Snapes Geist drang genau so unaufgefordert, gewaltsam und rücksichtslos in den Verstand des Fremdlings ein, wie jener eben noch selbst in das Büro des Tränkemeisters getreten war.
Snape wollte wissen, wer er war, woher er kam, und vor allem, warum er hier war.
Er suchte mit der Präzision eines erfahrenen Jägers; suchte nach dem Gefühl des Heimwehs, und sah dann das Meer, einen wartenden Wasserdrachen am Strand, und einen hünenhaften Burschen mit grauer Haut, Kiemenspalten an beiden Seiten des Halses und einem furchterregenden Revolvergebiss.
"Bist du dir wirklich sicher, dass du die alverliekischen Inseln verlassen willst?", fragte der Grauhäutige den stummen Beobachter.
"Vielleicht für immer?"
Die Stimme des Federhaarigen antwortete.
"Ich muss. Du hast doch mitgekriegt, was das Ministerium für Zauberei vorhat. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, für den Rest meines Lebens hier gefangen gehalten zu werden."
"Ich dachte, du liebst diese Inseln und alles, was darauf lebt?"
"Das tue ich, aber ich liebe auch die Freiheit, das Neue und das Unbekannte. Das ist vielleicht meine letzte Chance, etwas von der restlichen Welt zu sehen."
Snape wandte sich ab.
Ein alverliekischer Flüchtling also?
Das brachte ihn ein wenig aus dem Konzept.
Alverlieken, fantastische Gestalten, gesegnet mit unterschiedlichen Tiergeistern, eins mit der Natur, Herrscher über primitive, aber ursprünglichste Elementarmagie... sie hatten ihn einige junge Jahre in Kinderbüchern begleitet, dann waren sie mitsamt vielen anderen Märchen und Mythen aus seinem Gedächtnis verschwunden, bis er vor ein paar Jahren einen Artikel im Tagespropheten gelesen hatte, welcher deklarierte, dass Alverlieken nun als mindermagisches Volk irgendwo zwischen Squib und magischen Tierwesen eingeordnet wurden, und irgendein Verein nun dagegen protestieren wollte.
Offenbar hatten sich die Proteste als erfolglos erwiesen...
Die Szene verschwamm, und ein rascher Bildwechsel folgte; Severus verfolgte die erfolglose Suche des umherstreichenden Alverlieken nach einem Job und einer Unterkunft in der magischen Welt quer durch Südosteuropa, bis nach Rumänien.
Dann sah er durch die Augen des Burschen das Drachenreservat, er spürte seine wilde Euphorie, seinen Willen und seine Begeisterung für die Tiere wie in seinem eigenen Herzen.
Dann das herbe Gefühl der Enttäuschung, als der Leiter des Reservats im Begriff war, dem jungen Bewerber eine Absage zu erteilen.
Doch plötzlich brach das Chaos um sie herum aus.
Ein verletzter ungarischer Hornschwanz war humpelnd aus der medizinischen Versorgungsstation getürmt und war nun dabei, auf seinen vor ihm fliehenden Pfleger loszugehen, welcher seinen Schützling offensichtlich eben noch eine verletzte Kralle hatte ziehen wollen.
Die Zange ließ der junge Bursche bei seiner kopflosen Flucht achtlos in den Staub fallen.
Der kleine Federkopf zögerte nicht lange, jagte dem erbosten Jungtier, welches nur die Schulterhöhe eines ausgewachsenen Pegasus' aufweisen konnte, hinterher, sprang auf seinen Rücken, und hielt ihm die Augen mit den Händen zu.
Der Drache bäumte sich zunächst auf, schüttelte sich, aber ließ sich nach wenigen Sekunden von dem federleichten Fremdling auf seinem Rücken, seinen geflüsterten alverliekischen Worten und einer sanften Klopfmassage beruhigen.
Aus der Sicht des Professors für Zaubertränke ein selbstmörderisches Unterfangen, und der Erfolg war reinem Glück und purem Zufall zu verdanken.
Der kleine Federkopf hüpfte Sekunden später von einer fast vollkommen relaxten Echse hinab, und schaute sich die geschwollene Pranke an.
"Die braucht nicht gezogen werden. Ist nur eine kleine Entzündung, die bei falscher Krallenpflege vorkommen kann. Ich mach das. Gebt mir zwei Tage, und der Bursche hier kann wieder einen Marathon laufen."
Der slytherinsche Beobachter rümpfte gedanklich die Nase ob dieser zweifellos überzogenen Selbsteinschätzung und der haltlose Beurteilung der Situation dieses Grünschnabels.
Er sollte jedoch Recht behalten, wie Snape fast enttäuscht feststellte.
Innerhalb von besagten zwei Tagen war nicht nur der Drache wieder wohlauf, sondern er selbst durfte sich inzwischen stolz offizieller Angestellter des rumänischen Drachenreservats nennen.
Snape erkannte in der nächsten Sequenz Charlie Weasley, der versicherte, dass Papa Scale das mit den fehlenden Dokumenten schon irgendwie hinbekäme; schließlich habe sein Vater schon einige Kontakte spielen lassen, um ihnen einen Schwall lästiger Bürokratie zu ersparen.
Ungeduldig machte Snape einen weiten Sprung im Zeitablauf, sah die Hände des Alverlieken beim Sammeln magischer Zutaten im Wald, sah sie in beim Herstellen von Drachen-Arzneien, sah sie sich zärtlich an Charlies Wangen schmiegen, bevor sein Gesicht immer näher kam...
"HEY, WAS MACHEN SIE DA IN MEINEM KOPF? RAUS DA, DAS IST PRIVAT!"
Im dichten Nebel ungelesener Gedanken leuchtete etwas auf, und das Totemtier des Alverlieken, eine perlmuttfarbene, gefiederte Schlange mit zwei Flügelpaaren wirbelte im angriffslustigen Sturzflug auf ihn zu.
Snape zuckte mental zusammen; nicht nur wegen der unverhofft intimen Szene, der er gerade ungewollt hatte beiwohnen müssen, sondern wegen dieser vehementen Gegenwehr, mit der er im Traume nicht gerechnet hatte.
Ihm gelang es noch, in aller Eile ein paar letzte Bilder zu erhaschen: Papa Scale, der dem Federkopf die schlechte Nachricht verkündete, dass das Ministerium neue, strengere Auflagen gestellt hatte, und Til ohne gültigen Abschluss in drei Hauptfächern nicht mehr länger im Reservat beschäftigt werden durfte; dann den Flug auf dem Rücken eines Drachen nach Nordeuropa; Charlie, der den Federkopf an Hagrid übergab - natürlich hatte der Halbriese es zu verantworten, dass diese Kreatur nach Hogwarts gelangt war! - dann ein widerlich herzzerreißender Abschied; Albus, der seinen unverhofften Gast willkommen hieß, und ihm den sprechenden Hut brachte; Minerva, die dem Federkopf das Zimmer in Slytherin zuteilte; dann Filchs räudige Katze; zuletzt er selbst, der mit seinem Zauberstab auf den alverliekischen Besucher zielte... dann verebbten die Eindrücke.
Kurz bevor er aus Tils Gedanken verscheucht wurde, erkannte er, dass die auf ihn zurasende Flederschlange die gleichen Augen hatte, wie der Alverliek: kein Augenweiß, nur diese großen, blaugrünen, opaleszierenden Iriden, die durch eine senkrecht geschlitzte Pupille geteilt wurden, und im Halbdunkel leuchteten...
Und genau diese Augen blickten ihm nun, da die Legilimentik beendet war, in einer Mischung von Empörung, Wut, und blankem Entsetzen entgegen.
"Sie haben mich hypnotisiert, oder so was in der Art!", beschuldigte ihn der Federkopf mit zitternder Stimme und fletschte wütend die spitzen Fangzähnchen.
"Dazu hatten Sie kein Recht!"
Snape musste sich zusammenreißen; am liebsten hätte er diesem unverschämten Federkopf eine Ohrfeige allein schon dafür verpasst, ihn auf eine so impertinente Art und Weise aus seinen Gedanken zu verjagen, - und dass er es jetzt auch noch wagte, ihm Vorwürfe zu machen!
Stattdessen riss er den androgynen Alverlieken - 'Til Draug', wie er... oder vielleicht doch sie?...sich schimpfte - herum, und schob "es" vor sich her, hinaus aus seinem Büro.
"Kommen Sie mit", schnarrte er unterkühlt.
Er wollte wissen, was Hagrid sich dabei gedacht hatte, diese Plage nach Hogwarts zu schleppen.
Und er wollte wissen, mit welcher Begründung der Schulleiter und seine Stellvertreterin diesem Subjekt Unterkunft gewährt hatten.
Hatten Sie nicht schon genug Ärger am Hals?
Und waren ihre Schüler nicht durch genügend andere Faktoren gefährdet, als dass man nun noch einen alverliekischen Wildfang auf sie loslassen musste?
Mrs Norris hatte geduldig auf ihr Opfer gewartet, und folgte den beiden schwarzhaarigen (bzw. schwarzgefiederten) Gestalten auf den Fuß.
"Nervtötendes Biest...", raunzte Snape mürrisch, ohne dabei selbst recht zu wissen, ob er damit die räudige Katze oder den nicht sonderlich gepflegter aussehenden Alverlieken meinte.
