In den Monaten nach seinem missglückten Kah-wan hatte es Spock nicht leicht. Er war keineswegs der erste Junge im Ort, der diese Prüfung vorzeitig abgebrochen hatte. Zehn Tage in der Wildnis ohne Nahrung, Trinken und Waffen zu überstehen, das brachte auch vulkanische Kinder an ihre Grenzen. Aber was man anderen verzieh, wo anderen zweite Chancen gewährt wurden, nahm man es bei ihm als nicht reinrassigem Vulkanier besonders genau. Zwar waren Schimpfwörter und Tätlichkeiten tabu, aber es gab für seine Mitschüler, Bekannte und Nachbarn tausend andere Möglichkeiten, ihn seine Unzulänglichkeit spüren zu lassen.
Nur zwei Gedanken halfen Spock dabei, diese Zeit psychisch gesund zu überstehen. Zum einen nahm er die Beleidigungen und Übergriffe zum Anlass, seine mentalen Abschirmungen bis zur Perfektion zu treiben. Er studierte einschlägige Literatur und nahm Unterricht bei einem ehemaligen Gol-Meister, der ihm verschiedene Techniken der Selbstbeherrschung beibrachte. Jedes böses Wort gegen sich interpretierte er fortan als Möglichkeit des mentalen Trainings und gab ihm so einen Sinn.
Auch wenn dies nicht immer gelang und er nicht alle Gefühle unterdrücken konnte, machte er doch zunehmend Fortschritte. Etwas, das sein Vater sicher befürwortet hätte, hätte er davon gewusst. Doch er und Spock sprachen nicht mehr miteinander, bis auf das nötigste, was sich nicht vermeiden ließ, wenn man in einem Haushalt lebte.
Vom zweiten Grund für Spocks relative Ausgeglichenheit wäre sein Vater dagegen entsetzt gewesen. Er hatte für sich beschlossen, nach seinem Schulabschluss Vulkan zu verlassen. Er liebte seine Heimat, aber er hatte mittlerweile die Hoffnung aufgegeben, hier jemals respektiert zu werden, von tieferen Bindungen ganz zu schweigen.
Er hatte nie engere Freunde gefunden. Zwar gab es in all den Jahren durchaus Kinder, die von seiner Persönlichkeit und Intelligenz fasziniert waren. Aber keines davon wagte es, zu ihm als Außenseiter zu stehen und mögliche Repressalien hinzunehmen. Auch eine Verlobung war nicht zustande gekommen, da er das Kah-wan abgebrochen hatte und genetisch "vorbelastet" war. Niemand wollte seine Tochter an ihn binden. Es gab keine Zukunft für Spock auf Vulkan. Diesen Gedanken in aller Klarheit zuzulassen, fiel ihm trotz seiner ausgeprägten Selbstbeherrschung immer noch sehr schwer.
Doch was ist, das ist, dachte Spock. Und ein Fakt ließ sich nicht leugnen: Er hatte nicht nur ein vulkanisches Erbe, er hatte auch ein irdisches. So suspekt ihm die Menschen mit ihrem extrovertierten Verhalten waren, sie würden ihn ganz sicher nicht ausschließen, weil er gelegentlich Emotionen zeigte. Zudem gab es keine Rasse der Föderation, die so konsequent den Weltraum erforschte und stetig Neuland beschritt, sowohl wörtlich, als auch im übertragenen Sinne.
Eine Vorgehensweise, die perfekt zu Spocks Neugier und Forscherdrang zu passen schien. Sich bei der Sternenflottenakademie zu bewerben, war daher eine logische Entscheidung für ihn, auch wenn er vermutete, dass das kein Vulkanier außer ihm so sehen würde. Zumindest war ihm niemand bekannt, der diesen Schritt bereits gegangen war. Trotz Gründung der Föderation zog es das vulkanische Volk vor, unter sich zu bleiben.
Aber auch die Menschen sind mein Volk, dachte Spock und fühlte beinahe etwas wie Genugtuung. Seine geschmähte genetische Herkunft brachte ihm nicht nur Nachteile, sondern auch neue Optionen.
Trotzdem zögerte Spock einen Augenblick, als er an seinem Computer die Bewerbung ausgefüllt hatte. Er spürte, dass dies ein Moment war, der seine Zukunft maßgeblich bestimmen würde. Ein Zurück würde es nicht geben, wenn sein Entschluss bekannt wurde. Doch Wankelmut lag nicht in seiner Natur, er hatte alle Fakten abgewogen und die logische Entscheidung getroffen, Zögern war nichts als Schwäche. Mit einem Tastendruck schickte er die Bewerbung an das Rekrutierungsamt der Sternenflotte und lehnte sich tief atmend zurück.
***
Als Spock kurz darauf das Haus verließ, dämmerte es draußen bereits. Er ging zu dem nahe gelegenen Westpark, wo sich um diese Zeit nur noch wenige Leute befanden. Hier suchte er oft Zuflucht und die Möglichkeit, ungestört seinen Gedanken nachzugehen.
Die Hitze hatte etwas nachgelassen. Die Pflanzen öffneten ihre verkapselten Blätter und Blüten. Ein unregelmässiges Knacken, Rascheln und verschiedene Tierlaute durchschnitten die Stille, obwohl er sich mitten in Shi'Kahr befand. Für Wühltiere und Insekten waren die Stadtabschirmungen keine wirkliche Hürde und da viele Vulkanier Gefallen an einer gewissen Natürlichkeit ihrer Umgebung fanden, gab man sich keine besondere Mühe, etwas dagegen zu unternehmen.
Spock nahm diese Eindrücke seiner Heimat tief in sich auf. Er konnte zwar nicht sicher sein, dass die Sternenflotte ihn akzeptierte und wenn das geschah, würde noch fast zwei Jahre dauern, bis er die Ausbildung dort beginnen konnte. Trotzdem verabschiedete er sich bereits innerlich von all dem, was ihm vertraut war. Etwas neues würde beginnen und er wollte bereit sein, wenn es soweit war.
Er betrat eine Lichtung, die durch ein dickes Rankengeflecht von neugierigen Blicken abgeschirmt war. Ein Steinhaufen bildete eine natürliche Bank, wo er sich nun wie so viele Abende zuvor niederließ und eine leichte Meditation einleitete. Er hatte einiges zu verarbeiten und diese Technik half ihm dabei, ohne sein Bewusstsein vollständig von der Außenwelt zu trennen.
Spock wollte gerade auf die zweite Meditationsstufe wechseln, da hörte er ein lautes Knacken im Unterholz. Er richtete sich alarmiert auf, als plötzlich ein nackter Mann durch die Ranken gestolpert kam, mit den Armen wild rudernd auf die Lichtung stürzte, stolperte und lang hinfiel. Der Mann sagte etwas unverständliches, was aber zweifelos ein Fluch war, rappelte sich dann mühselig wieder auf und blickte direkt in Spocks weit geöffnete Augen. "Hallo, Spock!" sagte er mit einem schiefen Lächeln. Alles Kontrolltraining konnte nicht verhindern, dass das Gesicht des vulkanischen Jungen in diesem Moment die pure Verblüffung ausdrückte.
Es war der selbe Mensch, der ihm vor so vielen Monaten in der Wüste begegnet war, auch wenn er seltsamerweise deutlich jünger wirkte - als hätte er den Schritt vom Jugendlichen zum Erwachsenen erst vor kurzer Zeit getan. Spock sah erleichtert, dass der Mensch - Kirk - offensichtlich körperlich völlig unversehrt war. Obwohl er keine objektive Schuld an dessen damaligen Verletzungen trug, hatte ihn die Vorstellung sehr belastet, dass jemand seine Gesundheit oder gar sein Leben bei dem Versuch verloren haben könnte, ihm zu helfen.
Irritierend war nur, dass Kirk erneut nackt auftauchte. Was hatte es damit auf sich? Spock wusste von seiner Mutter, dass Menschen ein ausgeprägtes Schamgefühl hatten und auch auf Vulkan war es üblich, sich zu bedecken, wenn auch vor allem aus praktischen Erwägungen. Es ging Vulkaniern nicht darum, sich zu verbergen. Den Körper ästhetisch und leistungsfähig zu halten und seine unerwünschten Reaktionen zu vermeiden, war eine Sache der Einstellung, nicht der Kleidung.
Spock musterte Kirk mit erhobener Augenbraue sehr gründlich und der Mensch begann zu lachen. Sein Gesicht veränderte sich dabei auf faszinierende Weise, es drückte soviel Liebe zum Leben und Freude aus, dass es keinen stärkeren Kontrast zu den beherrschten vulkanischen Mienen hätte geben können. Sogar seine Augen schienen zu lachen, was ungeheuer ansteckend wirkte.. wirken musste, auf andere Menschen, korrigierte sich Spock.
"Genug gesehen?" fragte Kirk, weiterhin grinsend. Spock hob auch die andere Augenbraue und antwortete "Mir bleibt ja kaum eine Wahl, wenn Sie nackt durch die Gegend laufen. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?"
Kirk stutzte. "Ach, ist das unser erstes Treffen? Gut, dann muss ich dir erst mal einiges erklären." Er setzte sich auf einen der großen flachen Steine, die noch angenehm warm von der Sonne des Tages waren.
Spock korrigierte den Menschen nicht, sondern machte sich nur innerlich eine Notiz, dass Kirk sich offensichtlich nicht an ihre letzte Begegnung erinnerte. Was mit seinem jüngeren Aussehen korrelierte und die Zeitreisetheorie bestätigte. Allerdings gab es dann auch keine Garantie, dass er den Angriff des Le-matya überlebt hat, schlussfolgerte Spock sofort und unterdrückte einen Seufzer. Er setzte sich ebenfalls wieder hin, so dass er dem Menschen gegenüber saß und ihn genau beobachten konnte.
Kirk sammelte sich mühsam und suchte nach Worten. Scheinbar fühlte er sich nicht wirklich wohl nach seinem Auftauchen und Spock erinnerte sich an seine Worte beim letzten Treffen. Er zog eine Wasserflasche aus seiner Tasche und reichte sie dem Menschen. Kirk trank ausgiebig und gab ihm dann fast bedauernd die Flasche zurück.
"Ah, das tat gut, danke Spock! Also.. ja, warum laufe ich nackt herum? Nun, ich habe eine genetische Krankheit, die sporadisch auftretende Zeitreisen verursacht. Bei diesen Reisen bleiben alle körperfremden Moleküle am Ausgangsort zurück, also auch die Kleidung. Du kannst dir sicher vorstellen, dass das manchmal ziemlich unangenehm ist. Nicht immer treffe ich auf so nette Leute wie dich." Er zwinkerte dem Vulkanier zu. Spock schluckte. Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal als 'nett' bezeichnet worden zu sein.
"Ich bin nicht nett" antwortete er dann auch "nur neugierig und ohne Vorurteile." Kirk nickte ihm zu. "Für mich läuft das auf das gleiche hinaus."
Spock kommentierte das nicht weiter, ihn interessierten andere Dinge. "Was ist das für eine Krankheit?" fragte er den Menschen. Er hatte nach ihrer Begegnung alle verfügbaren Informationen zu Zeitreisen gesichtet, aber nichts gelesen, was in diese Richtung ging. Wenn es sich allerdings um eine Krankheit handelte, die nur unter Menschen verbreitet war, konnte es gut sein, dass darüber nichts im lokalen Infosystem zu finden war.
Was Kirk ihm nun erzählte, ähnelte fast einem kleinen Vortrag und Spock hatte den Eindruck, dass der Mensch ihn schon oft hatte halten müssen. "Die Krankheit heißt Chrono-Syndrom und umfasst mehrere Abweichungen im Chromosomensatz, die zusammen zu den typischen Symptomen führen. Die Betroffenen werden auch CGPs genannt, chronogestörte Personen. Mein Arzt McCoy kürzt das auch gern mal zu 'gestörte Person' ab, wenn er nicht gut auf mich zu sprechen ist. Was öfter vorkommt. "
Er grinste und fuhr mit seinem Vortrag fort. "Erstmals entdeckt wurde das Chrono-Syndrom Anfang des 21. Jahrhunderts von Dr. David Kendrick. Er war damals der Ansicht, dass diese Krankheit schnell um sich greifen würde und mit Hilfe der Molekulargenetik ein Heilmittel gefunden werden könnte. Beides war nicht der Fall." Kirk seufzte. "Es gibt derzeit gerade mal eine Handvoll Fälle und niemand ist bereit, Geld in eine aufwendige medizinische Forschung zu stecken, die sich so wenig rentiert."
Spock empfand den Begriff "rentieren" im Zusammenhang mit Gesundheit als unangemessen. War die menschliche Gesellschaft so zynisch oder so knapp an Ressourcen?
Er überlegte, ob er eine Diskussion über das Thema beginnen sollte, oder ob das Kirk irgendwie beleidigen könnte. Doch die Überlegung erübrigte sich, als er sah, dass der Körper des Menschen anfing, durchsichtig zu werden. Offenbar war ihre Zeit abgelaufen.
Auch Kirk bemerkte es und sagte schnell "Ich werde noch öfter auf dieser Lichtung landen, Spock. Dann können wir uns weiter unterhalten. Es wäre mir eine große Hilfe, wenn du mir Kleidung und etwas zu essen mitbringen.." Schon war er verschwunden.
Spock zwinkerte und kam sich abermals fast vor wie in einem Traum. Der aber etwas an Substanz gewonnen hatte an diesem Abend, wie er feststellte. Vorfreude auf das nächste Treffen regte sich in ihm. Es war überaus interessant, was Kirk ihm erzählte und so viele Fragen waren noch offen.
Zudem nahm sich der Mensch Zeit für ihn und wirkte, als würde er sich gern mit ihm unterhalten, eine Erfahrung, die Spock nicht oft machen konnte.
Spock wischte sich den Staub von der Kleidung und ging durch die einbrechende Nacht zurück nach Hause. Seine Schritte waren so gemessen und zielsicher wie sonst auch, aber ein aufmerksamer Beobachter hätte eine gewisse Beschwingtheit darin erkennen können, die vorher nicht dagewesen war.
