06 Ein Schritt vor, zwei zurück

Ecke stehen war auch, wie Harry bald feststellte, eine ziemlich peinliche Strafe. Denn nach etwa fünfzehn Minuten ging die Tür zu Snapes Büro auf und Professor Mc Gonagall kam herein. Sie zog überrascht eine Augenbraue hoch, als sie Harry in der Ecke vorfand. Doch sie sagte kein Wort und überspielte ihre Überraschung geschickt. Harry lief rot an vor Scham. Ausgerechnet seine Hauslehrerin musste ihn dabei sehen.

Professor Snape folgte Professor Mc Gonagall kurz darauf auf den Gang, wo sie ein paar Worte wechselten, die Harry nicht verstehen konnte, egal wie angestrengt er seine Ohren spitzte.

Als Snape wieder zurück in den Raum kam, warf er Harry einen strengen Blick zu. Harry sah ihn fragend an. „Ich denke, die Regeln übers Eckestehen brauche ich nicht zu wiederholen, oder?" fragte Snape schließlich und Harry unterdrückte ein Grummeln, während er seinen Blick wieder auf die langweilige Wand vor seiner Nase richtete.

Doch wenn Harry geglaubt hatte, Mc Gonagalls Auftauchen, war ihm peinlich, dann musste er nun lernen, dass es noch peinlicher für ihn war, wenn ein Schüler den Raum betrat.

Ein Hufflepuff Schüler aus den zweiten Jahrgang kam herein, um einen Aufsatz abzugeben. Zuerst bemerkte er Harry nicht und für einen kurzen Augenblick glaubte Harry, er könnte unbemerkt bleiben. Immerhin war der Schüler ziemlich nervös und hielt seinen Blick stets gesenkt.

Doch als der Schüler sich umdrehte, um zu gehen fiel dessen Blick auf Harry. Mit aufgerissenen Augen starrte er Harry an, als wenn er ein Geist wäre. Harry winselte in seiner Ecke und flehte zu Merlin, unsichtbar zu werden. Doch er wurde es nicht und erst die Worte: „Mr. Clayton, sie können gehen!" konnten den Hufflepuff-Schüler dazu bewegen, Snapes Büro zu verlassen.

Sowie der Schüler gegangen war, drehte sich Harry zu Snape und sagte vorwurfsvoll: „Jetzt weiß es sicher gleich die ganze Schule, was du hier mit mir machst!"

„Das bezweifle ich" sagte Snape gelassen.

Ein Ton der Harrys Wut aufwallen ließ. „Hast du nicht sein Gesicht gesehen? Er müsste schon unter starken Gedächtnisverlust leiden, wenn er das, was er eben gesehen hat, je vergessen könnte."

„Er stand mit dem Rücken zu mir, wie hätte ich sein Gesicht sehen können? Und wenn ich mich recht erinnere, hättest du es auch nicht sehen können, hättest du dich an die Regel gehalten und deinen Blick in der Ecke gelassen!"

„Willst du mir jetzt etwa vorwerfen, dass ich mich umgedreht habe?"

„Hättest du es nicht getan, dann hätte er dich womöglich nicht einmal erkannt!"

„Das ist absurd!" rief Harry und stampfte frustriert auf „Du kannst mich nicht in die Ecke stellen und dann die Bürotür offen lassen! Da kannst du mich ja gleich in der Großen Halle Eckestehen lassen!"

„Was für eine brillante Idee. Vielleicht mache ich das ja beim nächste Mal!" sagte Snape und seine Stimme war inzwischen gefährlich ruhig geworden.

Harry schnaubte wütend. „Wieso behandelt du mich so? Ich keine vier Jahre mehr!"

„Mit deinem respektlosen Verhalten hast du dir diese Behandlung von mir selber eingehandelt. Und dein wütendes Stampfen zeugt nicht sehr davon, dass du älter als vier bist! Und ich rate dir, dich sofort zu beruhigen! Deine Strafe hat sich eben auf eine weitere Stunde erhöht."

„NEIN!" rief Harry bebend vor Zorn, „Ich habe genug davon. So lasse ich mich nicht behandeln. Du bist nur ein alter griesgrämiger Professor, der frustriert ist. Verkriechst dich in deinen Keller und bist ekelhaft zu jeden, der dir nicht in den Kram passt. Du glaubst, mit zwei funkelnden Augen alles zu erreichen. Aber ich fall nicht mehr drauf rein!"

Harry streckte Snape seine Zunge entgegen und rannte dann zur Tür.

Doch Harry hatte in seine Schimpftriade nicht gemerkt, dass diese bereits versiegelt wurde. Kräftig rüttelte er an der Schnalle. Als das nichts half, zog er seinen Zauberstab und versuchte es mit einem „Alohomora" doch auch das half nichts.

Ein schneidendes „Accio" ließ Harrys Zauberstab aus dessen Hand gleiten.

„Nein!" rief Harry verzweifelt und rüttelte erneut an der Türschnalle. Erst als Snapes Hand auf Harrys Schulter zu liegen kam, gab Harry auf. Tränen schossen in Harrys Augen während der Professor den Jungen zu sich umdrehte. Harrys Sicht war zu verschwommen, als dass er Snapes Blick hätte sehen können.

Willenlos ließ sich Harry zu dem Stuhl vor dem Schreibtisch führen und ein Druck auf seine Schulter ließ deutlich werden, dass er sich setzen sollte. Was Harry auch tat. Er schniefte und wischte sich schließlich seine Tränen weg.

„Dein Verhalten ist inakzeptabel!" begann Snape mit strenger Stimme. „Fünf Minuten hätte es noch gedauert und deine Strafe wäre aus gewesen."

„Eine bescheuerte Strafe!" grummelte Harry „Weißt du eigentlich, wie peinlich das ist?"

„Es ist eine Strafe und kein Gefallen, den du mir machst. Denkst du für mich ist es nicht peinlich, wenn du es in meinem Unterricht nichts schaffst dein Temperament zu beherrschen?"

Harry senkte den Blick, doch Snape nahm Harrys Kinn und zwang ihn wieder zu Augenkontakt. „Es wird Zeit, dass du Herr deiner Gefühle wirst. Und offensichtlich scheint die von mir gewählte Strafe ein sehr gutes Training für dich zu sein."

„Was für ein Training soll das sein, wenn du mich vor allen blamierst?"

„Denkst du wirklich es liegt im meinem Interesse, dass die gesamte Schule erfährt, was wir hier tun?"

„Aber… Professor Mc Gonagall und Clayton?"

„Keiner der beiden wird sich daran erinnern, was sie hier gesehen haben."

Nun wurden Harrys Augen groß. „Du…?"

„Ein einfacher Verwirrungszauber an der Türschwelle" erklärte Snape knapp.

„Das hättest du mir sagen sollen!" sagte Harry vorwurfsvoll.

„Hätte ich nicht. Und ich bereue es bereits, dass ich es jetzt gesagt habe. Dein Temperament braucht Kontrolle und du musst lernen dich zu beherrschen!"

Harry schlug die Augen nieder, als er zugeben musste, dass er damit in der Tat Probleme hatte. „Es tut mir Leid!" sagte er schließlich.

„Das ist zuwenig, Harry. Ich werde deine Erinnerung auffrischen müssen, bezüglich Ungehorsams."

„Nein!" Harry sah nun wieder auf, „Bitte nicht!"

„Es muss sein. Du hast mich beschimpft, du hast mir deine Zunge gezeigt und du hast dein Temperament gehen lassen. Drei Fehler auf die ich nur eine Antwort habe! Der einzige Grund warum du nicht schon über meinen Knien liegst, ist der, dass ich sicher gehen wollte, dass du weißt, warum ich es tue."

Nun stiegen erneut Tränen in Harrys Augen, doch es half nichts. Snape zog Harry aus dem Stuhl, um sich selber zu setzen. Kurz darauf fand sich Harry über Snapes Schoß wieder, sein Kopf knapp über dem Boden und sein Hintern viel zu weit oben. Harry hasst diese Position. Es gab ihm das Gefühl, tatsächlich erst vier zu sein.

Als der ersts Schlag kam, schnappte Harry erschrocken nach Luft. Er hatte gar nicht bemerkt, dass Snape Harrys Hosen entfernt hatte. Doch das beginnende Prickeln auf seiner Haut ließ keine Zweifel offen. Snape hatte sich von Harrys Tränen nicht im Geringsten beeinflussen lassen, und hat die volle Härte der Strafe gewählt.

Harry presste die Lippen fest zusammen, um zu verhindern, dass ein Laut über seine Lippen kam. Was nicht gerade leicht war, denn Snapes Hand kam mit ungnädiger Härte auf Harrys Hintern nieder.

Viel früher als sonst, begann sich Harry zu winden und Professor Snape musste seinen Griff festigten, um Harry zu fixieren. Snape wusste, dass es wehtat. Er hatte es oft genug selber gespürt, aber er wollte Harry wirklich deutlich spüren lassen, dass dieser sein Verhalten ändern musste. Und so ließ er nicht locker, selbst als Harry ein Schluchzen entkam.

Harry hingegen versuchte sich daran zu erinnerte, dass es bei Vernon immer mehr wehgetan haben musste. Immerhin hatte sein Onkel nicht mit der Hand, sondern mit Gürtel, Besenstielen und ähnlichen auf Harry eingedroschen. Es tat sicher mehr weh, als das was Snape tat. Und doch, schmerzte es Harry mehr, wenn Snape ihn verhaute. Die Dursels waren ihm egel, aber Snape nicht. Und wenn Snape ihn verhaute, dann hieß das, dass er den Mann wirklich enttäuscht hatte. Harry versuchte erneut frei zu kommen. Er wollte, dass es aufhört. Er wusste, dass Snape erst angefangen hatte, doch er wollte es nicht länger ertragen.

„Harry, hör auf damit, du machst es nur schlimmer!" sagte Snape und verdeutlichte seine Worte mit einen besonders gemeine Schlag auf Harrys Hintern, der Harry vollends in Tränen ausbrechen ließ.

„Es tut mir Leid, es tut mir Leid, es tut mir Leid. Bitte, hör auf!" heulte Harry.

„Du weißt, dass ich bestimme wann genug ist!" fragte Snape.

„Ja, ich weiß, ich weiß" jammerte Harry.

Drei Schläge später, stoppte Snape dennoch. Harry konnte sich nicht bewegen so sehr kämpfte er mit sich selbst. Er wollte nicht wie ein Kleinkind vor Snape heulen, aber er fühlte sich danach, der Tränenflut ihren Lauf zu lassen. Snape strich währenddessen Harry beruhigend über den Rücken. Nach einer Weile der Stille sagte Harry mit erstickter Stimme „Ich hasse es!"

„Das ist der Sinn der Sache!" erklärte Snape mit ruhiger Stimme.

„Es tut weh!" beklagte sich Harry

„Es muss wehtun. Der Schmerz soll dich davor abhalten, die nächste Dummheit zu begehen!"

„Es ist unmenschlich!" nuschelte Harry zurück.

„Vielleicht. Aber es ist die einzige Methode, die ich kenne!" gestand Professor Snape leise.

„Mein Dad hätte mich nicht geschlagen. Und Sirius hätte mich auch nicht geschlagen!"

„Dein Dad ist aber nicht hier. Vielleicht hätte er eine bessere Methode gefunden, dir Manieren beizubringen. Vielleicht hätte er gewusst, wie man dir beibringt dein Temperament zu beherrschen. Mein Dad hat es mir auf diese Weise gelehrt und so wirst du es jetzt von mir lernen."

„Ich will aber nicht so werden wie du!" erklärte Harry.

„Ach nein?"

„Du wäscht deine Haare nicht, du schüchterst Schüler ein und bist gemein zu allen, die du nicht ma… aaauuu!"

Harry hatte vergessen, dass er immer noch über Snapes Schoß lag und ein weiterer Schlag auf seinen Hintern erinnert Harry auch, dass seine Hosen noch fehlten.

„Vielleicht solltest du dir besser überlegen, was du sagst, so lange du in dieser Position bist!" schlug Snape vor.

Harry grummelte und richtete sich dann langsam auf. Zum Glück verdeckte sein Umhang seine Blöße bis Harry die Hosen wieder hochgezogen hatte. Es brannte seine Haut, als der Stoff seiner Hose die empfindlichen Stellen berührte. Sein ganzes Hinterteil pochte unangenehm.

„Dumbledore hat Recht. Ich sollte mir wirklich überlegen, ob ich zu dir will." gestand Harry.

„Tut das, Harry. Aber eins lass dir gesagt sein. So lange du in dieser Schule bist, werde ich da sein, und dich an deinen Ohren lang ziehen, wenn du dich nicht benimmst!"

„Das ist unfair. Früher hat es dich auch nicht interessiert, was ich mache. Da hast du dich damit zufrieden gegeben, mich im Unterricht zu quälen!"

„Das war früher. Ich habe jetzt lange genug zugesehen, wie du Jahr für Jahr die Regeln für dich zu Recht gebogen hast. Wenn Dumbledore es nicht schafft, dir einzubläuen, dass dein Handeln Konsequenzen hat, dann werde ich es eben jetzt tun!"

„Aber wieso ist dir das jetzt auf einmal so wichtig?"

„Hat es dir Spaß gemacht, Black zu verlieren?"

Harry starrte Snape entgeistert an. „Nein" sagte er schließlich und musste gegen erneut aufkommende Tränen kämpfen.

„Letztes Jahr sind leider viele Fehler passiert. Und dass du nicht mehr im Verbotenen Wald warst, als ich nach dir gesucht hatte, hatte mich wirklich in Panik versetzt."

„Was? Ich hab dich in Panik versetzt?" fragte Harry ungläubig.

„Du bist trotz allem mein Neffe und ich bin nicht bereit, dich zu verlieren. Schon gar nicht durch deine eigene Dummheit!"

Harry war verwirrt. In einem Satz sagte Snape, dass er sich Sorgen, um Harry macht und im nächsten beschimpft er Harry wieder. Schließlich ließ Harry die Schultern fallen. „Vielleicht brauche ja ich wirklich jemanden, der mir hilft am Weg zu bleiben!"

„Komm her!" sagte Snape schließlich.

Harry zögerte. Er konnte den Mann vor sich so schwer einschätzen. Doch schließlich setzten sich seine Beine in Bewegung, bis er vor Snape stand. Dieser legte Harry eine Hand auf die Schulter, sah den Jungen tief in die Augen und sagte:

„Ich würde gerne der ‚jemand' sein. Und mir ist egal, wie viel Zweifel Albus daran hat, ob ich das kann. Du weißt jetzt, was ich von dir erwarte und wie ich es handhabe damit du meinen Erwartungen entsprichst. Ich würde ein Auge auf dich werfen und dich beschützen, vor Gefahren und auch vor dir selbst. Wichtig ist nur, dass du dich auch führen lässt! Jede Strafe ist um sonst, wenn du nicht einsehen willst, dass du Fehler machst und dass du dich ändern musst. Daher musst du entscheiden, was du willst?"

Harry überlegte eine Weile, dann sagte er: „Ich möchte ein richtiges Zuhause. Einen Platz, wo ich hingehöre."

„Ich kann dir ein Zuhause geben."

„Das wäre schön!" gestand Harry leise.

„Soll das heißen du möchtest zu mir ziehen? Mich als deinen Vormund haben?" fragte Snape noch einmal nach.

Harry nickte.

„Auch wenn ich dich jeden Tag übers Knie legen muss?"

Harry senkte den Blick. Wieso musste Snape es ihm so schwer machen? „Du wirst mich nicht grundlos schlagen, oder?" fragte Harry schließlich.

„Nein. Nur wenn du dich gehen lässt, oder absichtlich ungehorsam bist!"

„Ich denke, wenn's sein muss, kann ich damit leben" sagte Harry schließlich zögerlich.

„Dann ziehen wir das durch. Ungeachtet dessen, was andere denken?"

Wieder nickte Harry. „Denkst du Dumbledore wird dem zustimmen?"

„Es ist mir egal, solange du damit einverstanden bist. Professor Dumbledore ist weder mein, noch dein Vormund. Als dein Onkel, habe ich wohl in dieser Sache mehr mitzureden, als der Direktor."

„Was passiert wenn ich nicht mehr einverstanden bin? Du hast gesagt, du ziehst mir so oder so die Ohren lang."

Professor Snape schmunzelte.

„Ich müsste also die Schule wechseln, wenn ich dir entkommen will?"

„Auf jeden Fall müsstest du zu den Dursleys zurück!" machte Snape darauf aufmerksam.

„Nein" sagte Harry schnell „Das will ich auf keinen Fall. Sie verstehen mich nicht. Sie hassen mich. Sie halten mich wie einen Hauselfen" flüsterte Harry niedergeschlagen.

„Da ist es ja gut, dass ich schon einen Hauself habe."

„Echt?" Harrys Augen wurden groß. „Ich würde dein Haus gerne mal sehen?"

„Das wird wohl frühestens zu Weihnachten möglich sein!"

„Wirklich? Du würdest mich mitnehmen? Mit mir Weihnachten feiern?"

„Davon war keine Rede. Ich feiere zu Weihnachten nicht!"

Harry machte eine enttäuschte Miene. „Warum nicht?"

„Weil ich es nicht ausstehen kann!"

„Nur weil du bisher niemanden hattest, mit dem du feiern konntest!"

„Woher willst du das wissen?"

„Ist es nicht so?" fragte Harry und grinste frech.

„Nein, es ist nicht so! Außerdem, wenn ich mich recht erinnere, habe ich dir eine weitere Stunde Eckestehen verhängt!"

„Du hast mir gerade den Hintern versohlt!" erinnerte Harry.

„Ja, wegen deinem Wutausbruch. Die weitere Stunde, war für dein unerlaubtes Herumblicken, während der Strafe!"

„Bist du Sadist, oder was?" fragte Harry empört.

„Harry, du stehst auf zu dünnen Eis, als dass du in der Lage wärst, mich zu beschimpfen!" warnte Snape.

„Gerade reden wir noch von Weihnachten und deinem Haus und von eine Sekunde auf die andere schickst du mich in die Ecke?" Harry verstand die Welt nicht mehr.

„Ja, weil das Thema jetzt beendet ist. Weihnachten ist erst in zwei Monaten."

„Aber…!" fing Harry an, verstummte jedoch sofort, als Snape zum Sessel ging, auf den er Harry eben noch versohlt hatte.

Snape nahm die Sessellehne des Stuhls, schnappte nach Harrys Ärmel und ging mit beiden auf die Ecke zu, in der Harry zuvor gestanden hatte. Dort stellte er den Sessel ab, zog Harry um den Sessel herum und zwang ihn schließlich sich zu setzen!

„Ahhhh!" keuchte Harry auf, als sein Allerwerteste in Kontakt mit den Stuhl kam. Doch sein Versuch sofort wieder aufzustehen, wurde verhindert, da Snape Harry an den Schultern festhielt.

„Eine Stunde. Und ich hoffe, dein schmerzender Hintern erinnert dich daran, meine Entscheidungen nicht in Frage zu stellen!"

„Du bist echt grausam!" stellte Harry fest.

„Ja, merke es dir!" Damit ging Snape wieder zu seinem Schreibtisch.

Harry war verwirrt und gekränkt. Er wünschte sich könnte stehen, sitzen war jetzt alles andere als komfortable. Er musste verrückt sein, wenn er sich einbildete, Snape würde je so was wie ein Vater werden. Er ist ein Sadist. Wie konnte er Harry dazu zwingen jetzt zu sitzen?

Wieso sagte Snape, dass Harry ihm wichtig war, wenn er so mit ihm umsprang? So ging man doch nicht mit Menschen um, die man mochte? Snape war so widersprüchlich. Harrys Gedankengänge verdüsterten sich, angesichts seines schmerzenden Hinterteils und er fragte sich, was sonst noch alles auf ihn zukommen würde wenn er sich dem Snape-Regime unterwerfen sollte? Wird er noch seine eigene Meinung haben dürfen? Bis jetzt wurde er immer bestraft, wenn er gesagt hatte, was er dachte.

Harry verstrickte sich immer tiefer in seine dunklen Gedanken und vergaß dabei völlig die Zeit. Umso überraschter war er, als Snapes Stimme durch den Raum schnitt „Die Stunde ist um!"

Harry stand wortlos auf und trug den Stuhl wieder zurück vor Snapes Schreibtisch. Gleichzeitig, versuchte er Snape Miene zu entschlüsseln, suchte nach Hinweisen, ob er wirklich diesen Mann vertrauen sollte, oder nicht?

„Was ist los, Harry?" fragte Snape schließlich.

„Ich möchte das doch nicht" entkam es Harry, ehe er sich bewusst wurde, was er sagte.

„Was möchtest du nicht?" erkundigte sich Snape.

Harry zögerte, er wusste nicht, ob er das, was ihm auf der Seele lag, wirklich aussprechen sollte. Doch dann gab er sich einen Ruck:

„Dass du diese Macht über mich hast!"

Professor Snape zog fragend eine Augenbraue hoch.

Harry fuhr fort: „Es stimmt nicht, dass ich wehrlos ausgeliefert bin. Ich kann zu Dumbledore gehen. Er würde nicht zulassen, dass du das mit mir machst, wenn ich es nicht will. Weißt du, jemanden zu bestrafen, weil er etwas Gefährliches getan hat, ist eine Sache. Jemanden zu bestrafen, weil er dich beleidigt hat, ist eine andere. Ich möchte nicht meine Freiheit aufgeben. Ich möchte mich nicht deinen Willen beugen und meinen eigenen dabei aufgeben müssen. Wenn ich dir wirklich wichtig bin, dann würdest du nicht so mit mir umgehen. Ich kann dich überhaupt nicht einschätzen. Von einer Sekunde auf die andere, wechselst du vom lieben Onkel zum bösen. Ich brauche bloß eine heikles Thema anschneiden und schon finde ich mich in der Ecke wieder. Wenn das hier funktionieren soll, dann musst du mich auch respektieren. Und zwar so wie ich bin. Du solltest mich leiten und nicht unterdrücken."

Mit diesen Worten verlies Harry Snapes Büro. Professor Snape blieb verdattert zurück. Hatte Harry ihm eben ins Gesicht gesagt, dass er als Onkel nichts taugt? Snape schüttelte verwirrt den Kopf. Harry war doch vor einer Stunde noch ganz versessen darauf mit Snape zu Weihnachten zu feiern? Wie konnte er so schnell die Meinung ändern? Snape grübelte. Normaler Weise wäre er jetzt stink sauer auf Harry, aber der Junge hatte seinen Einwand derart ruhig und gefasst vorgetragen, dass Snape nicht einmal böse auf ihn sein konnte.

Hatte Harry Recht? War Snape zu schnell vom Thema „Weihnachten" zu Thema „Strafe" gewechselt? Und er war er zu weit gegangen, Harry auf seinen schmerzenden Hinterteil sitzen zu lassen?

‚Ach Unsinn, Severus. Der Junge braucht eine harte Hand. Und du hast ihm die Regel ja erklärt. Sobald du eine Strafe ausgesprochen hast, muss sie durchgeführt werden, unabhängig davon, welche Strafen er zusätzlich bekommt. Auch wenn er nicht zu dir zu ziehen will, du kannst ihn immer noch bestrafen, wenn er Fehltritte macht!'

- Bestrafen. Ist das alles was ich kann? Harry für Fehltritte bestrafen?

‚Severus du bist ein stolzer Mann und niemand, hat das Recht, an deinem Stolz zu kratzen. Lehre dem Bengel dich zu respektieren!'

- Stimmte es, dass ich Harry gar nicht respektierte?

‚Du hast ihm den Mund verboten, sobald er frech geworden ist. Genau so, wie es dein Vater mit dir gemacht hat. Nur so kannst du dir deine Autorität erhalten!"

- Hab ich wirklich Harrys freien Willen genommen?

‚Du musstest dich auch dem Willen deines Vaters beugen. Hattest du etwa einen freien Willen? Nein!'

- Aber Harry ist nicht mein Sohn! Und ich will nicht dieselben Fehler machen wie mein Pseudo-Vater.

‚Du wirst weich, Severus! Dein Vater würde dir auf der Stelle den Hintern versohlen, wenn er dich jetzt so reden hören würde. Welchen Fehler hat er denn bei dir gemacht? Du bist ein gefürchteter Mann geworden. Du hast dir Respekt verschafft. Niemand kommt an dich heran!'

- Niemand möchte an mich heran kommen. Jeder fürchtet mich. Und ich fürchte mich vor jeden, der vielleicht näher an mich heran kommen könnte. Ich weise sie ab. Ich stoße sie zurück, bevor sie mir zu nahe kommen können. Harry will mich nicht und ich kann es ihm nicht einmal verübeln. Aber wie…? Wie sonst kann ich ihn daran hindern Fehler zu begehen, wenn nicht durch bestrafen? Und was kann einem seine Fehler deutlicher machen, als eine Salbe schmerzvoller Schläge auf den Hintern?

Severus verbarg sein Gesicht hinter seinen Händen. Er kannte keine andere Methode. Er kannte nur die Methode seines Stiefvaters. Und er hatte seinen Vater immer gefürchtet. Aber sollte Harry Severus auch fürchten? ‚Nein' flüsterte Severus zu sich.

Harry muss seine Emotionen in den Griff bekommen, ja. Aber nicht, weil Severus es so wollte, sondern, damit er gegen den Dunklen Lord eine Chance hatte. Das war doch der eigentliche Grund, warum Severus sich plötzlich für den Jungen verantwortlich fühlte.

Harry war letztes Jahr nur knapp mit seinen Leben davon gekommen. Und Severus war sich bewusst, dass er selber einen Teil der Schuld daran trug. Er hatte versagt, Harry Okklumentik beizubringen. Er hatte versagt, Harry zu erklären warum es so wichtig war. Er hatte sich immer und immer wieder von Harry provozieren lassen und sich in seinen Ärger hinein gesteigert, anstatt mit Harry endlich reinen Tisch zu machen. Es war so viel einfacher, auf Abstand zu bleiben.

‚Harry, was soll ich machen? Was soll ich bloß mit dir machen?'

ooo

Harry war überrascht, dass Professor Snape ihn hatte gehen lassen. Er war davon überzeugt, dass er sofort wieder bestraft werden würde. Er war sich anfangs nicht sicher, ob er das richtige getan hatte. Snape, war sein Ticket weg von den Dursleys. Aber auf kurioserweise brachte Snape Harrys Gefühlswelt in eine Achterbahnfahrt und das machte Harry einfach fertig. Er musste sagen, was er gesagt hatte. Denn er hatte das Gefühl, dass Professor Snape sich etwas zu sehr in seinen Erziehungstrip hinein steigerte.

Harry war keine vier mehr, er war sechzehn. Er hatte bis jetzt auch ganz gut alleine den Gefahren getrotzt. Ein bisschen Führung von einem Erwachsenen wäre nicht schlecht, das gestand sich Harry ein. Aber seine ganze Persönlichkeit umkrempeln, wollte Harry nicht. Wenn Snape mit seiner Art nicht umgehen konnte, war er letztendlich auch nicht besser, als Onkel Vernon. Diese Erkenntnis lies Harry abrupt stehen bleiben. Sollte Dumbledore in den Punkt auch Recht behalten?

Harry seufzte schweren Herzens, als er vor dem Portrait der fetten Dame zu stehen kam. Irgendwie hatte er gehofft, Snape würde ihn festhalten, würde sein Verhalten erklären, würde Harry versichern, dass er sehr wohl Harry mochte.

„Passwort?" fragte die fette Dame etwas genervt.

Harry sah sie an, als wüsste er nicht, was sie wollte. Doch schließlich nannte er das Passwort und betrat den Gemeinschaftsraum.

„Harry!" rief Hermine und kam auf ihn zu.

„Hast du meinet wegen Schwierigkeiten bekommen?" erkundigte sich Ron, der nun ebenfalls aufsprang.

„Nein, nicht deinetwegen!" sagte Harry matt.

„Diese alte Fledermaus führt sich auf, als gehöre ihm der Laden hier!" schimpfte Ron und erntete kurz darauf einen mahnenden Blick seitens Hermine.

„Ron, wenn du versuchst mich auf zu heitern, dann lass es. Es wird dir nicht gelingen!" antwortete Harry.

„Wieso? Was hat er mit dir gemacht?" fragte Ron

„Darüber will ich nicht reden!" machte Harry klar.

„Er hat doch nichts verbotenes gemacht?" fragte nun Hermine besorgt.

„Nein!" sagte Harry schnell. Vielleicht zu schnell, denn Hermines Sorgenfalte wurde steiler.

„Du würdest es und doch sagen, oder? Nicht dass, dasselbe passiert wie mit Umbrigde."

Harry schmunzelte leicht, „Es ist nur Snape!" sagte er, „Dumbledore hätte ihn schon längst rausgeworfen, wenn er etwas illegales machen würde!"

Diese Aussage beruhigte Hermine wieder. Ron jedoch warf Harry weiterhin besorgte Blicke zu.