Ja, ihr habt euch nicht verschaut, da ist noch ein Chapi. Es wird Zeit wieder etwas Licht in Harry Leben zu bringen, sonst ist es am Ende so finster, dass nicht einmal mehr ein Lumos hilft, um die Zeilen zu erkennen, die ich geschrieben habe. Vielleicht sieht mit ein bisschen Licht die Sache ja nicht ganz so schlimm aus.
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Der Lauf des Schicksals
„Ich sag dir, was das Problem ist. Harry kann sich noch nicht in die neue Familie einfügen. Nicht solange er nicht mit seiner alten Familie abgeschlossen hat und auch nicht solange wir ihm keine neue Familie mit Zusammenhalt sind. Du musst dich mit Richard aussprechen, dich mit ihm versöhnen. Wenn er dich wirklich im Gefängnis sehen wollte, dann hätte er das vor achtzehn Jahren machen können" sagte Eileen zu ihrem Sohn.
Severus hatte seine Mutter in der Teestube aufgesucht, nachdem Harry sich mit einem Buch in sein Zimmer zurückgezogen hatte.
„Aber wie soll ich Harry helfen? Selbst wenn ich mich mit Richard ausspreche, damit löse ich Harrys Probleme nicht."
Eileen seufzte. „Das Wichtigste was du tun musst, ist da zu sein! Für ihn da sein. Wann immer er dich braucht."
Eileen ließ die Worte im Raum verhallen ehe sie fortfuhr: „Mir scheint Harry hat das Vertrauen in das Leben verloren. Alle Erwachsenen um ihn herum haben ihn entweder gehasst, oder sind vor seiner Nase gestorben. So etwas ist schrecklich, vor allem für ein Kind. Und Harry war meistens alleine mit seinem Schmerz. Er konnte sich niemanden anvertrauen. Jetzt wo du für ihn da bist, kann er anfangen diesen Schmerz zu verarbeiten, aber gleichzeitig hat er Angst dich zu verlieren, wie so viele andere auch.
Eine Familie. Das ist genau das was Harry jetzt braucht. Nicht nur einen einzelnen Menschen. Er braucht eine Familie und ein Zuhause. Er braucht Sicherheit und Geborgenheit. Dann erst wird er sich komplett fallen lassen können und alles rauslassen können, was ihn zu erdrücken droht. Und erst wenn das passiert ist, wird es ihm besser gehen."
„Wie soll er die Angst, mich zu verlieren, abstreifen können, solange dieser Bastard lebt? Ich kann ihm nicht versprechen diesen Krieg zu überleben!"
„Das kann keiner Severus. Weder ich, noch Dumbledore. Aber wenn wir Harry eine Familie geben, und er verstehen lernt, dass es nicht nur dich, sondern auch andere gibt, zu denen er gehört, dann kann er diese Angst vielleicht auf ein erträgliches Maß reduzieren."
„Vielleicht?" fragte Severus irritiert.
„Ja, auch ich bin keine Psychologe. Ich kann nur Vorschläge machen. Es gibt kein allgemeines Rezept, wie man eine zerrissene Seele wieder zusammenflickt."
Nun war es Severus der seufzte. „In Hogwarts konnte ich ihn noch irgendwie zusammen halten. Aber jetzt... hier... er zerfällt in meinen Händen!"
„Vielleicht war es für euch zu früh, herzukommen. Aber jetzt wo ihr da seid, wo Harry seine neue Familie kennen lernt, jetzt müssen auch wir für ihn da sein. Für Euch da sein. Wenn ihr jetzt gehen würdet, dann würdest du wirklich mit einem Häuflein Staub zurückkehren."
„Woher weißt du, dass ich nach Hogwarts zurückkehren wollte?" fragte Severus verblüfft.
Doch Eileen lächelte wissend, „Ich bin deine Mutter. Ich kenne dich!"
„Du meinst wirklich es wäre besser zu bleiben?"
„Vorausgesetzt du schaffst einen Waffenstillstand zwischen dir und Richard. Denn Familienstreit ist nicht sehr produktiv für Harrys Genesung."
„Wo wir wieder am Anfang wären!" sagte Severus verdrossen, „Na gut. Ich werde es versuchen! Danke Mutter, ohne dich würde ich das nicht durchstehen!"
Eileen lächelte. Wie es nur eine Mutter konnte, die ihren Sohn stolz betrachtete.
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Harry versuchte zu lesen, aber immer wieder klappte er das Buch zu und seufzte. ‚Was ist nur mit mir los?' fragte er sich. ‚Warum benehme ich mich wie ein Kleinkind? Wenn ich so weiter mache wird mich Severus verstoßen! Ich bin sechzehn, verdammt noch mal! Seit ich hier bin, heulte ich ständig wegen irgendwelchen Kleinigkeiten. Wie undankbar. Ich habe ein tolles Zimmer, ich habe neue Klamotten und alles sind eigentlich nur nett zu mir. Okay. Richard mag mich nicht, aber damit kann ich leben.'
Harry warf einen Blick aus dem Fenster. Inzwischen hatte es so viel geschneit, dass die kleinen Büsche im Garten nur mehr Schneehügeln waren. Ein wenig hinausgehen, wäre jetzt genau das Richtige.
Harry holte seinen Winterumhang und machte sich dann auf den Weg, um den Ausgang in den Garten zu finden. Er ging die große Treppe hinunter und öffnete das Haupttor. Aber hier war kein Garten, also dachte sich Harry, es müsse noch einen anderen Ausgang geben.
„Kann ich Ihnen helfen, Sir?" fragte eine junge Stimme hinter Harry.
Als Harry sich umdrehte sah er eines der Dienstmädchen mit einem Tablett und einem Teeservice. Sie hatte ihr langes Haar hoch gesteckt, aber vereinzelte Haarsträhnen fielen ihr dennoch ins Gesicht. Damit sah sie irgendwie hübsch aus. Gestresst, aber hübsch.
Beinahe hätte sich Harry in den tiefblauen Augen verloren, aber dann kam er wieder zu sich: „Ähm... ich wollte in den Garten, mir die Füße vertreten."
„Albert hat den Weg noch nicht freigeschaufelt. Soll ich ihn holen?" entschuldigte sich das Mädchen und sah ein wenig ängstlich drein.
„Ist schon in Ordnung. Es macht mir nichts aus ein wenig zu stapfen. Ich will nur einfach ein bisschen hinaus."
Nun lächelte das Mädchen erleichtert. „Der Zugang zum Garten ist hinter der Treppe. Sie können links und rechts vorbei gehen!"
Harry zog überrascht die Augenbraue hoch. Neben der Treppe? Er drehte sich um und sah, dass tatsächlich links und recht neben der Treppe ein gar nicht so schmaler Gang nach hinten führte. Bis jetzt war er von der Treppe immer so abgelenkt, dass er die beiden Gänge einfach übersehen hatte.
Peinlich lächelnd wollte er sich bei dem Mädchen bedanken, aber als er sich wieder zu ihr drehen wollte, war sie weg. Harry runzelte die Stirn. Dann zuckte er mit den Schultern und ging rechts an der Treppe vorbei. Das Tor, das in den Garten hinaus führte war nicht zu übersehen.
Eisige Kälte schlug ihm entgegen. Harry zog den Umhang enger um sich. Es gab bereits ein paar Stapfspuren im Schnee und Harry folgte ihnen aus Neugierde. Sie führten zu einen Stall. Harry war zuerst nicht sicher, ob er hineingehen sollte, aber dann dachte er, warum nicht. Entschlossen öffnete er das Holztor.
Nun stieg Harry ein würziger Geruch in die Nase. Ein Mischung aus Stroh, Mais, Getreide und Pferdegeruch. Harry stand in einer langen Stallgasse, wo links und rechts Boxen aufgereiht waren. Die Pferde in den nächsten Boxen spitzten ihre Ohre und sahen dem Eindringlich neugierig an.
Eines der Pferde schnaubte. Ein anderes wieherte leise. Doch schon bald verschwanden die Köpfe wieder hinter ihren Boxenwänden. Harry ging die Stallgasse entlang und blickte hie und da in eine der Boxen.
Ein schwarzer Hengst hob schließlich seinen Kopf und wieherte laut. Harry war überrascht, wie laut es im Stall klang. Der Hengst hatte nun seine Augen auf Harry geheftet und Harry beschloss zu ihm zu gehen.
„Hi!" sagte er verlegen und betrachtete das edle Tier. Eine kleine weiße Blässe zierte die Stirn des Pferdes.
Mit geblähten Nüstern sog der Hengst die Luft ein und streckte dann neugierig seinen Kopf über die Boxenwand.
„Ich bin Harry!" stellte sich Harry vor und musterte seinerseits den Hengst „Und du?" damit blickte Harry auf die Boxentür und fand ein Schild. „Ganymed"
„Hi, Ganymed. Du hast einen sehr schönen Namen!"
Der Hengst schnaubte und schüttelte seine Mähne. Dann sah er Harry durchdringend an und scharrte mit dem Huf über den Boden.
„Gib ihm ein Stück Zucker und du bist sein bester Freund!"
Harry fuhr erschrocken zusammen, als er die Stimme hinter sich hörte. Richard stand keine drei Meter von Harry entfernt.
Nervös und verlegen senkte Harry den Blick. Da blies der schwarze Hengst heiße Luft in Harrys Nacken und Harry wirbelte erschrocken herum.
„Vorsicht. Ganymed hat einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Wenn er das Gefühl hat, dass jemand bedroht wird, dann will er denjenigen beschützen, koste es, was es wolle."
Harry wusste nicht was er darauf sagen sollte, aber er machte instinktiv einen kleinen Schritt auf den Hengst zu, so als wolle er den Hengst vor Richard beschützen.
Richard kam nun näher und mit jeden Schritt den er tat wuchs die Panik in Harry. Als der Mann das bemerkte blieb er augenblicklich stehen.
„Du musst keine Angst vor mir haben!" seufzte er „Merlin, das war das Letzte, was ich wollte. Harry, ich muss mich bei dir entschuldigen. Ich habe dich unabsichtlich in meine Streitigkeiten mit meinen Bruder hineingezogen."
Nun schüttelte Richard den Kopf. „Ich bin wirklich ein Idiot!" murmelte er zu sich. Dann sah er wieder auf.
„Ich wusste ehrlich nicht, dass du und Severus..." erneut schüttelte Richard den Kopf.
Harry sah Richard verwundert an. Seine Panik war mit einem Schlag wieder verraucht. Wie es schien, war Richard auch nicht glücklich über den Streit mit seinem Bruder.
„Harry. Ich habe dich immer bewundert. Wie so viele Menschen, habe ich dich als Held gefeiert, als du du-weißt-schon-wen vernichtet hast." Er hob die Hand um Harrys Einwand zu stoppen, „Ich weiß, er ist nicht wirklich vernichtet worden. Jedenfalls, als die Frage aufkam, ob meine Mutter dich adoptieren könnte, da war ich Feuer und Flamme. Aber Dumbledore hatte andere Pläne und ich war so sauer auf meinen Bruder, dass er uns die Möglichkeit nahm, dich bei uns zu haben.
Ich dachte, wenn du-weißt-schon-wer vernichtet sei, dann würde mein Bruder wieder zu seiner Familie zurückkehren. Aber er tat es nicht. Und ohne ihn, hatten wir keine Möglichkeit, dich in unsere Familie aufzunehmen. Er hat mich zutiefst verletzt, als er sich zu den Mord hinreißen hat lassen. Ich war nicht traurig über den Verlust meines Vaters. Ich hatte ihn nie als meinen Vater akzeptiert. Ich war jedoch geschockt, wozu mein Bruder fähig war.
Dennoch, hatte ich so gehofft, er würde nach du-weißt-schon-wems Untergang zurück kommen und sich entschuldigen, sich erklären. Dass er sich vollkommen von uns abschottete und uns nicht einmal mehr seinen Rücken zeigte, das hat mich geärgert. Jedes Jahr hatte meine Mutter Severus angefleht, wenigstens zu Weihnachten vorbei zu schauen. Und jedes Mal, wenn keine Antwort kam, war es wie ein Schnitt in mein Herz. Ich verstand Severus einfach nicht mehr.
Und auf einmal steht er hier, nach achtzehn Jahren. Völlig verändert und kaum wieder erkennbar, tut so, als sei nichts geschehen und mit dir an seiner Seite. Ich... ich kann gar nichts sagen, wie sehr ich auf ihn wütend bin. Ich würde ihm am liebsten ins Gesicht schlagen!"
Harry spürte die Welle des Zorns die von Richard ausging. Aber nun hatte er keine Angst mehr, zumindest nicht um sich.
„Entschuldige Harry, ich wollte nicht... ich bin nicht auf dich sauer. Ich wollte dir nur erklären, warum ich auf meinen Bruder so wütend bin."
Harry lächelte zaghaft. „Ich denke, ich kann dich verstehen!" gab Harry zu.
„Mich würde nur eines interessieren. Wann und wie hat Severus dich schließlich doch adoptiert?"
Harry lachte kurz auf. Diese Geschichte war mindestens so lang wie Richards. „Das ist auch eine interessante Geschichte. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Severus mich fünf Jahre lang gehasst hat."
„Wie, er hat dich gehasst?" fragte Richard verwundert nach.
Harry setzte sich auf den Stallboden und lehnte sich an Ganymeds Boxentür, dann deutete er Richard, er solle sich dazu setzen. Ganymend hatte inzwischen das Interesse an seinen Besucher verloren und begann an den vereinzelten Heuhalmen zu knappern, die noch in seinem Futtertrog waren.
„Als ich nach Hogwarts kam, war das für mich eine völlig neue Welt. Meine Verwandten haben mir nicht verraten, dass ich ein Zauberer war. Ich kam nach Hogwarts, befreit von den Fesseln meines Onkels und zum ersten Mal war ich jemand. Alle kannten meinen Namen und flüsterten hinter mir. Am Anfang hat es mir irgendwo gefallen, aber es ist mir bald zu Kopf gestiegen. Severus, war der einzige, der in mir keinen großen Helden sah, sondern nur eine Nervensäge, die gerne Schulregeln brach. Ich weiß nicht, wie oft er mir vorgeworfen hatte ich sei wie mein Vater, verwöhnt und arrogant."
„Er hat dich wegen James gehasst?" fragte Richard ungläubig. „Ich meine James war ein arrogantes... ähm... entschuldige. Er war nicht nett zu Severus. Aber Severus war auch nicht nett zu ihm. Eigentlich hat sich Severus in diesen Streit selber hineingeritten. Aber ich denke, er brauchte ein Ventil, wo er seinen Zorn über meinen Vater auslassen konnte. Und James, hatte seinen Spaß dabei. Er wusste nichts von seiner Verwandtschaft mit Severus. Aber irgendwann kam er dahinter. Er hat Severus sogar das Leben gerettet, aber wenn es ging, verärgerte es Severus nur noch mehr. Na ja, wie auch immer. Eigentlich wollte ich dich erzählen lassen."
Harry lächelte erneut. „Ist schon in Ordnung."
„Also Severus hat geglaubt, du wärst auch arrogant und verwöhnt. Aber dem war nicht so, oder?"
„Nein. Mein Onkel war... ähnlich wie dein Vater denke ich."
„Du Armer. Wann hat Severus das erkannt?"
Harry überlegte eine Weile. „Vor ein paar Monaten. Als er angefangen hat, sich in mein Leben einzumischen!"
Richard zog fragend eine Augenbraue hoch.
„Ich hatte in meinen Zorn auf ihn eine Grenze überschritten und er hat plötzlich beschlossen, dass es genug sei. Er hat mir plötzlich neue Grenzen gesetzt, deren Übertritt ausnahmslos bestraft wurde. Schärfer und strenger, als ich es in all die Jahre auf Hogwarts gewohnt war. Ich habe die Grenzen am Anfang nicht akzeptieren wollen. Keiner hatte mir bisher Grenzen gesetzt. Keiner hatte es gewagt. Aber jetzt bin ich Severus dankbar darüber.
Dadurch dass Severus angefangen hat sich in mein Leben zu einmischen und er selber dafür gesorgt hatte, dass ich die Konsequenzen zu spüren bekam, hat er mir gezeigt, dass er mehr als bloß Hass für mich empfindet. Es war ihm plötzlich wichtig, dass ich mich nicht mehr länger in Gefahr brachte. Und für mich war es ein Zeichen, dass er sich um mich sorgt. Ich fing an meinen Hass zu ihm zu fallen zu lassen und wollte mehr von dem Severus erfahren, der mir verraten hatte mein Onkel zu sein.
Als er mir verraten hat, dass er mein Onkel sei, hab ich ihn sofort damit konfrontiert. Ich wollte so sehr von Onkel Vernon weg, dass ich bereit war seine Grenzen und mehr zu akzeptieren. Und dann hat er mir ein Zuhause angeboten, allerdings waren die Bedingungen inakzeptable. Ich hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr ich selber sein zu können und ich hab es ihm gesagt, aber darauf hin hat er sich plötzlich wieder zurückgezogen.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Aber ich hab schließlich neuen Anlauf genommen. Ich meine, ich konnte mir die Möglichkeit nicht einfach entgehen lassen. Ich habe neue Vorschläge eingebracht und ihn angefleht mir noch einen Chance zu geben. Und er hat zugesagt. Allerdings gab es seit dem viele Schwierigkeiten. Die Sache mit meinem anderen Onkel hat mich sehr getroffen. Ich meine, ja, er war gemein, aber tot? Meinetwegen tot? Es sind schon so viele gestorben, nur weil sie mit mir zu tun hatten.
Aber Severus scheint mich zu verstehen, besser als ich mich selber verstehe. Er versucht mir ständig zu sagen, dass es nicht meine Schuld sei, dass das alles passiert ist. Aber es ist so schwer es anders zu sehen. Ich meine, so viele Menschen sind gestorben, wegen einer Fehlentscheidung von mir. Auch wenn ich sie nicht persönlich umgebracht habe, ich fühle mich trotzdem wie ein Mörder."
„Harry, du bist kein Mörder. Du hast nur das Pech, dass ein Spinner hinter dir her ist und versucht dich zu brechen, wo er nur kann" sagte Richard.
„Ich denke, es ist ihm längst gelungen!" flüsterte Harry mit niedergeschlagenen Augen.
Richard verstummte. Da saß nun sein großer Held. Trauriger, als Richard ihn sich je vorgestellt hatte. Er verstand nur die Hälfte von dem was Harry erzählt hatte. Aber eines verstand er sehr wohl, dieser junge Mensch, hatte es geschafft, seinen Bruder so weit zu verändern, dass dieser wieder nach Hause kam.
Richard hatte Severus während des Essens am Vortag beobachtet. Severus war definitiv verändert. Er war wärmer geworden, freundlicher, verständnisvoller. Er konnte plötzlich wieder lachen. Richard hatte Severus mit zwölf Jahren das letzte Mal lachen gesehen, ehe es für immer aus dem Gesicht seines großen Bruders verschwand. Doch Harry hatte es geschafft ihn ein bisschen Freude zurück zu geben und Richard war Harry dafür mehr als dankbar. Umso mehr war er geschockt, wie schlimm den Jungen sein Streit mit Severus mitgenommen hatte.
‚Es ist nun an der Zeit, dir dafür etwas zurück zugeben' dachte Richard, als er den mageren Jungen neben sich betrachtete. Er musste reinen Tisch mit Severus machen. Über seinen Schatten des Zorns springen und seinem Bruder vergeben. Harry sollte nicht in seiner neuen Familie neue Schmerzen erfahren müssen.
„Es tut mir Leid, Harry!" sagte Richard. Eigentlich wollte er es nicht laut sagen, aber die Worte entkamen einfach seinem Mund.
„Was denn?" fragte Harry verwundert.
„Dass ich dich verletzt habe. Es war nicht meine Absicht. Ich werde versuchen mit Severus zu reden. Wenn du ihm vergeben konntest, dann sollte ich das auch können. Denn mit Severus in Hass zu leben, zerstört auch mich innerlich. Ich liebe ihn, ich hab ihn immer geliebt, meinen großen Bruder!"
Harry lächelte, auch wenn sich neue Tränen in seinen Augen bildeten. Dann standen er und Richard auf und sie gingen zurück zum Haus. Richard wollte am liebsten seinen Arm um Harry legen, aber er war sich nicht sicher, ob Harry es wollen würde, also ließ er es bleiben.
‚Phönix' ging es Richard plötzlich durch den Kopf. Ja, so kam Harry ihm vor, wie ein Phönix, der nun seine Familie heilte, dabei hatte Harry offensichtlich selber genug Wunden, die geheilt werden sollten. ‚Aber vielleicht' so dachte Richard ‚muss Harry erst seine Umgebung reinigen, ehe er sich selbst regenerieren kann. Und ich werde dir helfen wo ich kann, kleiner Phönix'
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Severus staunte nicht schlecht, als er Richard und Harry gemeinsam durch den Schnee stapfen sah.
„Mutter!" rief er und deutete zum Fenster.
Eileen stellte sich neben Severus und folgte seinen Blick. Auch sie sah Harry und Richard. Harry war eben ausgerutscht und wäre beinahe gefallen, aber Richard hatte seine Hand gefasst und ihn somit stabilisieren können.
„Sieht so aus, als ob Richie und Harry sich ausgesprochen hätten!" stellte Eileen fest.
„Denkst du? Was, wenn er Harry gegen mich aufgehetzt hat?"
„Oh Severus, jetzt sei doch vernünftig. Genau wie ich hat auch Richard sehr darunter gelitten, dass du dich in Hogwarts verkrochen hast. Du kannst nicht erwarten, dass er dir gleich am ersten Tag in die Arme fällt. Ich weiß, er war ekelhaft gestern, aber tief im Inneren sehnt er sich nach einer Erklärung, wieso du uns den Rücken gekehrt hast."
„Er hat mir den Mord vorgehalten!"
„Ach, Severus. Du und ich wissen, dass er seinen Vater nicht vermisst. Tobias hat nichts anderes verdient. Aber wir, wir sind deine Familie, Severus! Und du kannst dich glücklich schätzen, dass du noch eine hast zu der du gehen kannst. Du hast dich lange genug von uns abgeschottet. Es wird Zeit, dass du verstehst, dass du immer noch geliebt wirst und jede Ablehnung zu deiner Familie Wunden hinterlässt. Wenn du Harry helfen willst, dann musst du auch dir selber helfen, oder zumindest dir helfen lassen.
Zu einem gewissen Grad hast du dir ja schon helfen lassen, sonst würdest du nicht hier sein. Gehe diesen Weg weiter. Dir zu liebe, Harry zu liebe und uns zu liebe!"
Severus sah seine Mutter lange an, aber ihm fiel nichts ein, was er darauf sagen konnte, also nickte er schließlich.
„Du bist ein guter Junge, Severus. Lass dir dein Leben nicht nehmen, wegen eines dummen Fehlers in der Vergangenheit. Akzeptiere, was du getan hast und betrachte dazu auch die Umstände und dann vergebe dir selber. Mach dein Herz wieder auf und lass uns alle an deinen Leben teilhaben. Du hast dich für Harry geöffnet. Die Tür ist also schon offen. Jetzt musst du sie nur noch ganz aufstoßen."
„Harry hat die Tür aufgemacht, nicht ich. Ich wollte ihn an die Leine nehmen, aber er hat mich damit einfach eingewickelt."
Eileen nickte, „Dieser Junge ist etwas ganz besonderes. Wie ein Engel, der vom Himmel herab gestiegen ist, um die Welt zu retten!"
Severus senkte den Blick, seine Mutter konnte nicht wissen, wie nahe an der Wahrheit sie damit lag. Harrys Prophezeiung war ein wohl gehütetes Geheimnis zwischen Dumbledore, Severus und Harry.
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Harry traf Severus kurz vor dem Mittagessen in der Bibliothek. Willbure hatte Harry verraten, wo sie zu finden war.
„Hi!" sagte Harry als er den runden Raum betrat, der bis zu Decke mit Bücherregalen zugepflastert war.
Severus saß in einem Lehnstuhl in der Nähe eines Kamins und hatte ein Buch auf dem Schoß, dass sehr dick war und uralt wirkte.
„Harry!" begrüßte er den Jungen, „Wie geht es dir?"
Harry zuckte mit den Schultern, nahm gegenüber von Severus Platz und blickte ins Feuer. „Gut, denke ich!" sagte er schließlich.
„Denkst du?" fragte Severus nach und schloss sein Buch. Dann studierte er Harry vor sich.
Eine Weile war das Knistern des Feuers alles, was zu hören war.
Schließlich riss sich Harry vom Feuer los. „Richard und ich haben miteinander gesprochen. Er ist eigentlich ganz nett."
Severus nickte, „Ich habe euch von den Stallungen kommen sehen. Ich wusste gar nicht, dass du nach draußen gegangen warst."
„Hätte ich dir Bescheid geben müssen?" fragte Harry mit plötzlicher Panik, seinen Vater verärgert zu haben.
„Nein, du musst mir nicht Bescheid geben. Aber ich würde mich besser fühlen, wenn ich weiß, wo du bist."
„Okay. Entschuldige Papa!"
Severus kam nicht drum rum zu lächeln, ‚Papa' klang so fremd und doch so gut in seinen Ohren. Es bewies, wie viel er Harry bedeuten musste.
„Ist schon in Ordnung, Harry. Ich nehme an, die frische Luft hat dir gut getan?"
Harry lächelte und nickte. „Ich wusste gar nicht, dass ihr Pferde habt."
„Ich wusste nicht, dass du an Pferden interessiert bist" konterte Severus.
„Ich weiß nicht, ob man es interessiert nennen kann. Seidenschnabel war das pferdähnlichste Geschöpf, dass ich in Natura gesehen habe, von den Thestralen abgesehen."
„Herrje, dieses verrückte Hippogreif?"
„Hey!" rief Harry empört, „Er war nicht verrückt. Er hat nie etwas böses getan!"
Severus sah Harry streng an, „Jetzt sprichst du wie Hagrid. Was war mit Draco?"
„Draco hat Seidenschnabel beschimpft und Hagrids Wahrungen in den Wind geblasen! Außerdem hatte er nur eine Schnittwunde. Es gab keinen Grund seinen Arm so lange in einer Schlinge zu tragen und so zu tun, als wenn er gerade mit dem Leben davon gekommen wäre. Es war gemein von ihm Seidenschnabel das Ministerium nach zu hetzen! Beinahe hätte sie ihn umgebracht!"
„Beinahe, ja. Aber da gab es ja noch eine gewisse Bande von drei Teenangern, die sich über jegliche Schulregeln hinweg gesetzt und den Vogel befreit hat."
„Wir waren nur zu zweit!" korrigierte Harry, ehe er verstummte. Severus kannte die Geschichte von Scheidenschnabels Befreiung gar nicht und mit seiner Aussage hat er eben zugegeben, an der Befreiungsaktion beteiligt gewesen zu sein.
„Ich bin ganz Ohr!" sagte Severus und fixierte Harry mit einen undefinierbaren Blick.
„Na ja. Hermine hatte doch diesen Zeitumkehrer. Ron war verletzt, also sind nur Hermine und ich in die Vergangenheit gereist, um Scheidenschnabel zu befreien mit dessen Hilfe haben wir auch Sirius befreien können."
„Wusste ich's doch, dass ihr dahinter gesteckt habt!" sagte Severus mehr zu sich, als zu Harry, doch dann fixierte er wieder den Jungen vor sich, „Ich hoffe, dir ist klar, dass du dich mit dieser Aktion nicht nur Schulregeln, sondern auch Gesetzen der Zauberergesellschaft widersetzt hast. Merlin, ich hätte dir wirklich schon viel früher deinen Allerwertesten versohlen sollen."
„Hättest du. Aber dann hättest du sicher Ärger mit Sirius bekommen!"
„Den hatte ich so, oder so!"
Erneut trat Stille ein.
„Ist schon komisch, was alles anders laufen würde, wenn man nur eine kleine Tatsache in der Vergangenheit verändern würde. Ich meine, wenn Sirius nicht gestorben wäre, dann würden wir beide jetzt nicht hier sitzen. Ich vermisse Sirius. Aber ich bin froh, dass wir hier sind!" sagte Harry und sein Blick heftete sich wieder ans Feuer.
„Und wenn ich noch früher angefangen hätte, mich um deine Erziehung zu kümmern, dann wärst du Sirius vielleicht niemals persönlich begegnet. Dann hätte womöglich niemand erfahren, dass Sirius unschuldig war" antwortete Severus.
Harry sah ruckartig auf und blickte nachdenklich zu Severus. Nach einer Weile sagte er, „Offensichtlich passiert alles erst dann, wenn die Zeit dazu reif ist. Vielleicht hätte es früher mit uns gar nicht geklappt"
Severus zog eine Augenbraue hoch „Der Lauf des Schicksals!" sagte er, „Leider ist er oft schwer zu akzeptieren. Dabei hätte man es wesentlich einfacher, wenn man darauf vertrauen würde, dass alles zur rechten Zeit passiert."
Severus wie Harry verstummten wieder und blickten nachdenklich in die Flammen des Kamins. Jeder in seinen eigenen Gedanken vertieft. Bis Willbure herein kam und den beiden mitteilte, dass der Tisch gedeckt sei und sie im Speisesaal erwartet werden würden.
