„Parrish, bevor Sie nach Hause gehen.", hielt der Sheriff den jungen Deputy, der die Hand schon an der Türklinke hatte, auf und nickte müde in Richtung des Mädchens, das seit Stunden hinter der Glasscheibe neben seinem Büro an einem Schreibtisch saß und konzentriert in einem Buch las.
„Bringen Sie sie nach Hause, bitte. Auf Sie hört sie eher als auf mich."
In seinem Blick lag Besorgnis, und so nickte Parrish. „Natürlich."
Er öffnete die Tür zum Nebenzimmer, schloss sie leise seufzend wieder und verschränkte die Arme.
„Lydia.", sagte er dann sanft, aber bestimmt.
Diese drehte sich nicht einmal um, blätterte eine Seite weiter und schien ganz und gar vertieft in dieses seltsame Buch.
Sie wollte um jeden Preis herausfinden, wer diese Morde beging - je schneller, desto besser, und die Tatsache, dass sie noch immer keine Spur hatten, machte sie fast wahnsinnig.
„Ja?", kam die leise Antwort schließlich nach einigen Sekunden der Stille.
„Ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt gehst."
Der junge Polizist stand mit verschränkten Armen nur wenige Meter hinter ihr und bewegte sich keinen Zentimeter.
„Du hast morgen Schule.", fügte er hinzu, und realisierte wieder einmal – mit Bedauern, wie er sich unwillig eingestehen musste -, wie jung das Mädchen vor ihm tatsächlich war, auch wenn sie um einiges älter schien.
Lydia schloss für ein paar Sekunden die Augen, die vom stundenlangen Lesen schmerzten. Oder auch von der Müdigkeit, doch das wollte sie nicht zugeben.
„Ich fahr dich nach Hause."
Das Mädchen legte den Kopf in den Nacken und kreiste langsam ihre Schulter.
„Das musst du nicht. Ich bleib noch ein bisschen.", sagte sie schließlich, noch immer ohne Parrish auch nur eines Blickes zu würdigen. Dieser seufzte.
„Das ist mein Ernst. Es ist spät und ich weiß, dass du müde bist. Genau wie ich, also tu mir den Gefallen und lass mich dich nach Hause bringen, damit ich auch schlafen kann."
„Ich kann nach Hause laufen." Ihre Stimme klang abweisend, abwesend.
Doch Parrish ließ nicht locker. „Auf keinen Fall.", meinte er bestimmt.
Endlich drehte sich Lydia zu ihm um und musterte ihn, erst ausdruckslos, doch dann schlich sich ein kaum erkennbares Lächeln auf ihre Lippen und sie nickte.
„Na gut.", seufzte sie dann, erhob sich und nahm ihre rote Tasche vom Tisch.
„Aber morgen komm ich wieder." Mit diesem Worten ging sie an Parrish vorbei und in Richtung der Ausgangstür. Es hörte sich an wie eine Warnung, und vermutlich hatte sie auch genau das beabsichtigt.
„Kommst du endlich?" Grinsend hielt sie die Tür auf und sah den Deputy, der noch immer an der gleichen Stelle stand, mit schief gelegtem Kopf an.
Dieser grinste ebenfalls, griff nach seiner Jacke, die über einen Stuhl hing und setzte sich in Bewegung.

„Jetzt die zweite Straße rechts.", befahl Lydia etwa fünf Minuten später.
Sie beobachtete Parrish' Fahrstil mit Belustigung, doch äußerte sich nicht darüber.
Ganz Hüter des Rechts überschritt er auch jetzt zur nächtlichen Stunde, wo weit und breit niemand in Sicht war, die Geschwindigkeitsbegrenzung um keinen einzigen Stundenkilometer und hielt brav an jedem Stoppschild.
Unauffällig musterte sie ihn von der Seite.
Er sah konzentriert aus, doch seine Gesichtszüge waren weich und sie konnte sich nicht entscheiden, wie alt sie ihn schätzen würde, wüsste sie nicht sowieso sein Alter.
Die kurzen Haare erinnerten an seine Vergangenheit beim Militär, doch Lydia war froh, ihn jetzt hier in Beacon Hills zu haben.
Ohne ihn wäre sie womöglich tot. Und abgesehen davon…
„Lydia? Nach rechts oder nach links?"
Ihre Gedanken waren abgeschweift und sie hatte nicht einmal gemerkt, dass sie nun an einer Abzweigung standen und Parrish die Frage nun bereits zum zweiten Mal wiederholte.
„Äh, links.", sagte sie schnell und spürte, wie sie rot wurde. Schnell wandte sie sich wieder nach vorne und konzentrierte sich auf die Straße.
Dem Deputy war das nicht entgangen und er bemühte sich, nicht zu grinsen oder sonst irgendeine Regung zu zeigen, was ihm nicht ganz gelang.
Schweigend fuhr er die Straße entlang. Ihre Gegenwart machte ihn nervös, doch er wusste, dass es falsch war, diese Art von Interesse in ein minderjähriges Mädchen zu haben.
„Wir sind da.", verkündete dieses plötzlich ausdruckslos, so plötzlich, das Parrish fast erschrak, als ihm bewusst wurde, dass sie ja noch immer neben ihm saß.
Schnell trat er auf die Bremse.
Lydia machte keine Anstalten auszusteigen, bis er sich räusperte.
„Schönes Haus.", sagte er und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen.
Er fühlte sich, als wäre er selbst wieder zurück auf der High School, unerfahren und etwas hilflos.
Das Mädchen sah ihn unverwandt an.
„Das ist nicht mein Haus.", erwiderte sie schließlich tonlos.
Parrish brauchte nur wenige Sekunden, um zu begreifen, was das zu bedeuten hatte.
„Oh nein." Sofort stellte er den Motor ab und musterte sie prüfend.
Sie schloss kurz die Augen und seufzte leise.
„Tut mir leid, ich kann das nicht kontrollieren, ich…"
„Schon gut." Beruhigend legte er ihr seine Hand auf den Oberschenkel, doch zog sie sofort wieder zurück, als hätte er sich verbrannt.
Stattdessen biss er sich auf die Lippe, beugte sich weiter auf ihre Seite und öffnete das Handschuhfach, aus dem er eine Pistole holte.
Er drehte sie in seinen Händen hin und her. „Du bist dir sicher?"
Sie zuckte die Schultern und er nickte. „Gut. Bleib hier, ich schau nach."
Mit diesen Worten schnallte er sich ab und öffnete die Fahrertür.
Ihre Blicke trafen sich wieder, als er die Tür zuschlug und sie über das Autodach hinweg besorgt anblickte. Doch sie zog nur die Augenbrauen hoch und schloss ihre Tür ebenfalls. Natürlich würde sie nicht einfach hier warten.
Parrish seufzte leise und bedeutete ihr, hinter ihm zu bleiben, dann schlich er sich mit vorgehaltener Pistole durch die Gartentür, über den Rasen und um das Haus herum. Lydia blieb dicht hinter ihm und fühlte sich ein wenig hilflos und klein.
Die Frontseite des Hauses, die man von der Straße aus sehen konnte, war unbeleuchtet und die beiden blieben weit genug entfernt, um nicht in den Bereich des Bewegungssensors, der die Lampen, die Parrish an der Veranda erkennen konnte, anschaltete, zu treten.
Erst in diesem Moment kam ihm der Gedanke, dass das Haus über einen Alarm verfügen könnte, der jeden Augenblick losgehen könnte.
Was würde er seinen Kollegen erklären? Warum war er mitten in der Nacht auf einem fremden Grundstück, von dessen Besitzer er nicht einmal den Namen kannte? Wegen der Vermutung eines High School Mädchens?
Andererseits hatte Lydia sich inzwischen einen Namen auf dem Polizeirevier gemacht. Jeder kannte dieses seltsame Mädchen, das vom Tod geradezu angezogen werden zu schien und regelmäßig Leichen fand, bevor diese überhaupt als vermisst gemeldet wurden.
Außerdem war es jetzt sowieso schon zu spät, darüber nachzudenken.
Der Garten des Hauses war riesig, und so konnten sie das Gebäude mit einem Abstand von etwa zehn Metern umkreisen, ohne auch nur in die Nähe des Bewegungsmelders zu kommen.
Im Gegensatz zur Frontseite war die komplette rechte Seite hell erleuchtet, was daran lag, dass die Wand des Erdgeschosses ganzheitlich aus Glas bestand. Parrish erkannte beige Bodenfliesen und türkisblaues Wasser – ein Pool.
„Sie haben einen Innenpool, Wahnsinn.", flüsterte er ehrfürchtig, ohne die Pistole auch nur einen Zentimeter zu senken.
Sie warteten einige Sekunden lang, doch konnten keine Bewegung feststellen, keine Person in dem hell erleuchteten Raum erkennen.
„Bleib hier.", sagte Parrish in einem so ernsten Tonfall, dass Lydia gehorchte.
Langsam und lautlos bewegte er sich vorwärts in Richtung Haus, die Pistole nach vorne gerichtet; seine wachen Augen schienen alles im Blick zu haben.
Meter für Meter pirschte er sich nach vorne, die Außenlampen gingen an, doch das hielt ihn nicht auf. Schließlich sah er es.
Er schluckte und senkte die Pistole ein Stück, bedeutete Lydia weg zu bleiben.
Durch die Glaswand betrachtete er die im türkisen Wasser schwimmende Leiche. Ein Mann um die 25, durchtrainiert, dunkle Haare.
Die Augen geöffnet trieb er mit der Bauchseite nach oben durch den Pool und wirkte beinahe friedlich, als würde er schlafen.
Parrish biss sich auf die Lippe und plötzlich stand Lydia neben ihm, trotz seiner Warnung, und seufzte. Definitiv tot. Natürlich.