Lily kletterte durch das Portraitloch und hatte ein nicht übersehbares Grinsen im Gesicht stehen. Als sie sich zu ihren Freundinnen vor den Karmin setzte, zog sie sofort misstrauische Blicke auf sich.
„Bist du in einen Kessel Grinsetrank gefallen?", erkundigte Joanna sich missmutig und startete einen letzten vergeblichen Versuch, die Zaubermanns Silbentabelle auf ihren Runentext anzuwenden. Während sie auf eine Antwort der rothaarigen Hexe wartete, schielte sie unauffällig zu Sirius, der mit Remus und Peter an einem der Tische am Fenster saß und ebenfalls Hausaufgaben machte. Wenn sie sich nicht völlig irrte, lag seine Übersetzung schon ganz oben auf dem Stapel fertiggestellter Hausaufgaben…
„Ich habe ein Date. Morgen."
Joannas, Millis, Nanettes und Alices Köpfe wandten sich abrupt Lily zu. In allen vier Gesichtern stand die unverhohlene Überraschung. Joanna vergaß darüber sogar ihre Runenübersetzung.
„Was? Mit wem?", fragte Alice misstrauisch und ignorierte Lilys freudestrahlendes Gesicht.
„Mit Colin Montgommery aus Ravenclaw. Ihr wisst schon, der aus der Quidd…"
Aber sie musste den Satz nicht vollenden, damit die Mädchen wussten, wer Colin Montgommery war. Er war ein Siebtklässler aus Ravenclaw und Star der Ravenclaw Hausmannschaft. Groß gewachsen mit flachsblondem Haar und himmelblauen Augen bildete er so ziemlich das genaue Gegenbild zu James.
Die Erkenntnis biss Joanna unangenehm in den Hintern. James.
„Lass das nicht James mitbekommen", bat sie ihre Freundin und sah sie skeptisch an. „Überhaupt. Colin? Wirklich? Der ist doch so ein Schönlingidiot." Sie ahmte das Augenzwinkern nach, welches Colin seiner weiblichen Fangemeinde nicht müde wurde zuzuwerfen.
Lily schnaubte. „Ach was. Colin ist ein Schönling? Was ist bitte dein Bruder dann? Oder Black?"
Sirius horchte auf, als er seinen Namen hörte und drehte sich zu der Mädchengruppe um.
„Mein Typ wird verlangt?"
Charmant grinsend lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und schenkte Nanette ein unwiderstehliches Lächeln. Völlig unbeeindruckt sah sie zurück.
„Nein Black, dein Typ wird in der Regel hier niemals verlangt.", schnappte Lily zurück, doch Sirius schien Lunte gewittert zu haben, stieg von seinem Stuhl und ließ sich neben Joanna auf den Sessel sinken, der für sie beide eindeutig zu klein war.
„Um was geht's denn?"
Joanna fuhr sich möglichst unauffällig mit dem Zeigefinger über die Kehle, um Lily davon abzuhalten, die Neuigkeit ihres tollen Dates Sirius auf die Nase zu binden. Vergeblich. Lily hatte nur darauf gewartet, dass James oder einer seiner Freunde, die ihm die Nachricht unverzüglich zukommen lassen würden, nachfragten.
„Ich habe morgen Abend ein Date mit Colin Montgommery!", wiederholte sie ihren Satz mit stolzgeschwellter Brust und Sirius zog eine Augenbraue hoch.
„Mit diesem Schönling? Mit dem willst du dich echt treffen, aber Prongs lässt du seit zwei Jahren abblitzen? Versteh einer die Weiber…", murmelte er und versuchte sich möglichst gut gegen Joanna zu wehren, die bei dem Versuch eine angenehme Sitzposition zu finden Sirius fast aus dem Sessel beförderte.
„Hey… hey!", er umfasste ihre kleinen Handgelenke um zu verhindern, dass sie seine Beine vom Sessel schob, wandte sich dann aber wieder Lily zu, die Sirius gerade darauf hinwies, dass diejenigen die im Glashaus saßen, nicht mit Steinen werfen sollten.
„Ich bin kein Schönling. Es gibt einen Unterschied zwischen einem naturgegebenen perfekten Äußeren und Menschen, die drei Stunden brauchen um auszusehen, wie sie nun mal aussehen. Falls es dir nicht aufgefallen sein sollte. Ich gehöre zu Ersteren. Colin eindeutig zu zweiter Riege Mensch."
Lily schüttelte verärgert den Kopf und lief schon ein bisschen rot an, vor Wut, Joanna kicherte neben Sirius. „Ach du willst mir ernsthaft erzählen, diese Frisur sieht schon so aus, wenn du morgens aus dem Bett steigst? – Oh halt warte! Ich weiß es ja besser", sie erinnerte sich an die Sommerferien. Sirius fuhr sich durch seine Haare, wie James es sonst immer tat. Mit dem Unterschied, dass Sirius' längere Haare ausnahmslos immer perfekt saßen, während James' Haare ein einziges Chaos auf seinem Kopf darstellten.
„Naturschön nennt man sowas, du freches kleines Ding!"
Milli zog missbilligend eine Augenbraue hoch. Sie hasste es, wenn Sirius mal wieder versuchte eine ihrer Freundinnen um den kleinen Finger zu wickeln. Wohlwollend stellte sie fest, wie James seinen Weg die Treppe aus ihrem Schlafsaal runter in den Gemeinschaftsraum kam.
James reagierte ziemlich empfindlich, was seine „kleine" Schwester anging. Er blieb neben dem flauschigen roten Sessel stehen und Joanna brauchte nur einen Bruchteil einer Sekunde, um zu realisieren, wer da hinter ihnen stand.
„Black, lass deine Finger gefälligst bei dir!", rief sie und schubste ihn gegen die Brust, obwohl Sirius Finger sich die ganze Zeit brav auf seiner Seite des Sessels befunden hatten.
Verdattert hielt Sirius beide Hände in die Luft. „Ich hab doch gar nicht…"
„PAD!"
James hatte die Arme verschränkt und baute sich vor seinem besten Freund auf. Joanna grinste frech, als genau das geschah was sie vorher gesehen hatte.
„Ich hab dir doch schon tausend Mal gesagt, Pfoten weg!"
Joanna lehnte sich vor und schlug lachend mit Milli ein.
„Also, ich habe überhaupt gar nichts gemacht!", ereiferte Sirius sich und konnte gar nicht schnell genug aus dem Sessel aufstehen, um die Situation zu retten.
„Finger dran, Finger ab!", knurrte James und Joanna und ihre Freundinnen kugelten sich vor Lachen. Sirius, der die Situation ganz richtig einschätzte, schüttelte lachend den Kopf. „Kein schlechter Schachzug, du Krümel.", sagte er anerkennend, bevor er seine Schulsachen packte, sie in seine Tasche warf und dann Remus und Peter aufforderte mit in den Schlafsaal zu kommen.
James hielt immer noch einen Monolog über seine Schwester und die Nicht-Beziehung, die Sirius gefälligst zu ihr pflegen sollte. Dies schloss das Verbot von körperlicher Nähe ein.
„Prongs, jetzt entspann dich mal.", mit diesem Satz schob Sirius seinen besten Freund die Treppe zu ihrem Schlafsaal hoch, man konnte James jedoch noch unermüdlich auf Sirius einreden hören, als sie schon den Flur in der oberen Etage hinuntergingen.
Joanna wusste, dass Sirius mit Unterstützung von Remus und Peter nun versuchen würde, James die Nachricht von Lilys Date möglichst schonend beizubringen. Ihr armer Bruder. Der verliebte Narr tat ihr leid.
„Hat sich dann wohl auch erledigt.", bemerkte Joanna leicht angesäuert und Lily zuckte mit den Achseln. „Na und? Vielleicht hört er ja dann endlich mal auf mich zu nerven! Und überhaupt! Warum denkt hier jeder nur an Potter und warum freut sich keiner von euch, dass ich ein Date mit einem wirklich gutaussehenden und netten Jungen habe?"
„Wir freuen uns für dich, Lily.", stellte Milli sofort klar und Alice nickte beipflichtend. Auf einen scharfen Blick von Milli hin reagierte auch Joanna mit einem „Ja, klar Lily. Cool."
Joanna war dennoch nicht ganz bei der Sache. Colin war gutaussehend, ja, wenn auch nicht ihr Typ. Ob er nett war, stand allerdings auf einem ganz anderen Blatt.
Einen Tag später, dem verheißungsvollen Donnerstag, an dem Lily ihr Date hatte, saß James missmutig am Gryffindortisch und schlürfte schlecht gelaunt seinen Kürbissaft. Das Hühnchen vor ihm auf seinem Teller war massakriert und auch der Blumenkohl, den er bis zur Unkenntlichkeit in all seine Einzelteile zerlegt hatte, hatte seine Wut zu spüren bekommen. Seine Freunde hatten am Vorabend ihr Möglichstes gegeben, um ihm die Neuigkeit schonend beizubringen, aber die Nachricht von Lily mit einem anderen Jungen an ihrer Seite war ihm ungefähr so einfach zu überbringen gewesen wie ein paar Knallrümpfige Kröter in Seidenschleifen einzuwickeln.
Joanna saß links von James, während Sirius sich an seiner rechten Seite niedergelassen hatte, und beide versuchten ihm gut zuzusprechen.
„Das ist nur so ein kurzes Aufbäumen, bevor sie einsieht, dass sie eigentlich doch lieber mit dir ausgehen will!", sagte Sirius gerade und Joanna zog hinter James Rücken eine Augenbraue hoch und fragte Sirius stumm, ob er den Schwachsinn, den er da gerade von sich gab, denn überhaupt selber glaubte. Dieser zuckte jedoch nur mit den Achseln, da er nicht wusste, wie er seinen Freund anders besser aufmuntern konnte und sollte.
„Als ob.", murmelte James und sprach damit aus, was jeder am Tisch dachte.
Er stützte seinen Kopf auf seine Hände. Alles in allem gab er ein recht erbärmliches Bild ab.
„Okay, so kann das ja wirklich nicht weitergehen, James… Wie können wir dir helfen?"
„Indem ihr mir eine Freundin sucht, die genau so toll ist wie Lily und in die ich mich genau verlieben kann, wie in Lily. Und Lily dann auch mal sieht, wie blöd das ist!"
Lily, Lily, Lily. Joanna konnte es inzwischen wirklich fast nicht mehr hören.
Sie hob resignierend die Hände. „James, ich glaube, darauf kann ich keinen Einfluss nehmen… und Black auch nicht."
Doch dieser sah aus, als hätte man ihm gerade die UTZ Prüfungsergebnisse mit ausschließlich O's überreicht. Fragend sah Joanna ihn an.
„Na das wäre doch die Idee. Wir suchen dir eine Freundin. Damit Evans sieht, dass James sie gar nicht braucht. Und wenn wir Glück haben, dann ist sie vielleicht sogar ein bisschen eifersüchtig!"
James winkte ab. „Ich will aber gar keine Freundin! Keine außer Lily."
„Lily ist aber gerade etwas unpässlich.", bemerkte seine Schwester spitz.
„Es müsste natürlich jemand sein, den wir vorher in unseren unfassbar genialen Plan einweihen", dachte Sirius laut nach und lies seinen Blick über die Anwesenden am Gryffindortisch wandern, „Und jemand, der Eindruck macht."
Joanna schüttelte genervt den Kopf, während Sirius unentwegt jedes einzelne Mädchen am Gryffindortisch begutachtete.
Sie fand sein Verhalten kindisch. Außerdem war sie der Meinung, dass es James Stellung bei Lily nicht förderlich war, wenn er sich eine andere Freundin zulegte und ihr demonstrierte, dass er genau jener Schwerenöter war, für den sie ihn hielt.
„Black, die Idee ist schlichtweg schlecht. Wenn James eine Freundin hat, ist Lily nicht eifersüchtig, sondern fühlt sich nur in ihrer Annahme bestätigt, dass er gar nicht wirklich in sie verliebt ist. Ich weiß nicht, ob dass die Sache fördert."
„Aber vielleicht liegst du auch falsch und ich habe Recht!", ereiferte Sirius sich, „Und vielleicht haben wir auch Glück und James vergisst Lily und verliebt sich in seine andere Freundin."
„Und ganz vielleicht hörst du auf so einen Schwachsinn zusammenzureden und kümmerst dich mal um deinen besten Freund."
Joanna wies mit dem Kinn auf James, der zusammengesunken über seinem Essen saß.
Aus unerfindlichen Gründen gutgelaunt, füllte Sirius eine Schale Waldmeisterwackelpudding und hielt sie James unter die Nase. Als dieser nicht reagierte, schob Sirius ihm die Schale hin und somit James' anderen Teller rüber zu Joanna. Die verzog angewidert das Gesicht, angesichts dessen, was ihr Bruder aus seinem Mittagessen gemacht hatte.
„Wann hat Lily ihr Date?", fragte Sirius und Joanna warf einen Blick auf ihre Uhr. Nach der letzten Doppelstunde Verwandlung. Die übrigens in vier Minuten anfängt. James, hoch mit dir, bevor McGonnagall uns das Fell über die Ohren zieht!"
Sie stand auf, Sirius tat es ihr gleich und James ließ sich missmutig von ihnen von der Bank zerren. „Jetzt mach doch mal ein anderes Gesicht, Brüderchen. Ich sage es selbst nicht gerne, schließlich ist Lily eine meiner besten Freundinnen, aber vielleicht versuchst du einfach mal dein Ding zu machen und lässt Lily ihrs machen. Wenn du sie nicht die ganze Zeit so nerven würdest…"
„Richtig, Prongs. Ignorier sie einfach. Dann merkt sie schon irgendwann, dass sie dich vermisst!", philosophierte Sirius seine nächste Theorie vor sich hin, während er im Laufen den Wackelpudding verdrückte, den er vorher noch James aufzuzwängen versucht hatte.
Dieser spitzte merklich die Ohren. „Meint ihr wirklich?"
Joanna seufzte frustriert auf. Sie hatte das Gefühl, ihre Worte drangen weder zu James, noch zu Sirius vor.
Daher kapitulierte sie einfach vor Sirius, indem sie sagte „Bestimmt. Wenn sich jemand mit Mädchen auskennt, dann ja wohl Black."
Sie schaffte es nicht ganz, den Spott aus ihrer Stimme zu verbannen, was auch Sirius nicht entging. James jedoch schniefte nur und nickte. Dann straffte er sich ein wenig. „Ihr habt Recht! Ich werde mich nicht mehr zu Affen machen."
„Richtig so, Prongs!"
„Ich werde mich nicht mehr für Lily klein machen!"
„Ja! Das hast du gar nicht nötig!"
„Ich werde ihr mal zeigen, dass ich sie gar nicht brauche! Sie ist nicht das einzige Mädchen hier!"
„Ja, zeig's ihr Prongs!"
„Entschuldigung? Ich bin James Potter! Was glaubt die eigentlich, wer sie ist? Ich kann sie alle haben!"
Sirius klopfte ihm weiter aufmunternd auf den Rücken, während er sich ein Grinsen verkneifen musste. Joanna brachte nicht mehr als ein ungläubiges Schnauben zustande.
„Du sagst es, Prongsie! Ich bin da ganz bei dir. Du brauchst diese Hexe wirklich nicht."
Mit völlig neuem Selbstvertrauen ausgestattet, welches ohne Probleme für alle drei Anwesenden ausgereicht hätte, kamen sie sieben Minuten zu spät am Verwandlungszimmer an. Keiner von ihnen hatte weiterhin auf die Uhr geachtet und sie alle hatten etwas Angst vor ihrer Lehrerin. Bevor die Tür aufging, stellte Sirius schnell seine Puddingschale auf den Korridorboden.
Im inneren des Klassenzimmers erwartete sie dann auch genau das, was sie befürchtet hatten.
Professor McGonnagall verzog die Lippen zu einem dünnen Strich und kniff wütend die Augenzusammen.
„Dass sie in sieben Jahren auch wirklich nichts dazu gelernt haben…"
Die Doppelstunde zog sie zäh wie Kaugummi. Lily, die neben Joanna saß, hatte unerhört gute Laune und wies ihre Freundinnen zum fünften Mal in zehn Minuten darauf hin, dass sie gleich den schönsten Abend seit langem haben würde.
Milli trommelte völlig entnervt mit den Fingerspitzen auf dem Tisch. „Lily, ehrlich, das war beim ersten Mal noch niedlich, inzwischen ist es nur noch ätzend."
Doch auch von diesem Kommentar ließ Lily sich die Laune nicht verderben. Milli verschränkte die Arme und wartete auf das Klingeln, welches nur Sekunden später einsetzte. Fröhlich packte das rothaarige Mädchen ihre Schulsachen in ihre Tasche. „Könnte eine von euch die vielleicht mit nach oben nehmen? Ich will sie nicht mit rausschleppen, wenn ich mich mit Co…" – „Wenn du den schönsten Abend seit langem mit Coooolin hast, schon klar."
Joanna schnappte Lily die Tasche aus der Hand. Ihre Laune hatte kurzfristig den Siedepunkt erreicht, als sie von ihrer Hauslehrerin Nachsitzen für ihr Zuspätkommen aufgebrummt bekommen hatte, zusammen mit Sirius und James, die am Abend ebenfalls aufgrund ihres Vergehens am ersten Schultag antreten durften.
„Danke!", strahlte Lily, strich sich die Haare glatt und zupfte sich ihren Rock zurecht. „Wie sehe ich aus?"
„Wunderbar. Wie den ganzen Tag schon.", murmelte Milli, ließ sich dann aber doch zu einem Lächeln hinreißen. Lily war zwar manchmal ein wenig anstrengend und zum gegenwertigen Zeitpunkt ganz besonders, aber jede von ihnen wäre selber beleidigt, wenn man sie so stiefmütterlich behandeln würde, wie sie es die letzte halbe Stunde mit Lily getan hatten.
Joanna gab ihr einen kurzen Klaps auf den Hintern. „Los, Tiger!"
Lily kicherte und lief zur Klassentür, wo sie mit den Maraudern zusammen stieß, die ebenfalls gerade den Raum verlassen wollten.
Getreu seinem neuen Motto, von nun an Lily ignorieren zu wollen, schritt James ihr in den Weg und quetschte sich vor ihr durch die enge Tür.
Auf dem Verwandlungskorridor, durch dessen offene Fensterbögen die Sonne fiel, lehnte Colin lässig an der Wand, um Lily zu ihrem gemeinsamen Date abzuholen.
Lily zwängte sich hinter James aus der Tür. „Pass doch auf, Potter!", fauchte sie ihn an, bevor sie sich mit einem Lächeln zu Colin umdrehte. „Da bist du ja schon. Schön dich zu sehen."
Sie umarmte ihn kurz und bekam so nicht mit, wie Colin James einen überlegenen Blick zuwarf. Er grinste höhnisch.
„Dann wollen wir mal, oder?", sagte er dann zu Lily, die sich bei ihm unterhakte.
„Potter.", er nickte James demonstrativ zu, um ihn zu ärgern. Natürlich wusste auch Colin, dass James seit nunmehr zwei Jahren versuchte, sich mit Lily zu verabreden und bislang immer kläglich gescheitert war.
„Montgommery. Viel Spaß.", knurrte James, der alle guten Vorsätze vergessen zu haben schien, als er sah, wie Lily sich bei Colin unterhakte.
„Oh, werden wir haben."
Sirius zog James am Arm den Gang hinunter, bevor dieser antworten konnte.
„Prongs. Wenn du dein Revier markieren willst, empfehle ich dir bei der nächsten Gelegenheit einfach auf sie draufzupinkeln. Oooooder…", er zog vielsagend eine Augenbraue hoch und sah sich nach Remus und Peter um, die zu ihnen aufgeschlossen hatten, „ooooder du erinnerst dich daran, dass du eine neue Strategie verfolgst, der zufolge du Lily nicht mal mehr mit dem Allerwertesten angucken wolltest."
Peter nickte zustimmend, Remus verkniff sich ein Grinsen. Sirius war einfach unverbesserlich. Er wusste ganz genau, dass James wahrscheinlich niemals Erfolg bei Lily haben würde. Aber solange James die Puste nicht ausging und er es weiterhin versuchen wollte, konnte er auf Rückendeckung von Sirius zählen. Seit zwei Jahren wurde Sirius es nicht müde, sich die Erzählungen über die Rothaarige Tag und Nacht anzuhören und hatte für jede noch so absurde Situation einen schlauen Spruch parat gehabt. Remus war sich nicht ganz sicher, ob Sirius wirklich immer noch versuchte, James darin zu unterstützen, Lily näherzukommen, oder ob diese „neue Strategie", wie er sie nannte, dazu dienen sollte, James von Lily loszueisen.
Auf dem Weg in den Gemeinschaftsraum brauchte James noch einmal viel gutes Zureden seiner Freunde, um nicht wieder in Selbstmitleid zu versinken. Dort angekommen füllten sie die restlichen Stunden, bis Sirius und James zu ihren Strafarbeiten antreten mussten, mit einer beachtlichen Menge von Hausaufgaben.
Pünktlich setzte James schwungvoll seinen Namen unter den Aufsatz für Verteidigung gegen die dunklen Künste und rollte dann das Pergament zusammen, gerade in dem Moment, in dem Joanna die Treppe von den Mädchenschlafsälen der Oberstufe herunterkam.
„Fertig für einen schönen Abend?", fragte sie vorwurfsvoll und es blieb kein Zweifel daran, dass sie den beiden Jungen, allen voran ihrem Bruder, die Schuld für ihr Nachsitzen gab.
„Als hättest du etwas Besseres vor.", murmelte Sirius und warf seine eigenen Hausaufgaben Remus in den Schoß, der nur eine Augenbraue hochzog und sie kommentarlos neben sich auf die Fensterbank legte.
„Können wir dann jetzt los, bevor wir wieder zu spät kommen und noch mal Nachsitzen müssen?" – „James und ich müssen in der Tat noch mal nachsitzen, falls du es vergessen hast.", unterbrach Sirius die Schwester seines besten Freundes und diese lachte hohl.
„Ja, weil alles andere auch eine reine Frechheit gewesen wäre! Schließlich habt ihr ja auch zweimal…", sie brach den Satz ab, als Sirius sie grob in Richtung Portraitloch schob, durch welches James bereits auf den Korridor geklettert war.
„Finger Weg, Black!", fauchte sie und schlug Sirius' Hände weg, die ihr durch den Ausgang helfen wollten. „Ich bin kein Kleinkind, ich schaffe das schon allein!"
„Ohne Zweifel, ich wollte nur behilflich sein – auch wenn ich aufgrund deines Verhaltens nicht immer sicher bin, wie alt du bist.", konterte Sirius vergnügt und verschwand dann als letzter durch das Loch, nachdem er Remus und Peter noch einmal gewunken hatte.
Dann rannte er James und Joanna hinterher, die schon ein gutes Stück des Korridors hinter sich gelassen hatten und schweigend nebeneinander her trotteten.
Die Potter Zwillinge verstanden sich seit je her ohne Worte. Auch als sie älter geworden waren und beide in verschiedenen Freundeskreisen verkehrten, hatte weder ihre nonverbale Kommunikation, noch ihre Verbundenheit miteinander darunter gelitten.
„Hör auf damit, Jo!"
James warf einen kurzen Blick auf Joannas kleine Hand, die den Schnatz hielt, den James normalerweise immer bei sich hatte. Sie fuhr mit dem Daumen über die kleinen Flügel, entgegen der Richtung, in der sie angeordnet waren.
„Es macht ihm nichts aus.", sie hielt ihm den Schnatz hin, „Siehst du. Er findet das schön."
„`Er´ hat keine Gefühle. Du machst ihn einfach nur kaputt."
James schnappte ihr den kleinen goldenen Ball aus der Hand. Genervt strich er die Federn glatt. „Entschuldigung", murmelte seine Schwester kleinlaut, „Ich wollte nicht, dass er kaputt geht. Ich finde es nur irgendwie beruhigend."
Ein weiteres Mal schwor James sich, seiner Schwester den kleinen Schnatz nicht mehr zu leihen und wollte schon eine Erwiderung geben, als Sirius entnervt dazwischen fuhr.
„Macht nicht so ein Geschrei um das Ding. Ich kauf dir einen eigenen, wenn du unbedingt einen haben willst und dann endlich Ruhe bei euch beiden ist."
James warf einen letzten, eher nicht so ernst gemeinten, bösen Blick zu seiner Schwester, die ihm die Zunge rausstreckte, bevor sie die Hand ausstreckte und an die Tür zu Professor McGonnagalls Büro klopfte.
„Mal sehen, was sie heute für uns hat.", grinste James, der genau wie Sirius es als eine Art Sport betrieb, jegliche Art von Strafarbeiten zu absolvieren.
Im letzten Jahr waren sie über zwanzig Mal zusammen bei den verschiedensten Lehrern vorstellig gewesen, Joanna hingegen war nur ein einziges Mal in den Genuss einer ordentlichen Strafarbeit gekommen. Sie hatte das dumpfe Gefühl, dies würde in ihrem letzten Jahr auf dem Schloss anders laufen.
Die Tür schwang auf und die drei Schüler traten in den kleinen Raum, den Professor McGonnagall ihr Büro nennen durfte.
Anders als erwartet, saß bereits jemand auf einem der Stühle vor ihrem Schreibtisch. Als sie eintraten, drehte er sich um.
„Wayland? Was machst du denn hier?", fragte James und zerstrubbelte sich gedankenverloren die Haare.
Der Junge wollte gerade zu einer Erklärung ansetzen, als die Professorin sich erhob und ihre Brille zurecht rückte, bevor sie zu reden begann. „Mr. Wayland wird ihnen heute Abend Gesellschaft leisten aufgrund einem nicht ganz ungefährlichen Zwischenfall mit einem Erstklässler."
Sie warf dem Angesprochenen einen scharfen Blick zu, der ihn erschaudern lies, bevor sie ihn mit einer Handbewegung dazu aufforderte, aufzustehen.
„Was haben sie heute für uns, Professor? Wir sind schon ganz wild auf unsere erste Strafarbeit im neuen Schuljahr. Das ist jedes Jahr etwas Besonderes.", witzelte Sirius, erntete aber nur einen strengen Blick. In allen Schuljahren war es äußerst selten vorgekommen, dass ihre Verwandlungslehrerin gelächelt oder gar gelacht hatte und zwischen Sirius und James gab es einen unausgefochtenen Kampf, wer von ihnen es jedes schaffen würde, ihr als erstes ein Lächeln zu entlocken. In diesem Schuljahr bislang vergeblich.
„Nun, Mr. Black, heute Abend habe ich für sie etwas ganz besonders Schönes. Da sie zu viert sind, scheint es mir eine angemessene Aufgabe zu sein.", sie besah sich einmal die Runde, bevor sie ihnen bedeutete, ihr zu folgen.
„Sie werden das große Gewächshaus reinigen. Fegen, aufräumen, Fenster putzen."
„Fenster putzen?", platzte es aus James heraus und er riss ungläubig die Augen auf. „In einem Gewächshaus?"
„Ganz recht, Mr. Potter. Normalerweise erledigt Professor Sprout das in den ersten Wochen des neuen Schuljahres auf magische Art und Weise, aber da ich immer noch nach einer Strafarbeit suche, die sie beide an die Grenzen ihrer Geduld treibt, dachte ich, es wäre eine nette Abwechslung, wenn sie es auf nicht magische Art und Weise erledigen."
James und Sirius starrten sie an. Ihre Mundwinkel zuckten. Bahnte sich dort etwa eine Art verschmitztes Lächeln an? Doch als hätte die Lehrerin es geahnt, straffte sie im nächsten Moment die Schultern und ihre Miene wurde wieder ernst.
„Schön, dass wir dann direkt mit in den Genuss dieser wundervollen Arbeit kommen.", grummelte Joanna und sah kurz den dunkelhaarigen Ravenclaw an, der neben ihr herlief.
Es war einer der Freunde von Lilys Date Colin, der ebenfalls ein Ravenclaw war und in der Quidditchmannschaft des Hauses auf der Position des Treibers spielte.
Er nickte auf Joannas Aussage hin kurz, sagte aber nichts.
Schweigend liefen sie den Korridor entlang, der sie vom Schloss aus den überdachten Gang zu den Gewächshäusern entlang führte. Dort angekommen streckte die Professorin ihre Hand aus und sah ihre Schüler auffordernd an. Widerwillig legte einer nach dem anderen seinen Zauberstab in ihre Hand.
„Alles was sie brauchen finden sie im Gewächshaus. Viel Erfolg."
Sie drehte sich um und verschwand schließlich mit samt den Zauberstäben.
„Na dann wollen wir mal!", mit gespieltem Elan warf James die Tür auf und trat in das Gewächshaus, Sirius folgte ihm auf den Fuß. Etwas weniger motiviert folgten schließlich auch die anderen beiden.
„Arbeitsteilung?", fragte Sirius und lies seinen Blick über die Utensilien gleiten, die am Tisch vor ihnen lehnten. Besen, Wischer, Heckenscheren. Auf dem Tisch selber lagen unzählige Schwämme, Tücher und Gartengeräte, außerdem zwei große Eimer mit Wasser.
„Irgendwelche Präferenzen, Jake?"
Jake Wayland drehte sich zu Joanna um und zuckte die Schultern.
„Ich kann mit dem Beschneiden der hinteren Hecken anfangen."
Sagte es und nahm sich eine der großen Heckenscheren.
Abwartend sah er Sirius und James an. „Was ist mit euch?"
James sah ihn verständnislos an. „Was soll mit uns sein?"
„Was werdet ihr tun?"
Sirius ließ sich auf den robusten Holztisch nieder und verschränkte die Arme.
„Ich mache erst mal eine Pause. James? Eine Runde Snape explodiert?", er zog einen Stapel Karten aus seiner Gesäßtasche.
James setzte sich ihm grinsend gegenüber.
Wütend stemmte Joanna ihre Hände in die Seiten. „Das ist ja wohl nicht euer Ernst, oder? Ihr wollt Jake und mich hier alles alleine machen lassen?", fauchte sie, „Geht es euch noch gut?"
„Schwesterherz, es geht hier nur darum, Zeit abzusitzen. Egal ob wir hier etwas tun oder nicht, wir werden nicht früher gehen dürfen. Und im Endeffekt interessiert es eh niemanden, ob man etwas tut oder nicht. Also können wir das Beste draus machen und ein bisschen entspannen, oder aber wir schuften uns ab. Wo meine Priorität liegt, dürfte wohl klar sein."
Er schnappte Sirius die Karten aus der Hand und fing an sie zu mischen.
Verärgert nahm Joanna den Besen in die Hand. „Ihr zwei seid Idioten.", sie zeigte mit dem Besenstiel auf Sirius und James. Diese ließen sich jedoch nicht beeindruckten.
Jake fing kommentarlos an, die Hecken zurecht zu stutzen, während Joanna begann, den Boden zu fegen.
„Sprout macht alles was wir heute hier machen eh morgen innerhalb von fünf Minuten, genau wie McGonnagall gesagt hat. Das was ihr da macht lohnt sich nicht. Aber bitte.", Sirius warf Jake einen abwertenden Blick zu, „Dass ihr Ravenclaws Schleimer seid, war mir ja schon immer bewusst. Von dir", er sah Joanna an, „hatte ich allerdings mehr Verstand erwartet."
Joanna ließ den Besenstiel unschlüssig sinken, haderte kurz mit sich selbst und fegte dann unbeirrt weiter.
Sirius zuckte nur mit den Schultern. „Ich hab's versucht."
Wütend ließ Joanna den Besen auf den Boden fallen.
Sie warf einen Blick rüber zu James und Sirius, die seit Beginn ihrer Strafarbeit nichts anderes taten, als Karten zu spielen.
Ihre Arroganz ließ sie die Fäuste zusammenballen.
Sie sah es einfach nicht ein, die ganze Arbeit zu machen, während die beiden faul auf ihren vier Buchstaben saßen.
Sie hatte das gesamte Gewächshaus gefegt und die Äste, die Jake von den Büschen geschnitten hatte, in Laubsäcke gestopft. Dann hatten sie beide angefangen, den vorderen Teil des Gewächshauses zu wischen.
Doch nun war sie es endgültig leid.
„Macht ihr das immer so?", fragte sie an ihren Bruder gewandt und dieser schüttelte den Kopf. „Nein, nicht immer. Manchmal kriegen wir Arbeiten, die sogar irgendwie Spaß machen. Dann machen wir mal ein bisschen was. Aber das hier", er machte eine ausladende Bewegung, „das hier macht leider keinen Spaß."
Er warf seiner Schwester einen Blick zu. „Eine Dusche würde dir ganz gut tun."
Joanna wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Das machte es nur noch schlimmer.
Ihre Wangen waren mit Erde verschmiert und der Schweiß glänzte auf ihrer Stirn. Obwohl es inzwischen hab elf war, hatte es sich nicht abgekühlt, schon gar nicht in dem Gewächshaus, auf das die Sonne den ganzen Tag schien.
„Ach was.", murmelte Joanna und lief leicht rot an. Sie versuchte sich eine verklebte Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Unter dem ganzen Dreck konnte man schon fast nicht mehr ihre Sommersprossen sehen, die sich über ihr ganzes Gesicht erstreckten.
Sirius langte hinter sich und hielt ihr eines der Tücher hin, die auf dem Tisch lagen. Misstrauisch beäugte Joanna es, befand dann aber, dass es immer noch sauberer war, als ihr Gesicht und versuchte unbeholfen, sich den Dreck aus dem Gesicht zu entfernen.
Fertig mit sich und der Welt setzte sie sich neben den Schwarzhaarigen auf den Tisch.
„Ich hab ja gesagt, es lohnt sich nicht. Tut deiner Schönheit natürlich keinen Abbruch.", er zwinkerte ihr zu und erntete dafür James Ellenbogen in der Seite.
Gerade als Sirius sich beschweren wollte, sprang James auf und schnappte sich den Lappen aus Joannas Hand, und kam damit schlitternd vor einem kleinen Schuppen zum Stehen. Hektisch fing er an, ihn von Schmutz zu befreien. Verwirrt sah Joanna ihrem Bruder hinterher.
Sirius hatte einen Moment zu spät entdeckt, was James vor ihm gesehen hatte. James grinste seinen Freund schadenfroh zu.
Professor McGonnagall öffnete die Tür.
Mit einem einzigen Blick erfasste sie die Situation und ihre Miene verdunkelte sich.
„Ms. Potter. Mr. Black. Sie halten es nicht für nötig, ihren beiden Mitschülern zu helfen?"
Völlig überrumpelt sah Joanna sie an. „Ich… Ich habe die ganze Zeit…"
„Karten gespielt?"
Die Professorin deutete auf das Kartendeck, welches auf dem Tisch neben Sirius und Joanna lag. Entgeistert starrte Joanna sie an, deutete mit dem Finger auf ihr eigenes Gesicht und öffnete verdutzt den Mund. „Ich hab…"
Sie war wirklich sprachlos.
Sirius neben ihr schüttelte nur grinsend den Kopf.
„Wenn ihnen beiden diese Arbeit offensichtlich nicht zusagt, kommen sie doch nächste Woche um die gleiche Zeit noch einmal in mein Büro. Dann schauen wir mal, ob wir nicht etwas finden, was ihnen eher zusagt."
Dem braunhaarigen Mädchen klappte der Mund auf. Sirius hingegen nahm es mit Humor.
„Sie sind dann fertig.", mit einem Blick bedachte sie die beiden `Übeltäter´, „Für heute."
