Märchenstunde 2: Hermine schläft
Kapitel 5
"Du kannst froh sein, dass du dich in so kurzer Zeit so gut erholt hast."
"Du nennst zwei Jahre eine kurze Zeit? Nicht sehr präzise, wenn du mich fragst", sagte Snape höhnisch.
"Spar dir den Sarkasmus, Severus. Das wirkt nicht auf mich. Du wirst tun, was ich sage, sonst brauchst du hier nicht wieder vorbeizukommen. Wenn du Hermine helfen willst, dann hörst du auf mich, sonst werde ich mir jemand anderen suchen."
"Wen denn? Du brauchst jemanden, der Legilimentik kann. Das ist eine Kunst, die nicht sehr weit verbreitet ist."
"Ich kann immer Draco Malfoy fragen. Er und seine Familie stehen in Hermines Schuld."
"Seit Hermine in Malfoy Manor gefoltert wurde, fühlt sich Draco ihr verpflichtet. Er würde ihr gerne helfen, er hat ich gewaltig geändert, Severus. Du kannst stolz auf ihn sein."
Snape sah Pomfrey nachdenklich an. "Granger wurde gefoltert? Das wusste ich nicht."
"Lestrange hat es getan, du weißt, wie sie war."
"Ja", sagte Snape nur und blickte auf die schlafende Hermine. Poppy dachte, dass sie noch nie soviel Mitgefühl in seinen Augen gesehen hatte. Sie wusste aber, dass jeder Kommentar ihn nur zum Widerspruch reizen würde, deshalb schwieg sie.
"Ich werde tun, was du sagst, Poppy. Dann werde ich erneut versuchen, ihr zu helfen. Das bin ich ihr schuldig."
"Sie würde das zwar anders sehen, aber ich bin froh, dass du es tun willst, Severus. Draco ist zwar ein Legilimentiker, aber er ist längst nicht so erfahren wie du."
Snape nickte und ging zurück zu seinem eigenen Bett.
Drei Tage später fühlte er sich stark genug, einen neuen Versuch zu wagen. Nachdem er sich genau erklären ließ, was Hermine versucht hatte, um ihn selbst aufzuwecken, beschloss er, die Phasen, in denen er in ihrem Geist unterwegs war, kontinuierlich zu verlängern, und sich vorher mit einem Zaubertrank zu stärken, damit er nicht selbst wieder zu schwach zum Aufwachen wurde. Das Beeinflussen der Träume zehrte offenbar sehr stark an den magischen Energien, deshalb wollte er sich so gut vorbereiten wie möglich.
Die kleine Meerjungfrau und der Prinz mit der großen Nase
Hermine war keine Hexe mehr, sie war eine Prinzessin. Allerdings waren ihre Eltern nicht die Herrscher irgendeines Königreichs, sondern die Herrscher des Meervolkes, das ganz tief unten auf dem Meeresboden lebt.
Genaugenommen nur ihr Vater der Herrscher, die Mutter war bereits verstorben. Hermine hatte aber eine Großmutter und fünf Schwestern und lebte glücklich als Seejungfrau im Palast ihres Vaters.
Das Meervolk im Ozean war zwar entfernt verwandt mit dem Seevolk, das im Schwarzen See bei Hogwarts lebte, die beiden Völker unterschieden sich jedoch sehr voneinander.
Das Volk, dem Hermine jetzt abgehörte, lebte komfortabel und von aller Pracht umgeben, die der Ozean zu bieten hatte. Das Meervolk war stolz und schön, und am schönsten von allen war Hermine.
Im großen und ganzen war das Leben unter Wasser ähnlich wie an Land, auch wenn es einige Unterschiede gab.
Auf dem Meeresboden wuchsen Gras, Baume und Blumen. Die Zweige der Bäume schwebten in den Wellen genauso wie die Zweige der Landbäume im Wind wehten.
Das Wasser war klar und blau und hoch oben leuchtete die Sonne wie eine rote Blume. Gelegentlich wurde die Sonne verdunkelt, wie von Wolken, das waren dann entweder Wale, die vorüber schwammen, oder die Schiffe der Landmenschen.
Vögel gab es unter Wasser nicht, aber viele bunte Fische, große und kleine, die munter überall herum schwammen und manchmal auch durch die Fenster in den Palast hinein huschten, um sich von den Prinzessinnen füttern zu lassen.
Hermine und ihre Schwestern liebten Blumen und Gärten und jede von ihnen hatte einen eigenen Bereich im Palastgarten, in dem sie tun und lassen konnte, was sie wollte.
Ihre Schwestern pflanzten prachtvolle Blumen, aber Hermine war nur mit Blumen nicht zufrieden; sie wollte noch etwas anderes haben. Sie war schon immer anders als ihre Schwestern gewesen, sie war ein stilles, nachdenkliches Kind, das gerne las und nachdachte.
Eines Tages hatte Hermine die Marmorstatue eines Knaben gefunden, nachdem ein Schiff der Landmenschen untergegangen war. Alles, was sich in den untergehenden Schiffen befand, regnete auf das Meervolk hinab. Die Seeleute allerdings kamen immer nur tot unten an, denn die Landmenschen konnten leider nicht unter Wasser überleben.
Hermine liebte die Marmorstatue über alles und wurde nie müde, sie anzusehen. Sie stellte sie unter einem schönen Baum in ihrem Garten auf und dort saß sie dann oft und dachte über die Landmenschen nach. Sie hatte alles über sie gelesen was sie finden konnte und sogar ihre stolze Großmutter nach ihnen gefragt.
"Die Landmenschen sind nicht wie wir", sagte die Großmutter, "sie sind hässlich. Anstelle unseres schönen Fischschwanzes haben sie zwei Stumpen, die sie Beine nennen. Sie können nicht unter Wasser atmen und leben nicht so lang wie wir. Du solltest nicht soviel über sie nachdenken, Kind."
Aber Hermine dachte trotzdem über die Landmenschen nach und blickte sehnsuchtsvoll nach oben, wo die Sonne rot leuchtete.
Den Prinzessinnen war es nicht erlaubt, an die Oberfläche zu schwimmen; erst an ihrem fünfzehnten Geburtstag erhielten sie die Erlaubnis.
Als die erste der Schwestern 15 Jahre alt wurde, beschlossen sie, sich gegenseitig zu erzählen, was ihnen in der Welt über den Wassern besonders gut gefallen hatte.
Das Warten war besonders für Hermine schwer, weil sie ja die Jüngste war.
Die Jahre gingen ins Land und Hermines Schwestern erzählten von der Welt über dem Meer, wie laut dort die Geräusche aus den Städten übers Wasser schallten, wie bunt und prachtvoll die Feuerwerke des Nachts im Himmel leuchteten, wie die Sterne funkelten, wie hell die Sonne schien, wie schön ein Sonnenuntergang war, wie fröhlich die Kinder am Ufer spielten und wie furchtsam die Seeleute auf ihren Schiffen während eines Sturms waren.
Hermine saugte diese Erzählungen förmlich auf und endlich, endlich war es soweit, ihr eigener fünfzehnter Geburtstag war gekommen.
Sie konnte es kaum erwarten, endlich an die Oberfläche zu kommen. Ihre Schwestern hatten nach den ersten paar Ausflügen bald das Interesse verloren und fanden das Leben zuhause auf dem Meeresgrund viel schöner als an Land.
Doch nun konnte Hermine selbst nach oben schwimmen und mit klopfendem Herzen machte sie sich auf den Weg.
Als sie endlich oben ankam, schaute sie sich neugierig um. Sie sah den blauen Himmel und wie hell die Sonne schien. Sie sah die prächtige Stadt am Ufer und die stolzen Schiffe. Auf einem der Schiffe schien ein Fest gefeiert zu werden, denn es war reich geschmückt und voller prächtig gekleideter Menschen. Festliche Musik klang aus seinen Kabinen.
Das will ich mir anschauen, dachte Hermine, und schwamm hinüber zum Schiff. Sie versteckte ihren Kopf hinter den Schaumkronen auf dem Wasser – die See war rau geworden. Als sie nahe genug an das Schiff herangekommen war, blickte sie durchs Fenster und sah die fröhliche Festgesellschaft. Im Mittelpunkt stand ein junger Mann mit schönen, wachen, schwarzen Augen, schwarzem Haar und einer sehr großen Nase. Der Anblick dieses Mannes ließ Hermines Herz schneller schlagen, warum er jedoch so auf sie wirkte, wusste sie nicht.
Der Mann war ein Prinz, jedenfalls sprachen die anderen ihn so an, und Hermine konnte die Augen lange nicht von ihm abwenden.
Schließlich musste sie aber doch kurz untertauchen, weil die See so rau war, dass sie sich nicht einfach neben dem Schiff her treiben lassen konnte. Als sie fröhlich wieder auftauchte, konnte sie zusehen, wie die Landmenschen auf dem Schiff gegen den Sturm ankämpften.
Hermine schwamm neben dem schlingernden Schiff her und fragte sich, ob es wohl untergehen würde. Sie musste sich nicht lange fragen; mit einem fürchterlichen Knacken brachen zuerst die Masten und dann der Rumpf des Schiffes entzwei. Die Menschen schrieen und stürzten ins Wasser.
Wie schön, jetzt können sie uns unten besuchen, dachte Hermine, doch nein! Die Landmenschen konnten ja nicht unter Wasser atmen, sie würden alle sterben.
Der Prinz, wo war der Prinz? Hermine wurde von Panik erfasst. Sie wollte nicht, dass der Mann, der ihr Herz so eigentümlich berührt hatte, starb. Schnell tauchte sie unter, schwamm durch die Trümmer, und suchte den Prinzen.
Dort! War das Tang oder waren es seine langen schwarzen Haare? Als sie näher kam, sah sie, dass es tatsächlich der Prinz war. Er hatte die Augen geschlossen und war besinnungslos. Hermine stützte vorsichtig seinen Kopf und brachte ihn an die Meeresoberfläche, wo er mit einem sehr lauten Keuchen Luft holte, für einen ganz kurzen Moment die Augen aufschlug und sie verwirrt ansah.
Hermine hatte ihre Last, den großen und schweren Körper des Prinzen hinter sich herzuziehen und dabei seinen Kopf über Wasser zu halten. Nach vielem Gestöhne und Gezerre gelang es ihr aber doch, den bewusstlosen Prinzen an Land zu bringen.
Sie legte ihn in den weichen Sand an einer Flussmündung, konnte ihn jedoch nicht sehr weit ans Ufer hinaufbringen, weil sie mit ihrem Fischschwanz ja nicht laufen konnte.
Was nun? Der Prinz war zwar gerettet, doch war weit und breit kein Mensch in Sicht, der sich seiner hätte annehmen können. Hermine beschloss, flussaufwärts zu schwimmen und nach anderen Menschen Ausschau zu halten.
Nach einer Weile fand sie auch ein Haus am Fluss, mit einem schönen Garten. Hermine beschloss, den Prinzen hierher zu bringen, und schließlich legte sie den Prinzen unter eine Trauerweide, deren Zweige fast bis aufs Wasser hingen. Sie schwamm ein paar Meter vom Ufer weg und versteckte sich hinter einem Stein. Sie wollte sicher gehen, dass der Prinz auch gefunden wurde.
Sie hatte noch nicht allzu lange gewartet, als ein junges Mädchen aus dem Haus kam und den Prinzen fand. Sie war sehr schön, das lange rote Haar legte sich um ihre Schultern wie ein Tuch, die grünen Augen leuchteten fröhlich aus ihrem blassen Gesicht.
Als das Mädchen den Prinzen sah, lief sie zu ihm hin, sah ihn sich gut an, und rief dann um Hilfe. Der Prinz schlug die Augen auf, sah verwirrt um sich und fragte: "Hast du mich gerettet?"
Hermine hatte genug gesehen. Sie wusste dass der Prinz jetzt sicher war, und sie musste zurück zu ihrer Familie auf dem Meeresgrund. Sie konnte dem Prinzen ja schlecht sagen, dass sie ihn gerettet hatte, da konnte er ruhig glauben, dass es das schöne rothaarige Mädchen gewesen war.
Wieder unten angekommen, wurde Hermine noch stiller als vorher. Sie hatte Sehnsucht nach dem Prinzen mit den schwarzen Augen, der etwas in ihrem Herzen bewegt hatte, das sie nicht erklären konnte.
Von Zeit zu Zeit schwamm sie an die Oberfläche und versuchte dann immer, einen Blick auf den Prinzen zu werfen, der sich oft am Ufer aufhielt und nachdenklich aufs Wasser hinausstarrte.
Mit der Zeit wurde Hermine immer trauriger. Sie konnte den Prinzen nicht vergessen; sie würde alles tun, um bei ihm an Land zu sein. Doch das war unmöglich. Sie hätte ihr Leben als Seejungfrau aufgeben müssen und alles verloren.
Ihre Schwestern und die Großmutter wollten Hermine aufheitern und so organisierten sie einen großen Ball zu Hermines Ehren. Hermine tanzte und sang – niemand hatte eine so liebliche Stimme wie sie – aber sie konnte sich nicht freuen.
Schließlich, als alle anderen fröhlich feierten, fasste sich Hermine ein Herz und stahl sich heimlich aus dem Palast. Sie sah sich nicht ein einziges mal um und eilte zum Korallenwald, in dem eine mächtige Zauberin lebte.
"Ich kann dir wohl helfen", sagte die Zauberin, "aber nichts ist umsonst. Ich muss einen Trank für dich brauen, dem ich mein eigenes Blut zugeben muss. Deshalb will ich deine Stimme als Bezahlung haben. Wenn du den Trank trinkst, wirst du deinen Fischschwanz verlieren und dich an Land bewegen können. Dein Gang wird leichtfüßig wie der eine Elfe sein, aber bei jedem Schritt wirst du Schmerzen erleiden, als ob jemand scharfe Klingen in deine Beine stechen würde."
"Nur wenn ein Landmenschenmann dich aufrichtig liebt, werden diese Schmerzen verschwinden und du wirst vollständig eine von ihnen. Willst du diesen Preis bezahlen?"
"Alles, ich tue alles", sagte Hermine.
"Also gut", sagte die Hexe und bereitete den Trank. Dann schnitt sie Hermine die Zunge heraus, so dass sie weder sprechen noch singen konnte.
Weinend – denn wie sollte sie dem Prinzen jetzt sagen, dass sie ihn liebte? – schwamm Hermine langsam zur Oberfläche, setzte sich auf einen Stein am Ufer, und trank den Zaubertrank.
Schmerzen jagten durch ihren Körper, als würde sie von Säbeln zerstückelt. Ihr Fischschwanz fiel ab und an seiner statt hatte sie nun ein Paar schöne, schlanke Beine.
Unter großen Schmerzen schleppte sie sich an Land; jeder ihrer Schritte war jedoch so graziös und leicht wie versprochen.
Erschöpft setzte sie sich in den Sand und schlief ein. Als sie erwachte, blickte sie in die schwarzen Augen des Prinzen.
"Du bist diejenige, die mich gerettet hat, nicht das rothaarige Mädchen", sagte er. "Dafür werde ich dich immer lieben." Und er küsste sie. Hermine schloss die Augen und erwiderte den Kuss. Als sie erneut die Augen aufschlug, schaute sie in die unergründlichen Augen von Severus Snape.
"Liebst Du mich wirklich?", fragte sie, doch bevor er etwas sagen konnte, hatte sie schon wieder das Bewusstsein verloren.
Severus strich ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht, seufzte, und setzte sich auf.
"Was war das denn?", fragte Poppy neugierig.
"Ich hatte sie fast", sagte er. "Sie war wach. Aber es war nicht genug, ich muss noch einmal in ihre Träume eindringen."
"Hast du denn etwas ändern können?"
"Sie kennt die selben Muggelmärchen, die ich auch kenne; wir sind schließlich beide unter Muggels aufgewachsen. Bei diesem letzten Traum konnte ich das Ende ändern. Das hat den größten Teil ihres Geistes befreit. Für einen Augenblick war sie bei Bewusstsein; ich denke, wir werden sie bald wiederhaben." Er runzelte die Stirn. "Und wenn du jemandem verrätst, dass ich das gesagt habe, werde ich dich verhexen, Poppy."
Poppy Pomfrey lachte. "Keine Angst, Severus, ich werde so froh sein, wenn ich euch beide gesund und wach wieder habe, dass ich alle deine Geheimnisse hüten würde, als wären es meine eigenen. Du kannst dich ruhig auch freuen, dass es Hermine besser geht. Sie war so traurig, als sie dir nicht helfen konnte. Ich würde schon fast sagen, dass ihr das Herz gebrochen war, aber das kann ja nicht sein, wenn ihr beide schlaft, oder?"
Snape sah Poppy nachdenklich an. "Wir haben eine Menge Zeit miteinander verbracht, auch wenn es nur in diesen wilden Träumen war. Ich, äh, finde Miss Granger nicht mehr ganz so unerträglich wie früher."
"Das ist schön", sagte Poppy, dachte sich aber, dass das aus dem Munde von Severus Snape schon beinahe eine Liebeserklärung gewesen war.
"Ich werde ein paar Stunden schlafen, und dann probiere ich es wieder", sagte Snape und stand von seinem Sessel auf. "Wann hast du Zeit?"
"Heute Abend sollte in Ordnung gehen. Da hast du fast den ganzen Tag Zeit, dich auszuruhen. Ich kann sehen, dass es dir viel besser geht. Du bist nicht mehr so bleich und siehst erholt aus. Ich denke, ein paar Stunden Schlaf und ein gutes Abendessen sollten reichen."
"Dann sehe ich dich später", sagte Severus und ging in sein Zimmer.
