Das Transitshuttle hatte den Raumhafen verlassen und beschleunigte in Richtung Erde. Passagiere verschiedenster Rassen machten es sich bequem auf den Sitzen, ein Steward verteilte Getränke und Snacks. Spock lehnte dankend ab und sah fasziniert auf den Hauptbildschirm.
Er war noch nie zuvor auf der Erde gewesen. Natürlich kannte er Videoaufnahmen, Bilder und tausende von Fakten über diesen Planeten. Aber ihn selbst zu sehen, war etwas ganz anderes. Besonders faszinierten ihn die riesigen Ozeane. So viel Wasser, für jeden frei zugänglich.. es war unglaublich, was für ein Geschenk die Natur den Menschen gemacht hatte.
In seiner Heimat war Wasser ein seltenes, kostbares Gut. Er dachte an die letzten Jahre auf Vulkan zurück. Sein Stolz und die tiefe Befriedigung, als die Bestätigung der Sternenflottenakademie kam, dass er als Kadett akzeptiert wurde. Die harte Zurückweisung seines Vaters, der sich endgültig von ihm abwandte und kein Wort mehr mit ihm sprach. Enttäuschung und Sorge in den Augen seiner Mutter. Isoliertheit und Ablehnung. Lernen, Lernen und Lernen, Vorbereiten auf den Moment, in dem er all dies hinter sich lassen würde.
Und da war Kirk. Der einzige, der sich mit ihm über seine Rekrutierung freute. Stundenlang sprachen sie über Spocks Zukunftspläne. Sie trainierten, diskutierten über wissenschaftliche Abhandlungen, spielten Schach oder saßen abends einfach nur zusammen auf ihrer Lichtung und beobachteten die Sterne. Bei ihm fühlte sich Spock akzeptiert und.. gemocht.
Ja, sie waren Freunde geworden, Kirk hatte recht gehabt. Spock genoss dieses Gefühl, doch es beunruhigte ihn auch. Auf eine gewisse Art machte es ihn abhängig von jemand anderem, noch dazu von einem Menschen. Menschen galten als unzuverlässig, launisch.
Aber Spock war gewohnt, sich ein eigenes Bild zu machen, nichts auf Vorurteile zu geben und sein Bild von Kirk war ein ganz anderes geworden, als er erwartet hatte. Sicher, der Mensch zeigte seine Gefühle sehr offen und überschritt manche Grenze, die Spock vorher für unverzichtbar gehalten hatte. Er berührte ihn freundschaftlich, neckte ihn, lockte emotionale Reaktionen aus ihm heraus. Doch er tat es mit soviel Selbstverständlichkeit und Charme, dass der junge Vulkanier es einfach geschehen ließ und insgeheim sogar genoss.
Und bei aller Emotionalität war Kirk, wenn es darauf ankam, ein Ausbund an Zuverlässigkeit. Er handelte in jeder Situation souverän, traf zielsicher Entscheidungen in Sekundenschnelle, wo Spock zuerst Wahrscheinlichkeiten berechnete und verschiedene Lösungsansätze bis ins Detail analysierte.
Besonders fiel dem Vulkanier das bei den Simulationen auf, die sie als Vorbereitung auf seine Aufnahmeprüfung durchspielten. Sie saßen eines Nachts zusammen an Spocks Computer, nachdem er den Menschen ins Haus geschmuggelt hatte und lösten die meisten Problemsituationen mit Bravour, wobei Kirks ungewöhnlichen Entscheidungen oft den Ausschlag gaben. Doch auch Spocks umfassendes Wissen half ihnen aus mancher Klemme und der Vulkanier spürte wiederholt Kirks bewundernden Blick auf sich, was ihn seltsamerweise nervös machte.
Spock hätte bei der Erinnerung fast gelächelt, beherrschte sich aber im letzten Moment. Kirks Art, seine Gefühle zu zeigen, färbte zunehmend auf den Vulkanier ab und das behagte ihm ganz und gar nicht. Für ihn war Selbstkontrolle nach wie vor ein wichtiger Bestandteil seiner Persönlichkeit.
Inzwischen hatte das Shuttle den Flughafen von San Francisco erreicht und ging in den Landeanflug über. Mit einem Ruck kam es schließlich zum Stehen und die Passagiere strömten zur Ausstiegsluke. Spock nahm sein Gepäck, verließ das Shuttle und betrat erstmals irdischen Boden.
Er spürte sofort die geringere Gravitation, fühlte sich leichter und wendiger, sicher ein Vorteil im Kampf. Aber er war ja nicht zum Kämpfen hier, ging es ihm durch den Kopf. Er wollte Offizier der Sternenflotte werden und dann neue Welten kennenlernen, Wissen erwerben, das selbst der allumfassenden vulkanischen Wissensdatenbank noch fremd war.
Fröstelnd durchquerte Spock die Kontrollsperren. Es war kalt auf der Erde, wie erwartet, doch unangenehm. Er trug bereits seine Kadettenuniform, die leider nicht besonders wärmte. Aber das waren Nebensächlichkeiten, keiner weiteren Beachtung wert.
Zielsicher ging er zum Taxistand, wo mehrere Gleiter auf die ankommenden Fluggäste warteten. Natürlich hatte er sich vor seinem Abflug mit den Geländeplänen des Flughafens von San Francisco vertraut gemacht, ebenso wie mit allen anderen wichtigen Gebäuden dieser Stadt. Immerhin würde hier mindestens die nächsten vier Jahre seines Lebens verbringen.
Er ließ sich von einem andorianischen Taxifahrer bis vor die Sternenflottenakademie fliegen und machte sich vom Gleiter aus ein erstes Bild von dem weit ausgedehnten Campus. Der japanische Garten gab dem Gelände ein angenehmes, grünes Flair. Zahlreiche moderne Gebäude waren scheinbar wahllos im Park verteilt, aber Spock kannte das einfallsreiche und sinnvolle System dahinter.
Er stieg aus dem Taxi und ging zum Südeingang der Akademie. Als er näher kam, sah er einen jungen Mann mit dem Pförtner streiten und sein Herz machte einen kleinen Satz. Es war zweifellos Kirk, der dort stand und diskutierte, wenn auch sehr viel jünger, als Spock ihn bisher je getroffen hatte. Er schätzte den Menschen auf 18 oder 19 Erdenjahre. Doch seine Stimme, die Körperhaltung.. es bestand kein Zweifel.
Nun, da Spock fast am Pförtnerhaus angekommen war, konnte er auch hören, worum es ging. Kirk sagte gerade: "Ich habe es Ihnen doch schon erklärt. Heute findet eine öffentliche Vorlesung von Professor Tarantin statt. Alle Studenten können daran teilnehmen, das wurde mir so gesagt... " Der Pförtner blätterte sichtlich gelangweilt in seinen Unterlagen. "Davon weiß ich nichts" sagte er. "Hier haben nur Mitglieder der Akademie Zutritt, wie ICH es Ihnen bereits mehrfach erklärt habe." Damit wandte er sich von dem wutschäumenden Kirk ab. Äußerlich wirkte der Mensch noch recht beherrscht, aber Spock kannte die Anzeichen.
Ruhig trat er an den Scanner der Pforte und legte seine Hand darauf. Er wurde als Kadett identifiziert und das Tor öffnete sich mit einem leisen Knacken. Dann sah Spock zu dem Pförtner hinüber und sagte "Kadett Spock, Sir. Der Mann dort ist mein Gast, sie können ihn reinlassen." Der Pförtner musterte misstrauisch Spocks Gepäck und antwortete "Sie sind doch gerade erst angekommen. Kennen Sie den da überhaupt?"
"Ja, ich kenne ihn." sagte Spock würdevoll. "Er heißt James T. Kirk und wurde am 22. März 2233 als Sohn von George und Winona Kirk in Riverside geboren. Er hat die Blutgruppe 0 und ein Muttermal an der linken Gesäßhälfte.." Der Pförtner lachte unsicher. "So genau wollte ich es nun auch nicht wissen!"
Spock sah aus den Augenwinkeln, wie Kirk sich neben ihm erstaunt versteifte, aber sein Pokerface aufsetzte und sofort mitspielte. "Genau. .. Spock und ich sind Jugendfreunde und ich wollte ihn besuchen, bevor ich an der Vorlesung teilnehme."
"Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?" brummelte der Pförtner, stellte Kirk dann aber einen Besucherausweis aus und winkte die beiden durch.
Sie gingen zusammen den befestigten Weg weiter, bis sie aus der Sichtweite des Pförtners kamen, dann faste Kirk den Vulkanier mit beiden Händen an die Schultern und sah ihn grinsend an. "Danke Mann, ohne dich wäre ich hier nie reingekommen. Ich wusste gar nicht, dass Vulkanier so nett sein können."
"Ich bin nicht nett.." setzte Spock an, doch dann verließen ihn die Worte. Er sah in die lachenden Augen Kirks. Er spürte die Hände des jungen Mannes auf seinen Schultern. Das hier war der 'echte' Kirk, in seiner Zeit und in seinem Alter und alles war plötzlich verwirrend anders.
Kirk schien nichts davon zu bemerken. Er schlug dem Vulkanier noch einmal freudig auf die Schulter und sagte dann stirnrunzelnd: "Aber woher weißt du all diese Dinge über mich. Haben wir uns schon einmal getroffen?" Ganz sicher konnte er da nie sein..
"Ich habe mich gut informiert, bevor ich herkam." wich Spock aus. Eine Lüge war das nicht.
Kirk nickte zögernd. "Ich habe schon davon gehört, dass ihr Vulkanier die reinen Wissenssammler seid, aber das ist wirklich beeindruckend. Kannst du mir vielleicht auch sagen, wo der Vorlesungsraum für Astronomie ist? Die Vorlesung beginnt gleich und ich möchte nicht zu spät kommen."
Spock visualisierte den Bauplan der Akademie und zeigte dann in die entsprechende Richtung. "Das graue Gebäude dort im Nordosten, Raum B 13."
"Danke dir." Kirk lächelte ihm zu und ging dann eiligen Schrittes los. Plötzlich drehte er sich noch einmal zu dem Vulkanier um. "Du.. Spock.. wie wäre es, wenn wir uns nach der Vorlesung hier treffen und ich dir die Stadt zeige? Bestimmt weißt du eine Menge über San Francisco, aber glaub mir, ich kann dir Dinge zeigen, von denen in keinem Reiseführer etwas steht."
"Das klingt faszinierend. Ich werde hier sein und auf Sie warten, James Kirk." antwortete Spock, ohne zu zögern. Kirk freute sich sichtbar. "Gut, das wird bestimmt lustig. Und bitte, nenn mich einfach Jim." Er winkte ihm ein letztes Mal zu und rannte dann in Richtung Vorlesungsraum.
Spock sah dem Menschen noch einen Augenblick nach und machte sich dann auf den Weg zu der ihm zugeteilten Kadettenstube. Er hatte das beflügelnde Gefühl, dass dieser Tag der Beginn von etwas ganz Neuem war. Und das betraf nicht nur seine Ausbildung an der Akademie.
