Emotionaler Tiefpunkt

Am Samstag Morgen war Harry schon früh wach. Er konnte nicht mehr schlafen, also beschloss er aufzustehen. Er war der erste in der großen Halle und es war ihm auch ganz recht. Er fühlte sich innerlich so ausgelaugt. Seufzend griff er nach einem Toast und knabberte an der trockenen Scheibe herum.

„Guten Morgen, Harry!" rief Dumbledore fröhlich, als er die große Halle betrat. „Arthur wird sich mit uns im Ligusterweg treffen. Und? Schon aufgeregt?"

Harry nickte. Sein Mund war so trocken, dass er sicher kein Wort heraus gebracht hätte. Schließlich gab er sich einen Ruck, griff nach dem Kürbissaft und versuchte seine Innere Unruhe zu überspielen.

Ooo

Um Punkt zehn Uhr machte es leise „plopp" und drei Gestalten materialisierten sich im Blickschutz einer Hecke im Ligusterweg. Harry war inzwischen so nervös, dass er seinen gehetzten Blick nicht mehr länger verbergen konnte.

„Es gibt immer noch einen Weg zurück, wenn du doch nicht willst!" bemerkte Severus ein wenig besorgt.

„Doch! Ich will!" sagte Harry und atmete ein paar mal tief durch. In seinem Blick spiegelten sich quälende Schuldkomplexe.

Severus konnte nicht ganz verstehen, warum es Harry so schwer fiel. Wenn das alles stimmte, was Harry über seine Verwandten erzählt hatte, dann musste er sich jetzt doch freuen, oder nicht? Stattdessen machte er sich Vorwürfe. ‚Was haben die mit dem Jungen angestellt?' fragte sich Severus.

Kaum zwei Minuten später erschien auch Mr. Weasley. „Guten Morgen, Albus, Severus, Harry. Ich muss zugeben ich war etwas überrascht, als mich Albus gefragt hat, ob ich als Zeuge mitgehen würde" gestand er, dann fuhr er fort, „aber ich fühl mich geehrt, dass ihr damit an mich gedacht habt!"

Als sie vor der Einganstür zu Harrys Onkel und Tante standen, legte Severus einen Arm auf Harrys Schulter. Eigentlich wollte er damit Harry Mut geben. Doch der Junge zuckte erschrocken zusammen. Harry ärgerte sich über seine Reaktion, aber er konnte es nicht verhindern. Schließlich läutete Albus an der Klingel.

Eine Weile passierte gar nichts. Doch dann konnte man die schlurfenden Schritte von Onkel Vernon hören bis schließlich die Tür barsch aufgerissen wurde.

Vernon Dursley erstarrte. Sein Gesicht wechselte zwischen Zorn und Panik hin und her, doch dann siegte der Zorn, „Was gibt es, das man nicht einmal an einem Wochenende seine Ruhe hat!"

Harry schrumpfte ein paar Zentimeter. Er hatte sich so viele Sorgen um Tante Petunia und ihre Reaktion gemacht, dass er Onkel Vernon ganz vergessen hatte.

„Wir hätten gerne ein paar Worte mit Mrs. Dursley gesprochen. Es geht um Harrys Zukunft!" sagte Dumbledore mit höflicher Stimme.

Vernons Blick wanderte von Dumbledore zu Professor Snape, dann zu Mr. Weasley - der Mr. Dursley ebenfalls freundlich grüßte - und schließlich zu Harry.

„Was hast du diesmal angestellt? Haben sie dich von der Schule geworfen?" fragte er wütend.

Harry konnte sehen wie sehr sich Onkel Vernon zusammenreißen musste, um Harry nicht sofort am Hemd zu packen. Instinktiv machte Harry einen Schritt zurück verschwand somit fast hinter Professor Snape. Severus richtete sich nun ebenfalls zur vollen Größe auf und seine Aura sprühte förmlich drohende Warnungen aus. ‚Wag es ja nicht, ihm zu nahe zu kommen'

„Wer ist da?" ertönte nun die Stimme von Harrys Tante, die wenig später neben ihren Mann trat und die Gruppe von Zauberern skeptisch betrachtete.

„Guten Morgen! Mrs. Dursley. Wir bräuchten nur ein paar Minuten ihrer geschätzten Zeit" sagte Dumbledore mit beinahe schon übertriebenen Freundlichkeit.

„Ich fahre zum Supermarkt" beschloss Vernon, krallte sich seinen Mantel und die Autoschlüsseln und ging schließlich der ganzen Konfrontation aus dem Weg.

Tante Petunia ließ die ungebetenen Gäste herein und wollte gerade einen Tee aufstellen, als Dumbleodre meinte. „Machen sie sich keine Mühe unsretwegen" und im Nu tauchte aus dem Nichts eine Kanne mit dampfenden Tee und fünf Tassen auf.

Mrs. Dursley Lippen wurden schmal, doch sie sagte nichts, sondern setzte sich auf den leeren Platz auf dem Sofa.

„Und um was geht es jetzt?" fragte sie etwas gepresst.

„Ah ja, Professor Snape hat Harry die Möglichkeit eingeräumt, bei ihm einzuziehen. Um jedoch das Ganze legal zu machen, bräuchten wir Ihre Unterschrift, mit der Sie Ihr Einverständnis geben, dass Harry von nun an bei Professor Snape lebt" erklärte Dumbledore.

Stille. Tante Petunia starrte eine Weile auf das Papier, dass Dumbledore während seiner kurzen Erklärung auf den Tisch gelegt hatte. Dann sah sie auf und musterte Professor Snape. Schließlich blickte sie zu Harry. Doch dann wandte sie sich wieder an Dumbledore und fragte: „Und der Blutschutz?"

Dumbledore seufzte: „Er wird seine Wirkung verlieren. Doch Harry und Severus sind bereit, das Risiko zu tragen!"

Wieder Stille. Wieder sah Petunia eine Weile auf die Adoptionspapiere und dann zu Harry.

„So dankst du es uns? Sind wir etwa nicht mehr gut genug für dich?" fing sie an mit giftiger Stimme.

Harry starrte sie erschrocken an. „Ich..."

Doch Petunia fuhr fort „Jahrelang haben wir die Gefahr auf uns genommen, die deine Anwesenheit hier mit sich gebracht hatte. Wir haben dir eine anständige Ausbildung zukommen lassen. Wir haben dir zu essen gegeben, wir haben dir Kleider gegeben und ein Dach über den Kopf. Wir haben dich hier wohnen lassen, damit dein Leben geschützt ist und jetzt willst du einfach gehen?"

„Ich..." fing Harry erneut an, doch wieder wurde er unterbrochen.

„Was hast du den Leuten hier erzählt? Das wir dich bestraft haben, wenn du was angestellt hast? Wenn du wieder einen deiner magischen Tricks mit uns gespielt hast? Keiner hätte dich so lange unter seinem Dach leben lassen, bei all den Sachen, die du angestellt hast. Aber wir mussten. Wegen diesen bescheuerten Blutschutz! ‚Nur so ist er in Sicherheit' hat es geheißen. ‚Es ist der einzige Weg' hat man uns gesagt. Und jetzt tauchst du hier auf und willst mir erzählen, dass es eine andere Möglichkeit gibt? Dass du nicht mehr länger unseren Schutz haben möchtest? Und wir sollen das einfach so hinnehmen?

Weißt du eigentlich, wie sehr wir uns immer eine alternative Möglichkeit gewünscht hatten? Du warst nicht glücklich mit uns und wir nicht mit dir. Dennoch bist du jeden Sommer hergekommen und hast unser Leben auf den Kopf gestellt. Hast Tante Madga aufgeblasen, hast Dudley in Gefahr gebracht, hast in der Nacht herum geschrieen wie ein Irrer. Und jetzt legst du uns das da vor die Nase?" mit Abscheu deutete Tante Petunia auf die Adoptionspapiere.

Harry war den Tränen nahe. Doch bevor er etwas sagen konnte, schaltete sich Professor Snape ein, der vor Zorn beinahe platzte.

„Ich denke, es reicht jetzt! Ihr habt Harry vielleicht hier wohnen lassen, aber ein Zuhause habt ihr ihm nicht gegeben. Ein eigenes Zimmer hat er erst bekommen, nachdem ihr bemerkt habt, dass die Zaubererwelt noch von Harrys Existenz wusste. Und mehrere Tage ohne Essen einsperren ist auch keine normale Art einen Kind zu bestrafen. Egal was Harry angestellt haben soll, Ihr hattet nicht das Recht ihm seine Grundrechte zu rauben.

Harry ist ein Mensch, der schnell und leicht vergibt. Ein freundliches Wort von Eurer Seite hätte genügt und Harry hätte sich dankbar gezeigt. Stattdessen habt Ihr in immer neben Euch sitzen lassen und nie Teil der Familie lassen werden. So etwas einer Kinderseele anzutun ist grauenhaft und unmenschlich!

Und ihr wusstet dass Harry ein Zauberer ist. Hättet Ihr es ihm erklärt, als er zum ersten Mal versehentlich gezaubert hat, hätte er auch lernen können, damit umzugehen. Stattdessen habt ihr ihm eingeredet, dass es keine Magie gibt, obwohl all diese unerklärlichen Sachen passiert sind. Damit habt ihr euch von Anfang an jegliche Art des Vertrauens zerstört, dass Harry vielleicht in euch hätte haben können. Wodurch Harry natürlich auch nicht auf euch gehört hatte.

Er war alleine. Vom Anfang an. Er hat gelernt nicht auf Erwachsene zu hören, da die ihm offensichtlich auch nicht erklären konnten, was mit ihm passierte. Harry ist immer noch alleine und man merkt auch jetzt noch, dass er im Zweifelsfall nicht auf Erwachsene hört, sondern lieber nur auf sich selbst. Was jedoch extrem gefährlich ist, weil es eben Situationen gibt, die er alleine nicht bewältigen kann.

Er braucht das Vertrauen in Erwachsene. Gerade jetzt ist es wichtig für ihn dieses Vertrauen aufzubauen. Können Sie über Ihren Schatten springen und mit Harry eine Vertrauensbasis aufbauen?"

Mrs. Dursley sah Professor Snape entgeistert an. Aber sie war nicht die einzige. Sowohl Albus, Arthur als auch Harry sahen Severus erstaunt an. Keiner war auf so eine Rede von seitens Snape vorbereitet gewesen.

„Na schön!" schnappte Mrs. Dursley schließlich „Na schön. Ihr könnt ihn haben! Ich brauch mir so was nicht bieten zu lassen. Ihr seid allesamt ein undankbares Volk. Ich bin froh, wenn ich nichts mehr mit euch und euren bescheuerten Prophezeiungen zu tun habe! Es ist mir egal was aus ihm wird. Soll mir recht sein, wenn er den Blutschutz nicht länger braucht. Haben wir endlich unserer Ruhe..." weiter vor sich hin schimpfend riss sie die Papiere an sich und setze ihre Unterschrift auf die vorgesehene Linie.

Danach unterschrieb Severus und gab seine Feder gleich Harry weiter. Harry zögerte kurz und sah zu Tante Petunia auf. Doch diese hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah Harry kalt und verachtend an. Harrys Herz krampfte sich zusammen. Dann sah er zu Severus. Er blickte den Jungen aufmunternd entgegen. Harry atmete tief durch und unterschrieb schließlich. Mit jeden Bogen seiner Unterschrift breitete sich Unsicherheit in ihm aus. Was wusste Harry schon über Snape? Worauf ließ er sich da ein? Bei den Dursleys wusste er woran er war, auch wenn er nicht glücklich war, so war der Hass der Dursleys ihm gegenüber eine der wenigen Konstanten in seinen Leben. Snape hingegen war immer noch von einer Sekunde auf die andere so anders. Er reagiert ständig unerwartet. War es wirklich das Richtige?

Als schließlich noch Mr Weasley und Dumbledore unterschrieben hatten, schoss nur mehr ein Satz durch Harrys Kopf ‚Es ist zu spät'

Severus wunderte sich, als er bemerkte, dass Harry immer noch gehetzt aussah. Er hatte gehofft, mit der Unterschrift der Adoptionspapiere, würde Harry Anspannung abfallen. Stattdessen hatte sie offensichtlich noch zugenommen.

Schweigend brachte Mrs. Dursley die Gruppe zu Tür. Sie beobachtete wie der Trupp über den schmalen Weg durch den Garten marschierten.

„Und Harry!" rief sie plötzlich „Glaube ja nicht, dass du je wieder Fuß über diese Schwelle setzen kannst! Auf nimmer Wiedersehen!"

Mit einem Knall flog die Tür ins Schloss. Harry starrte die Tür fassungslos an, dann brach er zusammen und fiel zu Boden. Den Kopf vergrub er zwischen seinen Armen. Kein Laut war zu hören, doch Harrys Schultern zuckten und verrieten, dass er weinte. Severus zog den Zauberstab und wollte zurück gehen, doch Albus hielt ihm am Ärmel zurück.

„Lass es gut sein, Severus. Kümmere dich um Harry. Er braucht dich jetzt mehr als alles andere!"

Mit einem letzten wütenden Blick ließ Severus widerwillig seinen Zauberstab wieder verschwinden und kniete sich zu Harry ins Gras. Der Junge sah aus wie ein Häuflein Elend. Sein Kopf war unter seinen Armen versteckt und seine Finger fest in seine Haare gekrallt. Ein leiser Schluchzer folgte dem anderen und es schien, als ob Harry sich gar nicht mehr beruhigen wollte.

Zuerst strich Severus Harry über den Rücken und sprach beruhigende Worte. Doch das half gar nichts. Die Schluchzer wurden nur lauter.

Dann löste Severus Harrys krampfhaften Griff in den Haaren und zog den Jungen in eine Umarmung. Harry krallte sich an das nächst beste, das er finden konnte und das war Severus Umhang. Dann vergrub er sein Gesicht in Severus Brust. Aber er konnte nicht aufhören zu heulten. Es war einfach alles zuviel.

Ein wenig verunsichert sah Severus auf. Doch Arthur und Albus standen nur da und sahen zu. Offensichtlich hatte keiner der beiden einen Rat für ihn. Da beschloss Severus, dass es das beste war, möglichst schnell von hier zu verschwinden. Er nahm Harry unter den Knien und am Rücken und stand mit ihm auf. Der Junge rollte sich zu einem kleinen Ball zusammen und sein Griff an Severus Umhang festigte sich noch mehr. Instinktiv drückte Severus Harry fester an sich.

„Er ist ein einziger emotionaler Scherbenhaufen!" sagte Severus wütend und sah noch ein allerletztes Mal zu dem Haus im Ligusterweg Nummer 4. Dann verschwand die Szenerie und wurde durch die vertrauten Gegenstände in Albus Büro ausgetauscht. Noch bevor Dumbledore irgendetwas sagen konnte. Rauschte Severus davon.

Es war ihm egal, wie viele Schüler ihn mit dem Knäuel Stoff, das Harry darstellte, sahen auf seinem Weg in seine Privaträume. Er hatte nur Augen für Harry, der schließlich unter der emotionalen Überbelastung eingeschlafen war. Nachdem er Harry auf sein Bett gelegt hatte, ging er zum Fenster und starrte hinaus. Er kochte immer noch vor Wut über Harrys Verwandte, denen offensichtlich nicht klar war, was sie angerichtet hatten. Die nach wie vor überzeugt waren, immer alles richtig gemacht zu haben.

Er hasste Dumbledore dafür, dass er Harry dort hat aufwachsen lassen, aber auch dafür, dass er, Severus, es den Dursleys nicht heimzahlen durfte. Severus wusste tausend qualvolle Flüche, mit denen er sich hätte rächen können. Aber womöglich war es Harry gar nicht Recht? Irgendwo mochte er seine Verwandten ja doch, sonst wäre er nicht so hin und her gerissen. Sonst hätte ihn das alles nicht so mitgenommen.

Severus schüttelte den Kopf. Dann wandte er den Blick vom Fenster ab und sah zu Harry. ‚Wie kann man einem Kind nur so etwas antun?'