Kapitel III
„Eine… fesselnde… Geschichte.", unterbrach der dunkle Lord nach dem richtigen Adjektiv suchend.
„Stellt Euch nur vor, wie es wohl wäre, wäret Ihr an meiner Stelle dort gewesen. Vor Euch steht jemand, dessen Macht Ihr nicht versteht, und dem niemand im ganzen Dorf gewachsen zu sein scheint…"
„Das war ironisch gemeint, Blutsauger."
„Ich kam ja auch noch nicht dazu, Euch das wichtigste zu erzählen: Morton und ich haben eine Weile lang gemeinsame Sache gemacht, bis er herausfand, dass er die Kunst des Zauberns nicht erlernen kann."
„Das interessiert mich nicht."
„Verzeiht mir, dass ich Euch so ausführlich Bericht erstatte, doch ich bin mir nicht sicher, was noch mal von Wichtigkeit sein könnte… Jedenfalls dachte ich, Morton würde mich genauso töten, wie er es mit Josef getan hat, doch er verfluchte mich dazu, meine Macht zu verlieren. Kurz darauf wurde ich von dem Vampir gebissen. Als ich nach meiner Verwandlung Morton noch mal aufsuchte, um mich an ihm zu rächen, ist er vor meinen Augen verschwunden."
„Leider ist das mehrere hundert Jahre her. Selbst wenn er lediglich disappariert ist, dürfte er schon seit Ewigkeiten tot sein. Oder hast du Grund zu der Annahme, dass er noch lebt?"
„Wenn Ihr mich so fragt, hat Morton erzählt, dass er aus einer anderen Welt kam, in der er sozusagen das Gegenstück zu Euch gewesen ist, keine Ahnung, ob Menschen in Threeking´s genau so lange leben, wie hier, aber so meinte ich das gar nicht… Mit Eurer Macht, all Euren Gefolgsleuten, und meinem Wissen, wann er wo gewesen ist, sollte es möglich sein, ihn in unsere Zeit zu holen."
Voldemort überlegte kurz. „Mir ist keine derartige Zauberformel bekannt, demnach kennt niemand so eine."
„Das habe ich befürchtet, mein Lord… Es kann aber keinesfalls unmöglich sein, Zeitumkehrer sind ja auch möglich."
„Ist es auch nicht. Unseresgleichen kann alles, wir müssen nur herausfinden, wie es gemacht wird."
Romulus konnte es nicht fassen, der dunkle Lord hatte Gefallen an seiner Idee gefunden. Entweder hielt er diesen Plan für genialer, als Romulus es selbst tat, oder er war wegen Albus Dumbledore dermaßen verzweifelt, dass ihn jeder Einfall begeistert hätte.
„Das Entwickeln einer solchen Zauberformel könnte allerdings Jahre in Anspruch nehmen, mein Lord… Aber Ihr scheint etwas zu wissen, dass Ihr mir bisher noch nicht verraten habt."
„So ist es, Romulus. Mein Ahne, Salazar Slytherin hat Aufzeichnungen hinterlassen, in denen er die Zeit untersucht hat. Wenn irgendwo die Zauberformel, die wir brauchen, zu finden ist, dann dort."
„Warum höre ich zum ersten Mal davon?" Der dunkle Lord antwortete mit einem tadelnden Blick. „Ich will damit nicht die Richtigkeit Eurer Worte anzweifeln, ich wollte damit nur sagen, dass ich in meinem langen Dasein, schon mal davon hätte hören müssen, wenn es irgendwie bekannt wäre."
„Die Aufzeichnungen befinden sich seit der Zeit von Salazar Slytherin in der Kammer des Schreckens, in einer weiteren versteckten Kammer, hinter der Höhle des Basilisken." Lord Voldemorts Stimme füllte sich mit Verbitterung, als er davon sprach. „So gut versteckt, und so gut gesichert, wie diese Kammer war, dachte ich, ich fände dort etwas Nützliches und habe Wochenlang Stichprobenweise, Schriftrollen durchgeblättert, in der Hoffnung, etwas zu finden, was für mich von Nutzen wäre… vergessene Flüche zum Beispiel, oder Grundlagen, auf denen ich meine Suche nach dem ewigen Leben aufbauen könnte, doch was fand ich? Wie man in die Vergangenheit blickt, um die Wahrheit zu finden, oder wie man einen Einblick in etwas erhält, was eine der vielen Möglichkeiten ist, wie die Zukunft aussehen könnte, oder wie man die Zeit für vergammelte Lebensmittel zurückdreht, damit die wieder essbar werden. Alles nur Dinge, wie sie für einen gewöhnlichen Zauberer praktisch wären, doch Banalitäten, mit denen ich mich nicht befassen will, und die es auch nicht wert sind, vor den Augen anderer Zauberer versteckt zu werden."
„Mein Lord, das Spiel mit der Zeit birgt große Risiken. Selbst der Einsatz gewöhnlicher Zeitumkehrer hat schon zu Katastrophen geführt. Ein großer Zauberer wie Euer Ahne wird gewusst haben, dass…"
„Das, was ich gefunden habe, war alles belanglos. Gänzlich ungefährlich."
„So hat es vielleicht den Anschein, doch Ihr habt es doch nie ausprobiert."
„Ich denke, ich kann das beurteilen. Deine Zweifel seien dir aber ausnahmsweise gestattet, sie dir auszutreiben wäre die reinste Verschwendung meiner kostbaren Zeit. Und auch deiner Zeit, denn ich habe einen wichtigen Auftrag für dich."
Der Auftrag, den der dunkle Lord für Romulus hatte, war weder eine große Überraschung, noch eine unmögliche Herausforderung, dennoch durfte er mit niemandem außer Lord Voldemort persönlich darüber reden. Er sollte noch in dieser Nacht die Kammer des Schreckens betreten, um alle Aufzeichnungen des großen Salazar Slytherin zu beschaffen, für die sein Erbe sich bis heute Abend noch nicht interessiert hatte.
Das Schuljahr war noch nicht beendet, deshalb wimmelte es im Schloss noch nur so von Schülern, Lehrern und womöglich auch von Auroren. Mit anderen Worten, es grenzte an Selbstmord, gerade jetzt ins Schloss einzubrechen. Genau deshalb war es so brillant.
Ein junger Todesser, der seine Schulzeit erst vor einem Jahr hinter sich gebracht hatte, und seitdem verbissen versuchte, sich in Lord Voldemorts Armee einen Namen zu machen, apparierte zusammen mit Romulus nur wenige Meter neben dem Gelände der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei.
„Versteck dich.", befahl Romulus ihm, „Und warte hier bis morgen Nacht, bis ich zurück bin."
„Werden Sie mich denn finden, wenn ich mich verstecke?"
Romulus beugte sich zu ihm vor, sodass sein Gesicht fast das des jungen Todessers berührte, und atmete durch die Nase ein. „Ich werde deine Fährte schon wieder finden."
Mit diesen Worten drehte Romulus sich auf dem Absatz um, ergriff seinen Umhang am Saum, breitete ihn wie Flügel aus und sprintete ein paar Meter. Als er schnell genug war, sprang er ab und verwandelte sich. Als Fledermaus flog er nun hoch und suchte nach einem offenen Fenster, möglichst nahe am besagten Mädchenklo. Fündig wurde er sehr schnell, doch das nächst beste Fenster war weiter weg, als ihm lieb war.
Es half nichts, entweder flatterte Romulus durch dieses Fenster, oder er musste eines nehmen, das noch weiter entfernt lag.
Romulus flog durch den winzigen Spalt ins Schlossinnere, ließ sich sofort auf der Fensterbank nieder und verbarg sich im Schatten, um weder gehört, noch gesehen zu werden. Der Squib von Hausmeister, vor dem man ihm gewarnt hatte, stellte zwar keine Gefahr für ihn dar, doch man behauptete, er hätte ebenfalls Ohren wie eine Fledermaus, und es genügte, wenn nur Alarm ausgelöst wurde.
Trotz der Dunkelheit konnte Romulus alles taghell erkennen. Von dem Hausmeister fehlte jede Spur, nicht einmal seine Schritte konnte Romulus vernehmen, er musste also weit weg sein. Dennoch näherten sich leise, leichtfüßige, tapsige Schritte, wie sie unmöglich von einem Menschen stammen konnten.
Romulus hörte genauer hin, zog die Luft tief durch die Nase ein, schärfte seine übermenschlichen Sinne. Was sich da näherte, war höchstens 5 Kilo schwer, hatte vier Beine, und eindeutig Fell. Eine Katze… Was machte eine Katze in einem Schulgebäude? Hatte die sich verirrt, oder gab es einen Grund, dass sie im Schloss herum lief?
Zweifellos hatte die Katze Romulus Anwesenheit ebenfalls schon bemerkt, ob sie ihn gehört oder gerochen hatte, war ungewiss, aber ihr schien nicht klar zu sein, dass sie sich nicht an ein Beutetier anschlich, sondern an eine Gefahr.
Romulus war schon lange genug untot, um zu wissen, wie er sich zu verhalten hatte, um in jedem Fall auf der sicheren Seite zu sein: Er wartete ab, bis die Katze nur noch einen Meter von seiner Fensterbank weg war, setzte dann zum Flug an, verwandelte sich jedoch, kaum dass er in der Luft war, in seine menschliche Gestalt zurück, und fing das erschreckte Tier, als es gerade zu fliehen versuchte.
„Miau!", machte die Katze lautstark und sichtlich verzweifelt, ehe Romulus seine spitzen Eckzähne unter dem verfilzten Fell im weichen Fleisch des Tieres versenkte.
Nur ein winziger Tropfen Blut spritze in Romulus Mund, ehe er seinen Biss gelockert hatte. Nur in den Adern weniger Tiere floss Blut, das tatsächlich genießbar war, und so war auch das von dieser Katze einfach nur Ekel erregend, doch welche Wahl hatte er gehabt?
Das kleine Wesen brach bewusstlos zusammen. Bis morgen früh würde es durchschlafen, und sich nicht mehr an den Biss erinnern. Zumindest erinnerten sich Menschen nicht mehr daran, deshalb ging er davon aus, dass es bei Katzen genauso war. Wenn sie sich doch erinnern sollte, konnte sie trotzdem niemandem davon berichten, schließlich war sie eine Katze.
Romulus strich das dichte Fell der Katze zur Seite. Er konnte seine Bissspuren nicht sehen, obwohl er wusste wo sie waren. Perfekt, so würde niemand Verdacht schöpfen, selbst wenn er das Tier hier liegend fand.
Wie sich in dieser Situation mal wieder zeigte, hatte das untote Dasein durchaus seine Vorteile, weswegen Romulus nicht nach einem Weg suchte, wieder ein Mensch zu werden, sondern seine Zauberkräfte zurückzuerlangen.
Von den Schatten verborgen setzte Romulus nun seinen Weg fort. Er machte sich gar nicht die Mühe, sich wieder zurück zu verwandeln, weil er sich sicher war, von nun an jede Gefahr lange vorher wittern zu können, ohne selbst von irgendjemandem oder irgendetwas bemerkt zu werden. Dabei vergaß er aber, dass das Schloss voller Geister war, die plötzlich durch Wände kommen konnten, und dabei weder ein Geräusch verursachten, noch zu erschnüffeln waren.
Der Weg zum besagten Mädchenklo verlief ohne jegliche Vorkommnisse. Romulus öffnete einfach die Tür, trat vor das Waschbecken und gab einen Zischlaut von sich, den er erst vor ein paar Stunden von dem dunklen Lord gelernt hat. Parsel, soweit er wusste. Vermutlich hieß es in etwa „Sesam, öffne dich."
Romulus war aufgeregt. Er betrat gerade einen Ort, von dem die meisten nur gehört hatten, dessen Existenz über Jahrhunderte angezweifelt worden ist, und den gewöhnliche Leute nicht mal betreten konnten.
„Igitt!", stieß er hervor, als er die Höhle hinter sich gelassen und die Kammer des Schreckens betreten hatte. Es stank fürchterlich, weil der Kadaver des seit drei Jahren toten Basilisken noch immer hier vor sich hin verrottete. Er musste dringend aufhören zu atmen, was gar nicht so leicht war, denn obwohl er keine Luft brauchte, war das Atmen ein Reflex, den man sich nicht abtrainieren konnte.
Romulus musste der Riesenschlange einfach in ihre toten Augen blicken. „Was würde wohl mit mir geschehen, wenn ich einem lebenden in die Augen sehen würde?", fragte er sich selbst. Würde er versteinern, würde er vernichtet, oder war der Blick eines Basilisken wirkungslos gegen einen Untoten?
Er sah auf seine Armbanduhr, eine Muggelerfindung, die als reine Vorsichtsmaßnahme immer am Mann hatte, um keinesfalls vom Sonnenaufgang überrascht werden zu können, und erkannte, dass es bald so weit wäre. Den ganzen Tag musste er hier drinnen verbringen. Was sollte er so lange hier tun?
Er stellte die Weckfunktion seiner Armbanduhr auf 22:00. „Ich such einfach schon mal nach dem nötigen Zauber, bis ich müde werde.", besprach er seine Idee mit sich selbst. Genau so tat er es dann auch.
Während er eine Schriftrolle nach der anderen überflog und sie anschließend in der verzauberten Innentasche seines Umhangs verschwinden ließ, dachte er über seinen Plan nach, Morton in die Gegenwart zu holen. Sollte es tatsächlich klappen, dann wäre er selbst Schuld daran, dass er sich damals nicht an Morton hatte rächen können, schließlich rettete er ihn heute selbst vor seinem damaligen Angriff.
Was wäre, wenn Romulus auf irgendeiner dieser unzähligen Pergamentrollen fündig würde, er diese aber verbrannte, anstatt sie dem dunklen Lord zu übergeben? Würde das den Lauf der Geschichte ändern? Hätte es zur Folge, dass Romulus seine Gelegenheit zur Rache bekommen hatte, oder dass Morton ihn verbrannt hätte? Oder hatte es vielleicht einen ganz anderen Grund, dass Morton damals verschwunden ist? Hatten Romulus und Lord Voldemort nichts damit zu tun?
Romulus wollte lieber über etwas anderes nachdenken, diese Gedanken verwirrten ihn nämlich nur. Er entschied sich, zu glauben, dass die Geschichte sich nicht ändern ließ.
Warum sollte er auch versuchen, die Geschichte zu ändern? In seinem Innern glühte kein Verlangen mehr nach Vergeltung, dass er seine Zauberkräfte verloren hatte, ist inzwischen so lang her, dass er sich damit abgefunden hatte. Und wer weiß, vielleicht würde sich der Biss, der ihn damals seine Zauberkraft gekostet hatte, noch als das Beste, das ihm jemals passiert ist, herausstellen. Immerhin sah er einen Weg, eines Tages der einzige untote Zauberer zu sein.
„Hoffentlich kann Morton Dumbledore wirklich besiegen.", setzte Romulus sein Selbstgespräch fort, „Damals in Drachenforst war er zwar allen überlegen, aber von den Hexen und Zauberern dort war auch niemand ein Übermensch.
Andererseits, wenn Morton nicht mächtig genug dafür ist, wer soll Dumbledore dann töten? Außer natürlich Gevatter Zeit, aber wer weiß, wie viel Zeit der sich noch lassen will.
Man könnte natürlich einfach eine Bombe auf Schloss Hogwarts werfen." Romulus kannte sich auch mit den Waffen, die von Muggeln benutzt wurden, aus. „Aber selbst das würde an die 300 Schülerleben auslöschen, und der alte Sack selbst entkommt womöglich." Romulus bezeichnete Sterbliche gerne als „Alten Sack". Er war zwar älter, als jeder, den er jemals so tituliert hatte, doch er alterte nicht mehr.
„Wenn meine Idee wirklich funktioniert, bleibt nur zu hoffen, dass Lord Voldemort Morton unter seine Kontrolle bringen kann. In ihrer Boshaftigkeit tun sich zwar beide nichts, doch Lord Voldemort will diese Welt nur beherrschen. Morton hingegen kümmert sich einen Dreck darum…"
