5 – Nachtwache
Auch am nächsten Morgen saß Vegeta noch reglos auf dem Plastikklappstuhl neben Kakarotts Bett. Er hatte nicht geschlafen, sondern die Nacht mit intensiven Überlegungen über dessen Krankheit verbracht, gedanklich alte Schulbücher und aufgeschnapptes Wissen gewälzt. Im Endeffekt gab es einige Möglichkeiten, eine davon unzusammenhängender als die andere. Viele seiner Betrachtungen hatte er in den letzten Stunden verworfen, andere hinzugezogen. Dr. Briefs und Bulma waren einige Male hereingekommen, letztere hatte ihm vor drei Stunden eine Decke und etwas zu Essen gebracht. Gegessen hatte er schnell, und auch die Decke hatte er sich seiner Frau zuliebe von ihr um die Schultern legen lassen. Der Ausdruck auf seinem Gesicht schien sie angesichts der Situation zu verwirren. Es war der gleiche, der sich darauf legte, wenn er eine Kampfsituation analysierte, wenn er versuchte, einen Gegner abzuschätzen.
„Vegeta... ist alles in Ordnung?"
„Selbstverständlich." Er sah nicht auf.
„Du wirst ihm nichts tun, oder?" Die Frage war nicht erforderlich gewesen, dass wussten sie beide.
Dennoch antwortete Vegeta, ebenfalls rein obligatorisch. „Ich habe es nicht nötig, meine Feinde im Schlaf zu töten."
„Ist dir etwas eingefallen?", hatte sie gefragt, als sie seinen Gesichtsausdruck als Nachdenklichkeit erkannte. Und tatsächlich war er versucht, seine Überlegungen mit Bulma zu teilen. Doch das wäre zu weit gegangen, denn erstens hatte er einen Ruf zu wahren, den er durch die Wache an Kakarotts Bett schon arg gefährdete, und zweitens war keine seiner Ideen ausgereift genug gewesen, um sie laut zu äußern. Also war Bulma nach einigen Momenten des Schweigens dazu übergegangen, neue Medikamente an diese widerlichen Schläuche zu hängen und Kakarotts Temperatur erneut zu messen. Danach war sie verschwunden.
Inzwischen jedoch hatte Vegeta eine Theorie, die eine nähere Überprüfung wert war. Allerdings musste der jüngere Sayajin ihm dabei helfen.
„Aufwachen, Kakarott." Vegeta trat unsanft gegen die Unterseite des Bettes. Der andere öffnete mühevoll die Augen und wandte ihm den Kopf zu. Irgendetwas fehlte.
Nach einigen Momenten fiel es Vegeta auf: Kakarott war das Grinsen vergangen. Nur ein Mundwinkel verschob sich leicht nach oben, zusammen mit einer Augenbraue. Im Moment konnte er Vegetas Mangel an Mimik beinahe Konkurrenz machen. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte er sich diebisch darüber gefreut, in diesem jedoch gab es ihm einen Anlass mehr, sich zu sputen.
„Oi, Vegeta...", antwortete Goku, während er sich die Zeit nahm, sein Gegenüber zu fixieren. „Ist es schon Morgen?"
„Ich habe nicht den leisesten Schimmer. Beantworte mir eine Frage."
„Du solltest inzwischen wissen, dass ich darin nicht besonders gut bin." Der Mundwinkel schob sich noch ein Stückchen nach oben. Die Sauerstoffmaske war ein wenig verrutscht, und seine Stimme war kaum mehr als ein raues Wispern.
„Als diese Idioten deinen Schwanz entfernt haben – wie haben sie das gemacht?"
Kakarott machte nicht den Eindruck, als verstünde er, ob oder warum diese Frage wichtig war. Wie sollte er auch? Alles, was er über seine Art einmal gewusst haben mochte, hatte er sich noch im Kleinkindalter im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Kopf geschlagen. Das Resultat war schlimmer, als Vegeta es sich ohne Beispiel hätte vorstellen können. Zu dumm und emotional, um seinen Auftrag, nämlich diesen Planeten für den Verkauf leer zu fegen, auszuführen, verweichlicht und viel zu herzlich für einen Soldaten. Zu viel Gefühl. In dieser Hinsicht besaß Kakarott keinerlei Deckung, keinen Millimeter Polsterung. Ihn selbst hatte sein Mitgefühl für die Menschen hier deutlich verwundbarer gemacht. Entschlossener noch, sicherlich, aber weicher. Und Kakarott schien jene Verwundbarkeit, so oft er sie hätte ablegen können, mit Absicht aufrecht zu erhalten. Vegeta fragte sich zuweilen, warum jemand, der so lebte, noch nicht ob seelischer Schmerzen zugrunde gegangen war. Und warum ihn jemand, der so lebte, besiegen konnte, immer wieder. Die Antworten, die sich ihm auf diese Fragen unvermittelt präsentierten, behagten ihm ganz und gar nicht.
„Was meinst du mit ‚wie haben sie das gemacht'?"
„Wie blöd kann man sein? Vergiss es. Haben sie dir den Schwanz abgeklemmt? Abgerissen? Abgeschnitten? Das meine ich mit ‚wie'."
„Ach so. Ausgerissen natürlich, wie jedes Mal... Glaub ich. Ist schon ein paar Jahre her, da müsstest du wohl Muten Roshi fragen..." Goku grinste nun schwach, aber in voller Breite. „Okay, nicht natürlich. Deiner wurde ja schließlich abgeschnitten, nicht? Tut mir immer noch leid, aber uns blieb nichts an-"
„Halt's Maul!"
Der Angesprochene tat wie geheißen, und das Grinsen fiel ihm abermals aus dem Gesicht. Vegeta bedauerte seine Grobheit nicht. Er brauchte Ruhe, um nachzudenken, und das Gefasel dieses drittklassigen Trottels störte dabei. Erst recht, wenn er über dieses für seine Begriffe doch recht makabere Thema sprach. Kakarott mochte es zwar nicht als so tragisch empfinden, doch Vegeta fühlte sich seit jenem Kampf eines wichtigen Gliedmaßes beraubt. Zugegeben, hier auf Erden hätte es nur Nachteile für ihn gehabt, aber man schnitt ja auch im richtigen Leben niemandem die Zehen ab, damit er in ein paar Schuhe hineinpasste.
Zumindest hatte der andere mit dem brauchbaren Teil seiner Antwort Vegetas Vermutungen bestätigt. Kakarotts kleine Freunde waren es, die selbst dafür gesorgt hatten, dass ihr großer, starker Weltenretter jetzt im Sterben lag. Und selbstverständlich waren bis jetzt weder der mutmaßliche Hauptverantwortliche noch die Frau, die an seiner Seite zu sein hatte, hier aufgekreuzt. Ein großartiges Weib hatte Kakarott sich da angelacht.
Vegeta wollte dem anderen Sayajin gerade eine scharfzüngige Anmerkung hierzu angedeihen lassen, doch dieser hatte abermals die Augen geschlossen, kämpfte hart um jeden Atemzug, versunken in bleiernen Fieberträumen. Und nur Augenblicke später erwischte Vegeta sich dabei, wie er die Sauerstoffmaske geraderückte und die Decke über Gokus bloße Schultern zog. Rasch stellte er diese allzu fürsorgliche Tätigkeit ein.
Obwohl... warum eigentlich?
Sich vergewissernd, dass niemand ihn dabei sah, legte Vegeta mit noch versteinerteren Gesichtszügen, als er sie sonst zur Schau stellte, einen neuen Beutel Eis auf die glühende Stirn. Er würde es Kakarott nicht gestatten, sich so einfach aus der Affäre zu ziehen. Noch einen letzten Blick auf das Gesicht des Schlafenden werfend, verließ der stolze Prinz der Sayajin das Krankenbett Kakarotts. Des Letzten seines Volkes, seines ewigen Widersachers, und seines hierdurch auf bizarre Weise einzigen echten Freundes. In seinem Blick lag ein eindeutiger Befehl und eine noch deutlichere Drohung: Halte durch. Überlebe. Und gnaden dir alle Götter, die du kennst, wenn du es nicht tust.
