Es waren einige Stunden vergangen, seit McCoy die Gentherapie eingeleitete hatte. Spock stand immer noch reglos an der gleichen Stelle und beobachtete die medizinischen Geräte. So entging es ihm nicht, als Kirks Gehirnströme anfingen, sich langsam zu normalisieren.

Auch McCoy hatte die Veränderung natürlich bemerkt und trat neben ihn. Er erlaubte es sich noch nicht, Erleichterung zu zeigen, aber legte Spock vorsichtig eine Hand auf die verkrampfte Schulter und sagte "Scheint so, als wenn Jim die Lust am Zeitreisen vergangen wäre."

Spock ließ die Berührung geschehen. Er spürte in dem Arzt Zuneigung für Kirk und Trost für sich selbst. Etwas, das er heute ausnahmsweise annehmen konnte, ja sogar brauchte. Er wusste, dass es noch lange nicht überstanden war. "Aber seine Entzündungswerte sind sehr hoch."

McCoy nickte. "Ja, das müssen wir im Auge behalten. Er ist von den Erfrierungen so geschwächt, dass der Virus ihm sehr zusetzt. Ein gesunder Mensch hätte damit keine Probleme, aber Jim stand kurz vor dem Tod, als er hier eingeliefert wurde."

Spock sagte nichts mehr und ließ sich auch nicht dazu überreden, mit in die Cafeteria zu kommen oder sich etwas hinzulegen. Er blieb weiterhin auf der Intensivstation und behielt die Geräte im Auge. Es war, als wollte er sie zwingen, das anzuzeigen, was er sich wünschte. Doch gegen Abend stiegen die Entzündungswerte weiter an und Kirk fing an zu fiebern. Sein gequälter Körper wehrte sich mit letzter Kraft gegen die Erreger, die in ihm wüteten.

In der Nacht schließlich setzte erstmals Kirks Herzschlag aus. Spock schrie auf und rannte durch die isolierende Schleuse an das Krankenbett. Er begann sofort mit einer Herzdruckmassage. Tränen liefen dabei über sein Gesicht, ohne dass er es überhaupt wahrnahm. Unter seinen Händen spürte er noch einen Hauch von Kirks Wesen. Er schien so müde, unendlich müde. In diesem Moment wusste Spock, dass er seinen Geliebten nicht mehr retten können würde. Während der herbeigeeilte McCoy die Wiederbelebung übernahm und weitere Ärzte in den Raum stürzten, taumelte er hinaus und kauerte sich in eine Ecke des Warteraums.

Zwanzig Minuten später verließ McCoy den Raum, in dem Kirk lag, nun bedeckt von einem weißen Laken. Der Arzt sah müde aus und um Jahre gealtert. Erschüttert blickte er zu Spock, der in völliger Lethargie am Boden saß und nichts wahrzunehmen schien. Er trat zu ihm. "Es tut mir leid, Spock.. wir konnten nichts mehr für Jim tun." Der Vulkanier reagierte in keinster Weise, er sah weiterhin starr vor sich hin und bewegte keinen Muskel.

McCoy kauerte sich neben Spock und versuchte erfolglos, ihn anzusprechen. Er begann sich langsam ernsthafte Sorgen um ihn zu machen. Er wusste, dass Vulkanier in eine mentale Starre fallen oder auch nur mit Willenskraft ihr Leben beenden konnten. Allerdings fehlte es ihm an Erfahrung, die Situation genauer einzuschätzen und er war selbst kaum noch fähig, sich auf den Beinen zu halten. Schließlich trug er Spock zusammen mit zwei Pflegern in einen angrenzenden Ruheraum, wo sie ihn stabil lagerten und eine Beobachtungssonde an ihm befestigten, die einen Alarm auslösen würde, wenn sich seine Werte gravierend verschlechterten.

'Mehr kann ich jetzt nicht für dich tun' dachte McCoy. Gleichzeitig überschwemmte ihn ein überwältigendes Schuldgefühl. Hätte er die Gentherapie doch nur schneller entwickelt, bevor Jim diesen schrecklichen Unfall hatte. Hätte er ihn nur nicht damit behandelt, vielleicht wäre der Zeitsprung gar nicht eingetreten und er wäre noch am Leben. Normalerweise haderte McCoy nicht mit seinen Entscheidungen, er wusste, er tat, was er konnte. Aber dies hier war eine Katastrophe, auch für ihn persönlich. Kirk war sein Freund und was immer auch ihn und Spock verband, es war einzigartig.

Trotz der Sonde wollte und konnte er Spock jetzt nicht allein lassen und so legte er sich auf eine benachbarte Liege und fiel sofort in einen unruhigen Schlaf.

***

Als McCoy fünf Stunden später erwachte, hatte Spock weder seine Haltung verändert, noch geschlafen. Seine Augen starrten weiterhin blicklos an die Wand, sein Körper war steif und der Herzschlag hatte sich verlangsamt.

Besorgt wollte McCoy gerade stimulierende Medikamente holen, als eine Frau den Ruheraum betrat. Sie war Vulkanierin und in einem schwer bestimmbaren Alter. "Es tut mir leid, dieser Raum ist gerade besetzt" erklärte ihr McCoy und wollte sie hinausgeleiten. Doch die Frau nahm sanft aber bestimmt seine Hand von ihrem Arm. "Ich bin gekommen, um nach Spock zu sehen, Doktor" sagte sie ruhig.

"Wer sind Sie?" fragte McCoy verwirrt. Er wusste nichts von einer Frau in Spocks Leben. Seine Mutter war vor einigen Jahren verstorben, außerdem war sie seines Wissens ein Mensch.

"Ich bin T'Zren, seine Bindungspartnerin." Mit diesen Worten, die McCoy nicht viel weiterhalfen, setzte sie sich neben Spock und berührte vorsichtig sein Gesicht. McCoy überlegte, ob er lieber eingreifen sollte, aber er hatte die wage Hoffnung, dass die Vulkanierin Spock eher helfen konnte, als er selbst. Zumindest, wenn das in ihrer Absicht lag.

Kurz darauf zog T'Zren ihre Hand wieder von Spock zurück. Ihr Gesicht wirkte jetzt eingefallen und traurig. "Jim ist tot, nicht wahr?" McCoy nickte wortlos. Er konnte nichts dazu sagen, er konnte es nicht aussprechen.

T'Zren wirkte erschüttert, sie sammelte sich nur mühsam. "Vielleicht können wir Spock noch retten. Ich spüre eine Hoffnung in ihm, sehr tief verborgen. Ohne sie wäre er Jim schon gefolgt."

"Was meinen Sie damit? Was für eine Hoffnung?" McCoy wusste immer noch nicht, was er von der ganzen Situation halten sollte.

"Ich weiß es nicht genau." antworte T'Zren unsicher. "Er hat die Vorstellung, dass Jim wiederkommt und.. ein Feuerwerk explodiert? Es ist nur ein einzelnes mentales Bild und schwer zu deuten."

McCoy dachte fieberhaft nach. Ein Feuerwerk? Eine Erinnerung kam in ihm hoch, eine Geschichte, die Kirk einmal lachend erzählt hatte, als sie sich abends in einem Restaurant getroffen hatten. Sein Lachen war immer überwältigend gewesen, ging es McCoy schmerzhaft durch den Kopf. "Ich erinnere mich daran, wie Jim einmal erzählt hat, dass er als kleiner Junge Spock in der Zukunft besucht hat und das geschah an einem Silvesterabend. Vielleicht weiß Spock davon und bezieht sich darauf?".

T'Zren nickte zustimmend. "Das könnte sein. Wenn dieses Ereignis noch aussteht, könnte Spock den Wunsch haben, Jim dabei noch einmal zu sehen und das hält ihn im Leben.".

Plötzlich kam McCoy eine Idee. Eine wahnwitzige Idee, und doch so naheliegend. Er zögerte, denn er hatte schon einmal versagt. Doch was hatten sie zu verlieren?

***

Nachdem McCoy der Vulkanierin seine Überlegungen erläuterte hatte, begab sie sich erneut in Spocks Geist. Mit Einsatz all der Fähigkeiten, die sie sich in ihrem langen Leben als Heilerin angeeignet hatte, gelang es ihr schließlich, seine Lethargie zu durchdringen und ihm McCoys Vorhaben zu visualisieren. Sie wagte kaum zu atmen, als sie ein langsames Tasten in ihm spürte, einen leisen Wunsch zurückzukehren. Er kämpfte gegen andere Gedankenströme an, die sich einfach nur in den Sog fallen lassen wollten, den Jims Tod bewirkt hatte. Schließlich setzte die Hoffnung sich durch und Spocks Augen belebten sich, zeigten wieder ein Bewusstsein. Der Vulkanier erhob sich mühsam von der Liege.

"Spock, Gott sei Dank!" McCoy wollte ihn impulsiv umarmen, hielt sich dann aber zurück. Er wusste, dass Berührungen für den Vulkanier belastend waren, besonders wenn man dabei so aufgewühlt war, wie er selbst im Moment.

Spock fiel es noch schwer zu sprechen. Sein ganzer Körper war ein einziger Schmerz, zweifellos psychisch verursacht, was es nicht besser machte. Ihm fehlte die Kraft, dagegen anzugehen. Vielleicht konnte ihm T'Zren später dabei helfen, aber erst hatte er etwas mit dem Arzt zu besprechen.

"Erläutere mir deinen.. Plan, Leonard. Bitte." brachte er mühsam hervor.

"Nun, es ist eigentlich kein Plan, eher ein Vorschlag." antwortete McCoy nervös. "Er hat einige Nachteile und ich weiß nicht, ob wir diesen Weg gehen sollten."

Spock nickte nur ungeduldig. "Schon gut, wir werden die Optionen abwägen und dann eine Entscheidung treffen."

'Das haben wir schon einmal getan, aber es war die falsche' dachte der Arzt, doch er sprach es nicht aus. Spock wusste das genauso wie er selbst. Eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es etwas funktionierte, bedeutete nun einmal nicht, dass es das letztlich auch wirklich tat. Sie hatten keine vollständige Kontrolle über das Leben, es gab immer den Faktor 'Schicksal' oder wie man es nennen wollte.

Laut antwortete er "Wenn Jim auftaucht, vermutlich als kleines Kind, könnten wir an ihm die Gen-Therapie anwenden. Prinzipiell hat sie ja funktioniert." Er schluckte. "Nur, dass Jim zu geschwächt war, um mit den Übertragungsviren fertig zu werden. Ein gesunder Mensch sollte das problemlos schaffen, auch ein Kind. Die Frage ist nur, was wir damit auslösen."

"Wir lösen damit aus, dass Jim von dem Chrono-Syndrom geheilt wird und zwar von Kindheit an." sagte Spock ruhig. Er klang, als hätte er sich längst entschieden.

"Wahrscheinlich." bestätigte McCoy. "Aber es bedeutet auch, dass sich sein ganzes Leben ändern würde. Und nicht nur seins." Er blickte Spock ernst an. "Es könnte beispielsweise sein, dass ihr beide euch nie kennenlernt. Mit all den Konsequenzen, die sich daraus ergeben."

Spock schloss die Augen und konnte ein Seufzen nicht unterdrücken. "Ich weiß, Leonard. Aber es ist ein Preis, den ich zahlen würde, wenn Jim dafür ein normales Leben führen kann. Er hätte endlich eine WAHL." Ein alter Schmerz sprach aus seiner Stimme, den McCoy nicht verstand. "Was meinst du damit, Spock?"

"Ich meine, dass Jim durch die Krankheit nie das tun konnte, was seinem Wesen entsprach. Er konnte seinem Vater nicht in den Weltraum folgen. Er konnte keine Familie gründen, weil er Angst hatte, das Chrono-Syndrom würde sich auf die Kinder übertragen. Seine Krankheit ließ ihm nur eine Wahl und die war ich. Immer wieder führte sie ihn zu mir und es blieb ihm kaum etwas anderes übrig, als sich an mich zu binden."

McCoy starrte ihn erschüttert an. "Glaubst du das wirklich?! Eure Liebe als Krankheitssymptom? Spock, was für ein grenzenloser Unsinn! Ich kenne.. kannte.. Jim sehr gut und du bedeutest ihm ALLES. Ganz sicher würde er dich nicht für eine Familie oder ein Raumschiff eintauschen."

Spock ignorierte seinen Einwand. "Ich möchte, dass Jim diese Wahl bekommt und du ihn therapierst. Wir wissen nicht genau, in welchem Jahr seine Zeitreise stattfindet - das wusste er selbst nicht - aber wir sollten bereit sein."

McCoy stimmte fast widerwillig zu. Die Entscheidung erschien ihm richtig, aber Spocks Beweggründe nicht. Doch letztlich ging es hier vor allem um Jims Wohl.

"In der Zwischenzeit werde ich weiter an der Gen-Therapie arbeiten." antwortete er. "Möglicherweise lassen sich die Nebenwirkungen reduzieren."

Spock dankte McCoy und T'Zren und verabschiedete sich von ihnen. Eine Zeit des Wartens würde beginnen, aber er konnte Jim wiedersehen und ihm helfen. Das allein zählte.