Hinter einer Mauer

Obwohl das Amulett brennheiß war, schlossen sich Harrys Finger fester um das alte ägyptische Symbol. „Irgendwas stimmt nicht!" sagte er mit erschrockener Miene.

Severus schob seine Wut blitzschnell beiseite und sah sich nervös um. Er konnte nichts sehen, aber er spürte die Anwesenheit mehrere Todesser.

„Lasst uns unauffällig zu den Portschlüsselräumen gehen!" flüsterte Severus und griff nach Harrys Arm, der nun mehr als willig war, den Ort schnellstmöglich zu verlassen.

„Was ist?" wollte Richard wissen.

„Todesser!" flüsterten Harry und Severus, wie aus einem Mund.

Richard schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie sind die hierher gekommen?"

„Genau, wie wir! Getarnt!" erklärte Severus.

„Deckung!" rief Harry und eine Sekunde später schoss ein Fluch über ihre Köpfe. Die Leute am Hauptplatz schrieen und kreischten und stoben in alle Richtungen auseinander. Viele rannten in Harry und Severus Richtung und flüchteten zu dem Portschlüsselräumen.

„Mist!" fluchte Severus, als er sich mit Harry und Richard in eine kleine Seitengasse quetschte, um nicht von der Meute überrannt zu werden. Vorsichtig spähte er um die Ecke, um einen Blick auf die Angreifer zu riskieren.

Harry stand mit pochendem Herzen hinter seinem Adoptivvater und wagte es nicht sich zu bewegen. Immer mehr Menschen strömten vor seinen Augen vorbei und er wusste, es würde ewig dauern, bis sie mit dem Portschlüssel abreisen konnten.

Schließlich drehte sich Severus zu seinen Begleitern um.

„Wie viele sind es?" fragte Richard.

„Zehn, zwölf. Ich kann es nicht genau sagen. Richard, nimm Harry und geh mit ihm zu den Portschlüsselräumen. Ich versuche sie irgendwie aufzuhalten."

Richard nickte, doch Harry widersprach, „Nein. Ich bleibe bei dir!"

Severus nahm Harry bei den Schultern und beugte sich ein wenig zu ihm hinunter. „Harry, es ist wichtig, dass du hier wegkommst. Bitte, geh mit Richard und bringe dich in Sicherheit!"

Doch Harry schüttelte heftig mit dem Kopf. „Nein, wieso kommst du nicht mit?"

„Ich werde versuchen sie aufzuhalten. Ich kenne sie, ich weiß, wie sie bei so einen Manöver handeln."

„Ich will dir helfen!"

„Ich weiß, aber mir ist wichtiger, du bist in Sicherheit!"

„Und mir ist wichtig, dass du auch in Sicherheit bist!" rief Harry.

Severus atmete einmal tief durch, dann sah er Harry durchdringend in die Augen „Harry, du hast einmal gesagt, du würdest mir vertrauen und du würdest alles tun, damit ich auch dieses Vertrauen in dich haben kann. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, mir das zu beweisen!"

Harry verstummte und gleichzeitig stahl sich eine Träne des Frustes in das Gesicht des Jungen. Es war so unfair, jetzt auf sein Vertrauen zu pochen, wo er Angst hatte, den nächsten zu verlieren, der ihm nahe stand.

„Und was ist mit dir?" fragte Harry halb erstickt, während die Träne über seine Wange kullerte und die nächste bereits folgte.

„Mir wird nichts passieren, wenn ich weiß, dass du in Sicherheit bist!" versicherte Severus und strich Harry die Tränen weg. „Ich pass auf mich auf, ich verspreche es."

„Ich will dich hier nicht zurück lassen! Ich habe Angst, dass ich dich verlieren werde!" sagte Harry verzweifelt.

„Das wird nicht passieren! Vertraue mir!" bat Severus erneut.

Geschlagen nickte Harry.

„Richard?"

„Du kannst dich auf mich verlassen, Sev. Ich werde alles tun, Harry heil hier raus zu bringen!"

Severus nickte, spähte dann erneut um die Ecke. Während er mit einer Hand den Zauberstab bereit hielt gab er mit der anderen das Zeichen, dass Harry und Richard aus der Seitengasse hinaus gehen konnten. Sie folgten der Masse, während Severus ihnen Rückendeckung gab.

Die Portschlüsselräume waren zum bersten voll. Die Stimme im Lautsprecher gab Nummer um Nummer durch, doch es war für die Aufgerufenen nicht einfach sich zur Plattform durch zu kämpfen, von wo aus die Portschlüssel starteten.

„Wie kommt Sev von hier weg?" fragte Harry verzweifelt.

„Er wird wahrscheinlich einen der Kamine nehmen!" sagte Richard und versuchte Ruhe auszustrahlen, um den Jungen nicht weiter zu verunsichern. Dennoch sah sich Harry immer und immer wieder um, in der stillen Hoffnung, dass Severus wieder zu ihnen stoßen würde.

Plötzlich erschütterte ein lautes Donnern die Hallen von Merlin City. Harry spürte ein komisches Kribbeln am Körper. Unsicher fasste er wieder nach dem Ankh, dass nach wie vor heiß glühte. „Was war das?" fragte er.

„Ich weiß nicht, wahrscheinlich- " Richard verstummte und sah erschrocken zu Harry.

„Was ist?" fragte der Junge besorgt.

„Deine Tarnung! Die Illusionszauber sind weg!" erklärte Richard.

„Wie sie sind weg? Wieso sind sie weg? Ich habe nichts gemacht" rief Harry panisch. Es konnte doch nur einen Grund geben, wenn ein Zauber erlischt. Wenn niemand ein Finite Incartatem gesprochen hatte, dann muss dem Zauberer etwas passiert sein, der den Zauber ausgesprochen hatte.

„Sev!" schrie Harry, als ihm die Erkenntnis traf und machte auf dem Absatz Kehrt.

„Harry, Halt! Wo willst du hin?" rief Richard und bekam den Jungen gerade noch am Ärmel zu fassen.

„Lass mich los. Ich muss zu ihm! Er braucht Hilfe!"

„Du weißt ja nicht einmal wo er ist!" versuchte Richard klar zu machen.

„Dann suche ich ihn eben!" schrie Harry und riss sich los. Er lief wieder Richtung Hauptplatz davon, doch er kam nicht weit, da hatte Richard ihn wieder eingeholt und erneut am Arm gepackt.

„Harry, sei doch vernünftig! Wir müssen hier weg. Severus kann auf sich selber aufpassen!"

„Nein, kann er nicht! Ich will ihn nicht verlieren. Ich kann es nicht ertragen, noch jemanden zu verlieren. Ich muss zu ihm!"

„Das kann ich nicht zulassen. Ich habe ihm versprochen auf dich aufzupassen!"

„Dann hilf mir ihn zu suchen!"

„Nein, du musst hier weg. Er hat sich deinetwegen in diese Gefahr begeben. Um dir den Rückweg zu ermöglichen. Wir. Müssen. Hier. Weg!" rief Richard unnachgiebig. „Unser Portschlüssel kann jederzeit aufgerufen werden, lass uns zurück gehen!"

Doch Harry schüttelte wild den Kopf, „Geh doch alleine, du Feigling!" brüllte er Richard wütend an.

Was dann passierte ging sehr schnell. Richard zog mit einem kräftigen Ruck an Harrys Arm und drehte ihn herum. Er fixierte den Jungen mit einem kräftigen Arm an seiner Seite und platzierte drei kräftige Schläge auf Harrys Hintern. Dann drehte er den Jungen wieder zurück, um ihm ins Gesicht zu sehen.

„Jetzt, hör mir mal zu, junger Mann. Severus vertraut darauf, dass wir hier so schnell wie möglich abhauen. Nur weil die Tarnung aufgehoben ist, heißt es nicht, dass Severus getroffen sein muss. Er braucht wahrscheinlich seine Energie jetzt für Wichtigeres als die Tarnung. Wir gehen jetzt zurück und reisen so schnell wie möglich ab. Ende der Diskussion!"

Wütend und gekränkt wandte Harry seinen Blick ab, ließ sich jedoch willenlos von Richard zurück in den Portschlüsselraum führen. Gerade noch rechtzeitig, ehe ihre Reisenummer aufgerufen wurde.

Ooo

„Was ist passiert?" fragte Eileen aufgeregt „Wo ist Severus?"

„Tot!" sagte Harry mit blanken Gesichtsausdruck.

„Was?" fragte Eileen erschrocken.

„Er ist nicht tot!" widersprach Richard, „Er bekämpft die Todesser!"

„Todesser? In Merlin City? Merlin, hilf!" Eileen besah sich Harry und Richard, „und euch geht es gut?"

„Ja, uns fehlt nichts!" versicherte Richard.

Diese Aussage ließ Harry den Kragen platzen.

„Von wegen uns fehlt nichts. Wir haben Sev zurückgelassen! Für euch mag es vielleicht keinen großen Unterschied machen, ihr habt ja schon Jahre lang nichts vom ihm gehört, für euch war er ja schon tot. Aber für mich nicht. Ihr könnt nicht verstehen, was es heißt einem nach den anderen sterben zu sehen, der es gewagt hat sich in meine Nähe zu begeben. Severus war..." Harry versagte die Stimme.

Er wusste gar nicht was er noch sagen sollte, sie konnten ihn nicht verstehen. Niemand konnte ihn verstehen. Denn die, die ihn verstanden, die starben. Ein unglaublich großer Schmerz breitete sich in seiner Brust aus, und der hatte nichts mit dem Ankh zu tun, dass endlich aufgehört hatte zu glühen.

Mit Tränen in den Augen floh Harry auf sein Zimmer.

„Der arme Junge!" flüsterte Eileen, noch immer geschockt von Harrys harten Worte.

„Ich werde Severus den Kopf abreißen, sobald er zurück ist. Wie kann er von Harry nur so etwas verlangen. Er muss doch wissen, wie sehr der Junge an ihm hängt!" schimpfte Richard.

Doch Severus kam nicht. Es wurde Abend und von Severus gab es keine Spur. Nervös ging Richard im Wohnzimmer auf und ab. Eileen saß in einem Lehnstuhl und sah ihrem Sohn dabei zu, ohne ihn wirklich wahrzunehmen.

„Ich kann nicht länger warten!" sagte Richard plötzlich entschlossen.

„Was hast du vor?" fragte Eileen.

„Ich muss wissen, was passiert ist!"

„Du kannst nicht einfach zurück. Du brauchst einen neuen Portschlüssel!"

„Ich werde ins Ministerium gehen. Die müssen doch wissen was los ist!"

Ohne auf Antwort zu warten, verließ Richard das Haus.

ooo

Eileen beschloss schließlich nach Harry zu sehen. Der Junge lag auf seinen Bett mit dem Rücken zur Tür.

„Darf ich rein?" fragte Eileen vorsichtig, doch es kam keine Antwort. „Harry, Bitte, lass uns reden!"

Harry rollte sich auf den Rücken und fragte mit dem Blick an die Decke „Er ist nicht zurück, oder?"

„Nein. Richard ist ins Ministerium gegangen, um herauszufinden was passiert ist!"

Ein tiefer Seufzer kam von Harry. Dann rollte er sich wieder auf die Seite und drehte Eileen erneut den Rücken zu. „Lass mich alleine" hauchte er leise.

Eileen nickte zu sich selbst und verließ den Raum wieder.

Harry zog die Beine zu seiner Brust hoch und umklammerte sie. Er biss auf seinen Handrücken und versuchte den Laut zu unterdrücken, der seiner Kehle entkam, als diese sich schmerzvoll zusammen zog. Tränen drängten aus seinen Körper mit solch einen Druck, dass Harry sie nicht mehr zurück halten konnte, er drohte innerlich zu zerreißen.

Ooo

Richard kam erst in den frühen Morgenstunden wieder. Er war völlig fertig und ausgelaugt. Im Haus war bereits alles dunkel, aber er wusste aus Erfahrung, dass seine Mutter noch wach war. Er fand sie in der Teestube vor dem Balkonfenstern stehen.

„Ric!" rief sie erleichtert „Was hast du zu erzählen? Hast du Sev gefunden?"

Müde und erschöpft ließ sich Richard in einen der Lehnsessel fallen und nickte.

„Wie geht's ihm? Ist er schwer verletzt? Wo ist er?" Eileen platze vor Sorge.

„Er ist im St. Mungos. Er wurde von einem böse Fluch getroffen, aber ist jetzt über dem Berg. Dennoch wird er für ein paar Tage dort bleiben müssen!"

„Merlin sei Dank! Erzählst du es dem Jungen?"

„Ist er noch wach?" erkundigte sich Richard

„Ich weiß es nicht. Ich habe versucht mit ihm zu reden, aber er wollte allein gelassen werden!" erklärte Eileen.

„Ich werde nach ihm sehen!" versprach Richard und gähnte herzhaft.

Eileen nickte und schenkte ihrem Sohn ein müdes Lächeln. Richard erhob sich wieder und suchte nach Harry.

Auf sein Klopfen kam keine Antwort, also schob er die Tür vorsichtig auf „Harry?" fragte er flüsternd.

Wieder keine Antwort.

Richard stahl sich in den Raum und ging zu Harrys Bett. Der Junge war zusammen gerollt, wie eine Katze und sein Gesicht war zwischen Armen und Knien vergraben.

„Harry!" flüsterte Richard erneut und strich dem Jungen vorsichtig über den Rücken.

„Dad?" flüsterte Harry im Halbschlaf und hob leicht seinen Kopf an. Im schwachen Licht des Kaminofens sah Richard deutlich die Tränenspuren auf den Wangen.

„Nein, Richard!" gab er sich schließlich zu erkennen.

Harry ließ seinen Kopf wieder auf den Polster zurück fallen. „Was willst du?" fragte er feindselig.

Richard schluckte, als ihm wieder einfiel was zwischen ihm und Harry vorgefallen war. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass er den Jungen ein paar auf den Hintern gegeben hatte. Es kam aus einen Reflex heraus und hatte kurzzeitig das Problem gelöst. Harry war mit ihm mitgekommen. Aber was jetzt? Hasste der Junge ihn jetzt etwa?

Den Gedanken beiseite schiebend sagte er, „Ich habe Neuigkeiten von Sev. Er ist nicht tot."

„Wie schön für ihn!" sagte Harry sarkastisch, „Warum ist er dann nicht hier?"

„Er ist in St. Mungos. Er wurde von einem unschönen Fluch getroffen, aber er lebt. In ein paar Tagen ist er wieder auf den Beinen!"

„Hmpf" machte Harry und zuckte mit den Schultern.

„Ich dachte, du würdest dich freuen, das zu hören!" sagte Richard verwirrt.

„Oh, ja. Ich freu mich riesig!" antwortete Harry voll Sarkasmus.

Richard, der schon so fertig war von den Ereignissen des Tages, verlor nun endgültig die Fassung. „Was ist nur mit dir los?" fuhr er Harry an. „Zuerst machst du dir Sorgen und schreist mich an, wie ich Severus nur zurück lassen konnte und jetzt wo du weißt, dass es ihm gut geht, tut du so, als wenn es dir egal wäre!"

„Ja, es ist mir egal!" fauchte Harry gereizt und starrte Richard aus seiner liegenden Position an.

„Das glaub ich dir nicht!"

„Das ist mir so was von egal. Lass mich einfach in Frieden, okay?"

„Nicht, okay! Du hast geweint. Also rede mir nicht ein, dir wäre egal was mit Sev passiert ist."

„Es ist mir aber jetzt egal! Ich kann das alles einfach nicht mehr. Wenn ich ihm nicht wichtig bin. Bitte, dann soll er gehen und sein Leben aufs Spiel setzten"

„Harry, du bist unfair! Severus hat es für dich getan, weil du ihm wichtig bist!"

„Ach ja? Das ändert natürlich eine Menge. Er schickt mich fort, um meine Haut zu retten, aber dass ich ohne ihm nicht leben kann, interessiert ihm nicht, solange ich nur in Sicherheit bin. Alle interessieren sich nur darum, dass ich in Sicherheit bin. Schließlich werde ich ja noch für größeres gebraucht. Oh, ich habe es satt, so satt. Aber okay, ich bekomme das schon alleine hin. Ich brauche niemanden. Wenn ich in den großen Kampf ziehe, ist es wohl besser, wenn mein Herz an niemanden hänge, denn wenn sie dann sterben, ist es nicht so schlimm für mich!"

„Harry, du bist nicht allein!" versuchte Richard zu widersprechen, aber Harry schnitt ihm das Wort ab.

„Doch ich bin alleine. Und ich werde es ab jetzt bleiben. Ich bin den Schmerz Leid!" mit diesen Worten verschränkte Harry die Arme vor der Brust und drehte sich von Richard weg.

„Harry! Es tut mir Leid, wenn-" versuchte es Richard ein letztes mal, aber erneut wurde ihm das Wort abgeschnitten.

„Geh!" zischte Harry wütend.

Niedergeschlagen ließ er Harry alleine. Er war selber zu müde, um weiter darüber nach zudenken, was Harry eben gesagt hatte. Er nahm sich vor am nächsten Tag noch einmal mit dem Jungen zu reden.