4 – Einkehr
Der Raum war nicht sonderlich groß, weshalb sich diejenigen, die schon vorher bei Goku waren, entschieden, draußen zu bleiben. Videl blieb bei Gohan, um ihn zu trösten. Mrs. Briefs kümmerte sich darum, dass die Sons die Möglichkeit hatten, dazubleiben, solange Goku hier war, indem sie Gästezimmer einrichtete.
Im Krankenzimmer war die schwermütige Stimmung noch greifbarer als zuvor in der Küche. Vegeta stand weit hinten, etwas abseits von den anderen, die nacheinander zu Goku gingen und ihm Mut zusprachen. Er hörte, was sie zu ihm sagten. Und er wusste, dass Goku wach war, denn ab und zu vernahm er auch, dass dieser etwas zurückflüsterte. Aber sehen konnte er nur Rücken und Wände. Manchmal wäre eine weniger geringe Körpergröße eben doch von Vorteil gewesen. Nach und nach leerte sich der Raum, niemand wollte Goku zu lange stören. Als letzte gingen Trunks und Goten. Vegeta wandte sich von der Tür ab, hin zum Bett. Und erstarrte für einen Moment.
Gleich mehrere Schläuche liefen unter das weiße Hemd, das sie Kakarott übergezogen hatten, und wahrscheinlich war das Ende von mehr als einem davon mit etwas verbunden, das durch seine Haut stach. Es wunderte Vegeta, dass er das schweigend hinnahm. Kakarotts Angst vor Nadeln war sprichwörtlich, Bulma und Kuririn hatten sie an geselligen Abenden oft genug zum Anlass für einige recht flache Witze genommen. Drähte ragten aus dem Kragen des Hemdes. Des Hemdchens wohl eher, wenn man genauer hinsah, wovon Vegeta nach kurzem, fühlbar angewidertem Zähneblecken eindeutigen Abstand nahm. Bevor er sich so etwas anziehen ließe, würde er sich erhängen, ganz sicher. Über das dauernde Flüstern der anderen hatte er das ständig wahrnehmbare Piepen und Summen, das den Raum erfüllte, nicht hören können. Aber nun sah er mitten auf einen der Monitore, und mehr unwillig als unfähig, seine Umgebung weiter zu ignorieren, wagte er es zum ersten Mal, sich umzusehen. Die Ausstattung eines kleines Krankenhauses fand in diesen vier Wänden Platz, und sorgte in dem im Grunde nicht wirklich engen Zimmer für eine gepresste, sterile Atmosphäre. Die unaufhörlichen Hintergrundgeräusche, die diese ganzen Gerätschaften von sich gaben – Scheiße, wozu brauchte man diesen ganzen Krempel überhaupt? Bulma war doch sicher intelligent genug, einen Regenerationstank zu bauen! – waren einfach nervtötend.
Vegeta trat näher an das Bett heran. Von Kakarott war nur der wirre Haarschopf zu sehen, und das blasse, halb von einer Sauerstoffmaske bedeckte Gesicht. Es war eigenartig: Vegeta schien es für einen Moment, als sei er kleiner geworden, schmächtiger. Die Aura enormer Stärke, die er sonst immer abstrahlte, die ihn auf sein Gegenüber wahrscheinlich auch einen guten Kopf größer wirken ließ, war schwächer geworden. Und der Energielevel sank weiter. Sehr langsam, aber beständig. Er hatte jetzt schon nicht mehr genug Kraft, um alleine zu gehen. Die Erkenntnis versetzte Vegeta einen Stich. Hilflos. Ähnlich hatte es sich angefühlt, als er den anderen Sayajin auf dem Flug hierher in den Armen seines ältesten Sohns gesehen hatte.
„Vegeta...?" Kakarott schien verwirrt zu sein. „Ich dachte, alle wären gegangen."
„Wie du siehst, bin ich noch hier. Frag mich nur nicht, wieso."
„Hatte ich gar nicht vor." Er schloss einen kurzen Moment die Augen, als müsse er für die nächsten Worte Kraft sammeln. „Ich bin nur froh, dass du noch hier bist."
Vegeta knurrte, allerdings weniger gereizt als bestätigend. Er redete sich selbst ein, er sei hier, um Bulma einen Gefallen zu tun. Sie hatte ihn kurz bevor sie den Raum betreten hatten gebeten, freundschaftlich mit Kakarott umzugehen. Und wenn das nicht möglich war, so zumindest höflich. Wenigstens friedlich! Vegeta neigte mehr und mehr zur ersten Möglichkeit. Er hatte sicher nicht vor, den anderen Sayajin zu einem Kampf zu fordern. Allein der Gedanke war lächerlich. Und höflich war noch nie ein Wort gewesen, dass so, wie Bulma es meinte, auf ihn zugetroffen hätte.
Vegeta warf demonstrativ einige Blicke durch den Raum, die Arme immer noch abwehrend vor der Brust verschränkt. „Wie hast du das bloß angestellt?"
Goku deutete ein Kopfschütteln an. „Wenn ich das wüsste..." Seine Augen hatten sich inzwischen zu schmalen Schlitzen geschlossen. Seine Stimme wurde langsam leiser. „Ich bin nur... so verdammt müde..."
„Vollidiot, dann schlaf doch einfach!" Goku kam dieser Aufforderung schon nach, als sie noch nicht ganz ausgesprochen war. Dennoch zog Vegeta den weißen Klappstuhl, der an der Wand neben ihm lehnte, möglichst unauffällig zu sich heran. Erst als völlig klar war, dass Kakarott ihn nicht hören konnte, ließ er sich darauf fallen und die Situation ein wenig Revue passieren.
Wenn er ehrlich war, – und da waren wir wieder bei Ehrlichkeit zu sich selbst und deren Konsequenzen, nicht wahr? – wusste er, warum er jetzt an Gokus Bett saß. Und die Empfindung, die da war, kannte er auch. Er hatte sie schon oft genug erlebt, wenn auch nur kurz oder für andere. Im Kampf gegen Buu hatte es ihn ergriffen, und nie mehr wirklich losgelassen: Mitgefühl.
Er hätte es niemals laut ausgesprochen, nie. Einen Teufel hätte er getan, außer sich selbst auch noch anderen solche Erkenntnisse einzugestehen. Aber er machte sich tatsächlich Sorgen um Kakarott, gewaltige Sorgen sogar. Er fragte sich, was es war, dass ihn so angewiesen machen konnte auf die Hilfe anderer. Kakarott hatte es zwar nicht direkt ausgesprochen, aber er wollte jetzt nicht allein sein. Vegeta hatte nicht vor, ihn unter diesen für einen echten Krieger unwürdigen Bedingungen im Stich zu lassen. Er wollte ihm helfen, so gut er konnte, und das war kein Gefallen, den er seiner Frau tat. Er ertrug es einfach nicht, seinen... besten Freund... so zu sehen.
Wäre da wenigstens ein Gegner gewesen! Etwas, was man sehen konnte, wogegen man mit beiden Fäusten hätte kämpfen können! Es wäre ein Leichtes gewesen, aufzustehen und sich dem entgegenzustellen. Sie waren Sayajin, das lag ihnen im Blut, und nichts mehr als das. Nichts, einfach nichts hatte sie in letzter Konsequenz aufhalten können. So schmerzlich es auch war: Erst recht nicht Kakarott.
Aber was genau war es, dass ihn an dieses verdammte Bett fesselte? Was gab es hier auf der Erde, das einen der Ihren derart außer Gefecht setzen, in letzter Konsequenz sogar töten konnte? Es war offensichtlich, dass es hier von Seiten der Krankheitserreger nichts dergleichen gab. Kakarott lebte seit mehr als vierzig Jahren auf diesem Matschklumpen, und wie Bulma so richtig angemerkt hatte, hatte er sich in dieser Zeit nicht ein einziges Mal mit einem irdischen Erreger infiziert. Die Herzkrankheit, mit der er damals zu kämpfen hatte, war extraterrestrischen Ursprungs gewesen, der Virus hierzu hatte von Namek gestammt. Selbst hartnäckigste Dinge wie Erkältungen und Grippe waren spurlos an ihm vorbeigezogen, wie sie auch an Vegeta selbst vorbeizogen, während die ganze Familie Briefs verschnupft das Bett hütete.
Vegeta grinste in sich hinein. Wenn die wüssten, worüber er gerade nachdachte, würden ihnen die Unterkiefer reihenweise aus dem Gesicht fallen, so dämlich, wie sie ihn einschätzten. Und er hatte sie in dem Glauben gelassen. Zwar war er kein Wissenschaftler, jedoch hatte er im Gegensatz zu Kakarott in seiner Jugend durchaus eine gute Schulbildung genossen. Eine, die auf dem Verständnis einer weltraumfahrenden Rasse basierte. Ganz abgesehen davon, dass er von der Anatomie eines Sayajinkörpers per se mehr wusste, als jeder noch so kluge Kopf auf diesem Planeten. Es wäre doch gelacht gewesen, wenn ihm nichts einfiele.
