Spock war wie jeden Tag in den letzten Wochen direkt nach der Schule zur Lichtung gekommen. Er hatte bereits beim ersten Mal eine wasserdichte Tüte mit Kleidung, Wasserflaschen und Trockennahrung in einer der Steinspalten deponiert.
Die Kleidung stammte er aus Syboks Schrank, geliehen, wie er sich sagte, auch wenn ein schlechter Nachgeschmack blieb. Natürlich hätte er seinen Bruder darum bitten können, doch mit welcher Begründung? Er konnte ihm nichts von Kirk erzählen. Zum einen war es wahrscheinlich, dass Sybok ihm nicht glauben würde. Zum anderen.. dies hier war etwas, das Spock mit niemandem teilen wollte. Obwohl ihm kein logischer Grund dafür einfiel. Doch er schob diesen Gedanken fort.
Tatsache war, dass die Tüte bisher unangetastet geblieben war. Kirk tauchte nicht auf und Spock übte sich in Geduld. Er tat alles, was er auch sonst tat, wenn er allein hier war, doch eine gewisse unterschwellige Unzufriedenheit störte ihn dabei.
An diesem Tag trainierte er Basistechniken des Suus Mahna, einem bekannten und gefürchteten vulkanischen Kampfstil. Er trat nach imaginären Gegnern, drehte sich blitzschnell herum, wich Waffen aus, die nur in seiner Phantasie auf ihn einstiessen. Der Schweiß lief in Strömen über seinen Körper, sein Herzschlag und Adrenalinspiegel stiegen an und nach und nach geriet er in den typischen Suusrausch, wo sich jede Bewegung automatisch aus der vorherigen ergibt und der Geist das Kommando an die Instinkte verliert.
Als er erneut herumschnellte und seinen Fuß nach vorn stieß, stand plötzlich der Mensch vor ihm. Anstand ihm die Kniescheibe zu zertrümmern, trat er jedoch ins Leere. Kirk war ihm blitzschnell ausgewichen und ging nun seinerseits zum Angriff über. Er wählte ein Standardmanöver, das Spock problemlos meistern konnte. Doch die Überraschung warf ihn aus dem Kampfrausch, er trat zurück und machte die übliche Stopp-Gebärde, woraufhin auch Kirk inne hielt.
"Woher beherrschen Sie das Suus Mahna?" fragte ihn Spock, sich schwer atmend auf seinen Knien abstützend. Er hatte noch von keinem Menschen gehört, der solche Kenntnisse besaß. Und das, obwohl er sich in letzter Zeit aus nahe liegenden Gründen vermehrt mit dieser Rasse beschäftigt hatte. Was bei ihm bedeutete, dass er eine Flut an Informationen in sich aufgesaugte und analysierte, mehr als das Gehirn mancher Humanoiden überhaupt fassen konnte.
"Du hast es mir beigebracht." antwortete Kirk, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Er griff zielsicher nach der versteckten Tüte, nahm Hose und Tunika heraus und zog sich schnell an. Dann machte er sich über Essen und Trinken her.
Spock beobachtete ihn verblüfft dabei. "Kein Vulkanier würde diese Kampftechniken einfach so an Menschen weitergeben." wandte er ein.
"In meiner Gegenwart sind wir Freunde, Spock. Sehr gute Freunde. Und du wolltest, dass ich mich verteidigen kann, wenn ich bei meinen Zeitsprüngen in Schwierigkeiten komme. Was leider ziemlich oft passiert."
"Freunde.." echote Spock. Ein Konzept, das ihm immer fremd geblieben war und ausgerechnet dieser Mensch würde so eine enge Bindung mit ihm eingehen? Es fiel ihm schwer, das zu glauben, auch wenn gewisse Indizien dafür sprachen, dass Kirk die Wahrheit sagte.
"Wir treffen uns wohl oft bei Ihren Zeitsprüngen?" fragte er nachdenklich. Kirk nickte. "Ohja, sehr oft. Besonders deine Kindheit scheint es mir angetan zu haben, aber auch später passiert es noch häufig. Meine erste Begegnung mit dir war übrigens besonders kurios, erst viele Jahre später begriff ich überhaupt, was da passierte. Ich war damals noch ein kleiner Junge und landete mitten in einer Silvesterparty in San Francisco, wo ich auf einen Vulkanier.."
"Sie reisen auch in die Zukunft?!" rief Spock dazwischen. Gleich darauf ergrünte er über seine emotionale Reaktion, was die Sache natürlich noch schlimmer machte.
Kirk schien seine Aufregung nicht zu bemerken oder er zeigte es nicht. "Ja, das kommt vor, wenn auch selten. Die Grenzen scheinen ungefähr fünfzig Jahre vor bzw. nach meiner Gegenwart zu liegen."
Spock überlegte. "Sie sagten, wir wären.. Freunde in Ihrer Gegenwart. Das heißt, wir lernen uns auch 'in Wirklichkeit' kennen. Wie und wo kommt es dazu?"
Kirk zögerte. "Eigentlich habe ich dir schon viel zu viel erzählt, Spock. Ich sehe diese Zeitreiserei eher als Fluch denn als Segen an. Ich möchte wie ein normaler Mensch vom Leben überrascht werden, nicht jedes Ereignis schon vorher kennen. Wenn wir uns beide treffen, werde ich dich noch nicht kennen und so soll es auch bleiben. Du brauchst keinen Kontakt aufnehmen, es wird einfach passieren. Unser Kennenlernen war ein ganz besonderer Moment für mich.." Er brach ab und versank offenbar in Erinnerungen, was der Vulkanier gut von seiner Mutter kannte.
Spock störte ihn nicht dabei, durchdachte stattdessen still das bisher gesagte. Er teilte Kirks Ansicht nicht. Wenn es etwas zu wissen gab, dann wollte er es auch wissen, das lag in seiner Natur. Doch er akzeptierte ihre Verschiedenartigkeit und würde sich an diese Regel halten.
