Aufgebracht, aber unter eisigem Schweigen marschierte Snape auf das Lehrerzimmer über der großen Halle zu; Til schleifte er buchstäblich am Kragen hinter sich her.
Wie von ihm erwartet saßen Minerva, Albus und Rubeus bestens gelaunt am großen Tisch vor einem Haufen Papier, tranken gemütlich ein Tässchen Tee und hielten in ihrer angeregten Unterhaltung inne, als der Slytherin mit dem Alverlieken im Schlepptau herein rauschte.
"Guten Morgen, Ms Draug. Guten Morgen, Severus.", begrüßte Albus die beiden Neuankömmlinge.
"Wie schön, dass Sie beide einander schon bekannt gemacht haben. Hagrid wollte gerade nach Ihnen sehen, Ms Draug, aber ich hielt ihn davon ab, weil ich davon überzeugt war, dass Sie noch tief und fest in Ihren slytherinschen Kissen schlummern würden."
Albus lachte herzlich, während Snape die Galle hochstieg. Sollte es etwa tatsächlich die Möglichkeit sein, dass man ausgerechnet IHM diese Landplage aufs Auge drücken wollte?
"Würde mir vielleicht mal einer von euch erklären, was genau hier vor sich geht, und warum es geduldet wird, dass Hagrid wieder einmal ungeschoren eine potenziell gefährliche Kreatur in die Schule schmuggelt?", zischte er erbost.
"Entschuldigen Sie Severus, wenn wir Sie übergangen haben, aber Albus und ich haben gestern gemeinsam entschieden, dass wir die sich uns bietende Chance nutzen wollen, eine junge Alverliekin in Hogwarts zu beherbergen, und ihr die Möglichkeit zu geben, innerhalb von zwei Jahren ihren Schulabschluss in PMG, Kräuterkunde und Zaubertränke nachzuholen.", schaltete sich Minerva wohlwollend ein.
"Sie wird ein Stipendium bekommen. Im Gegenzug wird sie sich in der Wildhüterei, im Gewächshaus, in der Eulerei, im Krankenflügel und bei der Beschaffung von Zutaten nützlich machen."
"Tilya ist 'ne drachenstarke Zutatensammlerin, Severus!", bölkte Hagrid dazwischen.
"Im Ernst, du wirst Augen machen, wenn du sie in den verbotenen Wald mitnimmst! Die findet im Handumdrehen die verrücktesten Dinge an den verrücktesten Orten! Die kann sogar 'ne Acromantula melken, und dir dabei seelenruhig 'nen Vortrag über Spinnengifte halten!"
Snape schnaubte ungläubig und warf einen missbilligenden Blick auf Tilya, die Hagrid hingerissen anstrahlte, und bis über beide Spitzohren errötet war.
Unmöglich!
Er hatte eben noch miterlebt, wie dieses burschikose Frauenzimmer panisch vor Filchs alter Katze geflohen war!
Und selbst, WENN...
"Albus, ich bitte Sie, haben wir nicht genug Schwierigkeiten auf uns geladen? Potter, Black, Dementoren, einen gewissen Kollegen mit Vollmondintoleranz... Jetzt auch noch ein Alverliek? Wir haben doch keine Ahnung, was uns da erwartet! So etwas hat uns gerade noch gefehlt!"
"Der Meinung bin ich auch, Severus", nahm Albus ihm sanft und freundlich den Wind aus den Segeln.
"Jemand wie Tilya hat uns gerade noch gefehlt. Sie wird den Schülern das Leben auf der alverliekischen Insel nahebringen. Kultur, Traditionen, Flora, Fauna. Wir können sehr viel voneinander lernen."
"Aber... warum ausgerechnet Hogwarts?", verlangte Snape zu erfahren.
"Sie kommt aus Südosteuropa; warum hat man sie nicht an Durmstrang aufgenommen, oder wenigstens an Beauxbatons? Kann mir das jemand beantworten?"
"Es lag an der Sprachbarriere", antwortete Tilya ihm geradeheraus.
"Ich spreche nur alverliekisch, etwas rumänisch, und ganz passables englisch. Das lernen wir auf den alverliekischen Inseln in der Schule, für den Fall, dass wir Kontakt zu Menschen bekommen; Zauberern oder Muggeln. Aber wenn es nach dem Ministerium für Zauberei geht, soll das alverliekische Volk auf seiner eigenen Insel eingesperrt, und sich selbst überlassen werden, bis wir aussterben oder vergessen werden."
Die Alverliekin schüttelte den Kopf, so dass ihre schwarzen Federn raschelten.
"Bevor es soweit kommt, wollte ich noch was von der Welt sehen. Dann habe ich mich verliebt, in Rumänien. In das Reservat. In die Drachen. Und das alles werde ich nie wiedersehen, wenn ich die Qualifikation nicht bekomme!"
"Alverlieken können wegen ihrer fehlenden universalmagischen Begabung keine vollwertigen Abschlüsse an Schulen für Zauberei ablegen", erklärte Minerva geduldig.
"Doch seit neuestem sind erfolgreich bestandene ZAGs in drei bestimmten Fächern die Auflage dafür, dem Beruf des Drachenwärters legal nachgehen zu dürfen. In den meisten Fällen genügt eine schlichte Nachprüfung, es sei denn, man hat wie Ms Draug noch nie eine magische Lehranstalt von innen gesehen. Nun ist sie gezwungen, innerhalb von zwei Jahren in drei Fächern den kompletten Stoff von sieben Schuljahren nachzuholen, und entsprechende theoretische und praktische Prüfungen abzulegen. Andernfalls wird das Ministerium, das leider bereits ein wachsames Auge auf Ms Draug geworfen hat, sie festnehmen lassen, und es droht ein Strafverfahren und die Abschiebung."
Snape warf Draug einen eiskalten Blick zu. Ihm war es offen gestanden herzlich egal, was diesem alverliekischen Dreckspatz widerfuhr.
"Und nun soll sich Hogwarts allen Ernstes zwei ganze Jahre für eine nicht mal menschliche, tickende Zeitbombe verantworten, Albus?", stieß er erbost hervor.
"Zwei Jahre lang wollen Sie stetigen Ärger mit dem Ministerium riskieren, von anderen möglichen Unannehmlichkeiten ganz zu schweigen?"
Albus nickte begeistert.
"Aber selbstverständlich, Severus. Ist es das nicht wert? Sobald Ms Draug ihre Qualifikation erworben hat, kann sie sich die Lizenz zu ihrer Berufsausübung ausstellen lassen, bekommt eine offizielle Aufenthaltserlaubnis und kann nach Rumänien zurückkehren. Dann müssen wir sie wohl oder übel wieder von dannen ziehen lassen. Bis dahin jedoch gewähren wir Ms Draug mit Freude Asyl in Hogwarts und bürgen beim Ministerium für sie innerhalb des Schulgeländes. Auf diese Weise bleibt sie für diese papierverschwendenden Bürokraten unantastbar."
Minerva beobachtete die pochende Ader auf Snapes Stirn mit stoischer Gelassenheit. "Der sprechende Hut hat Ms Draug übrigens Slytherin zugeteilt", erklärte sie Snape dann mit unerschütterlicher Seelenruhe.
Als Snape diese Aussage nur mit einem entsetzen Blick aus kalten, nachtschwarzen Augen erwiderte, fühlte sich Professor McGonagall dazu veranlasst, ihm die Tragweite dieses Satzes näher zu erläutern.
"Eigentlich hatte der Hut zunächst eine Präferenz zu Ravenclaw, als er sich auf Ms Draugs schwarzen Federn niedergelassen hatte, aber letzten Endes entscheidet er sich eben doch nach tieferer Intuition, Severus. Ich kann Ihnen versichern, dass Ms Draug keine größere Begeisterung über diesen Beschluss gezeigt hatte, als Sie es jetzt tun. Verständlicherweise freut sich kein freiheitsliebender Geist, in ein Zimmer in den Kerkern ziehen zu müssen. Doch diese Schule richtet sich nach klaren Regeln."
"Regeln?", spie Snape aus.
"Dieser... diese... Draug ist nicht mal ein Squib! Wie kann der Hut eine mindermagische Person einem Haus zuteilen?!"
"Er hat es getan, Severus. Das bedeutet, dass wir von Ihnen erwarten, dass Sie unseren Gast dabei unterstützen werden, sich in Hogwarts zu integrieren. Vergessen Sie bitte dabei nicht, dass Sie es nicht mit einer minderjährigen Schülerin zu tun haben! Zeigen Sie ihr die Räumlichkeiten, helfen Sie ihr bei der Beschaffung von Unterrichtsmaterialien und allem, was sie sonst noch benötigt, und seien Sie für sie der Ansprechpartner, wenn es Probleme geben sollte."
Tilya, die die ganze Zeit unter höflicher Zurückhaltung der Diskussion gelauscht hatte, meldete sich nun auch leise zu Wort.
"Professor McGonagall, verzeihen Sie, aber eigentlich wollte Hagrid mir Hogwarts zeigen und danach meine Besorgungen zusammen mit mir erledigen."
"Stimmt!", bestätigte der gutmütige Halbriese sofort.
"Hab ich Til gestern Nacht noch versprochen. Außerdem", setzte er mit Nachdruck und einem tadelnden Blick zu seinem slytherinschen Kollegen fort, "wäre es mir eine echte Freude!"
