03 Snapes Geheimnis

Nach eineinhalb Stunden in der Ecke fing Harry an sich zu fragen, wie lange er wohl jetzt in der Ecke stehen musste. Snape hatte gesagt, er würde den restlichen Tag in seiner Gesellschaft verbringen müssen, aber er meinte damit sicher nicht, dass Harry den Rest des Tages hier Wurzeln schlagen sollte.

Plötzlich ertönte Snapes Stimme „Mr. Potter würden sie sich bitte umdrehen? Ich möchte mit ihnen reden!"

Harry tat wie ihm geheißen und drehte sich zum Professor, wagte es aber nicht Snape in die Augen zu sehen. Zu sehr schämte er sich. Snape verdrehte die Augen. Harry sah in diesem Moment tatsächlich wie ein schuldbewusstes Kleinkind aus.

„Sehen Sie mich an!" sagte er schließlich.

Harry wimmerte leise, hob aber dann den Blick. Eine Weile sahen sie sich einfach nur an. Dann jedoch griff Professor Snape zu Harrys Aufsatz und fragte. „Wieso geben sie mir schon wieder so einen Mist ab?"

„Ich hab getan was ich konnte. Ich weiß nicht, was sie daran nicht mögen. Ich bin seit gestern Abend daran gesessen!" sagte Harry wütend und verzweifelt zugleich.

Snape schüttelte entnervt den Kopf. „So viel Zeit wäre nicht notwendig gewesen, um diesen Aufsatz zu schreiben. Wieso haben sie nicht das Buch verwendet, dass ich ihnen gegeben habe?"

„Da steht nur halb so viel drinnen über die Zutaten. Ich verstehe nicht was an den Buch besonders ist" sagte Harry und nun gewann die Verzweiflung über die Wut.

Snapes Augenbraue wanderte überrascht nach oben. „Sie schreiben in ihrem Aufsatz, dass sowohl die Alraune, als auch die Ovendusblüte die Wirkung haben, etwas Versteinertes wieder zum Leben zu erwecken. Und dann schreiben sie, dass beide Substanzen auch in einfachen Stärkungstränken vorkommen. Wie kommt es, dass sie so verschiedene Wirkungen haben können?"

„Das verstehe ich eben auch nicht!" gab Harry zu.

Nun ließ Snape den Kopf hängen. „Ihnen fehlt vollkommen das Basisverständnis für Zaubertränke. Wie kommt es, dass ich bei ihnen als Lehrer so versagt habe?"

„Weil sie immer nur auf mir herum hacken!" sagte Harry und nun kam wieder der Trotz zum Vorschein. „Gleich in der ersten Stunde in meinem ersten Jahr, haben sie mich runtergemacht! Und das nur, weil sie meinen Vater nicht ausstehen konnten."

Nun sah Snape den Jungen scharf an, „Lassen sie mich eines klar stellen. Ich habe sie nicht runtergemacht, wie sie das nennen. Ich habe ihnen bloß klar gemacht, dass ich sie nicht anders behandeln werde, als die anderen, egal wie berühmt sie sind. Das hatte absolut gar nichts mit ihrem Vater zu tun. Aber sie konnten es ja nicht lassen schon damals mir vorzuschreiben, wen ich dran nehmen sollte. Vielleicht hätte ich sie schon damals übers Knie legen sollen. Das hätte uns beiden viel Ärger erspart."

Harry öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch dann schloss er ihn wieder. Also fuhr Professor Snape fort. „Wie dem auch sei. Dieses Buch hätte ihre Arbeit an dem Aufsatz nicht nur verkürzt, sondern auch meine Erwartungen erfüllt!"

Harry sah verzweifelt drein, „Ich verstehe es aber nicht. Ich blick einfach nicht durch!"

Snape seufzte und deutete dann, dass Harry näher kommen sollte. Harry verließ seine sichere Ecke nur ungern und als Snape meinte, er solle sich setzen, zögerte Harry einen Moment. Schließlich schloss er die Augen und setzte sich vorsichtig hin. Sein Hintern tat nicht mehr weh. Erleichtert darüber sah Harry schließlich wieder zu Snape auf.

Dieser setzte sich mit dem Buch gegenüber von Harry hin und schlug es auf der ersten Seite auf. „Dieses Buch beschäftig sich nicht mit den einzelnen Zutaten, sondern wie ich ihnen gestern schon gesagt hatte, mit Kombinationen. Sie haben in ihrem Aufsatz die einzelnen Zutaten korrekt aufgelistet, doch anstatt stur aufzuzählen, was die einzelnen Zutaten bewirken, wäre es klüger gewesen darauf einzugehen, warum sie in verschiedenen Kombinationen verschieden wirken. Im Wiederbelebungstrank kommen Alraunen sowie Ovendusblüten hinein. Warum beides, mit der selben Wirkung?"

Harry zuckte mit den Schulter „Das hab ich mich auch schon gefragt!" gab er zu.

Snape schob Harry das Buch hin. „Dann sehen sie nach auf der Seite ‚Alraunen in Kombination mit Ovendusblüten'. Die richtige Seitenanzahl verrät ihnen das Inhaltsverzeichnis."

Harry suchte nach besagter Seite und fand sie. Dann sah er zum Professor auf.

„Lies!" sagte Snape.

Also begann Harry laut zu lesen: „Alraunen werden beim Wiederbelebungstrank immer mit Ovendusblüten kombiniert, da Alraunen in zu konzentrierter Form giftig werden. Ovendusblüten können die Wirkung der Alraune erhöhen, ohne Toxide frei zu setzen" erstaunt sah Harry auf.

„Diese, alles andere als unwichtige Tatsache, fehlt zum Beispiel in Ihrem Aufsatz!" erklärte der Professor.

Harry las weiter: „Bei der Zubereitung eines Wiederbelebungstrank, sollte man darauf achten das die Alraunen möglichst klein gewürfelt werden. Die beste Wirkung erzielt man, wenn die Würfelkanten etwa fünf Millimeter betragen. Sind sie kleiner, zerkochen sie zu schnell und die Wirkung nimmt ab. Sind sie größer brauchen sie zu lange zum kochen und die Wirkung der Ovendusblüten geht verloren. Anders sieht es beim Stärkungstrank aus. Hier sollten die Alraunen zu ein bis zwei Zentimeter dicken Würfeln geschnitten werden. Dafür sollte man sie nur auf kleiner Flamme kochen und die Ovendusblüten erst nach halber Kochzeit hinzufügen. Die niedrigere Temperatur beim Zerkochen ist wesentlich, um den Stärkungstrank nicht zu stark zu machen."

„Verstehen Sie jetzt, warum es mir nicht reicht, wenn Sie bloß die Wirkung der einzelnen Zutaten beschreiben? Wirkungen, die für die gefragten Zaubertränke nicht einmal relevant sind?"

Harry nickte stumm. Dieses Buch offenbarte ihm Geheimnisse, die er bisher nicht verstanden hatte.

„Es ist irgendwie wie beim grünen Tee" erinnerte sich Harry plötzlich. Auf Snape fragenden Blick hin fuhr er fort, „Wenn man den Teebeutel nur kurz hinein tut bei heißem Wasser, dann bekommt man eine Tee, der ein bisschen bitter schmeckt, einem aber ein wach rüttelt. Ist das Wasser jedoch kühler und man schüttet den Sud der ersten drei Minuten weg, dann entwickelt der Tee einen angenehmen leichten Geschmack und wirkt entspannend."

„Ich denke, das ist ein treffender Vergleich. Vielleicht schaffen Sie es ja jetzt, den Aufsatz so zu schreiben, wie ich es möchte!" sagte Snape und stand auf, um Pergament und Schreibfeder zu holen. Harry zögerte im ersten Moment, als Snape ihm die Feder hinhielt. Doch dann erinnerte er sich, dass Snape damit schon geschrieben hatte. Und als der Professor auch das Tintenfass herstellte, war Harry wieder beruhigt.

„Was war das denn?" fragte Snape verwundert.

„Gar nichts. Nur eine alte Erinnerung!" versuchte Harry das Thema schnell beiseite zu schieben. Er wollte jetzt ganz sicher nicht über Umbrigde reden. Doch der Professor ließ nicht so schnell locker. Er nahm Harrys rechte Hand und zog sie zu sich. Feine Linien auf Harrys Handrücken ließen die Worte „Ich soll keine Lügen erzählen!" erkennen.

„Mr. Potter. Wer-?"

„Umbrigde!" sagte Harry schnell und zog seine Hand wieder zu sich.

„Sie hätten etwas sagen sollen!"

„Ja, klar. Genauso wie ich hier herumrenne und jedem erzähle, dass sie mir den Hintern versohlen!"

„Das können sie doch nicht vergleichen. Blutschreibfedern sind illegal!"

„Und verhauen von sechzehn jährigen Schülern nicht?"

„Nicht wenn es der letzte Ausweg ist."

„Aber sie sind nicht mein Vater. Bei Muggeln dürfen Lehrer ihre Schüler nicht schlagen!"

„Es ist bei Zauberern nicht viel anders!" gestand Snape mit amüsiertem Blick.

„Aber... dann... ich verstehe nicht!" stammelte Harry verwirrt.

Professor Snape zögerte kurz aber dann seufzte er und sagte: „Ob sie es wahr haben wollen, oder nicht. Mein Hass auf James Potter beruht nicht nur auf seine unausstehliche Art. Er war mein Halbbruder!"

Harry starrte Snape an, als wenn ihm eine zweite Nase gewachsen wäre „Aber... dann sind Sie...?"

„Ihr Onkel, ja!" sagte Severus genervt.

„Wieso, sagten Sie das? Wieso jetzt?"

„Weil ich beschlossen habe, nicht mehr länger zu zusehen, wie Sie Ihr Leben ständig in Gefahr bringen durch unüberlegte und dumme Aktionen. Geschweige denn Ihr Benehmen mir gegenüber akzeptiere."

Harry schüttelte fassungslos den Kopf „Ich glaube ihnen nicht. Kein einziges Wort."

Snape zog die Schultern hoch „Es ist mir egal. Ich wollte Ihnen nur versichern, dass ich sehr wohl das Recht habe, Sie zu erziehen, sollte die Notwenigkeit bestehen. Da ich unter dem Zauberervolk Ihr nächster Verwandter bin, fällt mir von Gesetzeslage Ihre Erziehung zu. Was jedoch erst zu allgemeinem Wissen werden würde, wenn Sie eine Beschwerde über meine Methoden beim Ministerium einreichen würden. Was, wie ich annehme nicht unbedingt in Ihrem Interesse liegt."

„Und wieso musste ich dann mit diesen Muggeln aufwachsen?"

„Weil Dumbledore auf den Blutschutz Ihrer Mutter gesetzt hat und nicht auf das Blut Ihres Vaters. Und weil ich ohnehin weder Zeit, noch Interesse hatte, mich mit einem Baby herum zu schlagen. Mein Leben stand zu fraglichen Zeit Kopf und es war nicht sicher, ob ich nach Askaban kommen würde, oder nicht."

„Und wieso haben Sie mich dann nicht mit elf genommen?" fragte Harry vorwurfsvoll.

Nun zog Snape überrascht eine Augenbraue hoch. „Ich denke, ich bin immer noch zu weich mit Ihnen, wenn Sie mich Ihren anderen Verwandten vorziehen!"

„Nein, das ist es nicht. Onkel Vernon hat mich auch geschlagen. Allerdings ohne jeglichen Grund."

„Hm!" brummte Snape und dachte nach, schließlich meinte er, „Das erklärt so einiges."

„Heißt das jetzt eigentlich, ich muss nicht mehr zu den Dursleys zurück? Darf ich bei Ihnen bleiben?" fragte Harry mit hoffnungsvoller Stimme.

Ungläubig starre Snape den Jungen an. Das konnte Harry nicht ernst meinen, oder? „Sie wissen noch, was vor drei Stunden war?" fragte Snape völlig perplex.

Harry schluckte hart.

„Und dennoch fragten Sie mich das?"

Harry nickte.

„Ich werde es immer wieder tun, wenn es die Situation erfordert!"

Harry zuckte mit den Schultern.

„Ich war doch zu weich!" sagte der Professor zu sich.

„Nein!" versicherte Harry, „mein Hintern hat fast zwei Stunden gebraucht, um sich zu erholen! Und ich hoffe nicht, dass sich das all zu schnell wiederholt."

„Hm" Snape verstand es wirklich nicht. Wie konnte Harry wollen, dass er seine Fürsorge übernahm? Waren diese Muggeln wirklich noch schlimmer? Waren sie der Grund warum Harry keine Regeln beachten wollte? Strafen einstecken zu müssen, ohne etwas angestellt zu haben, würde Harrys Verhalten in den letzten Jahren jedenfalls erklären.

„Ich werde mit Albus darüber reden. Aber im Moment zählt nur Ihr Aufsatz!" schloss Snape das Thema ab.

Harry versuchte nicht all zu hoffnungsvoll drein zu schauen, als er das Buch zur Hand nahm und zu lesen begann.

Snape studierte den Jungen noch lange. Wie kam es so weit, dass er sein Geheimnis ausplauderte? Wieso fühlte er sich plötzlich so verantwortlich? Hatte er mit Harrys Disziplinierung eine Grenze überschritten? Hatte er damit für sich beschlossen, dass ihm der Junge nicht mehr egal war?

Es lag jetzt in seiner Hand den Jungen auf den richtigen Weg zu bringen und James Potter würde sich sicher im Grab umdrehen, wenn Snape Harry wirklich bei sich aufnehmen würde. Ein zufriedenes Lächeln umspielte Snapes Mund.

Ooooo

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Ich begrüße auch wirklich alle, die zu der Geschichte ihren Dampf ablassen wollen. Mir ist klar, dass der eine oder andere empört darüber ist, was ich hier schreibe, aber ich hab ja am Anfang gewarnt worum es hier geht und es ist eure Entscheidung die Story zu lesen oder nicht.