Ich bin weder JKR, noch verdiene ich einen Cent mit meinen kleinen Geschichten. Ich spiele nur. Die Charaktere werden zurückgegeben. Snape darf allerdings bleiben, wenn es ihm hier besser gefällt.

A/N: In dieser Geschichte wurden bekannte Märchen schamlos integriert, geklaut, verdreht, gezwirbelt, durchgeknetet und neu zusammengesetzt. Ich entschuldige mich bei Hans Christian Andersen und Ludwig Bechstein.

Tausend Dank an chivalric fürs Korrekturlesen! Sie verdient den Merlin-Orden Erster Klasse. Alle verbleibenden Fehler beruhen auf meiner Schussligkeit und sind nicht chivalrics Schuld.


Märchenstunde 1: Severus Schläft

Kapitel 3

"Sage nicht, ich hätte dich nicht gewarnt", murmelte Poppy vor sich hin und brachte Hermine noch eine weitere warme Decke.

Hermine nahm ihren Zauberstab und sprach, "Rennervate!"

Snapes Augen öffneten sich, und für einen kurzen Moment sah es so aus, als sei er wach. Es war aber nur eine Illusion. Hermine schluckte, griff nach seiner Hand, und sprach, "Legilimens!" Und wieder tauchte sie in Snape's Gedanken ein. Sie würde wieder versuchen, aktiv in den Traum einzugreifen, aber zunächst müsste sie eine gute Gelegenheit finden. Sie hoffte, dass Snape wieder in einem Traum verfangen war, der auf einem bekannten Märchen basierte. Offenbar hatte er als Kind dieselben Geschichten erzählt bekommen wie sie, was ja nicht verwunderlich war, weil sie beide ihre Kindheit bei Muggeln verbracht hatten.


Die kluge Schneekönigin

Hermine fand sich in Hogwarts wieder. Sie befand sich in einem kleinen Raum im Turm des Direktors und stand einem großen Spiegel gegenüber.

Ist das wohl der Spiegel von Erised?, fragte sie sich. Sie hatte zwar viel von dem Spiegel der Träume gehört, ihn aber nie gesehen. Sie ging näher und blickte hinein, neugierig, was er ihr zeigen würde. Zunächst zeigte der Spiegel ihr gar nichts, dann spielte er ihr die Sequenz vor, die sie gerade erlebt hatte. Wie sie Snape kurz aufweckte. Wie sie Legilimenzie ausübte, wie sie in Snape's Geist eintauchte und wie sie vor einem Spiegel stand, um hineinzusehen.


Das sollte der Spiegel von Erised sein? Das konnte nicht sein. Hermine beschloss, sich den Spiegel genauer anzusehen und fand schließlich auf der Rückseite die Aufschrift 'Spiegel von Hturt.'

Aber der war doch kaputt, dachte Hermine. Falls es ihn überhaupt jemals gegeben hatte. Der Spiegel von Hturt war von einem Hogwarts-Direktor gemacht worden und half dabei, verzauberte Wesen oder Dinge zu sehen. Wenn es wirklich einen solchen Spiegel in Hogwarts gegeben hätte, hätte Barty Crouch es wahrscheinlich nicht geschafft, sich als Mad-Eye Moody auszugeben… Sie schaute noch einmal hinein, und der Spiegel zeigte ihr, wie er in tausend Stücke zersprang; dann verschwand er.


Hermine rieb sich die Nase und wunderte sich, was das wohl zu bedeuten hätte, als sich der Raum plötzlich um sie drehte wie ein Wirbelwind, so dass ihr fast schlecht geworden wäre. Als die Welt sich wieder beruhigt hatte, fand sie sich in einem kleinen, freundlich eingerichteten Zimmer wieder, in dem zwei Kinder friedlich miteinander spielten. Der kleine Junge hatte schwarze Haare, die schlaff und leicht fettig um sein Gesicht hingen. Seine Nase war hakenförmig und sehr groß, seine Augen schwarz und forschend. Der Junge war offensichtlich arm, er trug abgetragene Kleidung und war sehr dünn.

Das kleine Mädchen sah besser aus. Sie war sehr hübsch, hatte rote Haare und grüne Augen. Natürlich erriet Hermine sofort, dass die beiden Kinder Snape und Lily Evans waren.


Sie schaute den Kindern eine ganze Weile beim Spielen zu als die Tür aufging und eine alte Frau hereinkam.

"Omi, erzähl uns eine Geschichte!", rief das kleine Mädchen.

"Siehst du die weißen Bienen vor dem Fenster?", fragte die Großmutter.

Die Kinder liefen zum Fenster und schauten hinaus. Es schneite.

"Sind das wirklich Bienen?" sagte der kleine Junge. Er schaute sich das Schneetreiben kritisch an und blickte dann mit gerunzelter Stirn zur Großmutter. "Wenn das Bienen sind, wo ist dann ihre Königin?"

"Schau genau hin, Sev", lachte die Frau. "Du wirst sehen, dass unter all den Schneeflocken eine besonders große ist, die anders ist als die anderen."


"Die Schneeflocke ist größer, schöner und kälter. Es ist die Schneekönigin."

"Das glaube ich nicht", sagte Sev und lief aus dem Zimmer. Lily sah ihm traurig nach. Kurze Zeit später kam der Junge wieder ins Zimmer: er hielt eine Lupe in der Hand und hatte etwas von dem feinen Pulverschnee mitgebracht.

"Sieh mal, Lily, so ist der Schnee wirklich. Es sind Kristalle, keine Schneeflocke wie die andere obwohl alle gleich aufgebaut sind. Jede ist einmalig. Sie sind wunderschön bevor sie schmelzen. Es sind auf jeden Fall keine Bienen."

"Ich mag das gar nicht wissen", sagte Lily missmutig. "Als Bienen gefallen sie mir besser." Sie ging zum Fenster und sah hinaus.


"Du willst immer alles lernen und analysieren, Sev", sagte die Großmutter, nun gar nicht mehr freundlich. "Man sollte fast meinen, Du hättest einen Splitter des Wahrheitsspiegels ins Auge bekommen."

"Noch mehr Unsinn", sagte Sev geringschätzig, nahm seine Lupe und ging nach Hause.

Hermine folgte Sev ins Nachbarhaus. Die Kinder wohnten in benachbarten Häusern, die nur durch eine Regenrinne getrennt waren. Im Sommer konnten sie sich gegenseitig über die großen Blumenkästen vor den Fenstern besuchen, in denen wunderschöne Rosen blühten, die Sevs Lieblingsblumen waren. Die Kinder brauchten nur aus dem Fenster auf den Kasten zu steigen, einen Schritt über die Regenrinne zu machen, und schon waren sie im Nachbarhaus.


Hermine wusste nun, in welchem Märchen sie sich befand. Sie waren erst ganz am Anfang. Der Spiegel der Wahrheit, der eine wunderbare Sache gewesen war, war tatsächlich zersprungen, und die Legende unter dem Zauberervolk sagte, dass jemand, der einen Splitter davon ins Auge bekäme, immer alle Geheimnisse herausfinden würde und ständig neues lernen wollte. Hermine fand das eine gute Sache.

Sie hatte das Märchen auch in der Muggelversion gehört, und hier war, wie üblich, alles verzerrt und verdreht. Der Spiegel war bei den Muggeln einer, der alles verzerrte und was schön war, hässlich machte, und umgekehrt, was natürlich völliger Blödsinn war.


Hermine hatte das Märchen nie besonders gemocht, aber wenn sie sich Sev und Lily ansah, dann war es verständlich, warum sich Snape gerade in diesem Märchen verfangen hatte.

Nach kurzem Nachdenken lächelte Hermine. Sie wusste nun, wie sie das Ende des Märchens ändern konnte.

Sev hatte sich in der Zwischenzeit fürs Schlafengehen zurechtgemacht und stand nun in seinem verschlissenen grauen Nachthemd am Fenster. Er schaute hinaus und schien sich zu fragen, ob an der Geschichte um die Schneekönigin tatsächlich etwas dran wäre.

Alle Schneeflocken tanzten wild durch den Wind, aber da war eine, eine besonders große, die wie ein Diamant im Mondschein glitzerte.


Sie wirbelte nicht durch die Luft wie die anderen Schneeflocken, sondern landete auf dem Blumenkasten vor Sevs Fenster.

Die Schneeflocke wuchs und wuchs, bis sie sich zuletzt in eine richtige Frau verwandelte. Sie trug ein prächtiges weißes Kleid, das aus feiner Seide gewebt und mit Perlen und Edelsteinen besetzt war, so dass es aussah, als wäre es aus Schneekristallen zusammengesetzt. Die Frau war schön und fein, sah aber wie Eis aus, bleich und weiß und glitzernd, obwohl sie lebendig war. Die Augen funkelten wie zwei helle Sterne und das Haar stand in wilden Locken von ihrem Kopf ab. Sie sah Sev und winkte.


Der kleine Junge erschrak und lief vom Fenster weg. Als er wieder vorsichtig hinsah, war die Frau verschwunden.

Am Tag darauf kam Sev mit großen Fausthandschuhen und seinem Schlitten auf dem Rücken zu Lily. "Ich darf auf dem großen Platz Schlitten fahren", erzählte er ihr. "Bleib du mal zuhause, das ist nur was für Männer." Dort auf dem Platz banden die frechsten Buben ihre Schlitten an Pferdewagen und ließen sich eine Strecke mitziehen. Sev fand das sehr lustig.

Als das Spiel im vollen Gange war, kam ein großer, weißer Schlitten, in dem eine dick vermummte Gestalt saß.


Der Schlitten fuhr zweimal um den Platz herum und Sev gelang es, seinen kleinen Schlitten daran festzubinden und nun fuhr er mit. Rascher und immer rascher ging es durch die Straßen, weiter und immer weiter, bis sie endlich zum Stadttor kamen und hinausfuhren. Das Schneegestöber wurde so heftig, dass der Junge kaum noch etwas erkennen konnte; trotzdem fuhr er immer weiter mit.

Endlich hatte er genug und wollte sich von dem großen Schlitten losmachen, aber es gelang ihm nicht: sein kleiner Schlitten hing fest. Sev rief laut um Hilfe, aber niemand höre ihn – und das Schneegestöber wurde immer dichter.


Die Schneeflocken wurden größer und größer, zuletzt sahen sie wie große weiße Hühner aus. Plötzlich sprangen die Pferde zur Seite, der Schlitten hielt und die vermummte Person im Inneren des Schlittens stand auf. Es war eine Dame, schön, mit wildem Haar, blendend weiß und glitzernd. Es war die Schneekönigin.

"Wir sind gut vorangekommen", sagte sie. "Aber du wirst doch bestimmt frieren. Komm, krieche mit in meinen Eisbärenpelz hinein!" Und sie setzte ihn in den Schlitten an ihre Seite und schlug den Pelz um ihn, dass es ihm vorkam, als versänke er in einen Schneehaufen.

"Frierst du noch?", fragte sie und drückte ihn kurz an sich.


Für einen Moment wurde Sev so kalt, dass er glaubte, er müsse sterben, doch dann fühlte er sich auf einmal sehr wohl. Es kam ihm so vor, als ob ihn die Schneekönigin verstünde, wie ihn noch niemals jemand verstanden hatte.

Sev fürchtete sich gar nicht vor der Schneekönigin; er erzählte ihr, dass er schon eine Feder zum Schweben bringen und auch Zaubertränke brauen konnte. Sie lächelte zu allem und flog mit ihm, flog hoch hinauf zu der schwarzen Wolke und der Sturm sauste und brauste, als sänge er alte Lieder. Sie flogen über Wälder und Seen, über Meere und Länder.


Unten in der Tiefe sauste der kalte Wind, heulten die Wölfe, flimmerte der Schnee und über den Schnee flogen die schwarzen, schreienden Krähen hinweg, aber über ihnen glänzte der Mond groß und klar und zu ihm schaute Sev auf, die lange, lange Winternacht hindurch. Am Tage schlief er zu den Füßen der Schneekönigin.

Als der kleine Sev vom Schlittenfahren nicht zurückkam, war Lily sehr traurig und weinte bitterlich. Es gab keine Spur von ihm, niemand wusste, wo er geblieben war, und man nahm an, dass er in den Fluss gefallen und ertrunken sein musste. Lily wollte das aber nicht nicht glauben.


Als der Frühling kam, vermisste Lily ihren Freund noch mehr. Nachdem sie noch ein wenig geweint hatte, beschloss sie, sich auf den Weg zu machen, um Sev zu suchen.

Sie zog ihre neuen roten Schuhe an und ging zum Fluss hinunter und fragte ihn, ob er Sev verschlungen hätte. Der Fluss antwortete aber nicht und Lily sprang in ein kleines Boot und trieb den Fluss hinunter, bis sie an einem kleinen Häuschen inmitten eines schönen Gartens vorbeikam. Offenbar wollte der Fluss, dass sie hier ihre Reise unterbrach, weil er das Boot zum Ufer trug.

"Hallo, hallo, ist jemand zuhause?", rief Lily.


Eine alte Frau, die sich auf einen Krückstock stützte, kam aus dem Haus. Sie hatte einen großen Hut auf, der mit Blumen bemalt war.

Die alte Frau zog Lilys Boot an Land und lud sie ein, mit ihr ins Haus zu kommen, wo Lily ihr erzählte, wie sie über den Fluss gekommen war.

Als Lily fragte, ob die Frau Sev gesehen hätte, meinte sie, dass er wohl noch kommen würde und fütterte Lily mit Kuchen und anderen Leckereien.

Die alte Frau hatte Lily in ihr Herz geschlossen und hätte sie gerne bei sich behalten, deshalb zauberte sie alles aus dem Weg, was Lily an Sev erinnert haben könnte, vor allem aber Bücher und Rosen.


Lily liebte den Garten der alten Frau, und vergaß bald, weshalb sie sich eigentlich auf den Weg gemacht hatte.

Durch Zufall sah sie jedoch eines Morgens die Rosen in dem Hut der alten Frau: die Alte hatte vergessen, die Rosen auch aus ihrem Hut wegzuzaubern, und die schönen Blumen erinnerten Lily an Sev. Als Lily in den Garten sprang, waren plötzlich alle Rosenbüsche, die die alte Frau verzaubert hatte, wieder da.

"Oh, wie lange bin ich nun schon hier bei der alten Frau?", jammerte Lily. "Ich wollte ja Sev suchen! Wisst ihr nicht, wo er ist?", fragte sie die Rosen. "Glaubt ihr, dass er tot ist?"


Tot ist er nicht!", sagten die Rosen. "Wir sind ja in der Erde gewesen, wo alle Toten sind, aber dort war Sev nicht!"

"Merlin sei Dank!", sagte die kleine Lily und ging zu den andern Blumen, schaute in ihre Kelche und fragte: "Wisst ihr nicht, wo der kleine Sev ist?"

Die Blumen waren jedoch nur an ihren eigenen Geschichten interessiert und keine wusste, wo Sev war. Da beschloss Lily, dass sie sich wieder auf die Suche machen musste.

"Unglaublich, wie viel Zeit ich ich versäumt habe!", rief sie aus, als sie den Garten verließ und merkte, dass es schon Herbst geworden war.


"Da darf ich nicht zögern", rief Lily aufgeregt und rannte los.

Nach einiger Zeit wurde sie aber sehr müde, sie war schließlich noch ein Kind, und ihre kleinen Füße taten ihr weh. Außerdem war ihr schrecklich kalt, denn der erste Schnee war auch schon gefallen.

Als Lily sich kurz ausruhte, hüpfte auf dem Schnee gerade vor ihr eine große Krähe herum.

"Hast du Sev gesehen?", fragte Lily.

Die Krähe nickte ganz bedächtig und sagte: "Es könnte sein, es könnte sein!"

"Wie? Glaubst du?" rief das kleine Mädchen und küsste die Krähe so ungestüm, dass sie sie fast tot gedrückt hätte.


Die Krähe erzählte Lily, dass in dem Königreich, in dem sie sich befanden, eine sehr schöne und kluge Prinzessin wohnte, die nur einen gleich schönen und klugen Mann heiraten wollte. Viele hatten versucht, ihre Prüfungen zu bestehen und Rätsel zu lösen, aber keinem war es gelungen, außer einem. Dieser Junge hatte alle Rätsel gelöst und die Prinzessin Tage vorher geheiratet.

"Das muss Sev sein", sagte Lily. "Er war schon immer so klug, wollte immer lesen und lernen, ich musste ihn immer aus seinen Büchern herausholen, wenn ich mit ihm spielen wollte. Oh, wie ich ihn vermisse, es ist so langweilig ohne ihn."


Die Krähe glaubte nicht, dass Lily ins Schloss hineingelassen würde, ärmlich wie sie aussah, und so heckten sie einen Plan aus, wie Lily in das Schloss hinein – und dann in Sevs Kammer kommen könnte.

Das gelang auch mit Hilfe der zahmen Krähe im Schloss, die die Verlobte von Lilys Krähenfreund war.

Lily wollte sich an den Jungen heranschleichen und sehen, ob er wirklich Sev war. Der junge Prinz wachte jedoch auf – es war nicht Sev. Statt schwarzem hatte er blondes Haar, genauso wie seine Prinzessin, die Narzisse hieß. Lily musste Sev's Geschichte erzählen, und der Prinz und die Prinzessin waren sehr von Sevs Klugheit angetan.


Sie behandelten Lily sehr gut und boten ihr an, bei ihnen zu bleiben. Lily wollte aber weiter nach Sev suchen. Sie erhielt kostbare, warme Kleider von den Hoheiten, einen prächtig geschmückten Wagen mit einem Pferd, Kuchen und andere Leckereien, damit sie nicht hungrig sein musste, und schon war sie wieder unterwegs.

Sie fuhren durch einen dunklen Wald, aber der Wagen leuchtete weithin.

Eine Räuberbande sah den Wagen, hielt ihn an, und stahl alles was Lily besaß, außer den Kleidern auf ihrem Leib.

Eigentlich wollten sie Lily aufessen, aber ein kleiner Räuberjunge hinderte sie daran. Er war sehr verwöhnt, nahm sich alles, was er wollte, und die Räuber gehorchten ihm aufs Wort.


Der Name des kleinen Räubers war James.

"Sie soll immer mit mir spielen!", sagte James. "Sie soll mir alles geben und sie soll neben mir in meinem Bett schlafen!"

Lily fand den Räuberjungen gar nicht nett, aber nachdem er ihr drohte, sie aufzuessen, erzählte sie ihm von Sev und wie gerne sie ihn mochte.

"Du sollst nur mich mögen", sagte James, "deshalb sollst du heute Nacht bei meinen Tieren schlafen. Ich will das so haben." Er führte Lily in eine Höhle, wo Stroh und Decken in einer Ecke lagen. Darüber saßen auf Stangen viele Tauben. Außerdem war ein Rentier in der Höhle angebunden.


Die Tauben erzählten, wie sie Sev gesehen hatten, wie er im Wagen der Schneekönigin saß und direkt zum Schloss flog.

Lily war ganz aufgeregt. Sie fragte die Tauben nach Einzelheiten, immer und immer wieder, wohin die Schneekönigin wohl gereist sein konnte.

"Sie reist vermutlich nach Lappland, denn dort ist immer Schnee und Eis. Frage nur das Rentier, welches dort angebunden steht", antworteten die Tauben.

"Dort ist Eis und Schnee, dort ist ein gesegnetes und herrliches Land", erklärte das Rentier. "Dort springt man in den großen, glitzernden Tälern frei umher. Dort hat die Schneekönigin ihr Sommerzelt, aber ihr festes Schloss hat sie nah am Nordpol, auf der Insel Spitzbergen."


"Oh, Sev, lieber Sev!", seufzte Lily.

"Nun musst du still liegen", sagte der Räuberjunge, "sonst stoße ich dir das Messer in den Leib!"

Am Morgen erzählte Lily ihm alles, was die Waldtauben gesagt hatten, und der kleine Räuberjunge sah ganz ernsthaft aus, nickte mit dem Kopfe und fragte das Rentier: "Weißt du, wo Lappland liegt?"

"Wer sollte es wohl besser wissen, als ich?", rief das Rentier mit leuchtenden Augen. "Dort bin ich geboren und aufgewachsen, dort habe ich mich auf den Schneefeldern umhergetummelt."

"Ich hätte dich zwar lieber hier, aber wenn du deinen Sev suchen musst, so nimm das Rentier, es wird dir den Weg nach Lappland zeigen."


"Komm zurück, wenn du deinen Sev befreit hast."

"Das will ich gerne tun", antwortete Lily, die den Räuberjungen mittlerweile ziemlich interessant fand. Es gefiel ihr, dass er mehr am Spielen und weniger and Büchern interessiert war.

Als sie das Rentier frei ließen, sprang es vor Freude hoch in die Luft. Der Räuberjunge hob die kleine Lily auf seinen Rücken und war vorsichtig genug, sie festzubinden und ihr sogar ein kleines Sitzkissen zu geben. Außerdem gab er ihr ihre warme Kleidung wieder und dicke Pelzhandschuhe obendrein.

Lily weinte vor Freude.


Beides wurde hinten auf das Rentier gebunden; James öffnete die Türe, und Lily und das Rentier eilten davon.

Das Rentier rannte unermüdlich nach Norden, bis es an ein kleines Häuschen kam, wo es Halt machte. Die Besitzerin des Häuschens lud Lily und ihr Rentier ein, und sie erhielten eine gute Mahlzeit und konnten sich aufwärmen.

Während Lily eine Tasse heißen Tee trank, erzählte das Rentier der Frau ihre Geschichte.

"Ach, ihr Armen!", sagte die Frau, "da habt ihr noch weit zu laufen!" Sie gab ihnen eine Nachricht an eine Bekannte mit und wies ihnen den Weg. Obwohl die Nacht hereingebrochen war, liefen sie weiter und weiter. Über ihnen waberten die schönsten Nordlichter in brillanten Farben.


Schließlich erreichten sie das Heim der Bekannten.

In dem Haus der Bekannten war es so warm, das Lily ihre warmen Kleider ausziehen musste. Dem Rentier musste ein Stück Eis auf den Kopf gelegt werden, weil es die Hitze sonst nicht ertragen hätte.

Das Rentier schmeichelte der Frau, weil es wollte, dass sie Lily half.

"Du bist sehr klug!", sagte das Rentier. "Ich weiß, du kannst alle Winde der Welt mit einem Zwirnsfaden zusammenbinden. Wenn der Schiffer den einen Knoten löst, erhält er guten Wind, löst er den andern, dann bläst ein scharfer Wind, und löst er den dritten und vierten, dann stürmt es, dass die Wälder niederstürzen."


"Willst du dem kleinen Mädchen nicht einen Trank geben, dass sie die Kraft von zwölf Männern erhält und die Schneekönigin überwindet?"

"Die Kraft von zwölf Männern", sagte die Frau, "die würde sicher nicht ausreichen!" Dann wandte sie sich ab und begann in einem Zauberbuch zu lesen.

Das Rentier gab aber nicht auf, sonder bat und flehte, bis die Frau ein Einsehen hatte.

"Der kleine Sev ist wirklich bei der Schneekönigin, findet dort alles nach seinem Wunsche und Behagen und meint, ihm sei das beste Los in der Welt zugefallen. Er hat einen Splitter des Spiegels der Wahrheit im Auge und ist bestrebt zu lernen und immer klüger zu werden."


"Die Schneekönigin ist die klügste Frau ihrer Generation und hört auch nie auf zu lernen. Die beiden kommen bestens miteinander aus."

"Aber kannst du der kleinen Lily nichts geben, dass sie Macht über das Ganze erhält?"

"Ich kann ihr keine größere Macht geben als sie schon besitzt! Siehst du nicht, wie groß diese ist? Siehst du nicht, wie Menschen und Tiere ihr dienen wollen? Ihre Macht sitzt in ihrem Herzen und besteht darin, dass sie schön und lieb ist. Kann sie nicht selbst in das Schloss der Schneekönigin eindringen und den kleinen Sev von dem Splitter befreien, so dass er mit dem Lernen und Lesen aufhören will, dann können wir nicht helfen!"


Sie setzte Lily auf den Rücken des Rentiers und wies ihnen den Weg.

"Wenn du Lily abgesetzt hast, komm ganz schnell wieder hierher zurück", sagte sie zu dem Rentier.

"Meine Stiefel! Meine Handschuhe!", rief die kleine Lily, der sich die schneidende Kälte fühlbar machte. Aber das Rentier wagte nicht anzuhalten, es lief, bis es zu dem Platz kam, den die Frau beschrieben hatte. Dort setzte es Lily ab, verabschiedete sich, und lief dann schnell wie der Wind wieder zurück.

Die arme Lily, die weder Stiefel noch Handschuhe hatte, lief vorwärts, so schnell sie konnte. Da zeigte sich plötzlich ein ganzes Regiment Schneeflocken.


Sie fielen aber nicht etwa vom Himmel herab, der war ganz klar und strahlte von Nordlichtern, die Schneeflocken flogen vielmehr gerade über die Oberfläche der Erde hin und nahmen, je näher sie kamen, an Größe zu. Lily erinnerte sich noch, wie groß und kunstvoll sie unter der Lupe ausgesehen hatten. Jede Schneeflocke war aus Eiskristallen zusammengesetzt, das hatte Sev gesagt.

Aber diese Flocken hier waren keine Eiskristalle. Es waren lebendige Wesen und die Vorposten der Schneekönigin. Einige sahen aus wie Schlangen, andere wie Dachse, wieder andere wie Adler. Sogar Löwen waren dabei. Die größten und mächtigsten aber waren Drachen, die gar nicht verschlafen aussahen.


Lily fürchtete sich von den Wesen, erinnerte sich aber daran, dass sie in der Schule zu Gryffindor gehörte und deshalb mutig sein musste. Ihr Mut erinnerte sie daran, dass sie auch ein paar Zaubersprüche konnte, obwohl sie erst in die erste Klasse der Zauberschule ging, und so konnte sie sich mit einem Zauberspruch wenigstes die Füße wärmen. Lily schalt sich selbst, weil ihr die Idee nicht schon früher gekommen war, und schritt resolut in Richtung Schloss.

Der kleine Sev wusste von alledem natürlich nichts. Er saß in der Bibliothek des Schlosses und las, solange er die Augen offen halten konnte.


Es würden Jahre vergehen, bevor er die Bücher hier alle gelesen hätte. Die Schneekönigin war lieb zu ihm, die Diener diskret und effektiv, das Leben im Schloss der Schneekönigin behagte ihm sehr.

"Nun sause ich fort nach den warmen Ländern!", sagte die Schneekönigin eines Morgens zu Sev. "Ich will in meine schwarzen Töpfe hineingucken!" Das waren die feuerspeienden Berge Ätna und Vesuv, wie man sie nennt. "Ich werde sie ein wenig mit Weiß überziehen, das gehört dazu und tut den Zitronen und Weintrauben gut!" Darauf flog die Schneekönigin fort und Sev saß ganz
allein in dem viele Meilen weiten, leeren Eissaal, betrachtete die Eisstücke und dachte und dachte, dass es in ihm ordentlich knackte.


Ganz steif und still saß er da, man hätte fast glauben können, er wäre erfroren. In Wirklichkeit wünschte er sich aber, er hätte mit der Schneekönigin gehen können. Sie konnte Sachen so wunderbar erklären und er fand die Dinge, die sie tat, faszinierend.

Während die Schneekönigin also ihr Schloss durch ein Fenster im höchsten Turm verließ, trat die kleine Lily durch die große Eingangspforte in das Schloss.

Als sie in die Eingangshalle kam, sah sie Sev, erkannte ihn, flog ihm um den Hals, hielt ihn ganz fest umschlungen und rief: "Sev! Süßer, lieber Sev! So habe ich dich endlich gefunden!"


Der kleine Sev zuckte mit einer Augenbraue und sah sie kritisch an. "Ich bin nicht lieb, und auf keinen Fall süß. Was willst du von mir?"

Die kleine Lily aber umarmte ihn und weinte. Sev erkannte die Wahrheit, weil er ja den Splitter des Spiegels von Htrut in sich trug, und streichelte ihr Haar.

"Es hat keinen Sinn, Lily. Ich bin hier so viel glücklicher, als ich es zuhause jemals war. Du kannst ja auch hier bleiben, wenn du willst."

Lily weinte weiter; sie konnte sich gar nicht fassen. "Alle haben gemacht, was ich wollte als ich nach dir suchte, und du willst nicht mit mir heimgehen, Sev? Was ist nur mit dir passiert?"


"Gar nichts ist passiert", sagte die Schneekönigin, die zurückgekommen war und Sev an die Hand nahm. "Er hat sich für das entschieden, was für ihn wichtig ist. Du kannst nicht immer an den Kinderträumen festhalten, Lily. Wenn Kinder groß werden, müssen sie eine Entscheidung treffen und auch Verantwortung für die Welt um sich herum übernehmen. Sev will das tun. Er will nicht mehr von anderen abhängig sein, er will sich selbst helfen. Das kann er hier lernen. Wenn er genug gelernt hat, werde ich ihm den Spiegel des Verstandes zeigen, das ist nämlich der größte und beste der großen Zauberspiegel."


"Dann kann er mir entweder bei meiner Arbeit helfen und mir ebenbürtig sein, oder er sucht sich einen anderen Bereich. Der Herrscher des Wassers sucht einen Lehrling, das wäre auch etwas für Sev."

Die kleine Lily sah die Schneekönigin mit großen Augen an, schüttelte den Kopf und weinte noch mehr. "Ich will Sev, ich will Sev", schrie sie.

Sev rollte die Augen, ihm war das viele Geschrei unangenehm. So gerne er Lily hatte, er wollte doch lieber sein eigenes Leben leben.

"Warum bleibst du nicht auch hier?", fragte die Schneekönigin freundlich. "Du bist ein liebes Mädchen und hast Verstand. Du könntest hier bei mir viel lernen. "


"Ich brauche das nicht", weinte Lily. "Die Leute lieben mich auch so. Sev liebt mich auch, nicht wahr, Sev?"

"Immer", sagte Sev und küsste sie auf die Stirn. "Ich bleibe aber trotzdem hier. Wir beide zusammen würden nämlich nicht glücklich werden."

"Aber wer soll denn dann mein bester Freund sein?", fragte Lily weinend.

"Ich werde immer dein Freund sein", sagte Sev, der sich natürlich ein wenig schuldig fühlte, weil Lily so weit gegangen war, um ihn zu finden, und so viel Mühsal auf sich genommen hatte.

"Ich will aber nicht ohne dich sein", schrie Lily, doch Sev schüttelte nur den Kopf.


"Hat du denn niemanden auf deiner Reise getroffen, den du mochtest, Lily?", fragte die Schneekönigin freundlich.

Lily schüttelte den Kopf, hörte aber auf zu weinen. "Ich weiß nicht. Vielleicht. Doch, ich glaube schon. Da waren der Prinz und die Prinzessin… und dann war da der Räuberjunge."

Die Schneekönigin klatschte in die Hände, und plötzlich kam das Rentier in die Halle hineingetrabt. James, der Räuberjunge, saß auf seinem Rücken.

"Ohne dich ist es langweilig, Lily", sagte James. "Kann ich nicht bei dir bleiben? Ich will auch nie wieder mit dem Messer spielen."

Lily schaute von Sev zu James und wieder zurück.


"Würdest du denn mit mir nach Hause gehen?", fragte sie James.

"Wohin du willst", antwortete der. "Ich bin reich, wir können überall hin gehen, ich habe nämlich den ganzen Räuberschatz geerbt."

Lily schaute wieder zu Sev hinüber, aber der schaute zur Schneekönigin. Da seufzte Lily und gestand sich ein, dass ihr James schon eine ganze Weile besser gefallen hatte als Sev.

"Also gut", sagte sie zu dem Räuberjungen. "Aber du musst tun, was ich will." Sie winkte der Schneekönigin und Sev noch einmal zu, dann sprang sie auf den Rücke des Rentiers und das Rentier trug Lily und James davon.


"Ich verspreche dir, dass du es nicht bereuen wirst, Sev", sagte die Schneekönigin und drückte Sev ganz eng an sich. "Du bist erwachsen geworden und kannst jetzt deine Kinderliebe in deinen Erinnerungen bewahren, da wo sie hingehört. Jetzt bist du frei für dein eigenes Leben."

"Danke!", sagte Sev. Die Schneekönigin sah ihn liebevoll an; dann fiel sie in Ohnmacht.

"Hermine!", rief Poppy. "Oh Merlin, Hermine!" Sie schlug Hermine, die zusammengesunken auf Snape's Bett lag, leicht auf die Wangen.

"Wenn ich gewusst hätte, was Du hier für einen Lärm machst, hätte ich weitergeschlafen, Poppy."

"Severus! Oh, dank Merlin, du bist wieder bei uns. Aber jetzt ist Hermine nicht wieder wach zu bekommen. Vielleicht sollte ich sie einfach schlafen lassen?"