04 Überlegungen
„Harry, könnte ich dich kurz sprechen?" fragte Dumbledore zwei Tage später, als Harry gerade mit seinem Abendessen fertig wurde. Es war Montag und Harry hatte einen Haufen an Hausübungen vor sich. Nur widerwillig sagte er „okay!"
Sie gingen in Dumbledores Büro. Nachdem Harry im Besuchersessel Platz genommen hatte, setzte sich auch der Direktor und blickte Harry über den Rand seiner Halbmondbrille an. „Professor Snape hat mich darüber unterrichtet, dass er dich endlich über die familiären Beziehungen in Kenntnis gesetzt hat. Etwas, was er, meiner Meinung nach, schon viel früher hätte tun sollen, aber wie dem auch sei. Er hat mich des Weiteren gefragt, was ich davon halten würde, wenn er deine Fürsorge übernehmen würde und das kam in der Tat etwas überraschend für mich."
Prüfend sah Dumbledore Harry an. Doch dieser blickte nur erwartungsvoll dem Direktor entgegen. „Du willst das?" fragte nun Dumbledore verwundert.
„Ich will von den Durselys fort. Sirius hatte es mir angeboten…" Harry senkte den Blick und fügte bitter hinzu, „aber das geht ja jetzt nicht mehr!"
Eine kurze Pause entstand ehe Harry weiter sprach, „Wenn Professor Snape mir die Möglichkeit bietet, von den Dursleys fort zu kommen, dann will ich das."
„Aber Professor Snape? Ich hatte bisher das Gefühl, dass ihr euch nicht ausstehen könnt. Meinst du, du bist bei ihm wirklich besser dran?"
„Er ist mein Onkel!" verteidigte Harry seinen bis vor kurzem noch zutiefst gehassten Professor.
„Ich weiß, Harry, ich weiß. Aber das ist Mr Dursley auch! Und bevor ich hier zu irgendetwas zustimme, muss ich klären, ob es wirklich in euer beider Interesse liegt. Du gibst den Schutz deiner mütterlichen Linie auf, sobald du die Dursleys verlässt!"
„Das ist mir egal. Alles ist besser als die Dursleys!"
„Hm!" Dumbledore schien zu überlegen.
Harry wurde irgendwie wütend. Er hatte das Gefühl, als würde Dumbeldore verhindern wollen, dass Harry die Durselys verlässt.
„Denken Sie Professor Snape würde mich in einen Kasten sperren?" fragte er daher provokativ.
„Nein, wieso sollte er das tun?"
„Denken Sie Professor Snape würde meine Zaubereruntensilien in den Ferien wegpacken, damit ich keine Hausaufgaben machen kann?"
„Ganz sicher nicht, das wäre – "
„Denken Sie Professor Snape würde mich einen ganzen Tag hungern lassen, nur weil es ihm gerade so in den Sinn kommt?"
„Nein, das – "
„Denken Sie Professor Snape -?"
„Harry, Stop!"
Harry verstummte und versuchte seine Atmung wieder zu beruhigen.
„Wieso sollte Professor Snape irgendetwas davon tun, Harry?" fragte Dumbledore.
„Weil die Durselys das tun! Und wenn Snape das nicht macht, dann ist er auf alle Fälle besser, als die Durselys!" Harry versuchte überzeugend zu wirken, auch wenn ihm sein schmerzender Hintern nach Snapes Behandlung wieder einfiel.
„Wieso hast du nie etwas gesagt?" fragte nun Dumbledore erschrocken und verwirrt zu gleich.
„Ich hatte gefragt, ob ich über die Ferien in Hogwarts bleiben kann!" erinnerte Harry.
„Ja, aber von den Misshandlungen hast du nichts erwähnt!"
„Wozu? Sie haben gesagt, ich müsse da wieder hin. Es klang nicht so, als wenn ich eine Alternative gehabt hätte."
„Ich wollte, dass du in Sicherheit bist!"
„Tja, das war ich ja auch, nicht wahr?" fragte Harry sarkastisch.
„Harry, ich wusste davon nichts. Du hättest etwas sagen sollen!"
„Was hätten Sie dann gemacht? Mich zu den Weasleys gegeben? Mich doch in Hogwarts gelassen? Mich Fremden übergeben?"
„Das weiß ich nicht, aber ich hätte eine Lösung gefunden!"
„Nun, Professor Snape ist doch eine Lösung, oder nicht?"
Dumbledore zog eine Augenbraue hoch. „Ja, vielleicht. Professor Snape, hat selber eine harte Kindheit hinter sich. Vielleicht ist er eine Lösung. Du bist dir sicher, auf was du dich da einlässt?"
„JA!" rief Harry entschlossen, „Wieso glauben Sie mir denn nicht?"
„Weil mir euer Disput in der Großen Halle noch sehr gut in Erinnerung ist. Severus wirkte ziemlich außer sich. Und ich wundere mich immer noch, dass er dir den Kopf nicht an Ort und Stelle abgerissen hat."
„Nur das Ohr!" murmelte Harry, worauf er einen fragenden Blick von Dumbledore erntete.
„Ich weiß, Professor Snape ist streng. Ich weiß, es wird nicht einfach für mich. Aber wenn er seinen Zorn raus gelassen hat, dann ist schon beinahe nett. Ich darf ihm halt keinen Grund mehr geben, wütend auf mich zu werden. Und wenn er es doch wird… ich hab schon schlimmeres durch gestanden!" versicherte Harry.
Dumbledore schüttelte den Kopf. Auch wenn Harry es nicht beim Namen nannte, so war dem Direktor klar, was Severus mit Harry angestellt hatte. Umso mehr war er verwirrt, dass Harry dennoch so versessen darauf war, zu Professor Snape zu ziehen.
„Ich verstehe dich nicht, Harry!" gestand nun der Direktor, „Professor Snape wurde als Kind sehr oft geschlagen und auch wenn er es damals gehasst hat, so ist es die einzige Möglichkeit, die er kennt, um sich Respekt zu verschaffen. Wenn das stimmt, was du über die Dursleys sagst, dann ist Professor Snape nicht unbedingt besser!"
Harry biss sich auf die Unterlippe. „Es ist schwer zu erklären!" gestand er leise. „Aber nach den Strafen ist Professor Snape wie ausgewechselt. Bisher kannte ich nur seine abweisende, hassende Art. Aber ich habe jetzt eine andere Seite kennen gelernt. Ich habe das Gefühl, dass ich ihm nicht ganz egal bin. Ich hasse es auch, geschlagen zu werden, aber… wenn es der Preis ist, jemanden zu haben, mit dem man auch reden kann."
„Du kannst mit allen reden. Professor Mc Gonagall, Hagrid, mit mir. Ron, Hermine. Es gibt genug, die -"
„Das ist nicht dasselbe!" unterbrach Harry Dumbledore.
Dumbledore seufzte und rieb sich den Nasenrücken, wobei er die Brille dabei etwas verrutschte. Schließlich erklärte er: „Ich werde darüber nachdenken. Und du solltest das auch tun Harry! Reden wir in einem Monat noch einmal darüber!"
„Sie denken ich werde meine Meinung ändern?" fragte Harry verärgert.
„Ich denke, wir sollten uns alle mit der Idee anfreunden, ehe wir und auf vertragliche Basis begeben!" sagte Dumbledore und damit war das Gespräch beendet.
