Kapitel VII
„Mein Lord, ich habe etwas gefunden.", teilte Romulus Lord Voldemort mit. Voldemort rollte seine Schriftrolle zusammen und kam zum Tisch von Romulus herüber. Er musste wirklich neugierig sein, dass er sich bewegte, anstatt Romulus zu befehlen, zu ihm zu kommen.
„Zeig es mir."
„Hier, auf dieser Schriftrolle befinden sich gegen Ende ein paar Absätze über Zeitreisen. Besonders interessant wäre dieser Teil hier, über Reisen in die Zukunft."
„Wir müssen aber erst mal in die Vergangenheit, um ihn dann mit in die Gegenwart nehmen."
„Das ist mir durchaus bewusst, doch Euer Ahne schreibt, Augenblick, hier steht es." Romulus deutete auf eine Notiz am Seitenrand. „ ‚Der Zauberer kann bei einer Zeitreise nur die Kleidung am Leib und den Zauberstab in seiner Hand mitnehmen'. Also nichts und niemand anderes. Das Heißt also, dass Ihr zwar Morton kennen lernen könntet, Ihr ihn aber nicht mitnehmen könnt. Und ihn davon zu überzeugen, Euch in unsere Gegenwart, also seine Zukunft zu folgen, dürfte zwar möglich sein, doch könnte er den nötigen Zauber nicht sprechen. Wie ich bereits erwähnte, zaubert er anders. Doch hier unten steht, dass es möglich ist, Lebewesen aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu zwingen."
„Wie?"
„Das ist der Haken: Ein Teil des Rituals steht auf einer anderen Pergamentrolle. Aber Merlin sei Dank, wurden die Rollen durchnummeriert. Wenn Ihr so nett wäret, sucht bitte die nächste, während ich die ersten Zutaten für das Ritual beschaffe."
„Was für Zutaten wären das?"
„Etwas von dem Lebewesen, das wir zu uns holen wollen. Etwas, das sich glücklicherweise in meinem Besitz befindet. Zusätzlich brauchen wir das Blut eines Untoten, der schon untot war, als das besagte Wesen gelebt hat. Das befindet sich ebenfalls in meinem Besitz. Doch hier steht, dass der Untote frisch genährt sein muss. Noch hab ich genug Zeit, mir irgendwo einen Muggel zu suchen."
„Dann geh, aber sieh zu, dass du rechtzeitig zurück bist."
Kurz nachdem Romulus den Raum verlassen hatte, hatte Lord Voldemort auch schon den nächsten Teil des Rituals gefunden. Offensichtlich hatte es große Ähnlichkeiten mit dem Ritual, das Lord Voldemorts neuen Körper geschaffen hat, nur dass die Zutaten bei diesem hier mit der Zeit zu tun haben mussten, und nicht mit Lord Voldemort. Neben etwas, das zu dem Lebewesen gehört hat, und dem Blut eines ausreichend alten Untoten, waren noch die Scherben eines Zeitumkehrers nötig, der den Weg in die Vergangenheit ebnete, Asche eines Phönix, als Symbol für die Ewigkeit, eine Sanduhr, als Symbol für die Gegenwart und die Zeit an sich… Die meisten Sachen waren leicht zu beschaffen, Das Blut eines Untoten, sowie etwas von Morton würden sich als schwierig erweisen, wenn Romulus nicht wäre, doch die Asche eines Phönix stellte definitiv ein Problem dar. Phönixe waren selten und ihre Asche war nicht von gewöhnlicher Asche zu unterscheiden. Man musste also einen Phönix töten, um dessen Asche zu erhalten, doch dazu musste man erst einmal einen finden. Und Voldemort kannte nur einen Phönix auf der Welt. Dumbledores Phönix, dessen Feder in Lord Voldemorts Zauberstab steckte, Fawkes.
Es gab nur einen Mann in Lord Voldemorts Reihen, der an diesen Phönix heran kam, und auf den auch genug Verlass war: Severus Snape. Doch mit dieser Aufgabe ging ein enormes Risiko einher, wenn Severus sich an Dumbledores Phönix vergriff, könnte das sein Tod sein, Severus war aber der einzige Todesser, den Voldemort auf keinen Fall opfern wollte. Hatte er aber eine andere Wahl?
Lord Voldemort erhob sich und ging zu seinem Kamin, streute Flohpulver hinein und nahm Kontakt zu Severus auf. „Severus, ich habe eine wichtige Aufgabe für dich. Du musst Dumbledores Phönix umbringen und mir die Asche schicken."
„Warum?", wollte Snape von Lord Voldemorts Kopf in seinem Kamin wissen.
„Das klingt verdächtig nach Ungehorsam."
„Ich wollte nicht respektlos erscheinen, mein Lord. Meine Frage richtete sich danach, ob Ihr frische Phönixasche braucht. Denn wenn nicht, kann ich Euch viel schneller und einfacher helfen. Ich habe drei Jahre alte Asche vorrätig."
„Wirklich? Warum?" Lord Voldemort konnte sein Glück kaum fassen. Noch heute Abend konnte er die Zutaten zusammen haben.
„Weil Fawkes vor drei Jahren schon mal gestorben ist und ich mein Leben lang nicht mehr an diese seltene Zutat für meine Tränke gekommen wäre."
„Dann verlier keine Zeit, und schick sie umgehend zu meinem Kamin im Landhaus der Malfoys." Erst mal konnte Lord Voldemort die alte Asche verwenden, Fawkes konnte auch noch sterben, wenn irgendetwas schief ging.
Der dunkle Lord war geistig erregt, wie er es nicht mehr gewesen ist, seit Albus Dumbledore ihm versprochen hat, ihn aus dem Muggelwaisenhaus mitzunehmen, um ihm das Zaubern beizubringen. Damals, als Tom Riddle noch zu diesem alten Mann aufgeblickt hatte, ihn als Retter verehrt hatte.
Alles kam so, wie es von Anfang an hatte kommen müssen. Niemand hätte gedacht, dass Albus Dumbledore sich sein Grab schaufelte, als er sich des jungen, begabten Tom Vorlost Riddle annahm, doch an diesem Tag hatte er genau damit angefangen. Indem er aus Tom den größten Zauberer der Welt machte, indem er sich einen Phönix gehalten hat und durch andere unscheinbare Entscheidungen in seinem Leben hat er diesen Plan, der ihn und seinen Orden und all die anderen Feinde Lord Voldemorts vernichten würde, mit herbeigeführt.
„Wenn Dumbledore erst einmal tot ist, gibt es niemanden mehr, der mir gewachsen wäre."
Glücklich, weil er eben einen ganzen Menschen leer getrunken hatte, kehrte Romulus zu seinem Herrn und Meister zurück, in der Hand ein Stück von Mortons Umhang, das Romulus ihm nach ihrer Auseinandersetzung abgerissen hatte. Zwei der wichtigsten Zutaten, die für das Ritual nötig waren, waren somit schon mal vor Ort. Hoffentlich machte Lord Voldemort auch gute Fortschritte, Romulus wollte es so schnell wie möglich hinter sich bringen, um so schnell wie möglich herauszufinden, ob Morton zu kontrollieren wäre, oder ob er auch für Lord Voldemort eine Gefahr wäre. Romulus glaubte zwar, dass Morton und Lord Voldemort einander respektieren müssten, doch sicher war er sich da nicht.
„Lasst mich durch, ich muss zum dunklen Lord.", forderte er die beiden Todesser auf, die die Tür bewachten, hinter der Lord Voldemort auf ihn wartete.
„Der dunkle Lord hat ausdrücklich befohlen, ihn nicht zu stören.", lautete die schroffe Antwort.
„Das gilt nicht für mich, weil er mich für das, was er da drinnen tut, braucht."
„Davon hat er nichts erwähnt.", sagte der zweite Todesser selbstsicher. Lord Voldemort hatte ganz Recht, was seine Gefolgsleute anging, dabei handelte es sich wirklich um eine Bande von Schwachköpfen, Versagern und Taugenichtsen. Vielleicht hatten sie sich genau deshalb dermaßen bereitwillig einem Tyrannen wie ihm angeschlossen, um ihre Entscheidungen in Zukunft nicht mehr selber treffen zu müssen. Nicht für alle war ein Leben in Freiheit das Richtige.
„Ist das der Blutsauger?", hörte man Lord Voldemorts Stimme von der anderen Seite der Tür.
„Jawohl, mein Lord!"
„Dann verschwendet keine Zeit, sondern schickt ihn rein!" Lord Voldemort musste in guter Stimmung sein, wenn er nur laut wurde, anstatt seine Todesser zu bestrafen.
Die beiden Todesser traten zur Seite und ließen Romulus durch. Endlich, ihr ganzes Vorhaben dauerte schon lang genug, und noch wusste Romulus nicht, wie lang das Ritual noch dauern würde, deshalb gab es keine Zeit zu verlieren. „Ich habe, was wir brauchen, mein Lord.", meldete Romulus sich zurück, wobei er einen unsicheren Blick auf das Fenster warf. Bald würde die Sonne aufgehen.
Lord Voldemort bemerkte Romulus´ unsicheren Blick, schwang seinen Zauberstab und schloss auf diese Weise den Vorhang. Romulus würde nichts passieren. „Dann gib mir dein Blut, so lange es noch frisch ist." Romulus schnitt sich den linken Arm auf und ließ sein Blut in eine Schale tropfen, die Lord Voldemort auf dem Tisch bereitgestellt hatte. Weil Romulus diesen Abschnitt selbst gelesen hatte, wusste er selbst, wie viel Blut Lord Voldemort von ihm brauchte.
„Wisst Ihr schon alles, was Ihr wissen müsst, mein Lord?"
„Ja. Das Ritual wird nicht einfach, denn wir müssen es um punkt halb zwölf beginnen, und um punkt halb eins fertig sein. Und du musst mir dabei helfen, egal wie müde du mittags sein wirst."
„Tatsächlich? Was muss ich denn sonst noch machen, außer Euch mein Blut geben?"
„Du, als Untoter, musst das Ritual durchführen, während ich die Zauberformel spreche, und meinen Zauberstab schwinge."
Wenig später hatten Lord Voldemort und Romulus einen schwarzen Kessel aufgestellt, groß genug, dass ein Mensch hinein passte. Aufgeheizt wurde er durch eine unheilige Flamme, die Lord Voldemort mit seinem Zauberstab unter Kontrolle halten musste. Da Romulus das Ritual, mitsamt seinem Text und der Reihenfolge, in der er die Zutaten hinzufügen musste, auswendig gelernt hatte, und es in dieser Sekunde halb zwölf wurde, konnten sie anfangen.
„Blut eines Untoten, betrüge die Zeit.", sprach Romulus und kippte sein Blut in den noch leeren Kessel. Anschließend wartete er, bis das Blut heiß genug war, dass Blasen aufstiegen. „Scherben eines Zeitumkehrers.", fuhr er fort und zertrümmerte das kleine magische Gerät. Anschließend schüttete er die Überreste in den Kessel. „Bereite den Weg in die Vergangenheit." Als nächstes galt es zu warten, bis die Scherben des Zeitumkehrers die Farbe des brodelnden Blutes verändert hatten. Laut der Schriftrolle sollte es ein dunkles Lila annehmen.
Als das Blut sich endlich verfärbt hatte, fügte Romulus die Asche hinzu. „Asche eines ewigen Vogels für die Ewigkeit des Universums." Und wieder musste Romulus warten. Die Asche sollte das Gemisch im Kessel rosa färben. Dieses Mal dauerte es eine geschlagene Viertelstunde, bis Romulus fortfahren konnte. Hoffentlich ging der Rest schneller, sonst würde das Ritual länger als bis halb eins dauern.
„Sanduhr. Führe zurück in die Gegenwart." Als hätte Romulus den kleinen Gegenstand in einen Behälter voll Säure geschmissen, zischte es und die Sanduhr löste sich auf. Die Verfärbung von Pink zu einem sandigen Gelb ließ nun noch länger auf sich warten. Es war bereits eine Minute vor halb eins, als es endlich so weit war. Innerlich betete Romulus, dass diese letzte Zutat sofort zum gewünschten Ergebnis führte. Auch der dunkle Lord wirkte nervös.
Romulus warf den Stofffetzen von Mortons Umhang in den Kessel. „Bring uns den, dem dies hier gehört."
Ein paar Sekunden lang hatte Romulus Angst, etwas könnte beim Ritual schief gegangen sein, doch dann geschah etwas: Der Kessel explodierte. Romulus wurde gegen die Wand geschleudert, der dunkle Lord jedoch blieb dank einem kurzen Zauber unversehrt.
Romulus sah kurz Sterne, doch trotz seiner getrübten Sicht konnte er sehen, dass dort, wo eben noch der Kessel gewesen ist, jemand stand. Romulus hatte Morton seit Jahrhunderten nicht gesehen, deshalb hatte er nicht mehr hundertprozentig in Erinnerung, wie Morton aussah, doch als er diesen sah, wusste er es wieder. Das war Morton.
Jetzt würde sich das Schicksal der Zaubererwelt offenbaren.
