So das ist also das sechste Chapter. Ich hab noch nie FF geschrieben, die so verdammt lang war...und sie wird immer länger... fast schon erschreckend. Am Anfang hab ich so mit 10 Kapiteln gerechnet im Moment denke ich es werden eher 20 oder sogar noch mehr. Vorausgesetzt ich breche nicht in der Mitte ab... haltet mich bitte davon ab das zu tun, das mach ich viel zu oft.
6. Tod
Die schwere Holztür schlug mit einem lauten Krachen gegen die Wand und riss Harry damit aus einem dunklen, traumlosen Schlaf, der leider viel zu kurz gewesen war um ihn wirklich genießen zu können. Aus verschlafenen Augen blinzelte der Schwarzhaarige in das grelle Licht, das in seine Zelle drang.
Langsam sollte er es gewöhnt sein, so geweckt zu werden, doch trotz der letzten Woche, die er so verbracht hatte, erwartete er immer noch das höfliche Klopfen und die freundliche Stimme des Zimmermädchens, das ihn im tropfenden Kessel immer geweckt hatte. Er sollte ihr alleine für diese sanfte Art jemanden zu wecken etwas schenken, sollte er hier jemals wieder herauskommen. Lebend verstand sich. Was ziemlich unwahrscheinlich war.
Erst einige Sekunden später konnte Harry gegen das in den Augen schmerzende Licht zwei Silhouetten ausmachen, die in seiner Tür standen und wahrscheinlich verächtlich auf ihn herabblickten. Er konnte es natürlich nur vermuten, aber das taten sie immer wenn sie ihn sahen. Auch das sollte er inzwischen gewöhnt sein.
"Aufstehen Potter, der Lord will dich sehen", herrschte ihn der Größere der beiden an. An der Stimme meinte Harry Mc Nair erkannt zu haben, doch genau konnte er es nicht sagen. Wenn er daran dachte, wie dieser vor einer knappen Woche Draco vergewaltigt hatte, lief es ihm noch immer kalt den Rücken herunter.
Wie Draco wohl mit seinen beiden Vergewaltigern umging? Er konnte doch nicht einfach so tun, als sei nichts geschehen... Er an seiner Stelle hätte kein Wort mehr mit ihnen wechseln können, ohne dass es ihm sauer aufgestoßen wäre. Wahrscheinlich hätte er schon mindestens zehn mal versucht sie umzubringen.
Schwerfällig rappelte Harry sich auf. Dank Malfoys Pflege ging es ihm morgens, oder wie spät auch immer es gerade war, Harry hatte einfach den Zeitpunkt an dem sie ihn holten zum Morgen erklärt, immer schon viel besser, doch ganz konnten die vielen Tränke Voldemorts Foltermethoden nicht wieder ausgleichen.
Inzwischen hatte er das Gefühl, Voldemort wollte gar keine Antwort mehr von ihm haben, er wollte ihn nur noch leiden sehen. Denn die Fragen, die ihm gestellt wurden, waren immer seltener geworden, gestern hatte er ihn gar nichts mehr gefragt, er hatte ihn einfach aus Spaß an der Freude immer mal wieder in ein Becken mit eiskaltem Wasser fallen lassen und gewartet bis er kurz vor dem Erfrierungstod stand, nur um ihn dann wieder herauszuziehen und ein wenig mit dem Cruciatus zu triezen.
Vielleicht war es ja heute endlich zu Ende. Seine Chancen hier lebendig wieder heraus zu kommen schrumpften von Tag zu Tag, genauso wie sein Wille dem ganzen zu widerstehen. Es hatte doch eh keinen Sinn mehr. Er konnte schlecht rund 50 Todesser und deren Anführer alleine besiegen, auch wenn das scheinbar der Rest der Zaubererwelt glaubte.
Wenn sie ihn jetzt sehen könnten, würde für sie wahrscheinlich ihr ganzer Glaube an Rettung vor dem dunklen Lord zusammenbrechen. Und so wie er Voldemort kannte, würden sie es schon bald tun, wenn sie seine hübsch drapierte Leiche geschickt bekamen.
Mit einem bitteren Schmunzeln in den Mundwinkeln trat er einen Schritt auf die beiden Todesser zu, die ihn abholen sollten und nickte leicht. Vielleicht würde der Rest der Welt es dann endlich verstehen. Dass er sein Bestes gegeben hatte und dennoch am Schluss nur ein schwacher Junge war, der gegen einen derart mächtigen Magier einfach keine Chance gehabt hatte.
Jetzt erst konnte er erkennen wer da gegenüber von ihm stand. Es war Mc Nair und Crabbe, der von seinem Körperumfang her erstaunliche Ähnlichkeit mit seinem Sohn hatte. Sogar die ziemlich weite Todesserrobe spannte um seinen Oberkörper herum. Eigentlich ein Wunder, dass sich jemand wie er noch bewegen konnte, geschweige denn, dass Voldemort jemanden wie ihn überhaupt in seine Reihen aufgenommen hatte.
Die beiden schienen etwas überrascht darüber, dass ihr Gefangener sich ihnen freiwillig gegenüberstellte. Die letzten Tage hatte er noch versucht sich zu wehren, doch scheinbar hatte Potter es endlich eingesehen, dass es komplett sinnlos war, sich zu wehren. Er brauchte seine Kräfte für die nächsten paar Stunden.
Die beiden traten fast synchron auf Harry zu und während Crabbe seine Hände packte und auf seinen Rücken schob, fesselte Mc Nair sie dort mit einem leise gemurmelten Fluch. Ohne weitere Worte führten sie Harry nach draußen auf den Gang. Nur pro Forma lagen ihre Hände um Harrys Oberarme um ihn festhalten zu können, sollte er sich doch dazu entscheiden, weglaufen zu wollen, doch Harry ging vollkommen aus freiem Willen.
Den Weg kannte er ja langsam auswendig. Den Gang entlang, die Treppe rauf, durch die schwere Tür, die ihm von Crabbe aufgehalten wurde, da er ohne seine Hände nicht hindurch gekommen wäre und hinein in den großen, mit schwarzem Marmor ausgekleideten, Saal.
Die letzten paar Tage waren seine Folterstunden immer ohne die Anwesenheit der ganzen Todesser vorübergegangen, doch scheinbar hatte Voldemort heute wieder seine Versammlung einberufen, die sich an seinem Leid ergötzen durfte. Vielleicht war heute wirklich sein letzter Tag und sie sollten alle seinen Tod mit ansehen, als Exempel dafür, was einem passiert, wenn man sich gegen ihn stellte.
Nun eigentlich hatte Harry sich nicht freiwillig gegen ihn gestellt, aber wenn man jemandem die gesamte Familie nahm, war es doch nur logisch, dass dieser sich dann gegen einen stellte. Er war also von Voldemort fast schon dazu herausgefordert worden, ihn zu hassen. Und Dumbledore hatte sein Übriges getan um Harry den Hass auf Voldemort einzubläuen.
Doch Harry war zu müde um zu hassen. Mit gesenktem Kopf trat er näher an die Gruppe der Todesser heran. Er konnte nicht genau sehen, ob Voldemort schon anwesend war, es war auch ziemlich egal, wenn er noch nicht da war, würde er es in spätestens ein paar Minuten sein.
Doch Voldemort war schon anwesend, er stand inmitten seiner Gefolgsleute und lies sich von ihnen den Robensaum küssen. Nach wenigen Minuten bildete sich eine Gasse im Ring der Todesser und Voldemort trat daraus hervor. "Oh Harry... wie ich sehe hast du wieder einmal unbeschadet zu mir gefunden, wie schön...", säuselte er mit seinem sadistischen Lächeln auf den blassen Lippen.
Ein eiskalter Schauer rieselte über Harrys Rücken herab. Diese Stimme klang als ob man mit Nägeln über eine Schiefertafel kratzte. "Als ob ich eine Wahl gehabt hätte", erwiderte er leise, doch in seiner Stimme lag keine Spur von Trotz, wie es noch die letzten Tage der Fall gewesen war.
"Wie erfreulich, dass du das endlich erkannt hast", die sadistische Freunde die er dabei empfand war nicht zu überhören. Die umstehenden Todesser lachten höhnisch. Wahrscheinlich konnten sie nichts anderes als Lachen und andere quälen, schoss es Harry in einem Anfall von Bitterkeit durch den Kopf.
Da die Aussage des Lords scheinbar keine Antwort erwartete, schwieg Harry und hob seinen Blick um Voldemort forschend anzusehen. Irgendwann im Laufe der Woche hatte er aufgehört Angst zu empfinden, was sollte denn schon noch kommen? Voldemort hatte ihn schon so oft so weit getrieben, dass er dachte, jede Minute sterben zu müssen, was sollte denn noch kommen, vor dem er Angst haben sollte?
"Nun, wie dem auch sei... du scheinst dennoch immer noch keine Manieren gelernt zu haben... Normalerweise begrüßt man seinen Gastgeber in angemessener Art und Weise, Harry...", meinte Voldemort. Irgendwas war geschehen, dass ihn seltsam gut gelaunt gemacht hatte und Harry befürchtete, dass es nichts war, das ihm zum Vorteil gereichte.
Harry bewegte sich keinen Zentimeter. "Hast du mich nicht verstanden, Harry? Soll ich es dir noch einmal erklären? Knie nieder!", herrschte Voldemort ihn an. Der Schwarzhaarige hörte ein leises Rascheln hinter ihm, als bewegten sich seine beiden Aufpasser. Wahrscheinlich wollten sie ihn niederstoßen, doch Harry kam ihnen zuvor und lies sich ganz langsam auf die Knie sinken, wobei seine Miene von seinem Widerstreben zeugte.
Überrascht hob Voldemort eine Augenbraue. Was war denn heute in den Jungen gefahren, dass er so... fast schon gehorsam war. Hatte der junge Malfoy ihm irgendetwas in den Trank geschüttet? Doch das traute er ihm nicht zu, so weit seine Informanten ihn richtig in Kenntnis gesetzt hatten, waren die beiden seit dem ersten Moment in dem sie sich das erste Mal gesehen hatten, bis aufs Blut verfeindet.
Zur Sicherheit drang er kurz in Malfoys Kopf ein und überprüfte es, doch seine Vermutung wurde bestätigt, an Malfoys Behandlung lag es definitiv nicht. Der Hass auf Potter saß auch immer noch so tief wie früher. Beinahe hatte er schon befürchtet, die beiden würden sich auf irgendeine kranke Art und Weise anfreunden, doch scheinbar saß das anerzogene Werteraster immer noch viel zu tief in Malfoy, als dass er sich mit dem Erzfeind seines Herrn anfreunden würde.
Vielleicht würde irgendwann doch noch ein guter Gefolgsmann aus ihm werden, doch so wie der junge Malfoy sich im Moment anstellte, würde er nicht besonders viel Nutzen für ihn bringen. Gut, er war ein leidlich guter Heiler, doch das waren Severus Snape und seine beiden weiteren Heiler auch und die waren zusätzlich noch im Stande Menschen zu töten. Ein Heiler, der nur zum Heilen einzusetzen war, war für ihn nicht zu gebrauchen.
Doch durch seinen Vater war der junge Malfoy schon viel zu tief in seinen Kreis eingetaucht, als dass er ihn mit einem Gedächtniszauber gehen lassen könnte, sollte er mal einen guten Tag haben und so etwas überhaupt in Erwägung ziehen wollen, denn die ganze Sache war viel zu tief in seinem Bewusstsein. Sollte ein mächtiger Magier in sein Bewusstsein blicken, würde er sofort auf seine Verbindung zu ihm schließen können.
Eine letzte Chance hatte der junge Malfoy noch, wenn er die versaute, dann wäre seine Zeit endgültig abgelaufen. Seine roten Augen lagen auf Harrys Rücken. Bald wäre auch die Zeit dieses Jungen abgelaufen, wahrscheinlich noch früher als die des jungen Malfoy. Nun, ein wirklich großer Verlust waren beide nicht.
Harry blieb in seiner gebückten Position, den Blick streng zum Boden gerichtet und wartete darauf, dass Voldemort endlich etwas tat oder sagte, dass es ihm erlaubte wieder aufzustehen, denn bequem war seine Haltung bestimmt nicht. Er kam sich furchtbar gedemütigt vor, wie er vor seinem Erzfeind kniete, als hätte er klein beigegeben und sich endgültig seiner Willkür unterworfen.
Aber was hätte er denn anderes tun sollen? Er hätte einen weiteren Tag leiden können, oder versuchen seine Qualen so ein wenig zu lindern, auch wenn man bei Voldemort nie sicher sein konnte, dass das auch eintrat was man sich ausrechnete. Für die Zaubererwelt hätte das alles keinen Unterschied, sie würde so oder so nur das Resultat und zwar seinen Tod sehen.
Trotzdem fühlte er sich schmutzig und wie ein Verräter, wie er so am Boden kniete, genauso wie Voldemorts hirnlose Speichellecker. Ob es wohl ein paar unter ihnen gab, denen es genauso ging wie ihm selbst? Aber würden sie dann mit einer solchen Überzeugung handeln und vor allem töten?
"Wie ich sehe, hast du dich endlich entschlossen, vernünftig zu werden, mein Kleiner...", bemerkte Voldemort nach einer scheinbaren Ewigkeit. Harry schloss kurz die Augen. Am liebsten würde er jetzt schon rückgängig machen, was er getan hatte.
Wenn seine Freunde ihn jetzt sehen würden, sie würden ihn verachten, genauso sehr wie er sich in diesem Moment verachtete. Wenn er nur nicht so schwach wäre, dann könnte er die tägliche Folter überstehen ohne dabei langsam aber sicher zu zerbrechen. "Komm sieh mich an, wenn ich mit dir spreche!", befahl Voldemort wieder etwas bedrohlicher.
Zögernd hob Harry seinen Kopf und blickte in die glühend roten Augen, die jedes Mal erfreut gefunkelt hatten, wenn er aufgeschrieen, gefleht, geweint hatte. Und auch jetzt lag wieder dieses schreckliche, Unheil verkündende Funkeln in ihnen. Seine Gedanken rasten, was würde jetzt kommen? Würde gleich der erste von vielen Cruciatus auf ihn herniedergehen?
Doch vorerst schien Voldemort so zufrieden mit seiner Unterwerfung zu sein, dass er ihn nicht sofort den Schmerzen des Cruciatus aussetzte. Hatte wohl einen guten Tag heute, der Gute... oder er hatte noch etwas viel schlimmeres für ihn geplant, was sich Harry jedoch nicht vorstellen konnte, was sollte es schon geben das schlimmer war als diese ständige körperliche Qual?
Der hochgewachsene dunkle Lord nickte seinen beiden Begleitern zu, die sich von seiner Seite lösten und zu dem Pulk der versammelten Todesser herüber gingen. Offenbar ging er davon aus, Harry würde es nicht wagen einen Flucht- oder gar Angriffsversuch zu starten, womit er, zumindest für den Moment, recht behalten sollte.
Harrys grüne Augen, matt und ohne das Leuchten das in Zeiten, die Ewigkeiten zurückzuliegen schienen, in ihnen gelegen hatten, lagen auf Voldemort und versuchten verzweifelt irgendeinen Anhaltspunkt in der Mimik seines Peinigers zu erhaschen, der ihm sagen würde, was ihn erwartete.
Für einen Moment hatten Voldemorts Augen wieder hart und bösartig aufgeblitzt, doch so schnell wie diese Regung in ihnen erschienen war, war sie auch schon wieder verschwunden. Irritierender Weise blickten die beiden Rubine nun fast schon warm auf Harry herab. "Komm, mein Junge, steh auf...", forderte Voldemort ihn auf, wobei seine Stimme wie weicher Samt klang.
Er trat einen Schritt auf Harry zu und wartete darauf dass dieser seinem Befehl folge leistete. Harry wusste nicht mehr was er tun sollte. Was sollte das alles bedeuten? Was hatte Voldemort vor, das er nun so mit ihm sprach? Natürlich, Stimmungswechsel hatte der Zauberer schon immer gehabt, er war immer unberechenbar und sprunghaft, aber noch nie war Harry dieser Wechsel derart abrupt und unpassend erschienen wie in diesem Moment.
Es konnte doch nicht sein, dass Voldemort sich von seiner kurzzeitigen Unterwerfung so hatte einnehmen lassen, oder doch? Er konnte doch nicht glauben, dass er einfach so aufgab, vom einen Tag auf den anderen, total bedingungslos. Voldemort war doch nicht dumm, er musste doch wissen, dass eine körperliche Unterwerfung noch lange keine geistige mit sich zog!
Langsam und zögernd stellte er zuerst ein Bein auf, und stemmte sich dann in die Höhe. Das Knien auf dem kalten Steinboden war ziemlich unbequem und anstrengend gewesen, weshalb seine Muskeln nun der Meinung waren Protest anmelden zu müssen und er ein wenig taumelte, als er endlich ganz zum Stehen gekommen war.
Sein Blick traf auf den des Lords, der ihn immer noch musterte wie ein Vater seinen Sohn. Kaum zu glauben, dass das harte Gesicht überhaupt zu einem derartigen Ausdruck in der Lage war, auch wenn Harry ganz genau wusste, dass dieser Ausdruck nur eine andere Maske war, die Voldemort für sein Schauspiel aus dem Fundus gegraben hatte.
Ja, Schauspiel, dieses Wort traf es genau. Sein Leben war zu einem Schauspiel mutiert, dessen Skript von Voldemort verfasst worden war und in dem er die Hauptrolle spielte, ohne es je gelesen zu haben. Und Voldemort konnte jederzeit beschließen, dass der Vorhang für den Fünften Akt in diesem Moment zurückgezogen wurde.
Wie ein Schauspieler aus dem alten Rom, der im selben Moment wie seine Rolle gestorben war um die Dramatik zu unterstreichen, würde auch er hier sein Leben lassen, als großes Finale für das Schauspiel eines wahnsinnigen Regisseurs. In einem Anflug von Fatalismus reckte Harry sein Kinn vor. Wenn er schon zum Schauspieler herabgewürdigt wurde, würde er wenigstens seiner Rolle gerecht werden.
Harry war für einen Moment so in Gedanken versunken gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie der Dunkle Lord zu ihm getreten war und brüderlich einen Arm um dessen Schultern gelegt hatte. Der Schwarzhaarige zuckte erschrocken zusammen, als der eiskalte Arm seine Schulter berührte und die langen schwarzen Nägel sich in seinen Oberarm bohrten.
"Komm, mein Junge, gehen wir doch ein paar Schritte...", meinte Voldemort und zog Harry mit sich. Sein Griff war in Gegensatz zu seinem sonstigen Verhalten hart und fest, er ließ ihm keine Wahl, ob er langsam oder schnell gehen wollte, oder ob er überhaupt mit ihm kommen wollte, er wurde einfach in Richtung der Todesser geschleift.
Die kalten dürren Finger hatten sich um seinen Oberarm geschlossen und drückten fest zu bei jeder Regung Harrys, die nicht dem entsprach was Voldemort wollte und trieben so die Nägel weiter in sein Fleisch. So war schon Harrys einziger Versuch sich etwas gegen den Griff zu wehren im Keim erstickt worden.
Auf den Boden vor sich starrend bewegte Harry sich an den Todessern vorbei auf ein kleines Plateau. Jeder seiner Schritte hallte laut durch die Halle und tat fast schon in seinen Ohren weh. Mit einem Mal wollte er einfach nur weg. Die Nähe zu Voldemort verursachte Übelkeit in ihm, es war, als würde eine kalte Leiche sich an ihn krallen.
Mit einem Ruck wurde er zu der Masse der Todesser umgedreht, wurde präsentiert wie ein Stück Vieh. Am liebsten hätte er sich von ihm losgerissen und wäre aus den Toren, die sich am Ende des Saals befanden, gerannt. Aus glotzenden Augen wurde er begafft, auch wenn er die Gesichter der Todesser aufgrund ihrer Masken nicht sehen konnte, er sah ihre Blicke dennoch.
Sie sahen zu ihnen hoch als erwarteten sie nichts sehnlicher als seinen Tod, voller sadistischer Gier, heute noch einen Tod zu sehen, besser inszeniert als alles bisher Gesehene. Und mit einem Mal wurde Harry klar, dass das sein letzter Tag sein würde.
Er hatte ausgespielt. Voldemort hatte das Interesse an ihm verloren, er war ihm zu langweilig geworden. Keinen anderen Grund konnte es haben, dass sie heute alle versammelt waren, als dass sie seinen Tod mit anzusehen gekommen waren. Keinen anderen Grund konnte es haben, dass Voldemort mit einem Mal so freundlich zu ihm war.
Ein heftiges Zittern lief durch Harrys schmächtigen Körper. So sehr er auch die ganze Zeit über gewusst hatte, dass es keinen Ausweg gab, dass er sterben musste, irgendwo hatte er sich doch immer gewünscht irgendwie gerettet zu werden. Wahrscheinlich war seine Gefangenschaft noch nicht einmal bekannt geworden.
Und doch... irgendwie hätten sie doch davon erfahren können oder nicht? Oder war da niemand, der in der letzen Woche auf die Idee gekommen war, Kontakt zu ihm zu suchen?
Und sie hatten es nicht bemerkt, sonst würden sie hier vor den Mauern dieser Festung stehen und um ihn kämpfen, das stand in Harry Augen fest. Sie würden versuchen ihn zu retten, allein schon, weil er der Held der Zaubererwelt war, die letzte Trumpfkarte, wenn es darum ging den restlichen Zauberern wieder etwas Motivation einzutrichtern.
Auch wenn er seine Beliebtheit immer als etwas nicht besonders Angenehmes empfunden hatte, so versetzte es ihm doch einen gewaltigen Stich, dass nun über eine Woche niemand an ihn gedacht zu haben schien. Früher hatte er doch so viele Freunde gehabt, die ihn andauernd belagert hatten, was würde er jetzt dafür geben, wenn wenigstens einer von ihnen an ihn gedacht hätte und sich über sein Verschwinden gewundert hätte.
Doch er hatte sich bewusst dafür entschieden, alleine zu sein. Wieso wunderte er sich eigentlich, dass niemand sein Verschwinden bemerkt hatte, wenn er selbst es gewesen war, der sich seiner Freunde entledigt hatte? Vielleicht weil er im Geheimen doch gehofft hatte, sie würden ihm erhalten bleiben und zu ihm zurückkehren, wenn die Gefahr vorüber war?
Vielleicht weil er dennoch irgendwo gehofft hatte, trotz seiner ablehnenden Art würde ihm jemand beistehen? Wie dumm, schalt er sich selbst in Gedanken und schlug die Augen nieder. Er konnte nicht länger in die geifernden Gesichter der Todesser sehen.
Wenigstens sie schienen sich über seinen Auftritt hier zu freuen, wie schön, schoss es ihm in einem Anflug von Sarkasmus durch den Kopf. Mit einem Mal war die ganze Anspannung aus seinem Körper verschwunden. Er wollte nicht sterben, nein. Aber wenn er in seine Zukunft blickte, sah er nichts, was einen Kampf auch nur im Entferntesten lohnen würde.
Was war das für ein Leben, das er hier fristen konnte? Jeden Tag das gleiche, Folter als sein pervertierter Alltag?! Oder gesetzt dem sehr, sehr unwahrscheinlichen, wenn nicht sogar utopischen, Fall, auf irgendeine absurde Art und Weise frei zu kommen, wie würde er dann weiterleben?
Sollte er einfach zurückkehren, als wäre nichts gewesen und mit seinem hoffnungslosen Kampf weiter machen? An der Seite seiner Freunde, die es noch nicht einmal bemerkten, wenn er von Voldemort persönlich gefangen genommen worden war? Er würde ihnen nicht mehr in die Augen blicken können.
Wenn seine Zukunft so aussehen sollte, dann würde er lieber den Schrecken und die Ungewissheit des Todes auf sich nehmen. Langsam öffnete er seine Augen wieder ganz und blickte auf die Menge herunter. Was für ein armseliger Haufen. Denn nichts anderes als armselig war man, wenn man sich derartig an dem baldigen Tod eines Menschen aufgeilen konnte.
"Mein Junge...", raunte Voldemort an seinem Ohr, was man trotz seiner geringen Lautstärke noch durch die ganze Halle hörte. Harry vermutete, dass er einen Zauber auf seine Stimmbänder gelegt haben musste, um für jeden gut verständlich zu sein, "...ich habe ein Geschenk für dich..."
