Lord Voldemort die Abwesenheit eines Mitgliedes des Inneren Zirkels tolerierte, musste ein wirklich wichtiger Grund dahinter stehen. Lucius wagte nicht sich auszumalen, welcher es sein könnte.

Kaum fünf Minuten später wanden sich die Hälfte der Zirkelmitglieder unter den Nachwirkungen des Cruciatus am Boden und der dunkle Lord war kurz davor seine gesamte Anhängerschaft auszulöschen.

„Glaubt mir doch, mein Lord… ich weiß es nicht… ich weiß es nicht… mein Lord, bitte…", winselte Rabastan Lestrange und rutschte auf Knien ein wenig näher an seinen Gebieter heran. Lucius hielt den Blick starr auf seine Schuhspitzen geheftet, denn er wusste nun, dass auch ihm eine weitere Befragung nach Severus' Verschwinden nicht erspart bleiben würde. Der dunkle Lord schrie seine Wut heraus, verstärkte den Fluch noch einmal. Rabastans Schmerzensschreie hallten von den Wänden wieder, während eine neue Welle von Krämpfen seinen gekrümmten Leib wild schüttelten.

Bellatrix warf sich Voldemort zu Füßen. „Bitte… mein Lord…", der flehende Unterton in ihrer Stimme wurde von der kriecherischen Heuchlerei, welche ihre Miene nur allzu deutlich zeigte, wettgemacht. Einen Schlenker seines Zauberstabes später und Voldemort ließ von Rabastan ab, um sich stattdessen Bellatrix vorzuknöpfen.

Lucius' Besorgnis wuchs ins Unermessliche. Wenn der dunkle Lord dermaßen unerbittlich selbst die Lestranges bestrafte, war er nur auf eins aus. Rache! Jemand sollte für den Verrat von Severus büßen!

Jeder weitere Gedanke wurde schlicht aus seinem Kopf gefegt, als der Cruciatus nun unvermittelt über ihn hereinbrach. In dem winzigen kostbaren Moment, bevor brennender Schmerz durch jede Faser seines Körpers rauschte, sah Lucius Narzissas Gesicht vor sich… dann war da lange Zeit nichts mehr außer Schmerz.

Unendlicher Schmerz.

Lucius erwachte.

Mühsam öffnete er seine Augen, nur um festzustellen, dass er noch immer im Thronsaal war. Im Dreck. Zu Füßen seines Lords, welcher leise lachte, Naginis blankes Haupt streichelte. Ein Stöhnen kam über seine Lippen, bevor Lucius es verhindern konnte. „Nun, mein lieber Lucius, ich bin überrascht, dass du anscheinend wirklich nichts mit dem Verrat des Halbblutes zu tun hast…", ließ Voldemort süßlich vernehmen. Lucius wusste nicht, ob er Erleichterung empfinden sollte oder Furcht angesichts der Tatsache, dass er nicht wusste, was er im Trudel seiner Schmerzen gesagt hatte. Er erwartete eine weitere Welle des Cruciatus, den Druck von Voldemorts Gedanken in seinem Kopf… den Imperius… doch nichts geschah.

Stattdessen wandte Lord Voldemort sich an Goyle, befahl ihm Lucius auf die Füße zu helfen. Dienstbeflissen kam Goyle dem Befehl nach und zerrte Lucius nach oben. Allein der unbarmherzige Griff des großen Mannes hielt Lucius lange genug aufrecht, bis er seinen zitternden Knien wieder trauen konnte.

„Nun, bevor wir uns einigen ganz besonderen neuen Anhängern zuwenden wollen, wäre da noch eine Sache… Goyle!"

Goyle zuckte merklich zusammen und quetschte seine großen Finger in Lucius Oberarm, als sein Name erneut fiel. „Ja, mein Lord.", antwortete er mit fester Stimme.

„Ich habe eine Aufgabe für dich."

„Was immer ihr wünscht, mein Lord."

„Die letzten Angriffe auf die Muggel waren zweifellos amüsant, doch wie mir scheint, nicht genug, um diesen Feigling Potter aus seinem Versteck zu locken…"

Lucius hielt den Atem an.

„… daher habe ich mir etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Geh und hol dir die Eltern dieses Schlammblutes! Lucius, wenn ich mich recht erinnere ist die kleine Schlammblutfreundin von Potter doch im gleichen Jahrgang wie Draco, nicht wahr?"

Mehr schlecht als recht brachte Lucius ein Nicken zustande, noch nicht sicher, worauf Lord Voldemort anspielte.

„Wie heißt sie doch gleich…?"

„Hermine Granger.", antwortete Lucius schnell und hoffte, damit nichts falsch gemacht zu haben.

„Richtig… Also, Goyle statte doch mit deinen Männern den Grangers einen kleinen Besuch ab… und sei nicht so nett wie bei den Kindern in Eton! Wir wollen doch, dass Potter endlich auftaucht, nicht wahr?"

Goyle ließ abermals ein demütiges „Ja, mein Lord.", vernehmen, auch wenn Lucius meinte Ärger in der Stimme des Todessers zu hören. Wie zur Bestätigung quetschte Goyle seinen Arm noch etwas fester. „… in Dracos Jahrgang… als ob du der Einzige mit einem Sohn in Hogwarts wärst!", zischte er Lucius ins Ohr und stieß ihn von sich. Lucius strauchelte und hielt sich nur mit Mühe aufrecht.

„Nun, nun… so kurz bevor wir in die entscheidende Phase und damit meiner Machtergreifung eintreten, bin ich sicher, dass es euch alle mit Stolz erfüllen wird, wenn ich euch nun meine neuesten Gefolgsleute präsentieren kann. Allein ihr - sagen wir - Eifer in meinen Dienst zu treten, stimmt mich milde angesichts eures Verrats nach meinem fälschlicherweise angenommenen Tode… Rodolphus!"

Eine weitere Tür öffnete sich und Rodolphus Lestrange trat ein. Es dauerte einen Moment des Erkennens, bis allen Beteiligten klar wurde, wer da hinter dem Todesser eintrat. Lucius warf Nott einen verstohlenen Blick zu, sah, wie dieser blass wurde und sich eilig die Kapuze seines Umhanges tiefer in die Stirn zog.

Rodolphus kam langsam vor, gefolgt von gut einem Dutzend junger Gesichter. Lucius erkannte alle als Dracos ehemalige Hauskameraden. Er sah Vincent Crabbe, Gregory Goyle, Pansy Parkinson, Theodore Nott, Blaise Zabini, Millicent Bulstrode, Miles Bletchley, Malcolm Baddock, Marcus Flint und noch einige Gesichter, die ihm zwar bekannt vorkamen, denen er aber keinen Namen zuordnen konnte.

Schweigen senkte sich über die Mitglieder des Zirkels, denn je weiter die Kinder in das spärliche Licht der Fackeln traten, umso deutlicher wurde, dass sie die Initiation nur schwer überstanden hatten. Sie alle waren von Kopf bis Fuß mit einer dicken Schicht Schmutz überzogen, Schmutz, der den Großteil ihrer Wunden überdeckte. Zabini zog ein Bein nach, versuchte überdeutlich sich den Schmerz nicht anmerken zu lassen.

„Nachdem ausgerechnet Severus, einer der wenigen, von denen ich immer dachte, dass ich ihm vertrauen kann, sich als Abtrünniger verraten hat, habe ich die Riten der Initiation etwas…", Voldemort machte eine Pause als Millicent Bulstrode ohnmächtig auf den Boden sank. Ein gehässiges Grinsen trat auf seine dünnen Lippen, bevor er fortfuhr: „… moduliert… Zugegeben, eventuell sind sie ein wenig schmerzhafter geworden, aber wie heißt es so schön, Schmerz stärkt den Charakter, nicht wahr… Rodolphus?"

Der Todesser nickte und nahm seinen Platz in dem Kreis neben Bellatrix ein.

„Na, Lucius, hat es dein verzogenes Balg doch nicht geschafft?", feixte Crabbe mit einem selbstzufriedenen Grinsen, welches Lucius ihm am liebsten aus dem fetten Gesicht gehext hätte.

„Crucio!", säuselte Voldemort genüsslich und Crabbe sackte auf die Knie. „Vielleicht solltest du endlich lernen, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen!"

Voldemort beendete den Fluch und blickte bei seinen nächsten Worten Lucius mit solcher Intensität in die Augen, dass diesem Angst und Bange wurde. „Da mit dem Verräter Snape einer meiner engsten Getreuen weggefallen ist… habe ich entschlossen ein neues Mitglied zu berufen."

Erwartungsvolle Stille senkte sich über die Anwesenden. Man konnte an den Gesichtern der Todesser ablesen, dass sie eifrig versuchten alle Möglichkeiten durchzugehen, wen Voldemort als Snapes Nachfolger in Betracht ziehen könnte. Nicht wenige von ihnen dachten an eigene Verwandte… einzig Lucius spürte wie der Schwindel des Entsetzens ihn erfasste. Mühsam hielt er sich aufrecht, wohl wissend, wem er in wenigen Sekunden gegenüberstehen würde, egal wie sehr er sich wünschte, dass dies niemals geschehen würde.

„Komm nur herein…", rief Voldemort erneut, das maliziöse Glitzern in seinen Augen bestätigte Lucius schlimmsten Verdacht. Ein weiters Mal glitt die Tür hinter Voldemorts Thron auf, Naginis Kopf schoss herum und ihre Zunge wippte aufgeregt zwischen ihren Lippen. Ein leises Zischen war alles, was in jenem Augenblick zu hören war.

In den schweren Umhang der Todesser gehüllt, trat eine schlanke Gestalt nach vorn und Lucius wusste, dass es Draco war, noch bevor dieser sich die Kapuze vom Kopf strich und einen kalten Blick in die Runde warf. Ein unüberhörbares Raunen folgte, welches im Falle von Crabbe und Goyle den puren Neid ausdrückte.

Bellatrix stieß einen erfreuten Schrei aus, wurde von Rodolphus gerade noch davon abgehalten nach vorn zu stürzen, ihrem Herrn auf Knien für die Berufung ihres Neffen zu danken.

„Mein Lord…", sagte Draco und verneigte sich vor Voldemort, welcher die Ehrerbietung mit einem Schlenker seiner Hand quittierte. Die langen spinnenartigen Finger Voldemorts wiesen Draco seinen Platz. Zur Rechten des Thrones… Severus' Platz… der Platz des engsten Vertrauten.

Bellatrix verstummte augenblicklich. Entfernt meinte Lucius erstauntes Geflüster zu hören, doch die zusammenhanglosen Worte bildeten in seinem vor Schreck erstarrten Gehirn keinerlei Sinn. „…kann unmöglich sein… jung… nicht sicher… Verräter… Malfoy Sohn… was hat er getan… wie kann…"

Voldemorts Lächeln wurde zu einer Grimasse und plötzlich wurde es so still, dass Lucius meinte, seine Gedanken müssten wie ein Paukenschlag durch die Stille hallen. ‚Oh Draco… dachte er mit kaltem Grauen, welches bitter auf seiner Zunge schmeckte, ‚Was habe ich nur getan?

Tbc…

Read and Review, please.

Coming up next: Schlaflose Nacht

Also, freue mich wie immer mordsmäßig auf Eure Meinung!

Ich wünsche euch allen ein wunderschönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2008. Vielleicht sehen wir uns ja vorher noch bei meiner Weihnachtsstory ---war das grad ein Wink mit dem Zaunpfahl?????---

Alles Liebe

Eure Cassie