Gelangweilt lag Malia auf Stiles' Bett und beobachtete, das Kinn auf einer Hand abgestützt, ihren Freund, der, seitdem sie vor einer halben Stunde durch das Fenster gekommen war, ihr seine Aufmerksamkeit genau einmal gewidmet hatte.
Und das für gerade einmal ein paar Sekunden.
„Stiles", quengelte sie alle paar Minuten wie ein kleines Kind, rollte sich über sein Bett oder versuchte, ihn von seinem Laptop wegzuziehen, doch vergeblich.
„Hör endlich auf damit und komm her.", seufzte sie, vergrub ihr Gesicht in seinem Kopfkissen und atmete seinen Duft ein.
„Nur noch kurz. Ich muss das nur noch…" Den Rest des Satzes konnte sie nicht mehr verstehen, da Stiles so undeutlich sprach. Malia stöhnte genervt.
Sie wollte natürlich auch wissen, was es mit den beiden Morden auf sich hatte, aber dafür würde sie niemals ihren Freund warten lassen. Doch dieser hatte da anscheinend andere Ansichten, was ihr tierisch auf die Nerven ging.
„Dein Vater ist der Sheriff, nicht du. Lass ihn die Arbeit machen.", murmelte sie in das Kissen hinein. Wieder brummte Stiles etwas Unverständliches.
„Wer sagt überhaupt, dass sie getötet wurden? Es sterben doch ständig Menschen an Herzversagen. Lyndon B. Johnson zum Beispiel. Du weißt schon, der Präsident? 60er Jahre? Bürgerrechtsbewegung?"
Sie hoffte, mit ihrem Wissen, das sie sich aufgrund eines Referates, das sie die vorhergehende Woche in Geschichte halten hatte müssen, angeeignet hatte, ihren Freund zu beeindrucken, doch sie traf nur auf Unverständnis.
„Johnson war 64, hatte schon mit Ende 40 einen ersten Herzanfall und ist bei seinem dritten gestorben. Brandon Gray und Darren Pettyfer waren 18 und 22 und kerngesund. Da stirbt man nicht einfach an Herzversagen. Außerdem ist die Zeitspanne zwischen den zwei Toden viel zu kurz. Neun Tage sind viel zu kurz für einen Zufall."
Er hörte keine Sekunde auf, zu tippen, zu klicken und Artikel auf dem Laptop-Bildschirm zu lesen, während er sprach.
Malia knurrte leise und ließ sich nach hinten fallen, sodass sie nun die Decke anstarrte.
„Okay. Dann war es eben Mord. Nichts spricht dafür, dass es etwas Übernatürliches war. Also überlass das doch bitte deinem Vater und den anderen, die dafür ausgebildet wurden. Und die keine Freundin haben, die zwei Meter von ihnen entfernt auf sie wartet."
Endlich drehte Stiles sich zu ihr um und grinste. „Tut mir leid. Okay, ich verspreche dir, noch fünf Minuten und dann hör ich auf, okay?"
Malia stöhnte, doch willigte schließlich ein.
„Übrigens", fuhr Stiles, schon wieder eifrig am Tippen, fort. „Spricht einiges für etwas Übernatürliches." Das Mädchen schloss die Augen und atmete tief durch.
„Die Tatsache, dass sich diese Morde in Beacon Hills – Beacon Hills! – ereignet haben, außer Acht gelassen – Wieso, und vor allem wie, bringt jemand seine Opfer um, ohne eine Wunde, ohne einen Kratzer, ohne irgendeine Art von Spur zu hinterlassen?"
Das ungleichmäßige Tippen und Klicken empfand Malia mittlerweile als nahezu meditativ.
„Keine Ahnung, wieso. Aber was ist mit Ersticken? Mit einem Kissen? Das hinterlässt keine Spuren. Oder ein Gift, irgendein schwer nachweisbares Gift.", meinte sie überzeugt.
„Erstickungstod kann ganz einfach nachgewiesen werden. Und dieses Gift müsste schon extrem schwer nachweislich sein, damit…"
Plötzlich stockte er und als er auch nach mehreren Sekunden nicht weitersprach, sah Malia wieder auf und blickte ihn sofort besorgt an.
„Ich hab was gefunden.", sagte Stiles tonlos, tippte wieder kurz auf der Tastatur herum und der Drucker sprang an.
„Oh Mann."
Kira legte die fünf Seiten, die Stiles mitgebracht hatte, und die sie nun als letzte von den Fünf überflogen hatte, zurück in die Mitte des Tisches und sah ihre Freunde der Reihe nach an.
„Das hört sich nicht gut an."
Es war Mittagspause, und da es langsam wieder wärmer wurde, saßen sie draußen an einem der Tische und diskutierten leise über Stiles' Funde.
Wie sich herausgestellt hatte, waren Brandon Gray und Darren Pettyfer nicht die einzigen jungen Menschen, die scheinbar aufgrund von Herzversagen gestorben waren.
Auch in anderen Städten, in anderen Staaten, sogar auf anderen Kontinenten gab es ähnliche Fälle, die jedoch, genau wie die meisten anderen ungeklärten Morde, so gut vertuscht wurden, dass es so lange gedauert hatte, bis Stiles auf sie gestoßen war.
Bei den fünf Blättern, die er ausgedruckt hatte, handelte es sich um einen Artikel eines Hobby-Detektivs, der alle bekannten Morde des vorhergehenden Jahres genau beschrieben und verglichen hatte, und der eine Verschwörung dahinter vermutete.
Allein in den Staaten waren es im letzten Jahr insgesamt siebenunddreißig Tode.
„Die Opfer sind alle zwischen 16 und 26 Jahre alt und männlich.", meinte Stiles und schluckte, während er Scott eindringlich ansah.
Der biss sich auf die Unterlippe und nickte.
„Es handelt sich also sicher um etwas Übernatürliches?", fragte Kira nach kurzem Schweigen schließlich.
„Vermutlich. Aber ich würde die Möglichkeit, dass es sich um einen Mörder – oder um eine ganze Organisation – handelt, noch nicht ausschließen.", antwortete Scott nachdenklich.
„Obwohl sich da die Frage nach dem Motiv schwieriger beantworten lässt.", murmelte Lydia und presste die Lippen zusammen.
„Naja, was wäre das Motiv eines übernatürlichen Wesens? Warum bringt man junge Männer um, ohne sie zu verletzen, ohne sie… aufzufressen?",
Malia war noch nicht komplett überzeugt.
„Warum hat der Nogitsune Menschen getötet?" Lydias Frage war rhetorisch gemeint, natürlich, und der Wercoyote musste ihr doch zustimmen.
„Nein, sie hat Recht.", meinte Scott. „Warum junge Männer? Warum sind sie nicht verletzt?"
„Vielleicht nicht Äußerlich.", sagte Kira nachdenklich. „Vielleicht sind es psychische Schmerzen, die ihnen zugefügt werden."
Daraufhin schwiegen alle, bis Malia sich räusperte.
„Denkt ihr, es ist so etwas wie ein Rudel?", fragte sie dann.
„Ich glaube nicht. Wenn, dann mehrere Rudel, die Morde sind viel zu verstreut, als dass es ein einziges Rudel sein könnte."
Stiles kramte in seinem Rucksack und zog eine Rolle hervor, die sich ausgebreitet als Karte der Vereinigten Staaten herausstellte und mit datierten Punkten beklebt war.
Lydia zog die Augenbrauen hoch, grinste, aber sagte nichts.
Die anderen sahen ihn ähnlich erstaunt an.
„Sind wir nicht zusammen ins Bett gegangen?", Malia sah ihren Freund mit zusammengekniffenen Augen an.
„Konnte nicht schlafen.", erklärte dieser schulterzuckend. „Die gelben Punkte sind die Morde des letzten Jahres. Die roten kennzeichnen die Orte der Städte, an denen diese Fälle in der Vergangenheit gehäuft aufgetreten sind. Das wären also besonders New York, San Francisco, Chicago, Washington und Phoenix."
Er wartete auf eine Reaktion.
„Hilft uns das weiter?", fragte Kira stirnrunzelnd.
„Nein.", gab Stiles zu. „Aber das wusste ich da ja noch nicht. Jedenfalls sieht man, dass die Morde räumlich sehr weit auseinander liegen, und teilweise fast zeitlich passiert sind. Hier zum Beispiel: 27. Mai in Chicago, Illinois, 27. Mai in Palm Harbor, Florida. Das kann unmöglich nur eine Person gewesen sein."
„Es sei denn, diese Person kann sich selbst teleportieren.", sagte Scott und erntete zweifelnde Blicke.
„Ich würde das nicht ausschließen!" Verteidigend hob er die Hände.
Das Klingeln verkündete das Ende der Mittagspause. Seufzend erhoben sich die Fünf.
„Wir werden das schon lösen.", meinte Scott zuversichtlich, bevor sie sich trennten und in verschiedene Richtungen zu ihrem jeweiligen Klassenzimmer gingen.
