So, rechtzeitig zum Wochenende, noch ein Chapi. Ich habe ja gesagt, ich habe einiges zu posten. Ich hoffe nur, ihr dreht mir nach diesem Kapitel nicht den Hals um. Ich war selber erstaunt, als ich zu dieser Idee gekommen bin, aber mir hat sie dann letzendlich doch gefallen.
Strafe, oder Hilfe?
Als Harry am nächsten Morgen aufwachte, fehlte ihm im ersten Moment die Orientierung. Sein Blick wanderte durch den Raum, bis er an einer Figur hängen blieb, die in einem Lehnstuhl neben dem Kamin saß und dessen Kopf weit bis zur Brust gefallen war. Severus. Harry fragte sich wieso er hier war und wieso Snape ihn in seinem Bett schlafen ließ und selbst nur den Lehnstuhl beanspruchte.
Doch als seine Erinnerung wieder einsetzte, war Harry mit einem Schlag hellwach. „Ich muss hier weg!" murmelte Harry. ‚Ich kann Snape nicht auch noch in Gefahr bringen!'
Schnell befreite sich Harry von der Decke und ließ sich aus dem Bett gleiten. Als seine Füße Kontakt mit dem kalten Boden machten, merkte Harry, dass er keine Schuhe anhatte. Panisch suchte er den Raum ab und fand seine Schuhe schließlich vor dem Kamin, gerade mal einen Meter von Snape entfernt.
Vorsichtig schlich sich Harry näher. Er wollte nicht riskieren Snape zu wecken. Doch der Mann, der sein Leben als Spion gefristet hatte, hatte keinen besonders tiefen Schlaf, oder einfach zu feine Antennen, jedenfalls öffnete er die Augen in dem Moment, als Harry nach seinen Schuhen griff.
„Wo willst du hin?" fragte Snape.
Unschlüssig richtete sich Harry auf und drückte seine Schuhe an sich. Er bewunderte Snape insgeheim dafür, sofort wach zu sein. Harry brauchte nach dem Schlaf immer mindestens fünf Minuten, bis er wusste, wer er war. Doch in diesem Moment verfluchte er Severus für diese Eigenschaft. Er strafte seinen Rücken und sagte schlicht „weg!"
„Und wie genau definiert sich ‚weg'?" fragte Severus ruhig.
„Weg von dir, weg von meinen Freunden, weg von allen, die mir etwas bedeuten! Jeder der mir zu nahe kommt, wird sterben!"
„Darf ich dich daran erinnern, dass du nicht bei den Dursleys, sondern weit weg warst, als sie angegriffen wurden!"
Harry warf Severus einen wütenden Blick zu.
„Ich werde nicht zulassen, dass noch jemand meinetwegen stirbt!"
„Harry, hör auf Unsinn zu reden!" sagte Severus ungewöhnlich sanft.
„Ich rede keinen Unsinn! Cedric ist gestorben, weil er mit mir gemeinsam den Pokal genommen hat, auf meinem Wunsch hin! Sirius ist tot, weil er mich retten musste und jetzt, jetzt sind die Dursleys tot, weil sie die Bürde auf sich genommen haben, mich groß zu ziehen. Weißt du, sie haben immer gewusst, dass das passieren könnte, ich schätze sie haben mich deswegen nicht ihn ihr Herz geschlossen. Wer will jemanden schon lieben, der einem den Tod bringen kann!"
Severus war aufgesprungen und warf nun Harry einen strengen Blick zu.
„Cedric Diggory ist gestorben, weil Barty Crouch Junior aus dem Pokal einen Portschlüssel gemacht hatte und weil Voldemort ihn getötet hatte. Black ist gestorben, weil er sein Gefängnis im Haus seiner Mutter nicht mehr länger ausgehalten hatte und weil er im Kampf unvorsichtig war und hochmütig war und, weil er im Kampf das Gleichgewicht verloren hatte. Was die Dursleys angeht... Ich bezweifle, dass einer von ihnen soweit gedacht hatte, dass ein Zauberer ihnen wirklich zur Gefahr werden könnte, anderenfalls hätten sie dich mit mehr Respekt behandelt. Und wenn du es so genau wissen willst: Ich liebe dich!"
Harry zuckte bei der schwere dieser Worte zusammen. Es war immer noch ungewöhnlich diese Worte von Snape zu hören.
„Aber gerade deswegen sollte ich gehen. Um dich nicht länger der Gefahr-" Harry wurde unterbrochen, als Snape den Jungen am Oberarm packte und sein Gesicht plötzlich nur wenige Zentimeter von Harry entfernt war.
„Mein Leben war schon lange vor deiner Zeit Gefahren ausgesetzt. Inzwischen bin ich auf Voldemort Liste genauso hoch oben wie du. Genau genommen bringe ich dich ebenfalls in Gefahr, aber lass mich eines klar stellen: es ist mir egal, wie sehr mein Leben in Gefahr ist, weil es nicht wichtig ist, wie lange ich lebe, sondern wie ich diese Welt verlasse, wenn es soweit sein sollte."
„Aber-" setzte Harry noch mal an, doch er wurde erneut unterbrochen.
„Kein ‚aber'! Du bleibst hier!" und mit diesen Worten riss Severus Harry die Schuhe aus den Händen und warf sie hinter sich zu Boden.
Harry schluckte. So wütend hatte er seinen Onkel schon lange nicht mehr gesehen.
„Und jetzt setz dich und erkläre mir, welcher Teufel dich geritten hat in den Verbotenen Wald zu laufen, während es schon stock dunkel draußen war! Ich dachte, du willst mein Leben nicht unnötig in Gefahr bringen. Dein gestriges Handeln jedoch hat unser beider Leben in Gefahr gebracht."
Harry ließ sich grummelnd in den großen Lehnstuhl fallen, in dem Snape eben noch geschlafen hatte und starrte in das Feuer im Kamin.
„Ich habe dich nicht darum gebeten mir nach zu laufen!" sagte Harry trotzig.
Ein gefährlich drohendes Glühen tauchte in Snapes Augen auf. Er ballte seine Hände zusammen und versuchte seinen aufkeimenden Zorn wieder hinunter zu schlucken. Harry bemerkte davon nichts, da er immer noch ins Feuer starrte.
„Was hast du denn gedacht, was ich tun würde? Warten ob du wieder zurückkommst. Darauf wetten, ob du den Rückweg von alleine wieder findest. Oder raten, welcher Waldbewohner dich bei lebendigen Leibe verspeisen wird?"
Harry zuckte nur mit den Schultern.
„Hast du überhaupt eine Ahnung, wie viele Kreaturen in diesen Wald leben?"
„Mannsgroße Spinnen, Zentauren, Einhörner, Werwölfe – zumindest glaubt das Draco - ein Riese... obwohl ich weiß gar nicht ob Grawp noch da ist. Muss mal Hagrid fragen" redete Harry gelangweilt vor sich hin, ohne seinen Worten Beachtung zu schenken.
„Wie bitte? Grawp? Woher kennst du Grawp?"
„Ist doch egal. Bis jetzt bin ich immer aus dem Wald gekommen! Mehr oder weniger heil." Letztere Worte waren nur leise gemurmelt, aber Snape hörte sie trotzdem und Harrys gleichgültige Haltung machte ihn rasend vor Wut.
„Wie oft...?" begann Severus die Frage, doch der Zorn verschlug ihm die Stimme.
„... ich schon im Wald war? Keine Ahnung. Im ersten Schuljahr hatte ich meine Strafarbeit dort. Wir waren mit Hagrid im Wald und haben nach dem verletzten Einhorn gesucht. Im zweiten Schuljahr sind wir den Spinnen gefolgt, um Aragok zu finden, Hagrids Riesenspinne. Die war gute drei Meter groß, ihre Kinder waren kleiner, aber trotzdem waren ihre Beißwerkzeuge etwa so groß wie Säbeln. Im dritten Schuljahr haben wir uns mit Buckbeak dort versteckt, bis wir Sirius befreien konnten. Im vierten Schuljahr hat mir Hagrid die Drachen gezeigt, die im Wald versteckt waren und letztes Jahr war ich mindestens drei Mal im Wald. Nein, öfter! Hadrig hat ja auch eine Unterrichtsstunde da hinein verlegt, um die Thestrale zu zeigen. Hagrid hat uns Grawp vorgestellt und uns gebeten ihm Gesellschaft zu leisten, wenn er nicht da ist und dann mit Umbridge noch mal. Wir haben sie in den Wald gelotst, um aus ihren Klauen zu kommen, was mit Hilfe der Zentauren und Grawp auch gelungen ist. Also gut siebenmal. Mit gestern achtmal."
Nachdem Harry seinen Report beendet hatte, trat Stille ein. Harry nahm es gleichgültig hin. Er blickte immer noch in die Flammen, um an nichts anderes denken zu müssen. Severus hingegen kämpfte mit sich selbst. Er wusste gar nicht, auf wen er aller wütend sein sollte. Zum einem konnte er nicht verstehen, wie man Kinder im ersten Schuljahr Strafarbeit in einem verbotenen Wald verrichten lassen konnte, wo doch das Betreten des Waldes ebenso ein Regelbruch war und zum andern verspürte er große Lust Hagrid den Hals umzudrehen. Zu dumm, dass dieser viel größer war, als Severus.
Aber am meisten ärgerte es ihn, dass Harry offensichtlich nicht wusste, dass dieser Wald in der Tat gefährlich war und er von immensen Glück reden konnte, jedes Mal als Ganzes wieder herausgekommen zu sein.
Schließlich fand er seine Stimme wieder „Neunmal! Du vergisst, dass du am Anfang dieses Schuljahres auch schon einmal drinnen warst!"
„Nicht wirklich. Ich wollte nur aus dem Blickfeld des Schlosses." Dann schluckte Harry, als ihm einfiel warum er dort war. Er hatte Snape Strafarbeit sausen lassen wollen und als ihn sein Onkel gefunden hatte...
„Warte!" sagte Harry und verlor plötzlich jegliches Interesse am Kamin. Sein Blick fiel auf Severus und sein wutschäumendes Gesicht.
„Nein!" sagte Harry und schüttelte den Kopf. Instinktiv presste er sich tiefer in den Sessel.
„Nenn mir einen Grund, warum ich es nicht tun sollte!" sagte Severus im schneidenden Tonfall und kam langsam auf Harry zu.
Harry schluckte. Er überlegte fieberhaft. „Du... du hast mich lieb, nicht wahr?"
„Das ist KEIN Grund dagegen, sondern einer DAFÜR!" sagte Snape schlicht.
„Ich will nicht, dass du es tust!"
„Ich hab dir schon mal gesagt, dass es eine Strafe ist und kein Gefallen! Offensichtlich ist dir immer noch nicht bewusst, was du getan hast." Snape stand nun direkt vor Harry.
„Die Dursleys! Sie sind meinetwegen gestorben!" versuchte es Harry mit der Mitleidstour.
„Ja, sie sind tot. Aber ganz sicher nicht deinetwegen. Du hast nicht entschieden, dort aufzuwachsen, du wurdest gezwungen. Und wenn sie dir so wichtig sind, warum hast du dann noch keine einzige Träne für sie vergossen? Du solltest trauern, anstatt dein Leben erneut in Gefahr zu bringen!"
Harry waren die Argumente ausgegangen, daher probierte er es mit flehen, „Bitte. Nicht!"
Doch Severus schüttelte entschlossen den Kopf. „Harry, steh auf und lass es hinter uns bringen!"
„Nein!" Harry stemmte sich so tief in den Lehnstuhl, dass dieser beinahe nach hinten kippte. Doch bevor er zu Fall kam, hatte Severus Harrys Arm geschnappt und zog ihn aus dem Lehnstuhl. Danach ging er mit Harry im Schlepptau zu dem kleinen Tisch, vor dem Fenster und zog aus einer Lade ein Holzlineal.
Harrys Augen weiteten sich vor Schreck. Das konnte Snape doch nicht ernst meinen. Er dachte, das Thema „übers Knie legen" hätten sie abgeschlossen. Snape musste doch wissen, dass es nichts bringen würde. Und seit wann gebrauchte er ein Holzlineal dafür?
Mit dem Lineal in der Hand zog Snape Harry zum Bett, auf welches er sich setzte. Keine zwei Sekunden später fand sich Harry in der verhassten Position wieder. Er konnte nicht verstehen, warum Snape das machte. Es gab viel wirkungsvoller Methoden ein Kind zu erziehen! Lang vergessener Hass flackerte in Harrys Herz auf, als er spürte, wie Snape seine Hosen hinunter zog.
Gerade als er was Beleidigendes seinem Onkel an den Kopf werfen wollte, schnellte das Lineal durch die Luft und kam mit einen unzeremoniellen Klatsch, auf Harrys Hintern nieder. Harry sog erschrocken die Luft ein. Dort wo das Lineal mit seinem Hinterteil Kontakt hatte, tauchte ein brennender Streifen auf.
Kurz darauf folgten der nächste Klatsch und der nächste. Harry hätte es nicht für möglich gehalten wie viel schmerzhafter das Lineal war im Vergleich zu Snapes Hand. Ein weiterer Schlag folgte und Harrys Augen wurden feucht. Er unterdrückte ein Schniefen. Diesmal wollte er sein Gesicht nicht vor Snape verlieren.
Doch das Lineal kam noch mal herunter und noch mal und ein Schluchzer entkam schließlich Harrys Kehle. Sein Vorsatz begann zu bröckeln, als sein Hinterteil in Flammen stand. Schließlich gab Harry seinen inneren Kampf auf und ließ seinen Tränen freien Lauf. Immer mehr Schluchzer entkamen seinem Mund und immer mehr Tränen suchten sich ihren Weg über Harrys Gesicht.
Ich hab es nicht anderes verdient, kam Harry zum Schluss und fing an bitterlich zu weinen. Der Knoten, den er seit dem Vortag in seiner Brust spürte, löste sich nun endgültig auf und ließ einen ganzen Stausee an Tränen frei. Die Dursleys waren seinetwegen gestorben. Er war schuld. Egal wie hart Snape ihn dafür bestraft, es würde nicht daran ändern. Die Dursleys tot waren, weil Harry sie verlassen hatte.
Harry bekam nicht mit, dass Severus aufgehört und das Lineal fluchend zu Boden geschmissen hatte. Nur wage merkte er, dass sein Onkel vorsichtig die Hosen wieder dahin platzierte, wo sie hingehörten und schließlich Harry in eine sitzende Position zog. Alles was Harry wirklich wahrnahm, waren zwei offene Arme, die ihn empfingen und er schmiegte sich an Severus Brust, während dieser die Arme um Harry schloss und ihn sanft hin und her wog.
„Es tut mir Leid!" flüsterte Severus „Es tut mir Leid! Ich wusste nicht, was ich tun sollte, damit deine Schutzmauer aus Gleichgültigkeit zerbricht und du wieder Gefühle in dein Herz lässt!"
Harry hörte die Worte nicht wirklich, so sehr war er mit seinem Schmerz beschäftigt. Schmerz der nicht von seinem glühend heißen Hintern kam, sondern von seinem blutenden Herzen. Er ließ den Schmerz mit seinen Tränen heraus fließen und war davon überzeugt, dass sie niemals mehr versiegen würden.
Viele Minuten verstrichen in denen nur Harrys Herzzereisende Schluchzer Snapes Zimmer erfüllten.
Als Harrys Herz schließlich aufgehört hatte, sich erneut zu verkrampfen, fühlte sich Harrys Geist und Seele seltsam leer an. Alles was der Junge spürte, war das gleichmäßige sanfte Wiegen, das nicht aufhörte. Er konzentrierte sich auf das Auf und Ab und schließlich versiegten seinen Tränen doch. Er hörte Severus Herzschlag. Er spürte wie sich der Brustkorb seines Onkel leicht hob und senkte, als dieser atmete. Alles hatte seinen eigenen Rhythmus und doch, harmonierte jede Bewegung mit der anderen.
Es wirkte unheimlich beruhigend auf Harry und er war froh, die Nähe seines Onkels so zu spüren. Selbst ohne Worte wusste Harry in diesen Moment, wie sehr Severus ihn liebte. Er konnte es in jeder Faser dieses schwarzen Umhanges spüren. Er konnte es riechen und ja sogar hören.
Schließlich schniefte Harry und murmelte: „Mein Hintern tut weh!"
„Ja, ich weiß, Kind. Es tut mir Leid!" Severus drückte Harry sanft.
„Ich dachte, wir wären uns einig, dass das keine geeignete Strafe ist!" Harrys Stimme war leise, aber vorwurfsvoll.
„Ist es auch nicht. Aber mir ist nichts Besseres eingefallen und mir ist es lieber du sitzt heulend auf meinem Schoß, als mit gleichgültiger Miene im Lehnstuhl vor meinem Kamin."
„Ich hab's verdient!" flüsterte Harry schließlich, „Die Dursleys-"
Doch Severus unterbrach den Jungen „Nein Harry! Die Strafe war nicht, weil du glaubst, für den Tod der Dursleys verantwortlich zu sein. Sondern, weil du dein Leben leichtfertig auf Spiel gesetzt hast und nicht begreifen wolltest, welcher Gefahr du dich ausgesetzt hast!"
Harry sah verwirrt zu Severus auf.
„Du scheinst offenbar immer noch nicht zu verstehen, wie gefährlich der Wald ist", stellte Severus fest, „Weißt du wie viele Opfer der Wald schon gefordert hat?"
Harry schüttelte den Kopf.
„Es waren sechsundfünfzig. Seit der Gründung dieser Schule haben sechsundfünfzig Schüler die Warnungen der Lehrer in den Wind geblasen und sind nie wieder aus dem Wald herausgekommen! Nur weil du neun mal ungeschoren davon gekommen bist, heißt dass nicht, dass du beim zehnten Mal auch davon kommst."
Harry schluckte. Davon hatte er noch nie was gehört, doch schließlich gestand er leise „Aber für mich hat der Wald etwas Vertrautes. Ich mag ihn!"
Severus seufzte, „Du magst ja auch die Dursleys, obwohl sie dich wie den letzten Dreck behandelt haben."
„Sag so was nicht. Sie sind... tot!" Harry presste die Augen zusammen, als sich plötzlich neue Tränen in seinen Augen bildeten.
„Harry, wieso verteidigst du sie? Du warst derjenige, der behauptet hat, nicht mehr zu ihnen zurück zu wollen. Du hast gesagt, sie seien sogar noch ärger, als ich und ich habe dich schon respektlos behandelt."
„Ich weiß nicht. Ich denke, ich kann sie irgendwo verstehen. Es wäre dasselbe, wie wenn ich eines Tages Dracos Sohn auf meiner Türschwelle finden würde mit einem Brief, dass ich unbedingt auf ihn aufpassen müsse!"
„Du würdest Dracos Sohn so behandeln, wie die Dursleys dich behandelt haben?"
„Nein!" sagte Harry schließlich.
„Dachte ich mir. Dein Vergleich gilt also nicht!"
Stille trat ein, in der beide in ihren Gedanken vertieft waren. Doch dann sagte Severus kaum hörbar, „Aber es ist schön zu wissen, dass du auch mich bis weit nach den Tod verteidigen wirst!"
Harry lächelte schwach. „Auf jeden Fall!"
„Dein Herz ist so rein, dass es einem die Gänsehaut über den Rücken treibt. Ein Wunder, dass du nach all den Jahren nicht der dunklen Macht verfallen bist!"
Harry wusste nicht, was er darauf sagen sollte, also schwieg er und erneute Stille trat ein.
Diesmal war es Harry, der sie wieder unterbrach, „Danke!"
„Wofür?" fragte Severus verwundert.
„Dafür, dass du mir die Tränen zurückgegeben hast. Als ich gestern den Artikel gelesen hatte... ich... ich konnte einfach nicht mehr. Ich dachte, ich müsste ersticken an meiner Schuld und… ich wollte es auch. Der Knoten in meiner Brust, war zu groß um ihn hinunter zu schlucken. Ich wusste nicht, wie ich das alles noch länger ertragen konnte!"
„Harry!" sagte Severus sanft und nahm nun Harrys Kinn in seinen Hand um den Jungen zu Augenkontakt zu zwingen, „Du bist nicht Schuld am Tod deiner Verwandten!"
Severus sah Harry dabei so intensiv an, dass Harry nicht anderes konnte, als zu nicken.
„Sprich es mir nach!" forderte Severus. „Ich bin nicht Schuld am Tod der Dursleys!"
„Aber ich-" fing Harry erneut an, doch Severus Augen bohrten sich immer noch in seine, also tat Harry was sein Onkel forderte, „Ich ... bin nicht Schuld am Tod der Dursleys."
„Sag es noch mal!"
Harry sah gequält drein, doch er wiederholte den Satz auf Wunsch von Snape noch drei weitere Male.
„Gut, und wenn ich noch einmal von dir Gegenteiliges höre, dann schreibst du den Satz hundertmal, verstanden?"
Harry schniefte, nickte und lachte kurz auf. Es war so typisch Snape, dass Harry keinen Zweifel hatte, dass sein Onkel die Drohung ernst meinte.
Schließlich ließ Severus Harrys Kinn wieder los.
„Ich verstehe wirklich nicht, warum du unbedingt die Schuld der ganzen Welt auf deinen Schultern tragen willst, sie ist zu schwer für einen Sechzehnjährigen!"
„Und das Schicksal dieser Welt nicht?" stellte Harry die Gegenfrage.
Severus verstand nicht gleich, was Harry meinte. „Du redest von der Prophezeiung?" fragte er zur Sicherheit nach.
„Ja, genau von der rede ich!"
„Ich denke, du schenkst ihr zu viel Bedeutung!"
Harrys Kinnlade klappte runter, „Bitte was? Zu viel Bedeutung? Sie bestimmt mein ganzes Leben, natürlich schenke ich ihr viel Bedeutung!"
„Aber was sagt sie schon aus? Dass du uns eines Tages von Voldemort befreist! Punkt"
„Das kannst du nicht wissen, er kann genauso gut mich umbringen!"
„Denkst du wirklich, dass das passieren kann? Voldemort hat es bis jetzt nicht geschafft. Du bist ihm jedes Mal entwischt. Warum sollte es beim nächsten Mal anderes sein. Alles was die Prophezeiung besagt ist, dass es dir eines Tages gelingen wird, ihn fertig zu machen!" sagte Severus überzeugt.
Harry schmunzelte über die Bestimmtheit der Worte, „Nur weil ich ihm bis jetzt entkommen bin, heißt das nicht, dass es beim Nächsten mal auch so ist!" Mit diesen Satz schleuderte er Severus eigenen Worte wieder zurück in dessen Gesicht.
Severus zog die Augenbrauen zusammen und bedachte Harry mit einem grimmigen Blick, doch Harry grinste nur.
„Du bist unmöglich, weißt du das? Ich möchte dir doch nur ein bisschen deiner Last abnehmen!"
Nun wurde Harrys Grinsen breiter, „Lass es. Ich brauche die Last, sie hält mich am Boden. Wenn du mir was davon abnimmst, verliere ich den Bodenkontakt."
Nun schmunzelte Severus seinerseits. Er hatte keine passende Antwort parat, daher drückte er Harry erneut an sich.
„Bin ich als Sechzehnjähriger nicht zu alt dafür, wie ein Baby auf Papas Schoß zu sitzen. Noch dazu mit einem brennenden Hinterteil?"
„Ich denke, man ist nie zu alt, um mit einen gut versohlten Hintern auf Papas Schoß zu sitzen!" sagte Severus und grinste listig. Dann fragte er jedoch, „Tut es noch sehr weh?"
„Du hast ein Lineal benutzt!" sagte Harry vorwurfsvoll, als ob das Antwort genug wäre.
„Tut mir Leid, aber meine Hand hätte das nicht durch gestanden!"
„Deine Hand?" wiederholte Harry ungläubig, „Was ist mit meinem Hintern?"
„Der wird es überleben, denke ich. Außerdem ist er gut gepolstert. Aber wenn es dich tröstet. Mein Handgelenk tut trotzdem weh. Ich muss es mir gestern irgendwann verstaucht haben!"
Harry schluckte jeden weiteren Protest runter und fragte erschrocken, „Du... du bist verletzt?"
„Nicht wirklich, aber es war nicht einfach, dir den Beruhigungstrank einzuflössen."
„Du bist meinetwegen verletzt?" fragte Harry geschockt.
„Sind wir jetzt wieder beim Schuldthema angelangt?" fragte Severus mit hochgezogener Augenbraue.
„Ja! Wenn du-"
„Stopp, Harry, hör auf damit!"
„Aber-"
„Ich sagte, hör auf damit!" und schon war Severus ernstes Gesicht zurück und Harry verstummte.
„Wieso hast du mich nicht einfach erstarren lassen, oder so?" fragte Harry schließlich.
„Und riskieren durch meine Magie, die Wesen den Waldes auf uns aufmerksam zu machen?" fragte Severus rhetorisch.
Harry verstummt erneut. An seiner Miene konnte man erkennen, dass er sich sehr wohl Selbstvorwürfe machte.
„Du standst unter Schock, also kannst du dir das schwer selber vorwerfen!" beharrte Severus. „Und selbst wenn es deine Schuld gewesen wäre, so hast du sie beglichen in dem du Bekanntschaft mit dem Lineal gemacht hast."
Harrys Augenbrauen schoben sich zusammen, „Das tat viel mehr weh, als deine Hand!"
„Eben. Also hör auf weiter darüber nachzudenken!"
Harry dachte kurz über diese Worte nach und kam zu dem Schluss, dass Severus Recht hatte.
„Ich mag dein Lineal nicht!" stellte er klar.
„Das hab ich auch nicht erwartet!" sagte Severus.
„Das nächste Mal nimm wieder deine Hand!" sagte Harry trotzig.
„Ich hoffe doch, dass ein ‚nächstes Mal' nicht nötig sein wird! Aber falls doch, werde ich entscheiden, ob Hand oder Lineal!" diese Worte kamen ernst und mahnend.
Harry nickte, als er sie zur Kenntnis nahm.
Schließlich stand Severus auf und schob den Jungen von seinem Schoß. Während Harry sich den immer noch leicht schmerzenden Hintern rieb, ging Severus zu dem Lineal am Boden und hob es auf. An seinem Gesicht, mit dem er das Lineal bedachte, konnte Harry erkennen, dass Severus sich dafür hasste, es überhaupt gebraucht zu haben.
Harry beschloss für sich, sein Bestes zu geben, Severus nicht wieder in diese Lage zu bringen. Er konnte die Hilflosigkeit seines Onkels verstehen, die ihm dazu getrieben hatte, zu solchen Maßnahmen zu greifen. Und irgendwo tief im Inneren war er seinem Onkel wirklich dankbar, dass er Trotz seiner Ratlosigkeit, Harry stabile Grenzen setzte. Denn nichts konnte Harry mehr Sicherheit geben, als das Wissen, dass da jemand war, der ihn aufhielt, wenn er zu weit gehen sollte.
‚Besser mein Hintern brennt, als irgendwer kommt meinetwegen in Gefahr' dachte sich Harry. Außerdem war es sehr effektiv gewesen, um den Kummer herauszulassen, der wie ein Geschwür seine Seele zu zerfressen drohte.
