Kapitel VI
„Meister Romulus, haltet Ihr es für weise, mit diesem furchtbaren Kerl gemeinsame Sache zu machen?"
„Warum sollte ich das nicht?"
„Weil er Josef getötet hat!"
„Ja, Josef war ein tragischer Verlust, weil er jeden meiner Befehle ausführte, ohne ihn in Frage zu stellen. Das aber auch nur, weil er zu dumm war, um darüber nachzudenken. Wenn Morton und ich Drachenforst unterwerfen, werden sich mir davon Dutzende anschließen."
Morton selbst war schon einen ganzen Schwarm Josefs wert, selbst ohne seine Wirkung auf Mitläufer.
„Tut es Euch gar nicht um Euren gefallenen Mitstreiter Leid!?"
„Nicht wirklich. Er hat zwar meine Ansichten über Halbblüter geteilt, aber auch das nur, weil er sich freut, einen Sündenbock gefunden zu haben, der Schuld an seinem erbärmlichen Leben in Armut ist."
„Und deswegen hat er den Tod verdient?"
„Das sagt doch keiner, ich sage nur, dass es mir schwer fällt, jemanden zu vermissen, vor dem ich nicht die geringste Achtung hatte. Ganz ab davon war doch jedem klar, dass unser Feldzug seine Opfer fordern wird. Man muss nun mal auch wissen, wann man sich mit einem vermeintlichen Feind verbünden muss."
„Ich hoffe, Ihr wisst was Ihr tut, aber ich bezweifle das."
Am nächsten Tag befanden Morton und Romulus sich zu zweit in der Kobold Bank von Drachenforst.
„Was genau tun wir hier?", wollte Morton von Romulus wissen. Noch hatten die Kobolde ihnen keine Beachtung geschenkt. Arrogantes Pack…
„Wir übernehmen die Kontrolle über etwas, mit dem wir den anderen Leuten noch einfacher unseren Willen aufzwingen können, als mit unserer Magie. Ihr müsst wissen, in unserer Welt gibt es nichts Mächtigeres als Geld."
„Dies ist erst die zweite Welt, die ich kennen lerne, doch ich möchte wetten, dass Eure Worte für jede Zivilisierte gelten."
Romulus trat an den Oberkobold heran und räusperte sich. Gelangweilt sah dieser von seinen Papieren auf. Zur Antwort räusperte er sich auch und senkte den Blick wieder auf seine Unterlagen. Was für ein frecher kleiner Wicht.
„Ich wünsche, dass Sie uns Zugang zu jedem einzelnen Verlies verschaffen.", forderte Romulus ihn ungeduldig auf. Als vorausschauender Mensch wusste Romulus, dass es ihm nichts brachte, wenn er sich alles Gold von Drachenforst holte, weil dann in Drachenforst wieder der Tauschhandel eingeführt würde, und er bis ins nächste Dorf musste, um sein Gold auszugeben, aber wenn er aus jedem Verlies die Hälfte holte, machte ihn das reich, während es die restliche Bevölkerung nicht zu sehr schädigte.
„Vergesst es.", wagte der Kobold zu widersprechen.
„Morton, wenn Ihr so nett wärt, ihm meinen Standpunkt klar zu machen."
Morton deutete mit dem linken Daumen auf einen Kobold zu seiner Linken, anschließend mit dem Zeigefinger auf einen anderen zu seiner Rechten. Romulus musste nur einmal blinzeln, da steckten schon Pfeile in beiden Kobolden. Romulus hatte sie nicht mal fliegen sehen.
„Bist du dir sicher, dass du nicht kooperieren willst, Kobold?"
„Das hier ist das am besten gesicherte Verlies unserer gesamten Bank.", erklärte der Kobold vor einer drei Meter hohen Metalltür und öffnete sie. Ein Berg von Goldmünzen, etwas höher als Romulus groß war, türmte sich vor ihnen auf.
„Das wird Euch im Dorf aber nicht unbedingt beliebter machen.", ermahnte Morton, als Romulus damit anfing, Goldmünzen in seinen magisch vergrößerten Sack zu packen.
„Die Bürger von Drachenforst sollen mich nicht lieben.", erklärte Romulus, „Sie sollen mich fürchten. Und zu diesem Zweck ist das hier genau richtig. Wenn Ihr mir dann bitte helfen würdet."
Kaum hatte Morton das Verlies betreten, stieß der Kobold die Metalltür zu. Romulus hörte, wie ein Schlüssel gedreht wurde, und er glaubte den Kobold lachen zu hören, obwohl das bei der Dicke der Tür unmöglich war.
„Verdammt! Damit hätte ich rechnen müssen.", regte Romulus sich auf.
„Wenigstens haben wir viel Gold." Irrte Romulus sich, oder grinste Morton, trotz ihrer Misere?
„Hier drinnen bringt uns das aber auch nichts."
„Dann sollten wir vielleicht nicht hier drinnen bleiben." Ist Morton bei all seiner Macht möglicherweise schwachsinnig geworden? Noch nie hatte ein Zauberer es geschafft, die gesicherten Türen einer Koboldbank zu überwinden. Aber Morton legte nichts ahnend seine Hände auf die Tür und fing an zu drücken. Bevor Romulus ihn hätte warnen können, wurde Morton von der Tür verschlungen. So schnell war Romulus´ Feldzug schon vorüber. Wenigstens hatte er noch die Zeit, sich darüber zu ärgern, ehe er bei all dem Gold sitzend langsam erstickte.
Romulus setzte sich und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Dann hörte er plötzlich ein lautes Geräusch. Er sah auf. Wo eben noch die Metalltür gewesen ist, stand nun Morten in einem Berg metallischer Trümmer.
„Alberne Taschenspielertricks.", sagte Morton selbstzufrieden, „Habt Ihr schon genug Gold?"
„Morton, Ihr seid echt ein Segen für meinen Feldzug.", lobte Romulus und stopfte weiter Gold in seinen Sack.
Wenig später hatte Romulus alle Verliese um die Hälfte an Gold und Silber erleichtert. Von jetzt an kontrollierte er den Großteil des Geldes in Drachenforst, und somit auch seine Bewohner.
