Als Spock den Anruf bekam, war er gerade im Laboratorium und verfasste Dienstpläne für die kommende Woche. Es war Dr. McCoy, der mit Dringlichkeitsstufe 1 sein Terminal kontaktierte. Beunruhigt stimmte Spock der Übertragung zu und sogleich erschien ein Video auf dem Bildschirm. McCoy sah gehetzt aus und Besorgnis sprach aus seinen übermüdeten Augen.
"Spock, du solltest sofort ins Krankenhaus kommen. Jim wurde vor einer Stunde eingeliefert und es geht ihm gar nicht gut. Er hat massive Erfrierungen und liegt jetzt im künstlichen Koma. Ich bin ja eine Menge von ihm gewöhnt, aber das.. wo zur Hölle ist er nur dieses Mal gelandet?" Er stockte, Traurigkeit in den Augen. "Ich weiß nicht, ob er das überlebt, Spock."
Spock hörte nicht weiter zu, sondern rannte sofort los. Er hatte immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Aber warum jetzt, warum so früh? Jim war noch nicht einmal 50, ein halbes Menschenleben lag noch vor ihm. Hätte vor ihm gelegen, korrigierte Spock sich selbst, wenn nicht diese Krankheit wäre.. Wut und Angst durchströmten den Vulkanier und es gab kein Ventil für diese Gefühle, es gab keinen Schuldigen. Nur die Sinnlosigkeit des genetischen Schicksals.
Als Spock im Krankenhaus ankam, wartete McCoy bereits auf ihn und führte ihn bedrückt zur Intensivstation, wo sie durch eine Glasscheibe auf ein Krankenbett sehen konnten. Dort lag Kirk, bläulich-blass, beatmet, angeschlossen an zahlreiche medizinische Geräte. Sein Körper war von einer Thermodecke bedeckt, die knapp über seinen Oberschenkeln endete. Spock schluckte und sah McCoy fragend an.
Der Arzt senkte die Augen. "Wir mussten ihm die Beine amputieren, Spock. Das Gewebe war total zerstört. Das ist auch ein Grund, warum wir das Koma noch eine Weile aufrechterhalten. Wir wollen einen Schock vermeiden und ihn erst wieder ins Bewusstsein holen, wenn Bio-Prothesen für ihn geliefert worden sind. Das ist aber noch unser kleinstes Problem."
McCoy reichte Spock das Krankenblatt. Er wusste, dass der Vulkanier damit genauso viel anfangen konnte wie ein studierter Arzt. Spock sah sofort, was das Problem war "Seine Mentalwerte.. sie sehen aus wie kurz vor dem nächsten Zeitsprung."
McCoy nickte. "Genau. So einen kurzen Abstand hatten wir noch nie, soweit ich weiß. Und wenn Jim in diesem Zustand springt.." er wandte sich ab, sah angestrengt durch die Glasscheibe. "Er kann nicht einmal atmen ohne die lebenserhaltenden Geräte."
"Können wir irgendwas tun?" Spock fühlte sich so hilflos wie noch nie in seinem Leben. Selbst nicht an jenem Tag in der Wüste..
McCoy zögerte. "Hör zu, Spock. Ich wollte noch nichts davon erzählen, um euch keine Hoffnungen zu machen, die sich dann zerschlagen. Aber im Moment sehe ich keine Alternative. Seit ihr beide vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal hier ins Krankenhaus reinspaziert kamt, Kirk total zerstochen von australischen Ameisen, da habe ich angefangen, nach einer Therapie gegen das Chrono-Syndrom zu forschen."
Er strich nervös durch sein Haar und ignorierte Spocks durchdringenden Blick. "Teilweise auf eigene Kosten, teilweise habe ich etwas.. abgezweigt. Egal. Ich konnte euer Elend einfach nicht tatenlos mitansehen. Und Molekulargenetik hat mich schon immer gereizt. Wie auch immer, ich bin mittlerweile an einem Punkt, wo zumindest experimentell eine Heilung möglich erscheint. Die Ratten verschwinden nicht mehr, Spock."
McCoy sah den Vulkanier jetzt direkt an. Spock wusste nicht, was er sagen oder denken sollte. "Danke, Leonard" antwortete er schließlich und lehnte seinen Kopf an die Glasscheibe. Es gab nun eine Chance und alles in ihm wollte danach greifen. Hoffnung macht verletzlich, dachte er und wusste, dass er dennoch hoffen würde.
"Dank mir nicht zu früh, Spock. Wie gesagt, die Therapie ist nur an Tieren getestet, es gibt bisher keine Studien am Menschen, ich weiß kaum etwas über mögliche Nebenwirkungen. Andererseits, an wem sollte ich so eine Studie durchführen, wenn nicht an Jim? Wenn er nur nicht in so schlechtem Zustand wäre! Aber ich denke, wir haben keine Wahl."
Schon vor vielen Jahren hatte Kirk eine Patientenverfügung verfasst, die Spock als Vormund einsetze, wenn er selbst nicht mehr entscheiden konnte. Spock trug die Verantwortung und er war bereit dazu. Es war vielleicht das letzte, was er für Jim tun konnte. Er drängte alle Gefühle in den Hintergrund und konzentrierte sich auf diese Entscheidung. Er wog alle Aspekte bis ins kleinste Detail ab, um die beste Chance ausfindig zu machen. Etwas anderes wäre ihm nicht möglich gewesen. Schließlich sage er ruhig: "Behandle ihn, bitte".
McCoy nickte und atmete tief durch. Dann bereitete er ein Hypospray für die Transduktion vor. Es enthielt eine Lösung mit relativ harmlosen, aber sehr vermehrungsfreudigen Viren. Sie würden sich in Kirks Körper ausbreiten und dabei ein therapeutisches Gen in seine Zellen übertragen. Dieses Gen war normal aufgebaut, im Gegensatz zu seiner eigenen mutierten DNA. Nach einiger Zeit würden die gesunden Zellen in der Überzahl sein und die Symptome des Chrono-Syndroms nicht mehr auftreten. Er hoffe nur, dass sie diese Zeit noch hatten. Und dass Kirks geschwächtes Immunsystem mit den Viren fertig werden würde, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hatten.
Er ging durch die Desinfektionsschleuse und trat an Kirks Bett. Es tat ihm weh, seinen Freund und Patienten so zu sehen. Sanft drückte er das Hypospray auf ein Hautareal, das nicht blau und von der Erfrierung geschädigt war. Er sah mitfühlend zu Spock hinüber, der starr hinter der Glasscheibe stand und ihn beobachtete. Nun konnten sie nur noch hoffen.
