Der Junge ließ sich auf den Boden gleiten und starrte wie betäubt auf die nun leere Trage. Der Mensch war verschwunden, als hätte er nie existiert. Tausend und eine Frage schwirrten durch Spocks mentalen Kosmos. Keine davon konnte er einfangen und beantworten.

Mit leerem Blick stand er schließlich auf und machte sich auf den Weg nach Hause. Die Einsamkeit der Wüste umfing ihn nach wenigen Schritten und trieb ihn voran. Er fühlte undeutlich, dass er sich in einem Schockzustand befand, wagte aber nicht, sich weiter zu analysieren aus Angst vor einer mentalen Starre. Niemand war bei ihm, der ihn daraus wieder hätte lösen können und so wäre sie sein Todesurteil gewesen.

Als er am Abend des nächsten Tages am Rande von Shi'Kahr ankam, war er mit seinen Kräften am Ende. Er hatte den ganzen Weg zurückgelegt, ohne einmal anzuhalten oder etwas zu sich zu nehmen. Der Anblick der vertrauten Stadtmauern, Häuser und Kuppeln beruhigte ihn ein wenig.

Shi'Kahr war seine Heimatstadt. Der Ort, zu dem er sich gehörig fühlte, auch wenn er nicht nur gutes hier erlebt hatte. Er glaubte fast, den Gedankenfluss der vielen tausend Vulkanier zu spüren, die hinter den Mauern lebten und arbeiteten. Diese Vorstellung vertrieb die Leere der Wüste aus seinem Verstand und tat ihm gut.

Spock betrat eine der umliegenden Transporterkabinen und legte seine Hand auf eine Scannfläche. Der Computer stellte seine Identität fest und bot ihm die verschiedenen Ziele in der Stadt an, zu denen er Zutritt hatte. Er überlegte kurz und entschied sich dann für sein Elternhaus. Es hatte keinen Sinn, eine zwangsläufige Konfrontation hinauszuzögern.

Als er von der Transporterplattform stieg und den kleinen Vorgarten betrat, entdeckte ihn wie erwartet als erstes seine Mutter. Sie pflegte abends in einem Wipptuch unter einem der verdorrten Zel'lienbäume zu sitzen und die gemäßigten Temperaturen zu genießen. Obwohl sie seit vielen Jahren auf Vulkan lebte, hatte sie sich nicht an die Tageshitze gewöhnt und erwachte erst um diese Uhrzeit richtig zum Leben.

Als sie ihren Sohn erblickte, sprang sie auf und rannte zu ihm. Er sah seine Mutter auf sich zukommen und bewunderte wie immer ihre exotische Schönheit, doch schloss gleichzeitig seine emotionalen Schilde. Sie konnte ihre Gefühle oft nicht richtig abschirmen und belastete ihn damit.

Doch dieses Mal deutete sie seinen Gesichtsausdruck richtig und blieb vor ihm stehen, ohne ihn zu berühren. "Oh Spock, wie siehst du nur aus? Und müsstest du nicht erst übermorgen.." Sie hielt inne, weil ihr die Bedeutung der Umstände klar wurde.

"Amanda." Spocks Vater Sarek war aus dem Haus getreten und kam zu ihnen herüber. Seine Stimme klang ruhig, aber hart und bestimmt. Die Frau trat mit gesenktem Blick zurück und ließ Vater und Sohn allein. Spock sammelte seine übrig gebliebenen mentalen Kräfte und legte eine möglichst unbeteiligte Miene auf, wie es von ihm erwartet wurde.

Sarek verschränkte die Hände hinter dem Rücken und sah auf seinen Sohn hinunter. "Spock. Hast du das Kahs-wan abgebrochen?"

Der Junge antwortete, mühsam ein Zittern in seiner Stimme unterdrückend: "Ja, das habe ich. I-Chaya wurde von einem Le-matya getötet und.." Er glaubte, im Gesicht seines Vaters eine kurze Bewegung wahrzunehmen. Immerhin war der alte I-Chaya schon ein Begleiter Sareks eigener Kindheit gewesen. Aber es war nur ein kurzer Moment und dann verschloss sich der Vulkanier wieder.

"Friede seiner Seele. Doch das ist kein Grund, die Prüfungen abzubrechen. Wie willst du jemals ein vollwertiger Vulkanier werden, wenn du dich von Emotionen leiten lässt?"

Die Worte träufelten wie Gift in Spocks aufgewühlte Seele und er ahnte, dass er sie in diesem Leben nicht mehr vergessen würde. Nie zuvor hatte Sarek so direkt die Minderwertigkeit seines halbmenschlichen Sohns ausgesprochen.

Warum hat er nur eine irdische Frau geheiratet und mich gezeugt, fragte sich Spock verzweifelt, nicht zum ersten Mal. Doch nun lag die Antwort wohl auf der Hand: sein Vater hatte selbst einem Halbblut mehr zugetraut, als Spock zu leisten vermochte. Er hatte versagt und würde nie Sareks Ansprüchen genügen.

Spock senkte schweigend den Blick. Sollte er jetzt von dem Menschen erzählen, der ihm begegnet und wieder verschwunden war? Er würde sich nur lächerlich machen und es gab ohnehin keine Rechtfertigung für sein Versagen.

Sarek wandte sich von seinem Sohn ab und ging gemessenen Schrittes zurück ins Haus. Er hatte ihm nichts mehr zu sagen.

***

Eine Stunde später saß Spock in seinem Zimmer und meditierte. Er hatte nur etwas getrunken, aber nicht am Abendessen der Familie teilgenommen, obwohl sein Körper dringend nach Nahrung verlangte. Aber jeder Bissen unter dem Blick seines Vaters wäre ihm im Halse stecken geblieben. Wieder eine emotionale Entscheidung, dachte Spock bitter.

Er versuchte sich erneut auf die Meditation zu besinnen, doch seine Gedanken wanderten immer wieder zu den Ereignissen des Tages, ohne dass er sie einordnen konnte. Es erschien ihm alles so unwirklich, wie ein dunkler Traum. Wenn es den Zeitreisenden wirklich gab, was war aus ihm geworden? Könnte er noch leben? Spekulation. Er kannte nicht genug Fakten, um auch nur die Wahrscheinlichkeit der verschiedenen Möglichkeiten einzuschätzen.

Resigniert wollte er zu Bett gehen, als er ein Geräusch an der Tür bemerkte. Er öffnete sie in der Erwartung, seine Mutter zu sehen. Stattdessen stand Sybok vor ihm, sein älterer Halbbruder. Er hielt einen gut befüllten Rohkostteller über dem Kopf und ging damit an Spock vorbei in sein Zimmer. Er wiegte sich in den Hüften wie eine Kellnerin, schlängelte sich an imaginären Kunden vorbei und stellte den Teller schließlich auf dem Schreibtisch ab. "Ihre Bestellung, mein Herr, wie gewünscht eine bunte Platte saisonaler Gemüsesorten." Der halbwüchsige Vulkanier ließ sich in einen Sessel fallen und grinste ihn an.

Spock unterdrückte den Impuls, die Augen zu verdrehten. Sybok war ein stadtbekanntes Unikum und der Alptraum ihres gemeinsamen Vaters. Er verweigerte strikt die Lehren Suraks und ließ seinen Emotionen freien Lauf. Allerdings war er bis vor kurzem bei seiner vulkanischen Mutter aufgewachsen und erst nach ihrem Tod hier eingezogen, so dass Sarek die Verantwortung für das Verhalten seines älteren Sohnes von sich weisen konnte. Schade nur, dass der jüngere Sohn genauso eine Enttäuschung geworden ist, dachte Spock bitter.

"Danke für deine Mühe." sagte er und begann hastig zu essen. Er war einfach zu hungrig, um zu warten, bis Sybok wieder ging. Natürlich hielt sich sein Bruder nicht an die Regel, bei Mahlzeiten zu schweigen.

"Ach, es war keine Mühe, Amanda hat die Sachen vorbereitet. Ich habe ihr nur den Teller abgenommen und hochgebracht".

Spock hob fragend eine Augenbraue. Sybok kümmerte sich sonst wenig um seinen jüngeren Bruder. Überhaupt hielt er sich kaum zu Hause auf, sondern war ständig mit gleichaltrigen Freunden unterwegs und proklamierte die Freiheit der Emotionen. Warum war er jetzt zu ihm gekommen?

"Ich habe das 'Gespräch' zwischen dir und Sarek von der Terrasse aus gehört." erklärte Sybok und sah ihn aufmerksam an.

Spocks Gesicht färbte sich grünlich, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Wer hatte noch alles seine Schmach miterlebt? Unerheblich. So eine Neuigkeit würde sich ohnehin schnell verbreiten. Es ist wie es ist, dachte Spock. Er musste mit den Konsequenzen seines Verhaltens leben.

Sybok wurde ernst und stand auf. "Sarek hätte das nicht sagen dürfen. Du BIST ein vollwertiger Vulkanier, egal was du heute empfunden und getan hast. Gefühle gehören zu uns und wir dürfen sie nicht verleugnen."

Er redet, als würde er auf einer Bühne stehen, dachte Spock. Syboks Worte hatten vielleicht einen wahren Kern, aber so konnte er sie nicht annehmen und sie entsprachen nicht den Vorstellungen, die er von sich selbst hatte.

Er stellte den leeren Teller zur Seite und antwortete. "Ich bin zu müde für politische Vorträge, Sybok. Bitte lass mich jetzt allein. Und danke nochmals für das Essen."

Sybok ging zur Tür und drehte sich noch einmal um. Seine Miene war nun deutlich von Ärger geprägt, was auf seinem vulkanischen Gesicht überaus irritierend wirkte. "Gut, dann lass dich eben weiter wie Dreck behandeln, Spock. Viel Spaß auf der Akademie, die werden dich lieben als Halbblut ohne funktionierende mentale Kontrollen." Er knallte die Tür hinter sich zu.

Spock atmete tief durch. Die gehässigen Worte hallten noch in seinen Ohren. Er wusste, dass Sybok damit recht hatte. Auf der vulkanischen Akademie hielt man Suraks Lehren der Selbstkontrolle höher als sonst irgendwo auf Vulkan, denn nur so konnte die Wissenschaft zur höchsten Blüte gebracht werden. Einem halbmenschlichen Anwärter ohne abgeschlossenes Kahs-wan würde jeder dort mit Ablehnung und Misstrauen begegnen.

Schon in der Schule war Spock vom ersten Tag an ein Außenseiter gewesen, gleichgültig, wie gut seine Prüfungen ausfielen und wie sehr er sich bemühte, den Ansprüchen der Lehrer und Mitschüler gerecht zu werden. Es war vorherzusehen, dass sich diese Entwicklung weiter durch sein Leben ziehen würde, wenn er unter Vulkaniern blieb. Aber vielleicht gab es ja Alternativen? Ein Plan begann in ihm zu reifen.