Der Versuch, ruhig und überlegt zu bleiben, scheiterte kollosal. Severus vermochte es nicht einmal, sich auf einen einzigen Gedanken zu konzentrieren, so viele kämpften darum, wer der Wichtigste von ihnen sein mochte.
Mit schnellen Schritten marschierte er auf das Schloss zu, hinter dessen hohen Türme die Sonne hinauf an den Himmel kletterte. Bald würde die Schule zum Leben erwachen. Schüler die Flure bevölkern, Stimmen umherschwirren, ebenso lästig wie Stechmücken im Sommer. Auch nach all den Jahren fühlte er sich noch immer unwohl in ihrer Mitte. Er bevorzugte Distanz, die ihm zumindest die Große Halle und die Klassenräume ein Stückweit boten. Nur der Weg dorthin stellte jeden Tag wieder eine Herausforderung dar.
Erst als der Wasserspeier vor Dumbledores Büro sichtbar wurde, verlangsamte er seinen Schritt. Er sagte dem steinernen Gesellen das Passwort - wie auch immer Albus auf ›Mohrenkopf‹ gekommen sein mochte - und stand dem Direktor schon wenige Augenblicke später gegenüber.
»Es scheint, als hättest du bei Malfoy keinen Erfolg gehabt«, empfing ihn Dumbledore lächelnd. »Das war beinah zu erwarten.«
Severus setzte sich, ohne den Direktor dabei aus den Augen zu lassen. »Bei jedem anderen würde ich sagen, er wusste tatsächlich nicht, wovon ich rede. Nur ist es Lucius und er weiß seine Gefühle und Gedanken gekonnt zu verbergen.« In dieser Disziplin stand er nur ihm selbst nach. »Vielleicht handelt es sich auch nur um ein paar Fanatiker. Dass diese Aktionen von langer Hand geplant sind, bezweifle ich.« Langsam fuhr er mit der Hand über die Stelle, wo sein Umhang das Dunkle Mal bedeckte.
»Ich stimme dir zu«, erwiderte Albus und setzte sich ihm gegenüber. »Trotzdem können wir nicht ausschließen, dass Voldemort uns näher ist, als wir wissen und als es uns lieb ist.« Sein Blick floh ausdruckslos aus dem Fenster, wo er eine Weile verblieb, ehe er zu Severus zurückkehrte. »Wie geht es Narzissa?«
Überrascht von dem plötzlichen Themenwechsel, der ihm überhaupt nicht gefiel, zuckte Severus mit den Schultern. »Sie sah gut aus.«
»Und wie geht es dir dabei?«
»Hervorragend.«
Damit beschlossen sie dieses Thema wieder und kehrten zum eigentlichen zurück. »Ich habe heute Nachmittag einen Termin im Ministerium. Es würde mich interessieren wie die äußerst merkwürdigen Vorkommnisse von dort bewertet werden.«
»Bagnold?«
Albus seufzte schwer. »Mir wäre ein Mitarbeiter der Aurorenzentrale lieber, um ehrlich zu sein, aber ja. Ich werde den offiziellen Weg gehen müssen, mich mit der Zaubereiministerin auf einen Tee zusammenzusetzen.«
Severus nickte, schloss dabei die Augen und sah einen Augenblick später auf Albus Fingerspitze, die gegen seine Brust tippte.
»Du mein Lieber, hast ebenfalls einen Termin.«
»Ach?«
»Ja.« Albus lehnte sich zurück und räusperte sich leise. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er sich nicht ganz wohl damit fühlte, nach Belieben über Severus zu verfügen. Was wohl auch das Mindeste war. »Du wirst dich mit Rhona Wilcox treffen.«
Der Name sagte Severus nichts. »Und das ist ...?«
»Eine Hexe, die für Scotland Yard arbeitet.«
Eine seltsame Beschäftigung für eine Hexe. »Und warum tut sie das?«
Albus fuhr sich durch den Bart. »Nun, vielleicht sieht sie es als ihre Berufung. Vielleicht macht sie das gerne. Vielleicht braucht sie nur das Geld. Ist mir egal. Wichtig ist, dass sie dadurch natürlich hervorragende Verbindungen zu den Muggelbehörden und - was noch wichtiger ist - Einblicke in vertrauliche Unterlagen hat.«
Severus` Mundwinkel verzogen sich nach unten. Hexen oder Zauberer, die für Muggel arbeiteten, waren ihm seit jeher suspekt. »Und was genau hoffen wir, von ihr zu erfahren?«
»Ich habe ihr gestern eine Eule geschickt mit der Bitte, uns Informationen über diese Todesfälle zu besorgen. Ich hoffe sehr, dass sie bereits Ergebnisse hat.«
Da ihm ohnehin nichts anderes übrig blieb, ergab sich Severus in sein Schicksal. »Und wo treffe ich sie?«
»Im Eberkopf.«
Zumindest etwas. Allein der Gedanke, sich in irgendeinem Muggelcafè oder im viel zu überfüllten Tropfenden Kessel mit dieser Frau treffen zu müssen, hatte einen kalten Schauer über seinen Rücken gejagt.
Das schmuddelige, heruntergekommene Äußere des ›Eberkopfs‹ schreckte die meisten Besucher der Winkelgasse von einem Besuch dieser `Gaststätte` ab, weshalb sie zum bevorzugten Ort für Severus geworden war, sollte er das seltene Verlangen nach einem Butterbier verspüren. Heute betrat er den Schankraum mit dem Vorsatz, sich ein eben solches zu gönnen und sah sich suchend nach Aberforth um. Albus` Bruder grüßte ihn mit einem Nicken und sah bedeutungsvoll zur Treppe, die nach oben führte. Severus begab sich ohne Eile in das Obergeschoss, wo Aberforths nicht ganz so private Privaträume lagen. Im Laufe der Zeit hatte er sie so vielen Menschen als Treffpunkt zur Verfügung gestellt, dass Severus sich manchmal fragte, welcher Teil des Gebäudes mehr Besucher zählte.
Er straffte die Schultern, betrat den Raum und zog überrascht die Augenbrauen nach oben. Wenngleich ihm der Name ›Rhona Wilcox‹ nach wie vor nichts sagte, kannte er doch die Frau, die dort auf dem Sofa vor dem Kamin saß. Nur wusste er nicht, woher. Einige Augenblicke hatte er Zeit, sie ausführlich zu betrachten, ehe sie ihn entdeckte. Im Aufstehen nahm sie ihre Brille ab und trat ihm energisch entgegen. »Mr. Snape. Ich hatte eigentlich Professor Dumbledore erwartet.«
»Er ist verhindert, Miss Wilcox.«
»Ich bin so alt wie ich aussehe und Sie dürfen daher ruhig ›Mrs. Wilcox‹ zu mir sagen. Wahlweie ›Insepector‹.«
Severus riskierte einen zweiten, genaueren Blick. Von ›alt‹ konnte kaum die Rede sein, wobei dies sicher im Auge des Betrachters lag. Aber die Frau vor ihm konnte die vierzig kaum überschritten haben. Ihr dunkelbraunes Haar, das ihr in leichten Wellen bis über die Schulter reichte, zeigte keine Spuren von Grau und soweit er das mit seinem sehr eingeschränkten Erfahrungsschatz sagen konnte, hatten hier weder Farbe noch Zauber ihre Finger im Spiel. »Wenn Sie das sagen, Mrs. Wilcox.«
»Ich würde vorschlagen, wir setzen uns. Ich nehme an, dass auch Ihr Wohlbefinden sich derzeit gegen null neigt und daher dürfte uns beiden daran gelegen sein, dieses Treffen schnellstmöglich wieder zu beenden.«
Ganz sicher zog Severus direkte Menschen Schmeichlern oder Herumducksern vor, so dass diese Frau ihm beinah sympathisch wurde, wenn es wohl auch kaum in ihrer Absicht lag. Obgleich ausgesprochen professionell, zeigte sich ihre Ablehnung deutlich in ihrer Haltung. Er musste nicht lange überlegen, woher sie ihn kannte. »Daran wäre mir tatsächlich gelegen. Und was genau darf ich Professor Dumbledore nun mitteilen?«
»Nicht viel.« Sie setzte sich, zog eine Tasche zu sich heran und holte daraus eine Mappe hervor. »Ich habe in den letzten vier Wochen einundzwanzig Todesfälle ohne offensichtliche Fremdeinwirkung in der Datenbank gefunden.« Sie nahm ein Blatt in die Hand und setzte ihre Brille wieder auf. »Mehrheitlich relativ junge Leute, was zumindest ein Fragezeichen hinter der Todesursache `Herzversagen` erscheinen lässt. Deswegen wurden die Kollegen hinzugezogen.« Sie seufzte und sah ihn an. »Da Dumbledore nach meiner Einschätzung gefragt hat, für mich liegt ein ›Avada Kedavra‹ näher als ein plötzlich versagendes Herz ohne Vorerkrankung. Und da wäre hier ja noch ...« Sie suchte zwischen den losen Blättern in ihrer Mappe und zog dann ein Bild hervor, das sie Severus hinschob. »Liam Deckert.«
»Das Gegenteil von jung.« Auf dem Bild lachte ihm ein sicher 60-jähriger Mann in Angelkluft und einem dicken Fisch in der Hand entgegen. »Einige Worte zum Verständnis könnten hier gerade nicht schaden.«
»Liam Deckert war muggelstämmig.«
»Eine Ausnahme?«
»Nein, aber er war bis zu seinem Ausscheiden aus dem Ministerium Mitarbeiter der magischen Strafverfolgungsbehörde und wollte morgen Abend mit mir essen gehen.«
In Severus Magen begann es zu kribbeln. So sehr er die Sache auch gern als Zufall oder notfalls auch Hirngespinst abtun würde, mehr und mehr teilte er Albus` Einschätzung, dass sich etwas zusammenbraute. »Sie glauben also, die Aussicht, mit Ihnen essen zu gehen hat zum Herzinfarkt geführt?«
Das erste Mal zuckte ein Lächeln über ihre ansonsten versteinerte Miene. »Ich würde diese Möglichkeit nicht vollkommen abtun, halte sie aber angesichts der weiteren Umstände für unwahrscheinlich.«
»Sie denken auch, dass Todesser dafür verantwortlich sind.« Eine Feststellung, auch gegründet auf dem Blick, mit dem sie ihn betrachtete.
Sie beugte sich ein wenig über den Tisch, verhakte die Hände ineinander und legte lächelnd den Kopf zur Seite. »Mr. Snape. Todesser morden aus Überzeugung. So krank ihre Ideale auch sein mögen, es sind ihre Ideale. Allein die Tatsache, dass Voldemort nicht mehr greifbar ist, ändert daran nichts. Ich war und bin der Meinung, dass sie sich nach wie vor organisieren, Verbrechen planen und ausführen. Um also Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich denke, dass Todesser für diese Toten verantwortlich sind und wenn ich Professor Dumbledores Andeutungen richtig interpretiere, kam es auch in der magischen Welt zu Morden und Entführungen.«
Severus folgte ihren Worten aufmerksam, konnte zwischenzeitlich jedoch nicht immer mit Sicherheit sagen, ob Mrs. Wilcox mit ›ihre‹ die Personalform bemühte oder ihn direkt ansprach. Ihr Blick ließ beide Interpretationen zu. Er sah aber auch keinen Sinn darin, dem auf den Grund zu gehen. »Denke für diese eindrucksvolle Darlegung ihrer Sicht der Dinge. Ich werde sie an Professor Dumbledore weitergeben.«
»Geben Sie ihm auch das hier.« Ihr Tonfall war nun wieder wie zuvor, ohne den Nachdruck, der sie die letzten Augenblicke begleitet hatte. Sie reichte ihm ein weiteres Blatt. »Hier sind alle Daten der Verstorbenen. Alter, Familienstand und Beruf. Sie waren alle - soweit noch im Berufsleben - in der Muggelwelt beschäftigt, ohne auf den ersten Blick erkennbare Verbindungen oder Parallelen.«
»Hatten sie alle Verbindungen zur magischen Welt oder zu Todesserkreisen?«
Ihre Augenbrauen wanderten nach oben. »Nun, sie sind tot, Mr. Snape. Das bringt den unglücklichen Umstand mit sich, dass sie nicht mehr sprechen können. Sie zu fragen, wäre aber die einzige Möglichkeit gewesen, dies innerhalb weniger Stunden herauszufinden.«
Mit Mühe unterdrückte Severus ein Schmunzeln.
»Ich würde vorschlagen, diese Namen erst einmal mit den Daten des Ministeriums abzugleichen. Am besten wendet sich Professor Dumbledore an Kingsley Shacklebolt.«
Severus nickte. »Ich bin sicher, der Professor weiß, was zu tun ist.«
Sie stand auf, ohne dabei eine Miene zu verziehen und verstaute ihre Blätter wieder in der Mappe und diese in ihrer Tasche. »Ja, davon gehe ich aus. Ich werde sehen, was ich noch in Erfahrung bringen kann und melde mich, sobald ich etwas weiß.«
Nachdem er aufgestanden war, griff Severus nach dem Mantel, der auf der Armlehne des Sofas lag und reichte ihn ihr. »Der Professor wird Ihre Hilfe zu schätzen wissen.«
»Oh ja, natürlich.« Sie lachte, schüttelte den Kopf und verließ den Raum.
Severus folgte ihr und faltete im Gehen das Stück Papier mit den Informationen zusammen, das er in der Brusttasche seines Hemdes verstaute.
»Auf Wiedersehen, Rhona!«
Doch ein wenig verwundert über die persönliche Verabschiedung Aberforths öffnete Severus der Frau die Tür. Noch mit der Überlegung beschäftigt, dass Mrs. Wilcox nicht den Eindruck erweckte, häufiger im Eberkopf zu verkehren, sah er den Blitz des Fluches zu spät. Sein ›Protego‹ bewahrte sie zwar davor, getroffen zu werden, konnte aber nicht verhindern, dass sie beide mit voller Wucht zurück in den Schankraum geschleudert wurden.
