Kapitel V
Romulus erwachte durch ein leises Piepsen. War es etwa schon 22 Uhr? Er hatte eindeutig zu lang diese Pergamentrollen gewälzt, deshalb hatte er jetzt zu wenig geschlafen. Warum musste seinesgleichen überhaupt schlafen? Er musste nicht atmen, sein Herz schlug nicht, woran lag es also, dass er dennoch Erschöpfung verspürte?
Über diese Tatsache ärgerte er sich an jedem Abend, an dem er übermüdet aufwachte, und jedes Mal kam er zu demselben Schluss: Diese Müdigkeit war ein Schutzmechanismus, damit er sich nicht aus Versehen der Sonne aussetzte. Normalerweise tat er tagsüber sowieso nichts, für das es sich lohnte, sich den Tag um die Ohren zu schlagen.
Schnell stopfte er noch all die anderen Pergamentrollen in seinen Umhang, ehe er sich wieder auf den Weg nach oben machte.
An der Rutschbahn angekommen, stellte Romulus sich die Frage, wie der junge Tom Riddle wohl immer wieder hier hinauf gekommen ist. Für ihn, der mühelos auf allen Vieren senkrechte Hauswände erklomm, stellte so eine kein Problem dar, ein weiterer Vorteil seiner Art, doch für einen Menschen müsste es doch noch einen anderen Weg geben. Egal, dann nahm Romulus halt den Weg, auf dem er auch gekommen ist.
Fast so schnell, wie er letzte Nacht die Rutsche herunter gerutscht ist, hat Romulus sie an diesem Abend unter sich gelassen. Oben angekommen roch er an der Klappe, die ihn wieder ins Mädchenklo führen würde. Es roch, wie zu erwarten, nach einer Toilette, doch er konnte nicht den Duft irgendeines Lebewesens wahrnehmen, erst recht von keinem seiner Beutetiere, wobei es sich um Menschen handelte. Mit anderen Worten, die Luft war rein. Zumindest so rein, wie sie auf einer Toilette sein konnte.
Jetzt nur noch bis zum nächsten Fenster, dann zum Todesser zurück und niemand im Schloss wüsste, dass ein Vampir es betreten und mit unbekannten Zauberformeln wieder verlassen hatte. „Kein Wunder, dass unsere Seite gewinnt.", dachte Romulus.
Romulus öffnete den Ausgang, sprang auf den gefliesten Boden, landete mit Katzenhafter Leichtfüßigkeit, ohne ein Geräusch zu machen, und sah das Mondlicht durch ein Fenster scheinen, welches für ihn groß genug war. Hoffentlich ließ es sich auch weit genug öffnen, auf diesem Engen Raum hatte Romulus nicht genug Platz, um sich zu verwandeln und das Schloss fliegend zu verlassen. Wieder eine Körperfunktion seinesgleichen, die Romulus nicht verstand: Warum konnten Vampire sich nur in Fledermäuse verwandeln, wenn sie bereits eine ausreichende Fluggeschwindigkeit erreicht hatten?
„Egal, ist halt so.", dachte er bei sich und schlich auf das Fenster zu. Zum Glück war es für ihn kein Problem, auf dem Fliesenboden keine Geräusche zu machen, denn jetzt erwischt zu werden, wäre noch schlimmer, als es gestern noch war. Selbst wenn die gesuchte Zauberformel nicht unter all diesen Schriftrollen war, durften sie dennoch nicht in die Hände von Albus Dumbledore fallen, dieser alte Sack durfte nicht noch mächtiger werden.
Romulus hatte das Fenster fast erreicht, als er von etwas zu seiner Rechten überrascht wurde: Der Geist eines jungen Mädchens schwebte durch eine Kabinentür genau auf ihn zu.
Romulus starrte der Erscheinung entsetzt in ihre verheulten Augen, sie erwiderte den Blick, ähnlich entsetzt, durch eine Brille, die fester Bestandteil dieses Geistes zu sein schien. Eine endlos lange Sekunde lang starrten sich die beiden eigentlich toten nur an, jeder unschlüssig was er jetzt tun sollte.
Obwohl Romulus´ Herz nicht schlug, spürte er den Schock in seiner Brust, genauso wie es zu Lebzeiten gewesen ist. Ob es dem Geistermädchen wohl auch so ging?
Anscheinend gewannen sie beide ihre Fassung im selben Augenblick zurück. Romulus beschleunigte seine Schritte, nun da er erwischt worden ist, musste er auch keine Anstalten mehr machen, unentdeckt und unauffällig zu bleiben. Gleichzeitig flog das Mädchen los und schrie: „HARRY!"
Romulus wusste nicht wer Harry war, vielleicht der berühmte Harry Potter, aber er war mit Sicherheit ein Zauberer und mit solchen legte Romulus sich nur ungern an.
Er suchte nach dem Hebel, mit dem sich das Fenster öffnen ließ, fand aber keinen. Womöglich ließ es sich nur mit Hilfe eines Zauberstabes öffnen. Testweise klopfte er gegen das Glas, um zu prüfen, wie dick es war. Sehr dick. Zu dick, sogar für ihn.
Verdammt, Romulus musste sich ein anderes Fenster suchen. Hoffentlich hatte der kreischende Geist niemanden geweckt, der sich in unmittelbarer Nähe aufhielt.
So schnell er konnte, stürmte er auf den Flur, blickte nach links und rechts, wie ein Muggel, der eine befahrene Straße überqueren wollte, um sich entscheiden zu können, in welche Richtung er fliehen sollte, und sah rechts einen zwergwüchsigen Zauberer, der sich ihm mit erhobenem Zauberstab näherte. Also nach links.
Im Laufen warf Romulus einen Blick über die Schulter und sah den Winzling, wie er seinen Zauberstab kurz sinken ließ, nur um ihn dann wieder auf den flüchtenden Vampir zu richten.
„Incendio!", rief der Zauberer, um ihn in Brand zu setzen. Verdammt, woran hatte der Zwerg so schnell erkannt, dass es sich bei Romulus um einen Vampir handelte?
Der Brandzauber würde Romulus´ zwischen die Schultern treffen, deshalb hechtete er und rollte sich über die Schulter ab. Es reichte, wenn ein Loch in Romulus´ Umhang gebrannt wurde, damit er nicht mehr fliegen kann, deshalb war er froh, dem Zauber irgendwie entgangen zu sein.
Romulus rannte geradewegs auf ein Fenster am Ende des Flures zu. Ob er es wohl bis dahin schaffte?
„Lumos…" In drei Teufelsnamen, der Kleine fuhr schwere Geschütze auf. Sonnenlicht aus einem Zauberstab war für Romulus genauso auslöschend, wie das vom Stern selbst. Um sein Dasein also weiterführen zu können, zog er sich seine Kapuze über den Kopf, kurz Bevor die Zauberformel vollends ausgesprochen war. „…Solaris!"
Obwohl Romulus seine Körperoberfläche restlos mit Stoff bedeckt hatte, brannte das Licht wie Säure auf seiner Haut, so hell schien es. Sonstigen Schaden jedoch konnte er vermeiden.
Er riskierte einen kurzen Blick, indem er seine Kapuze anhob. Er hatte das Fenster fast erreicht.
Selbst wenn er sich den Umhang dabei aufreißen sollte, und er sich somit vorläufig nicht mehr verwandeln könnte, welche andere Wahl hatte er, als durch das geschlossene zu springen? Zum Glück war diese Fensterscheibe dünner, als die letzte, deshalb war dies kein Problem für ihn.
Mehrere Stockwerke über dem Boden aus dem Fenster gesprungen zu sein, machte ihn im freien Fall schnell genug, um sich einige Meter über dem Boden verwandeln zu können. Wenn er sich denn richtig verwandeln konnte.
Erst kurz bevor er aufschlug, versuchte er sich zu verwandeln. Zum Glück wurde alles was er mit sich trug, ebenfalls verkleinert, wenn es auch nicht leichter wurde, aber das war auch nicht nötig, als Fledermaus war er immer noch so stark wie ein Mensch.
Als Fledermaus schlug er mit den Flügeln, doch es gelang ihm nicht, richtig zu fliegen, weil sein linker Flügel ein Loch hatte. Trotzdem flatterte er wie wild, um wenigstens seinen Sturz zu bremsen, hatte aber nur wenig Erfolg. Er schlug heftig auf dem Boden auf, wodurch er sich sofort zurück verwandelte.
Seine Beine waren unversehrt, so viel war sicher, aber seine Rippen waren nicht nur gebrochen, sondern zertrümmert, und sie hatten sich in seine inneren Organe gebohrt. Zum Glück konnte ihn das nicht umbringen.
Er sprang auf und rannte Richtung Wald. Zum Glück brauchte er zum Laufen nur gesunde Beine, weil er dabei nicht atmen musste.
Er versuchte Luft durch die Nase einzuziehen, um die Fährte des jungen Todessers aufzunehmen, doch mit seiner durchlöcherten Lunge gelang ihm dies nicht. Also musste er sich auf seine anderen Sinne verlassen. Ohne stehen zu bleiben, schloss er für einige Sekunden lang die Augen und konzentrierte sich auf das, was er hörte. Aus dem verbotenen Wald wehte der Klang mehrerer schlagender Herzen zu ihm herüber, aber nur eines davon gehörte zu einem Menschen. Das war dann hoffentlich der Todesser und nicht irgendein Zauberer, der nach Hogwarts gehörte.
Nur noch wenige Meter vom Waldesrand entfernt hörte er, wie etwas Schnelles, aber Großes hinter ihm die Luft durchschnitt. Ein Zauberer auf einem Besen? War es ihnen so wichtig, dass der flüchtende Eindringling eliminiert wurde?
Ein Schulterblick bestätigte Romulus´ Vermutung, sein Verfolger war jedoch nicht der kleine Zauberer, mit dem er es eben noch zu tun gehabt hatte, sondern ein größerer, jüngerer.
„Komm raus und bring uns hier weg!", rief Romulus in den Wald hinein, als er sich ganz in der Nähe des Todessers befinden musste.
Hier im Wald war Romulus schon mal halbwegs sicher, denn vor magischem Sonnenlicht konnte er sich verstecken und Feuerzauber konnte der Besenpilot im Wald nicht benutzen, ohne einen Waldbrand zu riskieren. Dennoch war der Wald voller Holz, mit dem man Romulus auslöschen konnte.
„Wo bist du!?" In Romulus´ Nähe raschelte es im Gestrüpp. Das war dann wohl seine Mitfahrgelegenheit.
„Stupor!", hörte Romulus den fliegenden Zauberer rufen. Entweder dieser wollte Romulus verhören können, oder er wusste nicht, dass er es mit einem Untoten zu tun hatte, oder er wollte einen betäubten Vampir vor sich liegen haben, um ihn einfach vernichten zu können.
Romulus ging hinter einem Baum in Deckung, bis er hörte, wie der Blitz wirkungslos in Selbigem einschlug. Anschließend setzte er seinen Weg zu dem schlagenden Herzen fort. Er sprang in das Gebüsch und bekam den dort ängstlich zusammen gekauerten Todesser zu fassen. „Los! Disapparier endlich!", schrie Romulus ihn an und brachte ihn mit einer schallenden Ohrfeige wieder zur Besinnung. Schon im nächsten Moment befanden sie sich auf dem Landsitz von Lucius Malfoy.
„Mein Lord!", rief Romulus erleichtert und selbstzufrieden zugleich. Hoffentlich hielt Lord Voldemort sich immer noch hier auf, denn die geheimen Aufzeichnungen von Salazar Slytherin durften niemand anderem übergeben werden.
Nagini, die Schlange kroch aus einem der hinteren Zimmer auf Romulus und den anderen Todesser zu, was den Lebendigen dazu veranlasste, einen erschrockenen Satz zurück zu machen. Romulus musste lächeln. Er selbst war immun gegen jedes ihm bekannte Gift und er war auch ein weitaus gefährlicheres Raubtier, als dieses gliederlose Reptil, doch für einen eher untalentierten Zauberer war so eine Schlange wohl kein niedliches Schoßtier.
Wie zu erwarten hatte Nagini das Eintreten des dunklen Lords angekündigt. Mit seiner Haltung und seinem Gang hätte sein Auftreten womöglich etwas Imposantes, wenn er nicht dieses abartige Äußere vorzuweisen hätte.
„Du bist zurück, Romulus.", stellte Lord Voldemort ohne jegliche Emotion in seiner Stimme fest, „Dann nehme ich an, du hast gefunden, wonach du gesucht hast."
„Jawohl, mein Lord.", bestätigte Romulus.
„Wenigstens ist auf dich Verlass." Dabei handelte es sich wohl um ein Lob, doch Lord Voldemort formulierte und betonte es ziemlich abwertend. Der andere Todesser räusperte sich leise. „Ja, schon gut, auf Euch ist Verlass.", ergänzte der dunkle Lord und beachtete ihn daraufhin nicht mehr weiter. „Blutsauger, komm mit, wir haben viel Arbeit vor uns."
