Kapitel II
Wo um alles in der Welt war er hier bloß gelandet? Er hatte die Zauberformel, die man gegen ihn angewandt hatte, gehört und sie war ihm geläufig, sie hätte ihn fort schicken sollen, doch wohin hatte es ihn verschlagen? Er konnte keine Magie mehr spüren. Sie sollte allgegenwärtig sein. Bisher ist sie das auch gewesen. Doch sie war es nicht mehr. Er war also nicht mehr in Threeking´s. Und auch in keinem seiner Nachbarländer. Doch wie konnte er sich erklären, dass er nicht einmal zu spüren vermochte, in welcher Richtung seine Heimat lag?
Es gab nur eine Möglichkeit, die ihm denkbar erschien, wenn auch nicht wahrscheinlich. Er war an einem Ort, den man von Threeking´s aus weder zu Pferde, noch auf dem Wasserweg erreichen könnte, und von dem aus er niemals wieder nach Threeking´s zurückkehren könnte. Er musste in einer anderen Welt sein, von der es Legenden gab, von der manche sogar behaupteten, dass sie eine Verbindung zu dieser Welt hätten, doch an deren Existenz er selbst sein Leben lang Zweifel gehegt hatte.
Zu viele hatten den Durchgang zwischen den Welten geöffnet und anschließend versiegelt, als dass er mächtig genug wäre, diesen noch einmal zu passieren. Vermutlich war das Reisen zwischen den Welten erst wieder möglich, wenn er das Zeitliche gesegnet hatte.
Jetzt stellte sich nur noch die Frage, was er mit seiner verbliebenen Lebenszeit und seiner beinahe grenzenlosen Macht in einer fremden Welt anfing, in der außer ihm mit Sicherheit niemand zu Zaubern im Stande war…
In Drachenforst, dem zweitgrößten Zaubererdorf in ganz Deutschland wuchs die Anhängerschaft von Romulus immer weiter. Und schon bald würde das ganze Dorf seinen Befehlen gehorchen.
Drei Zauberer und eine Hexe hatten sich seinem Feldzug zur Eroberung des Dorfes bereits angeschlossen, noch bevor er begonnen hatte, als er ihnen lediglich seinen Plan verraten hatte, zwei Hexen und ein Zauberer sind inzwischen gefolgt und der angeblich mächtigste Zauberer dieses Dorfes, Heinrich Müller, ist in einem Duell gegen Romulus gefallen. Und so würde es allen ergehen, die sich ihm entgegenstellten.
Der Tod von Heinrich Müller war der wichtigste Schritt zur Ergreifung der Macht gewesen, denn als der Hoffnungsträger des Dorfes durch Romulus´ Zauberstab fiel, waren die restlichen Bewohner zu eingeschüchtert, um sich ebenfalls mit ihm anzulegen.
„Sobald wir die Macht ergriffen haben, können wir mit dem Wichtigsten beginnen: Der Vertreibung der Halbblüter aus unserem schönen Dorf." Dieses Ziel verfolgte Romulus schon, seit er denken konnte. Halbblüter sollten ruhig die Zauberei erlernen, doch in Romulus´ Dorf sollten ausschließlich richtige Zauberer leben. „Allerdings sollten sie die Wahl haben, ob sie freiwillig gehen wollen, oder ob Avada Kedavra die letzten Worte sein sollen, die sie jemals hören werden."
„Meister Romulus." Eine der Hexen in seinen Diensten betrat Romulus´ Hütte. „Jemand Neues hat eben unser Dorf betreten."
„Ich hoffe doch, dass es ein Reinblut ist.", wollte Romulus wissen.
„Wir wissen es nicht, aber vielleicht wollt Ihr ihn Euch selbst ansehen?"
„Dann bring mich zu ihm oder ihr. Der Rest von Euch kommt mit." Jemand neues musste sofort einsehen, wer in diesem Dorf das Sagen hatte.
Der Fremde sah bis auf seinen königsblauen Umhang eigentlich ganz normal aus, doch irgendetwas an ihm war ungewöhnlich. „Zeige er mir seinen Zauberstab.", forderte Romulus diesen auf, während seine Gefolgsleute ihn einkreisten.
„Warum sollte ich einen Zauberstab haben?", fragte der Fremde sichtlich verwirrt.
„Heißt das etwa, er ist ein Muggel?"
„Das wäre möglich, mir ist nicht bewusst, was ein Muggel sein soll."
Fritz, Romulus´ Rechte Hand sah Romulus schockiert an. „Wie konnte ein Muggel unser Dorf finden?"
„Ich kann es selbst nicht erklären." Romulus sollte sich die Unsicherheit, die er im Augenblick verspürte, besser nicht anmerken lassen, sonst verlören die Dorfbewohner den Respekt, vor Romulus, den er sich so hart durch den Tod von Heinrich Müller erarbeitet hatte, genauso schnell wieder.
„Löschen wir sein Gedächtnis, oder bringen wir ihn um?", fragte Fritz.
„Bring ihn um."
Fritz trat einen Schritt zurück und richtete seinen Zauberstab auf den Fremden. „Avada…" Zu mehr kam Fritz nicht mehr, denn eine unsichtbare Kraft riss ihn von den Beinen und schleuderte ihn gegen die nächste Hauswand.
„Was zum…" Romulus konnte sich das nicht erklären, wer hatte da eben diesen Zauber bewirkt? Hier war doch niemand, und dieser Muggel kann es selbstverständlich nicht gewesen sein.
„Sollen diese kurzen Stäbchen etwa Zauberstäbe sein?", fragte der Fremde verächtlich, „Wo ich herkomme, weiß jedes Kind, dass man einen Zauberstab lediglich braucht, um ihn in Gegenstände zu verwandeln, aber nicht mal dazu nützt der mehr, wenn man ohnehin alles aus dem nichts beschwören kann. Ihr tut aber, als liefe jeder Magier mit so einem Stöckchen herum…"
Romulus war sich nicht so ganz sicher, was der Fremde wollte, aber er schien die magischen Fähigkeiten seiner Handlanger und von ihm selbst in Frage zu stellen.
Eine der Hexen auf Romulus´ Seite schien das ebenso zu sehen, oder es hatte einen anderen Grund, aber auf jeden Fall wurde sie wütend und richtete nun ihren Zauberstab auf den Fremden. „Petrificus Totalus!" Doch in dem Moment, als sie die Formel ausgesprochen hat, drehte sie ihren Arm, weshalb ihr Fluch einen anderen von Romulus´ Handlangern traf. Steif wie ein Brett fiel dieser rückwärts um.
„Das wiederum verstehe ich nicht.", murmelte der, dem der Fluch eigentlich gegolten hat, und besah sich des fälschlicherweise Verfluchten, „Ich spüre keine Magie in dieser Umgebung und dennoch verwendet Ihr etwas, was genauso wie Magie funktioniert. In Eurer Welt scheint es eine andere Form von Magie zu geben…"
Inzwischen lockte diese Situation Schaulustige an. Romulus musste sein Gesicht wahren, um jeden Preis. „Worauf wartet Ihr, tötet ihn!"
Romulus´ Handlanger waren bis eben noch unschlüssig, was sie tun sollten, deshalb waren sie erleichtert, dass ein Befehl ihnen diese schwere Entscheidung abnahm. Doch mit dem, was als nächstes passierte, rechnete wohl niemand: Der Fremde schnippte mit den Fingern, woraufhin alle Zauberstäbe, die auf ihn gerichtet waren, in seine freie Hand flogen. Was für ein Zauber war das?
„Unfassbar.", murmelte er mit den Zauberstäben zwischen den Fingern, „Ihr tut hier mit Dinge, zu denen Nichtmagier nicht in der Lage sein dürften, doch in meiner Hand fühlt es sich an, wie einfaches Holz.
Dass ich hier landete, war also kein Zufall, sondern es war Schicksal. Hier sollte ich eine Macht kennen lernen, wie es sie in Threeking´s nicht gibt. Gott unterstützt mich auf meinem Kreuzzug in Richtung Allmacht, und er gibt mir eine Möglichkeit, zurückzukehren, um mein Werk zu vollenden."
Inzwischen mussten alle Anwesenden vollkommen verunsichert sein, denn dieser Mensch war einerseits das mächtigste Wesen, das sie jemals gesehen haben, zweitens erweckte er einen absolut geisteskranken Eindruck.
Romulus hatte als einziger noch seinen Zauberstab in der Hand, doch was sollte er damit tun? War der Fremde so sehr damit beschäftigt, mit sich selbst über Zauberstäbe zu plaudern, dass Romulus ihn überwältigen könnte, oder wartete er nur darauf, dass jemand es versuchte?
Josef, Romulus´ zweiter Gefolgsmann, versuchte seinen Zauberstab gewaltsam wieder an sich zu bringen, jedoch erfolgloser, als jeder es für möglich gehalten hätte: Josef hielt in der Bewegung inne, woraufhin der Fremde ihm an die Stirn tippte, und Josef in Flammen aufging. Noch ehe er hätte schreien können, war von Josef nur noch ein Häufchen Asche übrig.
„Hört mir zu!", rief der Fremde mit zweifellos magisch verstärkter Stimme, „Verratet mir das Geheimnis Eurer Zauberkraft, oder jedem wird es so ergehen, wie dem hier." Mit diesen Worten wirbelte er mit seinem Fuß den Aschehaufen, der eben noch Josef gewesen ist, auf.
Romulus war vor Schreck wie gelähmt. Er wusste, dass er selbst als Schwarzmagier zu bezeichnen war, doch er hätte nicht gedacht, dass es jemand so Bösen gab.
„Versteht bitte", fand Romulus seine Sprache wieder, „dass es kein Geheimnis gibt. Entweder wird man mit unserer Gabe geboren, oder nicht. Es ist unmöglich, sie zu erlernen."
„Ich bin kein geringerer, als Morton!", rief der Fremde selbstherrlich. Sollte man ihn etwa kennen? „Glaubt er denn tatsächlich, mir wäre nicht bekannt, dass nur wenige von Gott mit derartigen Kräften gesegnet werden? Ich jedoch stehe über all den anderen, die über magische Fähigkeiten verfügen."
Was sollte Romulus dazu sagen? Er war sich immer noch nicht sicher, ob dieser Morton ein Rad ab hatte, oder ob er wirklich das war, was er zu sein vorgab.
„Schwingt nacheinander jeden einzelnen Zauberstab, den Ihr in den Händen haltet.", mischte sich Hermann, der Zauberstabschnitzer des Dorfes ein. Morton sah ihn daraufhin misstrauisch an, doch er tat wie geheißen. Nichts geschah. „Seht Ihr?", fragte Hermann.
„Was soll ich sehen?"
„Ihr müsst wissen, dass ein Zauberstab sich den Zauberer sucht." Wie konnte Hermann nur den Mut finden, diesen Kerl über Zauberstabkunde zu belehren, während außer ihm sich nicht mal jemand zu rühren wagte? „Deshalb sollten die Zauberstäbe jetzt zeigen, ob Ihr der richtige Zauberer oder der Falsche für sie seid. Diese Zauberstäbe reagieren allerdings überhaupt nicht, weil sie Euch nicht als Zauberer wahrnehmen. Was also auch immer Euch Eure Fähigkeiten verleit, es handelt sich dabei nicht um Magie, wie wir sie verstehen."
„Eure Behauptung klingt Plausibel, obwohl sie jeder Logik entbehrt… Denkt Ihr, ich wüsste nicht, dass Ihr auf diese Weise Euer Geheimnis vor mir schützen wollt!?" Morton stampfte vor Zorn mit dem rechten Fuß auf, was die Erde dermaßen erzittern ließ, dass die sechs am nächsten gelegenen Häuser einstürzten.
„Bringt Euch in Sicherheit!", rief einer der Umstehenden und ergriff die Flucht. Weitere folgten ihm bereits wenige Sekunden später, nur wenige wagten es, weiterhin in Mortons Reichweite zu bleiben. Romulus selbst wollte sich umdrehen und den Feiglingen folgen, doch er wagte es nicht, sich zu rühren, geschweige denn, Morton seinen ungeschützten Rücken zu präsentieren, nachdem er ihn exekutieren lassen wollte.
„Ich versuche wirklich nicht, Euch zu täuschen, mein Herr.", widersprach Hermann, „Doch selbst wenn ich es täte, wozu braucht Ihr noch mehr Macht? Ihr scheint ohnehin schon stärker zu sein, als sonst jeder hier."
„Stellt meine Motive nicht in Frage! Und wagt es erst recht nicht, mich für einen Narren zu halten. Dass Zauberstäbe einen eigenen Kopf haben, stinkt doch geradezu nach einer Vertröstung, die mich zum Aufgeben verleiten soll."
Romulus konnte nichts weiter tun, als abwechselnd Hermann und Morton anzustarren. Entweder würde es Hermann gelingen, Morton von der Wahrheit zu überzeugen, oder Hermann wäre das nächste Opfer eines Wutanfalls von Morton… Das durfte jedoch nicht geschehen, ohne Hermann hätte Drachenforst keinen Zauberstabschnitzer mehr, nicht mal mehr einen Lehrling dieses Fachs. Romulus musste sich einmischen:
„Vielleicht ist Heinrichs erster Eindruck von Euch etwas überstürzt.", versuchte er also Morton zu beschwichtigen, „Vielleicht können wir uns ja irgendwie einig werden, sodass jeder kriegt, was er will."
„Endlich legt mal jemand so etwas wie Verstand an den Tag."
Wenn Morton auch nur kurz auf Romulus´ Seite stand, konnte er sich im Handumdrehen Drachenforst und seine 665 Bewohner Untertan machen. Und wenn Morton ihm auch noch so überlegen war, irgendwann musste auch er schlafen. Und wenn er schlief, und Romulus ihn nicht mehr brauchte, wäre sein Ende gekommen.
