Tom Vorlost Riddle ist sieben Jahre alt.

Tom Riddle lehnte mit dem Rücken gegen einen Baumstamm und betrachtete fasziniert das sich schlängelnde Reptil vor ihm.

»Starr nicht, Menschenkind«, zischte die Schlange mit der dunkelgrünen Haut und bewegte sich auf sein linkes Bein zu.

Der dünne Junge mit den schwarzen Locken zuckte nicht einmal mit der Wimper.

Schlangen hatten schon sein ganzes Leben lang mit ihm gesprochen.

Er fand ihre zischelnden Laute sogar angenehmer als die Stimmen der anderen Kinder, die mit ihm im Waisenhaus lebten.

Die waren immer viel zu laut und mussten dauernd herum Schreien.

»Hast du was zu fressen gefunden«, fragte Tom interessiert.

Als er die Schlange das letzte Mal gesehen hatte (Vorgestern Abend), war sie gerade auf Beutejagd gewesen.

Er hatte ihr empfohlen sich Billy Stubbs fettes Kaninchen zu schnappen, aber da das Tier noch immer unversehrt war, hatte sie seinen Rat wohl nicht befolgt.

Schade.

Die Schlange antwortete ihm nicht, aber so war sie meistens.

Vielleicht fand sie es ja seltsam sich mit einem Menschen zu unterhalten, dachte er, wo die meisten Leute doch immer nur schreiend vor ihr weg rannten.

Wahrscheinlich mochte sie es sogar, dass die anderen Angst vor ihr hatten und es störte sie, dass Tom überhaupt keine Angst vor ihr hatte.

Er selbst könnte das zumindest gut verstehen.

„Seht mal, da sitzt der kleine Freak", rief jemand hinter ihm.

Tom wandte sich nicht um, auch wenn die Stimme ihn wütend machte.

Er war kein Freak!

Es waren die anderen, die nicht normal waren.

„Komm schon, Tom", rief jetzt eine andere Stimme. „Zeig uns was du kannst, Tom."

Diese Stimme erkannte Tom sofort.

Es war Billy Stubbs, der ihn so oft er konnte bei seinem Langweilernamen rief, nur weil Billy wusste, wie sehr er seinen Namen hasste.

Als wäre Billy ein besserer Name, dachte Tom höhnisch.

„Der Feigling! Der traut sich ja nicht mal uns anzugucken", rief ein anderer Junge, namens Eric Whalley, lachend, der dauernd kränklich aussah.

Genervt blickte er auf und funkelte die vier Jungen, die sich vor ihm aufgebaut hatten an.

Eric war in seiner Klasse, also genauso alt wie er und Billy war nur ein Jahr älter als er, aber die beiden anderen, Jason Prank und Pete Galagan waren schon elf und demnach viel größer und stärker als Tom selbst.

„Was wollt ihr", fragte er in der gelangweilsten Tonlage die er aufbringen konnte.

Nur zu gerne hätte er ihnen gezeigt, was er wirklich konnte, aber da sie zu viert waren und er ganz alleine war das vielleicht keine so gute Idee.

Mindestens einer von ihnen würde garantiert zu Mrs. Cole rennen und ihn verpetzen, und das sollte er nun wirklich vermeiden.

Erst letzten Monat hatte sie ihm damit gedroht einen „besonderen Doktor" für ihn zu holen.

Tom war nicht blöd.

Er wusste genau, dass sie damit einen Psychoarzt meinte.

Einen der ihn wegsperren konnte.

„Du bist ein kleiner Freak, Riddle", schnarrte Jason und spuckte ihm direkt vor die Füße.

Zornig sprang er auf.

„Uh sieh nur, er wird böse", witzelte Eric.

„Na, was willst du schon machen, Freak", verlangte Pete höhnisch zu wissen.

Alle drei sahen ihn herausfordernd an, aber es war Billy der vor trat und ihm einen Schubs gab.

Tom stolperte nach hinten, gegen den Baum.

„Ich hab dich genau gesehen", rief Billy. „Du hast wieder mit Schlangen gesprochen, du Freak."

„Wahrscheinlich sind das die einzigen Viecher die ihm zuhören", meinte Pete und grinste blöd.

Dem würde das Grinsen schon noch vergehen, dachte Tom.

Sein Blick fiel auf den Boden, an dem sich noch immer die dunkelgrüne Schlange bewegte.

»Beiß Pete«, wisperte er, ohne sich bewusst zu sein das er jetzt seltsame Zischlaute von sich gab.

Die Jungen sahen sich zuerst überrascht an, dann fingen sie an ihn auszulachen.

„Das ist also deine Schlangensprache, ja", fragte Jason und tat so als ob er es ernst meinen würde. „Umarmt sie dich nachts im Schlaf, damit du nicht so alleine bist, ja? Und bringt sie dir was zu essen? Ausgekotztes? Mein Gott, was für ein Mummy Ersatz."

Da stieß Pete einen Mark erschütternden Schrei aus.

Billy, Eric und Jason wandten sich ihm entsetzt zu und beobachteten Pete der hysterisch von einem Bein aufs andere Sprang und dabei versuchte die Schlange abzuschütteln, deren Zähne sich tief in seinen Knöchel versenkt hatten.

„Was hast du gemacht", rief Billy erschrocken aus.

Ah, jetzt glaubten sie also doch, dass er mit Schlangen sprechen konnte, dachte Tom befriedigt.

„Helft mir doch, helft mir doch", schluchzte Pete verzweifelt, denn die Schlange wollte einfach nicht locker lassen.

Tom grinste hinterhältig.

Jason, der sein Grinsen gesehen hatte, schauderte.

„Halt still, Pete", knurrte er. „Eric lauf los und hol Mrs. Cole."

Dankbar dafür von dem schreiendem Pete und dem fies grinsenden Tom fort zu kommen (und natürlich von der Schlange) wirbelte Eric herum und rannte so schnell er konnte den Hügel hinauf.

„Mach das es aufhört", forderte Jason Tom auf, doch dieser blickte ihn nur starr an.

Jason wandte sich wieder Pete zu, dessen Gesicht mittlerweile kalkweiß war.

„Halt still, sonst kann ich dir nicht helfen", wiederholte er.

Pete schien ihn jedoch überhaupt nicht zu hören, irgendwie schien er eher wie in Trance zu sein.

„Ich glaub, er wird gleich ohnmächtig", meinte Billy erschrocken.

»Genug«, murmelte Tom schließlich, als er nach einigen kostbaren Minuten Mrs. Cole den Hügel hinab hetzen sah. In ihrer Begleitung einige der älteren Waisenhausjungen.

Die Schlange ließ endlich von Pete ab und verschwand in Sekundenschnelle vom Schauplatz des Geschehens.

Pete sackte in sich zusammen und Jason konnte ihn gerade noch auffangen und auf die Wiese legen.

„Was ist hier passiert", rief Mrs. Cole keuchend sobald sie in Hörweite war.

Tom warf einen Blick zu den Jungen, um abzuschätzen ob einer von ihnen ihn verraten würde.

Eric schien jedenfalls nicht erklärt zu haben, was hier vor sich ging und Pete sah viel zu erschöpft aus um irgendetwas zu sagen.

Nach einer genauen Betrachtung war er sich sicher, dass auch Jason den Mund halten würde.

So war es doch immer.

Dein Geheimnis gegen meins.

Er würde nicht verraten, dass die anderen ihn geärgert hatten und sie würden nicht sagen, dass er sich seltsam benommen hatte.

Und überhaupt, wer hätte ihnen schon geglaubt, dass eine Schlange auf Tom Riddles Befehl hörte?

Sein Blick wanderte zu Billy, der den seinen trotzig erwiderte.

„Es war Tom, Mrs. Cole. Er hat diese Schlange auf Pete los gelassen."

Mrs. Cole wandte sich an Tom und sie nickte.

Sie würde ihn nicht einmal fragen, ob das stimmte. Das war ihm klar.

Niemand fragte ihn jemals nach seiner Sicht.

Für sie war er ja sowieso das „sonderbare Kerlchen" oder „der Freak".

Tom funkelte den achtjährigen an.

Das würde Billy ihm büßen.

Am nächsten Morgen saß Tom auf seinem Bett, die Knie eng aneinander gedrückt und den Rücken gerade gestreckt als Mrs. Cole in sein Zimmer trat.

„Tom", sagte sie scharf, „hast du etwas mit dem Verschwinden von Billys Kaninchen zu tun?"

Mit seinen unschuldigen, dunklen Augen blickte der Siebenjährige zu der Heimleiterin auf und antwortete: „Billys Kaninchen ist verschwunden? Vielleicht ist es ja weggelaufen, Mrs. Cole."

Mrs. Cole runzelte die Stirn.

„Nein, dass ist es nicht. Es ist…", sie zögerte und betrachtete ihn eine Sekunde, dann änderte sie abrupt ihre Meinung. „Schon gut, Tom. Ich werde die anderen Kinder fragen."

Ein Grinsen breitete sich über sein Gesicht aus, als sie ihm den Rücken zudrehte.

Das war wirklich zu einfach gewesen, dachte er bei sich.