2 – Bleierne Herzen

Drei Tage vergingen, und kein Wort von Son Goku. Zwar rief Chichi einige Male an, selbstverständlich aber nur, um mit Bulma zu sprechen. Vegeta fragte nicht. Wenn er wieder fit war, würde Kakarott sich melden. Bulmas Gesicht hatte immer mehr einen besorgten Ausdruck angenommen, und Vegeta konnte sich nicht recht gegen den Gedanken wehren, dass das unmittelbar damit zusammenhing, dass sein Gegner sich heute schon zum zweiten Mal vor ihrem Trainingskampf drückte. Der feige Hund sollte endlich aufhören, sich hinter seiner Frau zu verstecken, so schlimm konnte es doch nun wirklich nicht sein! So brachte er ihn nur um seinen Mal zu Mal näherrückenden Sieg!

Zumindest wollte er, dass dieser Sieg näher kam, mit etwas Ehrlichkeit zu sich selbst wäre Vegeta schnell klar gewesen, dass er davon noch weit entfernt war. Dass er ewig der Zweite bleiben würde. Dennoch war es ein erstrebenswertes Ziel. Und vollkommene Ehrlichkeit zu sich selbst erlaubte sich Vegeta nur selten, denn damit gingen noch andere, noch weit unangenehmere Erkenntnisse einher.

Es war früher Nachmittag, als Bulma den Telefonhörer nach einem längeren Gespräch mit Chichi einhängte. Ihre Sorge war einem beinahe schmerzverzerrten Gesichtsausdruck gewichen. „Vegeta... hilfst du mir dabei, das Kinderzimmer auszuräumen?"

„Warum das denn? Und was machst du schon wieder für ein Gesicht?" Man sah es ihm zwar nicht an, außer vielleicht daran, dass er die Reisschüssel etwas zu abrupt abgestellt hatte, aber die Frage hatte ihm einen Schreck eingejagt. Warum sah Bulma nur so verdammt traurig aus? War etwas mit dem Baby?

Sie lächelte schwach. „Nur eine Weile... Bis Goku wieder auf den Beinen ist."

Verdammt, konnte sich diese Frau nicht klarer ausdrücken? „Was ist mit Kakarott?" Warum müssen wir wegen seinen dämlichen Magenkrämpfen das Kinderzimmer ausräumen?

Bulma schnippte. „Stimmt ja, ich hatte dir gar nichts erzählt." Sie ließ die Hand wieder sinken, und setzte sich Vegeta gegenüber. Sie hob den Blick zunächst nicht von der Tischplatte, als sie berichtete.

„Gohan bringt ihn nachher vorbei. Sein Zustand ist seit du bei ihm warst zusehends schlechter geworden... Chichi würde ihn ja ins Krankenhaus bringen, aber da das letzte Turnier unterbrochen wurde, läuft sie finanziell momentan auf dem Zahnfleisch. Sie haben bisher von Gokus Preisgeldern gelebt, sie kann sich das also nicht leisten. Die nächste Ernte Senzus ist erst in drei Monaten, und da die Capsule Corporation auch reichlich medizinische Gerätschaften herstellt, habe ich ihr versprochen, dass wir uns um ihn kümmern, und das Kinderzimmer ist der einzige Raum, der genug Platz für die notwendigen Hilfsmittel bietet... Mein Vater ist was Medizin angeht auch nicht gerade dumm, das hast du ja schon selbst bemerkt." Sie spielte damit auf den Zwischenfall mit der Gravitationskammer an, der vor vielen Jahren stattgefunden hatte, und bei dem Vegeta sich schwerste Verletzungen zugezogen hatte. Sie lächelte bitter. „Bei allem, was er uns gegeben hat, ist das wohl das Mindeste, das wir tun können."

Vegetas Gesichtausdruck war im Laufe ihres kurzen Berichts immer mehr vom Mürrischen ins Ungläubige übergegangen. War das die „Versteckte Kamera"? Warum war dann dieser Streich so ganz und gar nicht komisch?

„Kakarott? Ins Krankenhaus?" Ohne verletzt worden zu sein? Der Gedanke ließ ihm einen kalten Schauer den Rücken herunterfahren. Unglücklicherweise bemerkte Bulma das.

„Machst du dir etwa Sorgen um ihn?" Es klang nicht halb so zweifelnd, wie sie Vegeta anscheinend glauben machen wollte.

„Ich will nur wissen, wann er wieder kämpfen kann!" Die Wahrheit, ohne Auslassungen. Oder nicht? Warum hatte dann Bulmas Frage mitten ins Schwarze getroffen? Er machte sich doch nicht wirklich Sorgen um diesen drittklassigen Vollidioten? Nun, Gedanken machte er sich zumindest, und von denen viel zu viele.

„Nicht allzu bald, so wie Gohan das beschrieben hat. Chichi neigt zu sehr zum Übertreiben, leider, deswegen habe ich noch einmal mit ihm gesprochen. Anscheinend sieht es wirklich nicht gut aus." So ein Schwachsinn, vorgestern wollte er selbst doch noch kämpfen! Das durfte doch nicht wahr sein! Vegeta knurrte gereizt. Was war das hier bloß für ein beschissener Traum?

„Wenn du mir nicht glaubst, überzeug dich selbst und flieg ihnen entgegen. Die übliche Route zu Gokus Haus." Wahrscheinlich hätte sie es gar nicht erwähnen müssen, denn einmal mehr blieb ihr nichts weiter, als das Fenster hinter ihrem Mann zu schließen. Um das Kinderzimmer kümmerte sie sich selbst.

Nicht einmal fünfzehn Kilometer entfernt traf Vegeta auf Gohan. Er war nicht allein, sein Bruder Goten und Vegetas Sohn Trunks begleiteten ihn. Videl flog einige Meter hinterher, auch sie hatte wie Bulma ein leichtes Bäuchlein angesetzt. Anscheinend bremste dieses die sowieso schon langsame Fliegerin noch mehr. Keiner von ihnen wirkte besonders fröhlich.

Gohan hielt etwas auf dem Arm, dass auf den ersten Blick wirkte wie eine sehr große, zusammengerollte Wolldecke. Erst als er im nächsten Moment einige Haarsträhnen und eine Hand aus dem Bündel ragen sah, fiel ihm wieder ein, dass das wohl Goku sein müsste. Wenn es ihm so schlecht ging, wie Bulma behauptete, konnte er kaum selbst fliegen.

Ohne zu stoppen wechselte er die Richtung, als die Gruppe an ihm vorbeizog, so dass er sich neben Gohan einreihte. Kurze Grüße wurden ausgetauscht, näher unterhalten würde man sich, wenn man einmal bei CC angekommen war.

Vegeta war entsetzt darüber, wie richtig die Behauptungen über Kakarotts Zustand gewesen waren. Sein Energielevel lag weit unter dem, das er im Alltag für gewöhnlich aufrecht hielt. Die Hitze, die sein fiebriger Körper abstrahlte, konnte Vegeta noch einen Meter weit entfernt und im vollen Flug spüren. Selbst für einen seiner Art waren das Temperaturen, über die man besser nicht nachdachte. Er wagte es, noch einmal einen Blick zur Seite zu werfen, wodurch er kurz das Gesicht des jüngeren Sayajin zu sehen bekam. Die glasig wirkenden Augen hatte er zur Hälfte geschlossen. Er war scheinbar an der Grenze zur Bewusstlosigkeit und sicherlich kaum mehr in der Lage, seine Umgebung klaren Verstandes wahrzunehmen. Vegeta zog die Augenbrauen noch ein wenig dichter zusammen als sonst, und versuchte, das Gefühl, dass in seinem Inneren aufkeimte, einzuordnen. Es tat ihm fast körperlich weh, Goku so zu sehen. Wie sein Kopf kraftlos an der Schulter seinen Sohnes lehnte. Er wirkte... hilflos. Und das war Vegetas Ansicht nach von alledem das Schlimmste.