Es blieb nicht bei der einen Stadtbesichtigung. Kirk trat wie ein Wirbelwind in Spocks Leben. Er war jung, lebenslustig und hatte einen großen Freundeskreis. Vormittags studierte er, nachmittags betrieb er halsbrecherische Sportarten und abends machte er die Bars und Discos unsicher. Spock begleitete ihn, wann immer es seine Zeit erlaubte, gleichzeitig geschockt und fasziniert von den neuen Eindrücken. Sein Freund verhielt sich so ganz anders als der erwachsene Mann, als den er ihn kennengelernt hatte. Und doch gab es immer wieder Momente, die erahnen ließen, was ihn später ausmachen würde.
Obwohl sie so verschieden waren, legte Kirk zunehmend Wert auf die Anwesenheit seines neuen Freundes. Er hatte das Gefühl, einen ruhenden Pol in seinem Leben gefunden zu haben. Er bewunderte die Intelligenz und Würde des Vulkaniers und zog ihn zu Rate, wenn er Probleme hatte. Auch über seine Krankheit, die zu diesem Zeitpunkt noch relativ selten zuschlug, sprach er bald mit Spock, nicht ahnend, dass er ihm damit nichts neues erzählte.
Mit der Zeit kam es dazu, dass Kirk kaum noch ohne Spock anzutreffen war, was in seinem Freundeskreis auf Unverständnis stieß. Zumal der Vulkanier einen mäßigenden Einfluss auf ihn ausübte, was nicht jedem gefiel. Früher hatte Kirk gelegentlich über die Stränge geschlagen, nahm auf Partys weiche Drogen oder stürzte sich in sinnlose Prügeleien. Doch es reichte aus, dass der sonst so tolerante Spock seine Missbilligung zeigte und Kirk entschied sich, lieber auf solche Eskapaden zu verzichten.
Als sie eines Nachts von einer ihrer Kneipenrunden zu Kirks Apartment zurückkehrten - Kirk hatte gewohnheitsmäßig alle anwesenden Frauen angegraben, das ganze dann aber lustlos im Sande verlaufen lassen - blieben sie wie immer vor der Haustür stehen, um ein Fazit des Abends zu ziehen und sich neu zu verabreden.
Kirk wirkte ungewöhnlich nervös, was Spock sich nicht erklären konnte. Weder war etwas besonderes geschehen, noch stand am morgigen Tag eine Prüfung an. Ohnehin hatte sein Freund kaum Prüfungsangst. Selbst wenn er ausnahmsweise einmal etwas nicht wusste, fiel ihm mit Sicherheit eine Möglichkeit ein, den Prüfer um den Finger zu wickeln oder die ganze Prüfung ins Absurde zu verkehren.
Nachdem Kirk eine Weile nichts gesagt hatte, sondern nur nervös mit seiner Schlüsselkarte spielte, verabschiedete sich Spock, denn ihm blieben nur noch wenige Stunden, bis sein Unterricht an der Akademie begann. Zwar brauchte er momentan keinen Schlaf, aber eine Meditation zur mentalen Vorbereitung war sicher sinnvoll.
Er wollte gerade gehen, da hielt ihn Kirk am Arm fest. "Warte, Spock." Er schien sich ein Herz zu fassen und platzte damit heraus "Willst du noch mit hoch kommen?"
Spock hob erstaunt eine Augenbraue. Er war nicht mehr so unbedarft in menschlicher Kommunikation, als dass er nicht den Hintersinn dieser Floskel kennen würde. Kirk selbst war es, der ihn hierin eingeweiht und auch sonst einiges versucht hatte, den Vulkanier mit den Geheimnissen des menschlichen Paarungsverhaltens vertraut zu machen, wie er es scherzhaft nannte.
Doch Spock war auf keinen Verkupplungsversuch eingegangen, die Frauen und Männer aus Kirks Freundeskreis interessierten ihn nicht. Obwohl es einige gab, die auf seine exotische Schönheit ansprachen und nahezu um ihn warben, was ihm sehr unangenehm war. Aber wann immer er ihre Worte hörte oder ihre Gefühle durch zufällige Berührungen wahrnahm, fehlte etwas. Ein verbindendes Element, eine Übereinstimmung.
Er wusste so genau, was fehlte, weil er es bei Kirk spüren konnte. Es war, als hätte er mit diesem Mann ein gegensätzliches Puzzlestück gefunden, das genau zu ihm selbst passte. Schon kurz nach ihrem ersten Treffen in der Gegenwart war ihm das bewusst geworden und er hütete diese Erkenntnis wie einen geheimen Schatz.
Spock ahnte daher, was Kirk wollte und er wusste, dass es prinzipiell seinen eigenen Wünschen entsprach. Aspekte wie ihr gleiches Geschlecht oder ihre verschiedenen Rassen hatten für ihn keine Bedeutung, solche Bedenken waren überholt und hatten mit Logik nichts zu tun. Seinen Seelenpartner zu finden, ob Frau oder Mann, war ein grundlegendes vulkanisches Prinzip, an dem es nichts auszusetzen gab, auch nicht in den Augen der konservativsten Surak-Anhänger.
Problematisch für Spock war die Wahllosigkeit, mit der Kirk seine Zuneigung und seine Sexualität einsetzte. Nicht so sehr aus moralischen Gründen, auch wenn seine eigene Kultur ihm andere Regeln vorgab. Aber als Vulkanier konnte und wollte er sich nur an eine Person binden, mit Haut und Haaren, mit Körper und Geist. Denjenigen dann zu verlieren, wäre ein überaus schmerzhafter Prozess und die Wahrscheinlichkeit dafür war bei Kirk sehr hoch.
All diese logischen Überlegungen änderten aber nichts daran, dass die Frage Kirks ihn emotional erschütterte. Die Vorstellung, sich mit diesem Mann zu vereinen, ließ Urinstinkte in ihm wach werden. Er kämpfte mit Visionen, wie er Kirk an die Hauswand drückte und ihn einfach nahm, hier und jetzt. Zwar war Spock noch nie im Pon Farr gewesen und es würde auch noch Zeit vergehen, bis er alt genug dafür war, aber einen Vorgeschmack darauf konnte er bereits fühlen, wenn die Lust in ihm hochschwappte. Mit Macht verdrängte er seine Erregung hinter einer Maske der Gleichgültigkeit.
Kirk bemerkte, wie Spocks Gesicht versteinerte und seufzte. "Vergiss es. Ich weiß, das war eine ganz dumme Idee. Ich meine, ihr Vulkanier gebt euch sicher nicht mit solchen banalen Gefühlsgeschichten ab." Er lächelte unsicher.
"Gefühlsgeschichten?" fragte Spock mit rauer Stimme.
"Du willst es genau wissen, was?" Kirk strich eine vorwitzige Haarsträhne aus seinem Gesicht. Spock hätte ihm so gern dabei geholfen, doch etwas hielt ihn weiter zurück.
"Ok, ich habe so etwas noch nie gesagt oder doch schon gesagt, aber nicht ehrlich gemeint." Er errötete. "Ich bin verliebt in dich, Spock, schon seit einiger Zeit. Ich habe versucht, mich davon abzulenken, wirklich, aber es funktioniert einfach nicht. Ich weiß, wir sind Freunde, aber das reicht mir nicht mehr. Ich möchte mit dir zusammen sein und zwar nur mit dir. Du kannst das wahrscheinlich nicht verstehen und ich werde dich in Zukunft nicht mehr damit belästigen, aber ich wollte es einfach mal sagen.."
Spock hörte nicht mehr zu. Seine Entscheidung war getroffen und tiefe Ruhe erfüllte ihn plötzlich. Er nahm einfach nur Kirks Hand und zog die Schlüsselkarte daraus hervor. "Wollen wir jetzt endlich hochgehen?" fragte er trocken.
Kirk sah ihn mit offenem Mund an, der zum Küssen wie geschaffen war. Und genau das taten sie dann auch.
