„Solltest du einmal arbeitslos sein – die Polizei würde dich mit Sicherheit sofort einstellen. Du bist besser als jeder Spürhund.", Stiles seufzte bitter.
Auch wenn es ihm manchmal zu schaffen machte, unter seinen Freunden der einzige ohne übernatürliche Fähigkeiten zu sein – in Fällen wie diesem war er ganz froh darum.
Das Mädchen war nicht zu beneiden.
Lydia lächelte schwach. Sie hatte nicht vorgehabt, es ihm zu erzählen, doch sein Vater hatte ihr diese Aufgabe bereits abgenommen gehabt.
„Immerhin wurde er wohl nicht qualvoll von einem übernatürlichen Wesen getötet."
Schon in der Sekunde, in der er es aussprach, bereute er es.
Obwohl Lydia ihm wieder den Rücken zugekehrt hatte und er nicht sah, wie sie die Augen schloss, um die aufkommenden Tränen zurückzuhalten, spürte er, wie tief sie dieser Satz und die Erinnerung an die Vergangenheit traf.
Er wollte sich entschuldigen, doch wurde jäh von Finnstocks lauter Stimme gestört.
„Stilinski, Sachen auf den Tisch, wird's bald! Je schneller wir anfangen, desto schneller sind wir fertig!"

Fünf sich endlos hinziehende Stunden später hastete Stiles den Schulflur entlang, aus der Eingangstür hinaus und auf den Parkplatz vor der Schule, wo er seinen Jeep abgestellt hatte.
Seitdem er an diesem Morgen vom Frühstückstisch aufgestanden war, verfolgte ihn der Blick seines Vaters.
Dieser Blick, den er hatte, als er seinem Sohn von Lydias Fund erzählt hatte.
Dieser Blick, den Stiles irgendwie nicht so ganz deuten konnte.
In dieser Nacht hatte sein Vater nur halb so viel Schlaf bekommen wie normalerweise, da er, nachdem er Lydia nach Hause gebracht hatte und gewartet hatte, bis die Leiche weggebracht worden war, die Familie des Jungen benachrichtigen und noch einige Formulare darüber ausfüllen hatte müssen.
Müdigkeit hatte in seinem Blick gelegen, ohne Frage. Und Besorgnis.
Natürlich war es nicht sehr beruhigend, zu wissen, dass irgendwo in der Stadt ein Mörder frei herumlief, vor allem, wenn dieser Mörder einen 18-Jährigen getötet hatte.
Er sprach es zwar nicht aus, doch Stiles wusste um die Angst, die der Sheriff hatte.
Das hätte auch sein Sohn sein können.
Doch das war nicht alles gewesen, so gut kannte er seinen Vater. Irgendwas hatte er ihm verschwiegen, und das hatte ihn den kompletten Schultag über wahnsinnig gemacht, so wahnsinnig, dass er auf direktem Wege auf das Polizeipräsidium fuhr, um seinen Vater danach zu fragen.
Weder Lydia, noch Scott, Malia oder Kira hatte er von seiner Ahnung erzählt, da er sie nicht in unnötige Aufregung versetzen wollte. Doch er selbst musste es wissen.
Mit heftigem Ruckeln kam der Wagen auf dem Parkplatz vor dem Polizeigebäude zum Stehen. Stiles schlug die Fahrertür zu und ging schnellen Schrittes Richtung Eingang, als ein weiteres Auto ebenfalls auf den Parkplatz vorfuhr und direkt neben seinem parkte.
Überrascht stellte er fest, dass es sich um Lydias Toyota handelte.
Etwas verwirrt wartete er, bis sie ausgestiegen war.
„Was machst du denn hier?", begrüßte er sie mit schiefgelegtem Kopf.
„Ich hab das komische Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt mit dem Jungen von gestern. Das da noch irgendwas war.", erwiderte sie abwesend und blieb nicht einmal stehen.
Rasch lief sie die wenigen Stufen zur Eingangstür hinauf und Stiles folgte ihr.
„Das komische Gefühl hab ich auch…", murmelte er und fühlte sich plötzlich noch um einiges mehr bestätigt in seiner Annahme.

Sheriff Stilinski saß hinter seinem Computer und tippte einen Polizeibericht, als sein Sohn, Lydia und hinter ihnen Parrish sein Büro betraten.
Er seufzte und nippte an seinem Kaffee. Zu sagen, er wäre über den Besuch der beiden Jugendlichen überrascht gewesen, wäre eine Lüge.
Irgendwie hatte er es sogar gewusst.
Der Deputy schloss die Tür hinter sich und verschränkte die Arme, erst dann begann Stiles zu sprechen.
„Dad, was verheimlichst du uns?"
Falls dieser erschrocken über diese direkte Frage war, so zeigte er es nicht.
„Das ist Polizeisache.", wehrte er sofort ab.
„Dad.", Stiles sah ihn streng an. „Wenn es um etwas Übernatürliches geht, müssen wir es wissen."
Hilflos sah der Sheriff Parrish an, doch der zeigte keine Reaktion.
„Es ist nichts Übernatürliches.", meinte er schließlich, doch der Zweifel in seiner Stimme verriet ihn.
„Dad.", sagte Stiles mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Zumindest nicht sicher.", gab sein Vater schließlich klein bei.
Stiles wusste, dass er gewonnen hatte und wartete ein paar Sekunden ab.
„Na gut.", begann Stiles' Vater schließlich seufzend. „Das Opfer von letzter Nacht hieß Brandon Gray. 18 Jahre, Abschlussklasse der Penrose Privatschule."
Stiles und Lydia blickten ihn erwartungsvoll an.
„Er war gestern Abend wohl auf einer privaten Party in der Nähe des Waldes gewesen, aber die Freunde haben wir noch nicht befragt.", erklärte er sachlich.
„Ich hab überhaupt keine Feier bemerkt.", meinte Lydia verwundert. Parrish nickte.
„Er war auch ziemlich weit weg davon. Ungefähr zwei Kilometer sogar."
Sheriff Stilinski bedeutete ihnen, hinter ihn zu treten.
Auf dem Computerbildschirm sahen sie die polizeilichen Daten des Jungens und Lydia erkannte ihn kaum wieder.
Kreidebleich und leblos hatte er ganz anders ausgesehen als auf dem Foto mit strahlend blauen Augen und einem eingebildetem Grinsen auf den Lippen.
„Keinerlei Verletzungen und die Todesursache konnte nicht festgestellt werden. Anscheinend ist einfach sein Herz stehen geblieben.", meinte Stiles' Vater ernst.
Lydia brauchte einige Sekunden, bis sie die Augen vom Bildschirm und dem Foto des lebenden Jungen abwenden konnte.
„Krankheiten?", fragte sie dann.
Der Sheriff schüttelte den Kopf. „Keine. Der Junge war anscheinend kerngesund. Sehr aktiv. Einer der besten Basketballspieler des Teams. Drogen waren auch nicht im Spiel."
Er machte eine kurze Pause. „Seine Leiche ist seit einigen Stunden in der Pathologie. Aber bisher haben sie noch nichts gefunden. Genaueres können sie frühestens morgen sagen."
Die vier schwiegen betreten, bis Stiles die Stille wieder brach.
„Also?", fragte er eindringlich.
Diese Fakten waren schön und gut, doch das löste immer noch nicht das Rätsel um den seltsamen Blick seines Vaters. Und da war er auch wieder.
Parrish nickte seinem Chef aufmunternd zu, als würde er ihm Mut machen wollen.
Der Sheriff leckte sich über die Lippen, dann klickte er wieder auf dem Computer herum und ein neues Fenster öffnete sich.
Das Gesicht des jungen Mannes auf dem Foto kam Lydia bekannt vor, doch mit seinem Namen, Darren Pettyfer, konnte sie nichts anfangen.
„Arbeitet der nicht in der Videothek?", Fragend sah Stiles in die Runde.
Er hatte Recht. Daher kannte sie ihn.
Parrish biss sich auf die Unterlippe. „Das hat er."
Mit gekräuselter Stirn sah ihn Stiles an, doch an seiner Stelle antwortete sein Vater.
„Ist vor einer Woche tot hinter einem Club aufgefunden worden."
Lydia stockte der Atem und Stiles musste schlucken.
„Wie ist er gestorben?", fragte er schließlich.
Der Sheriff zuckte die Schultern. „Keine Verletzungen, nichts. Herzstillstand."
Lydia konnte die Augen nicht vom Bildschirm abwenden, von dem der sympathische junge Mann sie anlächelte.
„Keine Drogen, keine Krankheiten?" Die Frage war rhetorisch, sie kannte die Antwort schon bevor Stilinski den Kopf schüttelte.
Stiles biss sich auf die Lippe und schien nachzudenken.
„Gleiche Altersgruppe, männlich, weiß, Amerikaner, gesund. Beide Male war eine Party im Spiel. Todesursache unbekannt, keine Verletzungen, keine Wunden.", fasste er zusammen.
Sein Vater nickte. In seinem Kopf spielte er immer wieder sein Mantra ab, um sich selbst zu beruhigen: „Einmal ist ein Unfall. Zweimal ist ein Zufall. Dreimal ist ein Muster."
Es konnte noch immer nur ein Zufall sein, richtig?
Stiles schluckte und sah seinen Vater an, als könnte er seine Gedanken lesen.
Das hörte sich nicht gut an. Natürlich konnte es ein Zufall sein – doch die Wahrscheinlichkeit dafür war doch ziemlich gering.
Die Frage, ob es sich um etwas Übernatürliches handelte, schwebte in den Köpfen jedes Einzelnen, doch keiner wagte es, sie auszusprechen.
Es war seltsam, sich zu wünschen, ein Mörder würde frei in der Stadt herum laufen.
Doch Mörder konnte man fassen und einsperren. Bei übernatürlichen Wesen war das um einiges komplizierter.
„Geht nach Hause, Kinder.", seufzte der Sheriff schließlich schwach.
„Es dauert noch mindestens bis morgen, bis die Befunde der Pathologie hier sind. Ich geb euch Bescheid, wenn ich mehr weiß. Und bis dahin machen wir uns erstmal keine Sorgen."
Lydia und Stiles warfen sich einen vielsagenden Blick zu.
Parrish hielt den beiden die Tür auf, und bevor er sie von außen zuzog, nickte er seinem Chef noch einmal aufmunternd zu.
Dieser hob nur kurz seine halbvolle Tasse mit inzwischen nur noch lauwarmen Kaffee zum Gruß, dann wandte er sich wieder seinem Computerbildschirm zu.