Märchenstunde 2: Hermine schläft
Kapitel 6
Am Abend setzte er sich wieder an Hermines Bett, nahm ihre Hand, sprach die Zauberformel und drang wieder in ihre Gedanken ein.
Die kluge Hexe und der weiße Wolf
Harry Potter, der gerade Zaubereiminister geworden war, erholte sich von den Strapazen des Wahlkampfes, indem er im Verbotenen Wald auf die Jagd ging. Hagrid hatte ihm verraten, welche Bereiche er vermeiden sollte, weil dort die Zentauren oder die Acromantulas ihr Revier hatten, aber der Verbotene Wald war sehr groß, und es gab reichlich Wild.
Harry hatte gerade eine Schar Fasanen aufgescheucht, als sein Besen plötzlich Schwierigkeiten machte und ihn abwarf. Dabei verlor er seinen Zauberstab und fand sich orientierungslos und ohne Besen mitten im Zauberwald wieder.
Er irrte Tag und Nacht umher, musste Hunger leiden, und fand auch nicht den Weg zurück.
Ohne seinen Zauberstab konnte er auch keinen Patronus um Hilfe schicken. Er konnte nur hoffen, dass ihn seine Freunde bald suchen würden.
Es schien ihn aber niemand zu vermissen. Alle wussten ja, dass er sich bei der Jagd erholen wollte, und dem Helden, der Voldemort besiegt hatte, würde wohl während eines kurzen Jagdausflugs nichts Gefährliches begegnen.
Harry war verzweifelt, als ihm plötzlich ein kleines, schwarzes Männlein mit einer riesigen Nase begegnete. Harry grüßte das Männlein freundlich und fragte es nach dem Weg.
"Ich will dir wohl den Weg zeigen und dich begleiten, aber du musst mir auch etwas dafür geben."
"Du musst mir das geben, was dir aus deinem Hause zuerst entgegen kommt."
Harry war froh und sprach: "Das ist aber sehr freundlich und großzügig von dir. Normalerweise kommt mir als erstes mein treuer Hund entgegen, und den will ich dir gerne geben, ich bin sicher, dass du dich gut um ihn kümmern wirst."
Das Männlein aber erwiderte: "Deinen treuen Hund, den mag ich nicht, mir ist was andres lieber."
Als sie nun wieder aus dem Wald herauskamen und das Männlein mit Harry nach Grimmauld Place Apparierte, sah ihn seine beste Freundin Hermine vom Fenster aus und sprang ihm entgegen. Als Harry sie in den Arm nahm, sagte er: "Ich hätte es doch vorgezogen, wenn der Hund mir zuerst entgegengekommen wäre."
"Was, du willst lieber deinen Hund begrüßen als mich? Lass das nur nicht Ginny hören, die verhext dich", sagte Hermine, die ein wenig gekränkt war.
Harry lächelte traurig und sagte: "So war das ja nicht gemeint." Dann erzählte er ihr alles.
Hermine sah entschlossen aus. "Wenn das so ist, dann werde ich mit dem Männlein gehen, das ist doch besser, als dich zu verlieren, Harry. Ich schaue mal, was es will. Keine Angst, ich komme schon zurecht."
Harry machte sich auch nicht allzu viel Sorgen, denn er wusste, was für eine mächtige und kluge Zauberin seine Freundin Hermine war. Sie war schon mit ganz anderen Sachen fertig geworden.
"Also gut, aber wenn du Hilfe brauchst, ich habe immer noch deine Münze mit dem Proteus Zauber, Hermine."
Hermine drückte Harry noch einmal, ging dann zu dem Männchen und fragte es, was es wollte.
Das Männchen sagte: "In einer Woche hole ich dich."
Eine Woche später kam ein weißer Wolf nach Grimmauld Place und Hermine musste sich auf seinen Rücken setzen. Der Wolf lief so schnell, dass es ihr den Atem raubte, bergauf, bergab, durch Gestrüpp, über Felder, durch Wälder. und schließlich konnte Hermine es nicht länger aushalten und fragte: "Ist es noch weit?"
"Schweig! Weit, weit ist's noch bis zum gläsernen Berg und schweigst du nicht, so werfe ich dich hinunter!"
Nun ging es wieder so fort, bis die arme Hermine wieder zagte und klagte und fragte, ob es noch weit sei. Und da sagte ihr der Wolf die selben drohenden Worte und rannte immer fort, immer weiter, bis sie zum dritten Mal die Frage wagte, da warf er sie auf der Stelle von seinen Rücken herunter und rannte davon.
Als Hermine ihren Zauberstab aus ihrer Robe nehmen wollte, stellte sie fest, dass sie den Stab bei dem wilden Ritt oder beim Sturz verloren haben musste. Jetzt war sie ganz alleine mitten in der Wildnis und wanderte eine weite Strecke und dachte, endlich werde ich doch einmal zu Leuten kommen.
Und endlich kam sie an eine Hütte, da brannte ein Feuerchen und da saß ein altes Waldmütterchen, das hatte ein Töpfchen am Feuer. Da fragte Hermine: "Gute Frau, haben Sie den weißen Wolf nicht gesehen?" – "Nein, da musst du den Wind fragen, der fragt überall herum, aber bleibe erst noch ein wenig hier und iss mit mir. Ich koche hier ein Hühnersüppchen."
Hermine akzeptierte, denn sie war hungrig und wollte nicht undankbar erscheinen. Als sie gegessen hatten, sagte die Alte: "Nimm die Hühnerknöchelchen mit dir, du wirst sie gut gebrauchen können." Dann zeigte ihr die Alte wohin sie gehen musste, um den Wind zu finden.
Als Hermine beim Wind ankam, fand sie ihn auch am Feuer sitzen und sich eine Hühnersuppe kochen, aber auf ihre Frage nach dem weißen Wolf antwortete er ihr: "Liebes Kind, ich habe ihn nicht gesehen, ich bin heute einmal nicht gegangen, und wollte mich einmal hübsch ausruhen. Frage die Sonne, die geht alle Tage auf und unter, aber erst mache es wie ich, ruhe dich aus und iss mit mir, kannst hernach auch alle die Hühnerknöchlein mit dir nehmen, wirst sie wohl gut brauchen können."
Als dies geschehen war, ging Hermine Richtung Sonne, und da erging es ihr genauso wie beim Wind.
Die Sonne kochte sich gerade eine Hühnersuppe an sich selbst. Sie hatte auch den weißen Wolf nicht gesehen und lud die Prinzessin zum Mitessen ein. "Du musst den Mond fragen, denn wahrscheinlich läuft der weiße Wolf nur des Nachts, und da sieht der Mond alles."
Als nun Hermine mit der Sonne gegessen und die Knöchlein aufgesammelt hatte, ging sie weiter und fragte den Mond. Auch er kochte Hühnersuppe und sagte: "Es ist fatal, ich habe gestern nicht geschienen, oder bin heute zu spät aufgegangen, ich weiß gar nichts von dem weißen Wolf."
Da weinte Hermine und rief: "O Merlin, wen soll ich nun fragen?"
"Geduld, meine Liebe", sagte der Mond. "Du bist müde und hungrig, setz dich und iss erst die Hühnersuppe mit mir und nimm auch die Knöchelchen mit, du wirst sie wohl brauchen. Etwas Neues weiß ich doch: im gläsernen Berge das schwarze Männchen – das hält heute Hochzeit, der Mann im Mond ist auch dazu eingeladen."
"Ach der gläserne Berg, der gläserne Berg! Dahin wollte ich ja, dahin hätte mich ja der weiße Wolf tragen sollen!", rief Hermine.
"Nun, bis dorthin kann ich dir schon leuchten und den Weg zeigen", sagte der Mond. "Sonst könntest du dich leicht verirren, denn ich zum Beispiel bestehe ganz und gar aus lauter gläsernen Bergen."
"Nimm nur deine Knöchlein alle mit." Das tat Hermine, aber in der Eile vergaß sie doch ein Knöchelchen.
Bald stand sie an dem gläsernen Berg, aber der war ganz glatt und glitschig, es gab keinen Weg hinauf, aber da nahm Hermine alle Hühnerknöchlein von der alten Waldmutter, vom Wind, von der Sonne und von dem Mond und machte sich daraus eine Leiter. Die wurde sehr lang, aber oh weh, zuletzt fehlte noch eine einzige Sprosse, noch ein Glied. Da schnitt sich Hermine das oberste Gelenk von ihrem kleinen Finger ab, die Leiter war fertig, und sie konnte nun rasch zum Gipfel des gläsernen Berges klettern.
Ganz oben befand sich eine große Öffnung mit einer prächtigen Treppe, die hinunter und in den Berg hinein führte. Drinnen war alles voller Glanz und Pracht, ein großer Saal war mit Hochzeitsgästen gefüllt, eine Gruppe von Musikern spielte Tanzmusik, und die Tafeln waren mit den herrlichsten Speisen beladen.
Das schwarze Männlein saß an der Spitze der Tafel und an seiner Seite saß eine schöne, rothaarige Dame mit grünen Augen, die war seine Braut. Das Männlein aber sah unendlich traurig aus.
Als Hermine ihn so sah, tat ihr das Herz weh. Es tat ihr leid, dass sie so spät gekommen war.
Sie konnte es kaum ertragen, das Männlein so traurig zu sehen. Sie wollte nicht, dass er die rothaarige Dame heiratete, denn sie wusste, dass er die rothaarige Dame nicht wirklich liebte. Hermine hatte erkannt, dass sie beide nur glücklich sein konnten, wenn das Männlein und sie selbst heiraten würden.
Da dachte Hermine: Vielleicht hilft es ja, wenn ich ein Lief vom weißen Wolf singe. Mit etwas Glück erkennt das Männlein mich ja vielleicht.
Als sie sich hilfesuchend umblickte, sah sie ein Klavier an der Wand stehen –– während ihrer Kindheit hatte sie Klavierstunden gehabt –– und daran setzte sie sich nun und fing an zu spielen und zu singen.
"Deinen treuen Hund, den mag ich nicht,
Mir ist was andres lieb!
Die kluge Hermine.
Der weiße Wolf, der lief davon,
Sie weiß nicht, wo er blieb;
Die kluge Hermine."
Da hob das schwarze Männlein den Kopf und sah sie mit seinen schwarzen, unergründlichen Augen an, aber Hermine fuhr fort zu spielen und zu singen.
"Sie ist dem Wolfe nachgereist,
Schnitt ab ihr Fingerglied,
Die kluge Hermine.
Nun ist sie da – du kennst sie nicht,
Traurig singt sie dir dies Lied
Die kluge Hermine."
Da sprang das schwarze Männlein von seinem Sitze auf und verwandelte sich mit einem lauten Knall in einen mächtigen Zauberer.
Der Zauberer war Severus Snape. Severus eilte auf sie zu und schloss sie in seine Arme.
"Aus Liebe zu mir hast du all dies auf dich genommen, Hermine. Aus Liebe zu mir hast du so viel geopfert, selbst ein Stück von dir selbst hast du gegeben. Du hast mich befreit und hast dich selbst auch befreit. Komm mit zurück ins Leben, und wenn du willst, wird mein Herz dir für immer gehören."
Verwundert blickte Hermine Severus Snape in die Augen; sie hatte ihn noch nie so freundlich zu ihr sprechen hören, und solch liebe Worte schon gar nicht.
Sie schluckte, und nickte, und folgte ihm, die Augen geschlossen, wie im Traum.
Als sie die Augen wieder aufschlug, blickte sie erneut in die schwarzen Augen von Severus Snape.
"Liebst du mich wirklich?" fragte sie erstaunt. Er saß an ihrem Bettrand, hatte sich über sie gebeugt und hielt ihre Hand. Ihre Finger waren mit seinen verflochten.
"So unglaublich es auch klingen mag, aber es ist wahr", sagte er und küsste ihre Finger.
"Das macht mich sehr glücklich", flüsterte sie, hob die andere Hand, zog seinen Kopf zu sich heran und küsste seinen Mund.
Ein halbes Jahr später heirateten sie, sehr zur Verwunderung der Zauberergesellschaft.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Ende
