Kapitel

1. August 1980

Lily Potter fühlte sich wie eine Hure, lächelte aber und fragte ihren Ehemann, ob er ihr etwas zu trinken holen könnte. Er sprang auf, um eben das zu tun, gab ihr einen Kuss auf die Wange und verließ den Raum, so wie sie es geplant hatte.

Für einen Moment, nachdem die Tür zugefallen war, versuchte sie, zu rechtfertigen, was sie getan hatte. Sie und James hatten gleich nach der Schule geheiratet als sie gerade Mal knappe achtzehn Jahre alt waren. Es war u früh, wirklich, sie hatten sich beide nicht gut genug gekannt, aber sie waren nun eben verliebt ineinander und hatten sich so wenig geschert. Diese ersten beiden Jahre hatte sie versucht, eine gute Hausfrau zu sein und sich um das Haus gekümmert und das Kochen und all die anderen Dinge, die Hausfrauen nun ebenso taten. Aber James konnte das häusliche, neue Leben nicht wirklich leiden; er wollte rausgehen und mit Sirius auf wilde Parties gehen, was er dann auch recht häufig tat. Und eine Ehefrau zu haben hielt ihn nicht davon ab, One Night Stands mit anderen namenslosen Frauen zu haben.

Das hatte sie das erste Mal verletzt, als Remus es ihr zögerlich erzählt hatte, aber James versprach es niemals wieder zu tun. Er lügte.

Also passte sie sich an. Gewöhnte sich daran. Lernte, es zu ignorieren.

Aber innerlich war sie am Schreien.

Anderthalb Jahre später, als er spät wie immer nach Hause kam, nach Parfüm und Feuerwhisky riechend, hatte sie letztlich genug gehabt – schreiend und brüllend und Dinge um sich werfend rannte sie zum Schluss erbärmlich weinend hinaus. Sie wanderte für gefühlte Stunden in der Diagon Alley umher und noch immer liefen ihr die Tränen über das Gesicht –

Und das war, als Mister Tom Riddle sie fand.

Er war älter als sie, wahrscheinlich sogar um ein paar Jahre, aber war dabei umwerfend gutaussehend und charmant und ließ sie alles, was sie wollte – brauchte -,hören und bekam so ihr Vertrauen innerhalb einer Stunde.

Aber Psychopathen waren immer charmant.

Sie wusste, dass es falsch war. Sie war verheiratet, sie hatte Schwüre abgelegt … aber hatte das jemals James aufgehalten? Hatte er nur einmal an sie gedacht, als er in den Armen einer anderen Frau lag, hatte er sich nur einmal gefragt, wie sie sich fühlte?

Also verbrannte sie ihn aus ihrem Kopf und machte einen Seitensprung. Und sie liebte Tom in diesen Monaten. Das tat sie wirklich. Sie dachte, dass Tom sie auch liebte, aber dann erfuhr sie, dass das alles nur eine Fassade gewesen war.

Schließlich war sie ein Mitglied des Ordens. Konstante Wachsamkeit wie Moody sagte. Du weißt nie, wann eine Schlange im Löwenverkleidung zu dir kommt um dich unauffällig auszuhören.

Dumbledore war geschockt, als Du-Weißt-Schon-Wer irgendwie über den »Überraschung«-Angriff auf seine Kräfte gewusst hatte und der massive Verlust von der gekaperten Operation schwächte die Kräfte des Lichts dramatisch.

Lily war genauso geschockt bis sie das Foto sah. Sie war in Dumbledores Büro, als sie, Überraschung, Überraschung, zur Seite sah und sich selbst in das grinsende Gesicht Tom Riddles blickend fand. Er war jünger als sie ihn kannte und trug eine Hogwarts-Schul-Robbe, aber ohne Zweifel war er es. Das Bild war nicht eingerahmt und lag nur auf einem Tisch mit einer abgetragenen Akte mit dem Datum 1943.

»Wer ist das?«, fragte sie, als ihr Mund getrennt von ihrem Gehirn handelte.

Dumbledore blickte hinüber und runzelte tief seine Stirn. »Ein alter Student von mir, Tom Marvolo Riddle. Genialer Kopf.«

»Wirklich«, sagte sie, leckte sich über ihre Lippen und fühlte sich plötzlich sehr nervös. »… Er… sieht vertraut aus irgendwie.«

Dumbledore nickte. »Nun, wenn du das Pech hattest, einen Blick auf Lord Voldemort zu erhaschen, dann würde er das wohl tun, glaube ich.«

Ihr Mund wurde trocken und das Blut erfror in ihren Venen. »Du-….-Weißt-…-Schon-…-Wer?«

»Hmm.« Dumbledore zauberte ein Paar Buchstaben in die Luft über seinem Schreibtisch, die den Namen Tom Marvolo Riddle formten. Mit einer lang geübten Hand ließ er sie sich neu anordnen, so dass sie einen Satz bildeten: Ich bin Lord Voldemort. (*Anmerkung des Übersetzers: So geht´s auf, I am Lord Voldemort)

Danach sah sie Tom Riddle nie wieder, bekam niemals die Chance, ihn damit zu konfrontieren (nicht dass sie das im Ernstfall getan hätte). Sie ging nach Hause zu James, sagte ihm, dass sie die letzten Monate bei ihren Eltern geblieben war; er entschuldigte sich und sagte, dass er es nie wieder tun würde und hielt es diesmal.

Wahrscheinlich, weil sie ihm erzählte, dass sie schwanger war.

Die nächsten Monate waren pure Qual. James hatte es nie in Frage gestellt, dass das Kind von ihm war (warum sollte er auch?), aber sie selbst war sich nicht sicher. Nein, tatsächlich war sie sich sicher, dass sie das Kind von Tom Riddle in sich trug. Als Ergebnis lebte sie auf hundertachtzig, immer über ihre Schulter sehend und die ganze Nacht aufbleibend, während sie nur Schlaf während der hellen Stunden des Tages bekam. James gab sie ein paar schwache Entschuldigungen ( war Schlaflosigkeit überhaupt ein Symptom während der Schwangerschaft?) , trotzdem war sie sich recht sicher, dass er ihr glaubte. Schließlich war sie die perfekte Ehefrau, warum sollte er Zweifel in sie haben?

Beinahe wünschte sie sich jedoch, dass er genau das hätte. Sie würde ihm die Wahrheit sagen, wenn er sie fragte, sie war all die Lügen so müde geworden. Aber das Thema konnte sie nie ansprechen.

Trotzdem war sie sich immer noch nicht sicher. Sie wollte es nicht bestätigt haben, nicht vor sich gezaubert sehen, aber sie hatte keine Wahl.

Sie verschloss die Tür, drehte sich um und zielte mit ihrem Zauberstab auf ihren schlafenden Sohn, während sie leise »Parentis« sagte.

Ein goldenes Licht schoss aus ihrem Zauberstab, umhüllte den Säugling für einen kurzen Moment, dann flog es hinauf und formte Buchstaben, die denen von Dumbledore von so vielen Monaten ähnelten.

Das Wort »Mutter« formte sich, darunter ihr eigener Name, wie sie es natürlich erwartet hatte. Dann, furchtbar langsam, wurde das Wort »Vater« geschrieben und darunter der erste Buchstabe »T«. Das war alles, was sie brauchte, trotzdem sah sie weiter zu, bis der ganze Name voll ausgeschrieben war. Sie fühlte sich krank.

Es gab eine schreckliche, ausgedehnte Pause, als sie versuchte, die Information zu verdauen (sie hatte gerade Voldemorts Abkömmling geboren, großer Gott, was sollte sie nur tun?!), aber dann hörte sie näherkommende Schritte in der Halle und brachte sich dazu, die Namen verschwinden zu lassen und die Tür zu öffnen.

Sie schaffte es zurück ins Bett, bevor James hineinplatzte, gefolgt von Sirius und Remus, welche beide sofort zum Baby liefen und begannen, kindisch mit dem Baby zu spielen.

Peter Pettigrew kam als letzter hinein und hielt auf der Schwelle inne, aber sie bemerkte ihn nie.