Märchenstunde 2: Hermine schläft
Kapitel 4
"Vielleicht solltest du mir zuerst erzählen, warum Fräulein Granger hier auf meinem Bett liegt", fragte Severus, aber er klang nicht wirklich wütend.
Poppy fing an zu erzählen, aber in der Zwischenzeit träumte Hermine.
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Das Mädchen mit den Tagtraumzaubern
Es war Heiligabend in Hogsmeade.
Die letzten Passanten huschten eilig durch die Strassen, hier wurde noch schnell ein Buch, dort noch schnell die köstliche Honeydukes Schokolade eingekauft Es waren Geschenke in letzter Minute, aber deshalb nicht weniger willkommen.
Ein paar Lehrer scheuchten die letzten Hogwartsschüler aus den Drei Besen. Wie in jedem Jahr blieben auch diesmal ein paar Kinder über Weihnachten in der Schule.
Das Mädchen kauerte in den Schatten, bis die letzten Passanten verschwunden waren. Sie war sehr dünn, ihre Wangenknochen standen scharf über ihren eingefallenen Wangen, die braunen, einst lebhaften Augen waren eingesunken. Ihr Gesicht glich einem Totenschädel. Nur das wilde, buschige braune Haar schien noch voller Energie zu sein, es stand in wirren Locken in alle Richtungen von ihrem Kopf ab.
Sie schleppte sich müde aus den Schatten und schlurfte hinüber zu den Drei Besen. Hungrig blickte sie durch die Fenster und beobachtete, wie die letzten Gäste noch ein schnelles Abendessen hinunterschlangen. Vielleicht würde Rosmerta ihr später etwas schenken?
Doch nein, in dieser Nacht wollte Madam Rosmerta das Risiko nicht eingehen, sie schaute nur kurz schuldbewusst zu dem Mädchen hinüber bevor sie ihr Geschäft abschloss und davoneilte.
Das Mädchen blickte ihr traurig hinterher. Sie zitterte. Der dünne Mantel konnte ihr nicht viel Wärme geben an diesem kalten Tag. Und natürlich durfte sie als ausgestoßene, muggelstämmige Hexe keinen Zauberstab benutzen, mit dem sie sich etwas Wärme hätte herbeizaubern können.
So blieb ihr nichts anderes übrig, als zu frieren und zu hungern. Die letzte Mahlzeit war schon zwei Tage her.
Eigentlich hatte sie die Tagtraumzauber der WZZ verkaufen wollen. Jemand, der noch schnell ein Geschenk suchte, würde vielleicht über all die Verbote hinwegsehen und die Zauber als Sammlerstück betrachten. Vielleicht...
Im Moment sah es allerdings nicht danach aus.
Das Mädchen, einst unter dem Namen Hermine Granger bekannt, machte sich keine Hoffnungen. Es war kein Spaß, von der Todesserpolizei befragt zu werden, sie hatte das bereits mehrfach erfahren müssen. Niemand schien am Heiligabend etwas riskieren zu wollen, alle eilten an ihr vorbei, und nur gelegentlich warf ihr jemand einen mitleidigen Blick zu.
Hermine war verzweifelt. Was sollte sie nur tun? Sie hatte kein Geld, nichts zu essen und ihre letzte Unterkunft war gestern von der Todesserpolizei zerstört worden. Sie würde auf der Strasse schlafen müssen.
Müde schleppte sie sich weiter, bis sie an einen Hauseingang kam, der etwas Schutz vor Wind und Schnee bot.
Sie kauerte sich in einer Ecke zusammen und legte ihren Packen mit Traumzaubern neben sich. Heute würde keiner mehr welche kaufen wollen, und morgen war es ohnehin zu spät.
Ein schöner Traum... wie schön es doch wäre, wieder einmal zu träumen, dachte Hermine. Ob sie es riskieren sollte? Nur ein einziges Mal...?
Mit zitternden Fingern öffnete sie eine Packung, auf der ein Weihnachtsbaum zu sehen war, und ließ den Zauber in sich hineinsinken.
Sie befand sich plötzlich im Wohnzimmer ihrer Eltern. Der Christbaum stand neben der Terrassentür und ihre Eltern strahlten sie an.
"Guten Morgen, mein Schatz", sagte ihre Mutter. "Komm, pack deine Geschenke aus."
Hermine klatschte in die Hände, umarmte Vater und Mutter, und kniete sich dann vor dem Stapel Geschenke nieder, um eines nach dem anderen auszupacken. Es war schön warm im Zimmer und es duftete nach Plätzchen und Honigkuchen, doch plötzlich flogen alle Fenster auf und ein kalter Wind brachte Hermine zum Zittern.
Die erschrockenen Blicke ihrer Eltern waren das Letzte, was Hermine von ihnen sah, bevor sie sich ihrer Umgebung bewusst wurde. Eine Windbö hatte Schnee in den Hauseingang geweht und Hermine aus ihrem Tagtraum gerissen. Hermine weinte. Ihre Eltern hatten so lebendig ausgesehen. In Wirklichkeit waren sie schon vor einem Jahr von den Todessern ermordet worden. Ach, wenn sie sie doch nur noch ein einziges Mal sehen könnte!
Hermine wischte sich die Tränen mit dem Ärmel weg und öffnete noch eine Packung Tagtraumzauber.
Wieder stand ein großer, reich geschmückter Tannenbaum neben dem Fenster; sie war jedoch nicht im Haus ihrer Eltern, sondern im Fuchsbau.
Sämtliche Weasleys saßen um den großen Esstisch in der Küche herum, und Harry war auch da.
"Hermine!", rief Frau Weasley. "Komm rein, setz dich und iss mit uns."
Hermine ließ sich nicht zweimal bitten, und nachdem sie Harry, Ron und Ginny kräftig gedrückt hatte, langte sie kräftig zu. Es gab Schinkenbraten, Kartoffelbrei, Erbsen und Karotten und Pastinakenpürree. Zum Schluss gab es noch für jeden ein Stück Plumpudding.
Hermine wollte sich gerade eine Tasse Tee einschenken, als die Zwillinge anfingen, sie mit Schnee zu bewerfen. "Hey, ihr Zwei", rief Hermine, "was soll denn das?" Aber im gleichen Moment wurde es dunkel und ein kräftiger Windstoss warf Hermine einen neuen Schwung Schnee ins Gesicht.
"Oh nein", rief sie. "Das war doch viel zu kurz..." Sie konnte die Tränen nicht unterdrücken, die ihr die Wangen hinunterliefen. Von den Weasleys war niemand mehr am Leben. Die ganze Familie war ausgelöscht, der Fuchsbau war zerstört worden, niemand sprach über sie, niemand wagte, sich zu erinnern... Und auch Harry, ihr mutiger, entschlossener bester Freund, war dahin, tot, im Duell mit Voldemort erschlagen.
Hermine wusste nicht, wie sie selbst überlebt hatte und sie wusste auch nicht, wie sie weiterleben sollte. Alles und jeder, den sie geliebt hatte – selbst ihr Kater Krummbein – war tot, ermordet von den Todessern.
Hermine schluchzte so stark, dass sie einen Schluckauf bekam. Wenn der Traum doch nur noch ein wenig länger gedauert hätte... Es hieß doch auf der Packung, dass ein Tagtraumzauber eine Stunde lang anhalten sollte, aber das galt wahrscheinlich nur, wenn man in dieser Zeit nicht mit Schnee beworfen wurde...
Hermine hielt das nicht mehr aus. Sie wollte ihre Lieben noch einmal sehen und umarmen, ihre Wärme fühlen. Kurzentschlossen riss sie alle verbliebenen Packungen mit Traumzaubern auf.
Ihre Hände waren schon ganz steif, sie schaffte es nur mit Mühe, die Zauber zu aktivieren, aber mit Geduld und Ausdauer gelang es ihr doch – und mit einem Mal spürte sie die eisige Kälte nicht mehr.
Hermine stand am Eingang des großen Saales in Hogwarts. Eine lange Reihe von Weihnachtsbäumen stand an der Wand, Kerzen schwebten im Raum, und alle ihre Lehrer saßen am Lehrertisch.
Professor McGonagall winkte freundlich, die Professoren Sprout und Flitwick lächelten und nickten ihr zu, und Professor Dumbledore kam ihr entgegen, beide Hände ausgestreckt.
"Komm, Kind", sagte er. "Hier gehörst du hin, hier bist du zuhause."
Hermine fasste seine Hände, glücklich dass alle ihre tot geglaubten Lehrer hier fröhlich zusammen saßen, und lächelte zurück. Etwas fehlte allerdings; einer fehlte. Verwirrt schaute sie umher.
"Ich bin hier, Fräulein Granger", sagte eine samtweiche, tiefe Stimme. Hermine drehte den Kopf, und da stand er und schaute sie mit seinen bohrenden schwarzen Augen kritisch an.
"Professor Snape!", rief sie glücklich. "Sie leben!"
Snape legte einen Arm um ihre Schulter – Hermine kam das gar nicht merkwürdig vor – und sagte: "Ja, ich lebe und Sie sollten es auch tun."
Hermine sah ihren ehemaligen Lehrer an und wurde im brennenden Blick dieser glitzernden, schwarzen Augen gefangen. Alles drehte sich um sie, und ihr wurde schwarz vor Augen. Dann wusste sie nichts mehr.
Die Leute, die am Morgen des ersten Weihnachtstages an dem Hauseingang vorbeigingen, warfen nur einen mitleidigen Blick auf das reglose Bündel in der Ecke.
"Sie ist erfroren, sie hat sich mit den Zaubern bestimmt ablenken wollen", sagten sie. Doch bevor noch jemand die Polizei informieren konnte, damit die Leiche abgeholt würde, kam ein Mann im schwarzen Todesserumhang und mit einer silbernen Maske vor dem Gesicht und hob das Mädchen in seine Arme. Mit großen Schritten ging er davon.
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"Severus, Severus, wach auf, geht es dir gut? Merlin! Lass ihn nicht wieder ins Koma fallen… Severus!"
Poppy Pomfrey schlug Severus auf die Wange, bis er die Augen öffnete.
"Lass mich, ich bin in Ordnung. Nur müde. Gibt es eine Besserung?"
"Sie hat zuerst fürchterlich gezittert, doch nachdem du in ihre Gedanken eingedrungen bist, wurde sie ruhiger. Gelegentlich tränten ihre Augen, ich weiß nicht, ob sie geweint hat oder ob die Augen durch irgend etwas gereizt wurden."
"Sie hat geweint. Sie hatte einen Albtraum. Ich weiß nicht, wie lange sie das geträumt hat, du hast mich ja nicht gleich folgen lassen, aber so wie ich das verstanden habe, hat sie geglaubt, dass der Krieg verloren und ihre Familie und Freunde tot wären. Ich habe sie gefunden, als sie träumte, im Grossen Saal Weihnachten zu feiern. Dort konnte ich dann in den Traum eingreifen."
"Siehst du, wenn ich nicht kurz zusammengefasst hätte, was in den vergangenen zwei Jahren passiert ist, hättest du ihr gar nicht helfen können."
"Das ist deine Meinung", schnappte Snape. "Sprich für dich selbst. Auf jeden Fall hat es ja wohl nicht allzu viel gebracht. Ich muss es noch einmal versuchen."
"Du wirst dich zuerst etwas ausruhen", sagte Poppy mit Bestimmtheit. "Wenn du denkst, dass ich zusehe, wie ihr euch gegenseitig von einem Koma ins nächste träumt, dann hast du dich geschnitten. Und wenn ich dich mit einer Ganzkörperklammer belegen muss, erst isst du was, und dann ruhst du dich aus."
